Dirk Röse Logo

Theodizee

Leid zwischen Sinn und Unsinn

»Warum lässt Gott all das Böse zu?« Angesichts des unermesslichen Leids in dieser Welt wird Gott hinterfragt, angeklagt, abgelehnt, geleugnet. Die Frage nach seinem Anteil am Schlechten in der Welt ist nachvollziehbar. Berechtigt ist sie erst dann, wenn auch die Gegenfrage mitgedacht wird: »Warum lässt Gott all das Gute zu?«

Es kann nicht sein, dass wir Gott willkürlich für die eine Seite verantwortlich machen und für die andere nicht. Zumindest ist mir kein stichhaltiges Argument bekannt, warum er ausgerechnet für das Schlechte in der Welt zuständig sein sollte. Es sei denn, Gott wird als unzuverlässiger Dienstleister für paradiesische Zustände verstanden. Doch selbst dann gebührt ihm Dank, wenn er seinen Job mal ordentlich gemacht hat und etwas Erfreuliches geschieht.

Die Frage hinter der Frage ist: Wie stark ist Gott in die Ereignisse dieser Welt verwickelt? Ist er es, dem man etwas Schönes zu verdanken hat? Ist er es, der jemandem etwas Böses antut? Handelt Gott also in dieser Welt? Oder ist er eher der passive Typ, der die Dinge geschehen lässt? Dann lässt er das Böse tatsächlich zu und dann lässt er auch das Gute lediglich zu, ohne daran beteiligt zu sein. Merkwürdigerweise sind viele Menschen an diesem Punkt plötzlich geneigt, Gott als aktiv Handelnden zu verstehen und ihn als jemanden zu denken, der Gutes tut.

Damit könnte die ursprüngliche Frage nun lauten: »Wie kann Gott, dem wir Gutes zutrauen, trotzdem das Böse zulassen?« Aus der Anklage wird eine Verständnisfrage. Wir verstehen Gott hier nicht.

Moralische Ladehemmung

Doch unabhängig davon, ob wir Gott etwas Gutes zutrauen oder nicht, müssen wir uns angesichts der Zustände in dieser Welt wohl eingestehen, dass Gott den Dingen weitestgehend ihren Lauf lässt und höchstens punktuell eingreift. Er lässt das Böse tatsächlich geschehen. Er lässt auch das Gute geschehen.

Mindestens die Hälfte des Leides in dieser Welt ist menschengemacht und der Prozentsatz steigt. Für Erdbeben und Vulkanausbrüche kann der Mensch nichts, sie sind Teil der Schöpfung Gottes und damit Teil seiner Verantwortung. Früher war der Mensch auch nicht für Überschwemmungen und Dürren verantwortlich, doch heute geht schon ein Teil der Umweltkatastrophen auf den Klimawandel zurück, den sich der Mensch zuschreiben muss. Vor allem aber leiden die Menschen unter sich selbst, leiden unter dem Elend, das sie sich gegenseitig oder selbst zufügen. Krieg, Misshandlung in jeder Form, Ungerechtigkeit jeder Art, verletzte Gefühle und viele Krankheiten verursacht nicht Gott. Die Verantwortung hierfür liegt beim Menschen. Der Mensch müsste sich selbst anklagen, nicht Gott. Und trotzdem bleibt unverständlich, warum Gott es zulässt, dass wir uns das Leben zur Hölle machen.

Was wäre die Alternative? Wie sehr soll Gott in die Ereignisse dieser Welt eingreifen? Wollen wir das wirklich? Und wo fängt das an und wo hört es auf? Soll er die Kontinentalplatten mit einem Weichmacher behandeln, damit es kein Seebeben gibt, das einen tödlichen Tsunami auslöst? Soll er uns die Stimme verschlagen, wenn wir etwas Verletzendes sagen wollen? Sollen der Penis erschlaffen und die Vagina vertrocknen, wenn zwei Liebende drauf und dran sind, ihre offiziellen Partner zu betrügen? Soll das Gewehr eine Ladehemmung haben, wenn ein russischer Soldat einen ukrainischen Zivilisten erschießen will? Soll das Feuerzeug versagen, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet? Sollen millionenschwere Geldbeträge wie durch Zauberhand zur Welthungerhilfe umgeleitet werden, statt bei einem überbezahlten Fußballspieler zu landen?

Vielleicht lautet die Antwort auf all diese Fragen sogar »Ja«. Ja, vielleicht wäre es besser gewesen, einen Menschen zu erschaffen, der unfähig zum Bösen ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Welt zu erschaffen, die ohne Seuchen, Krebs, Altersschwäche, Vulkane, Erdbeben, Dürren und Fluten funktioniert.

Die monotheistischen Religionen haben solch paradiesische Zustände auf die himmlische Ewigkeit vertagt. Und keinem Menschen ist es bisher gelungen, vorab einen Himmel auf Erden zu schaffen. Offenbar ist dieser zweifelhafte Umweg durch eine unvollkommene, leidvolle Welt unumgänglich. »Augen zu und durch, geht ja nicht anders, aber auf der anderen Seite soll es ja besser werden.«


Leid ist unsinnig

Doch damit kann sich der Mensch offenbar nur schwerlich abfinden. Nicht umsonst haben sich viele eine Antwort auf die Frage nach dem Leid zurechtgelegt:

  • »Es ist unsere Verantwortung, nicht Gottes, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.« Ja, das stimmt, und der Dank gebührt all jenen, die sich unermüdlich dafür einsetzen. Doch das Leid lindern sie nur teilweise, der Schmerz bleibt trotzdem in der Welt.
  • »Lass dich nicht aufs Jenseits vertrösten, lebe heute, lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.« Yep, das sehen die Menschen in der Sahel-Zone genauso.
  • »Gott schickt uns das Leid, um uns zu prüfen und damit wir daran wachsen. Er auferlegt uns nicht mehr, als wir tragen können.« Es stimmt, dass Leid eine Prüfung ist und dass man daran reifen kann. Es stimmt aber auch, dass Menschen am Leid zerbrechen und sich nicht wieder davon erholen.
  • »Dies ist die beste aller möglichen Welten, die Gott hätte erschaffen können.« Das stimmt leider nicht, denn wenn es einen paradiesischen Himmel gibt, dann ist er die beste aller Welten (sorry Clive Staples).


Welche Antwort auch immer auf die Frage nach dem Leid gegeben wird, sie zielt darauf, dem Schmerz einen Sinn abzuringen. Das Leid soll überwunden oder zumindest gelindert werden, indem eine Bedeutung hinter ihm angenommen wird. Der Mensch will sich damit trösten, dass der ganze Mist am Ende für etwas gut ist.

Gott ist in diesem Kontext das Symbol für das höchste, letzte und unverrückbare Sinnangebot. Wer, wenn nicht er, verfügt über den Sinn des Schmerzes. Doch wenn sich dann herausstellt, dass alle Sinnangebote das Leid nicht deutlich lindern und Gott ärgerlich schweigsam bleibt, dann liegt die Frage nahe, warum zum Teufel er den Schmerz denn nun zulässt. Und darüber zerbrechen sich die Gelehrten seit Jahrtausenden vergeblich den Kopf, ohne eine Antwort zu finden, gegen die sich nichts mehr einwenden lässt und die alle Betroffenen ein bisschen glücklicher macht. Selbst der am Kreuz leidende Jesus verstand die Welt nicht mehr und klagte darüber, dass Gott ihn verlassen hat.

Womöglich ist die Frage schon der eigentliche Fehler. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Leiden überhaupt keinen Sinn ergibt. Die Sinnlosigkeit ist ein ureigenster Charakterzug des Leides. Das Leid kann wie der Sturz in ein bodenloses Loch sein, in dem niemand auf rosarote Sinnwölkchen gebettet wird, um den Fall zu bremsen. Es ist die Sinnlosigkeit, die das Leid zu einem furchtbaren, aber in sich schlüssigen Konzept macht. Leid ist ebenso vorfindlicher Bestandteil dieser Welt wie das Gute. Das willkürlich verteilte Gute lässt sich nicht erklären, warum also sollte sich das ungerecht verteilte Schlechte erklären lassen und eine nachvollziehbar sinnstiftende Antwort geben.

Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand bewusst Leid auf sich nimmt, weil dadurch an anderer Stelle etwas besser wird oder am Ende der Durststrecke etwas Erstrebenswertes wartet. In solchen Fällen kann Leid durchaus als etwas Sinnvolles erlebt werden. Das Leid hat dann einen klaren, individuellen Deutungsrahmen und gibt die Möglichkeit einer Entscheidung dafür oder dagegen.

Doch auf die umfassendere Frage nach dem ungefragt erlittenen Leid und warum Gott es zulässt, gibt es keine befriedigende Antwort. Die Welt folgt ihren eigenen Regeln und bringt Gutes und Schlechtes hervor, ohne Sinn und Verstand. Womöglich ist die einzig angemessene Reaktion darauf eine innige Bitte: »Mach ein Ende mit dieser Welt, lieber Gott, und schaff uns eine bessere.«