Dirk Röse Grafik

Buchstabe.

Gedanken, Miniaturen, Geschichten, Publikationen.

Flüchtiges. Verungewissertes. Unvollendetes. 

Der Schatz des Augenblicks. Komprimiertes Leben. Rudimentiertes Epos.
Bruchstücke. Kunststücke. Frühstücke. Festgehalten, bevor es zerrinnt. 

frag·lich·t·e·mo·mente

k·am·leben·s·k·lang

et·was·ist·was·bleibt·nicht

kind·s·kopf·gesc·heit·er·keit

er·wach·sen·oder·traum

glück·lich·im·ver·unglück·en

lieb·te·es·dich·toll·wut

ex·ko·itu·meta·s·tase

pech·ha·haar·und·schwefel·strähne
kom·muni·ka·tion

alt·ers·grau·e·f·v·err·l·ecken

sterben·aus·v·arsen

unter·welt·brot·auf·m·strich·en

frag·lich·t·e·mo·mente

l·eben!


trotz·dem·prima

der pflegenotstand

ist kein problem

es liegt sich prima

trotz all ödem


hoppla

keine zukunft

eine gegenwart

nichts passt

alles passt

winkt freundlich das leben

ungeahntes glück


schicksal

aus heiterem nacht himmel
ein morgen grauen
mehr sonnen schein
als sonne sein

fern·weh

knie fall auf knall

es brand wunde

ruck zuckt bein

zerr das fetzt

bruder bluts du

schwester heer zersetzt

kind ende zweit

vater vereins dammt

mutter weinet sehr

stille toten

friede in ruh

da nach richten

 

*switch*

 

hier auf richten

bleibe weh fern

lebe mein kind


ent·liebt

verlassen zu werden
als wärest du gestorben
weil ich nicht genüge
und kein grab


nein

ich sage ja

du sagst nein

nein ist stärker

 

ja kann gut kann schlecht

nein kann gut kann schlecht

nein ist stärker

 

gewalt macht geld

hierarchie demokratie kompromiss

wege zum ja

 

auf augenhöhe

bleibt nein stärker

gestrandete·seelen

zwei gestrandete seelen

stürme des lebens

 

zwei gestrandete seelen

einander zugeworfen

 

zwei gestrandete seelen

fremde bekannte welt

 

zwei gestrandete seelen

eins nicht am


ge·strand·et


ab·hängen

jesus hängt

seinen job

an den nagel


nebel

konturen im nebel 

kurskorrektur 

segel setzen 


idusse

kaktus. kakteen.
krokus. krokusse.
kaktusse. krokeen.
idusse.


heute

gestern 
war heute noch morgen

morgen 
ist heute schon gestern

zwischen 
gestern und morgen 
sei ein heute

eis·kr·ist·alle

keine geschlossene fläche 

geschweige denn 

tragende decke 

kein eis 

 

nur hier und da noch 

einzelne kristalle 

treibende anker 

für sorge 

 

der klimawandel des lebens 

schleichend und gründlich 

wasser atmen 

kein halt


ging

und als sie
gegangen war
verschwand auch er
aus seinem leben


antwort

deine zeilen verschwimmen

papier und augen blinzeln

ich sehe dich

ich sehe

dich


un·will·voll·kommen

liebe

ist der willkommene

kompromiss

mit der unvollkommenheit

 

hass

ist die vollkommene

kompromisslosigkeit

mit dem unwillkommenen

bedeutung

nichts im leben, nichts in dieser welt, nichts im universum ist aus sich von bedeutung. alles unterliegt zeit und raum, materie und instinkt, den gesetzen der natur.

 

bedeutung wird gegeben, empfangen. bedeutung überwindet das selbst, gibt sich hin. bedeutung beseelt, wer und was ist. 

 

bedeutung fordert, schmerzt. bedeutung wird gewährt und wieder genommen, bleibt einseitig. unterscheiden hindert leid, wer und was, wem etwas bedeutet.

 

bedeutung ist groß, sie umfängt. vergewisserung ist gut, wem diese welt etwas bedeutet, wissen tut gut, für wen das universum von bedeutung ist.

dann

wenn das glashaus tiefe risse trägt und steine liebste gäste waren

wenn der bruch längst schon geschehen und scherben nicht mehr fügen

wenn sinn nurmehr vergangen ist und gegenwart das nichts nicht überwindet

wenn fiese schnitte hände füße tragen und zuversicht ein trüber splitter traumlos bleibt

wenn leben einfach dämmern darf und gutes schönes ganzes nicht mehr lockt

wenn hoffnung doch als erstes stirbt und all das nicht mehr gut zu werden weiß

Dirk Röse Grafik

Welten. Schicksale. Abenteuer. Irrwitz.

Der Inhalt folgt der Idee. Steht das Innere im Vordergrund, bleibt das Äußere zurückhaltend. Geht es um die Handlung, kommt der Effekt. Das Genre bildet die weite Welt der Möglichkeiten.  Im Mittelpunkt steht der Menschen mit seiner Haltung. Es geht um die Person und ihre Entscheidungen. Wichtig ist jeder Satz, gerungen wird um Worte.

Kurzgeschichten.

Kritisches. Nachdenkliches. Überdrehtes. Spannendes. Fiction. Non Fiction. Science Fiction.

Wellenschlag

Created with Sketch.

Die Welle rollt an. Sie reckt sich, prahlt mit ihrer Wucht. Bedrohlich hoch schlägt sie lässig gegen die Bordwand. Das marode Boot erzittert, knirscht. Gischt sprüht über das Deck, auf dem wir zu Dutzenden kauern. Die vor Angst geweiteten Augen, die aufgerissenen Münder, sie alle schreien dieselbe Botschaft in die brüllende Nacht hinaus: »Helft!« 

Der Sturm ist laut, man hört sie nicht. Das völlig überladene Boot, rostig und alt und nicht auf die hohe See ausgelegt, schlingert. Ich versuche Halt zu finden und kann nur versuchen, mich an meinem Nachbarn festzukrallen. Einen festen Griff hat allein die Angst. Es geht um mein Leben. 

Und es ging immer um mein Leben. Ihr wisst nichts von meinem Dasein, das trostloser nicht sein konnte. Nein, wir sitzen nicht alle im selben Boot. 

Ich musste einfach dort weg. Dabei hatte man mich gewarnt. Die Überfahrt sei gefährlich, ein gutes Geschäft für die, die nicht einsteigen mussten, viele Schiffe seien gesunken, unzählige Menschen hätten den Tod gefunden. Ich schob die Warnungen beiseite. Es war genug Unglück über mich gekommen, nun wollte ich auf einer Welle des Glücks reiten. 

»Helft!« 

Eine Woge peitscht über uns hinweg, mächtig, tyrannisch, vernichtend. Wassermassen erfassen Flüchtlinge, die nicht entfliehen können, manch einer wird gleich ins tosende Meer gerissen und für immer verschlungen. 

Die nächste Welle, gigantisch, zerstörerisch, tödlich, spült meinen Nachbar über Bord. Er reißt mich mit. Ich stürze ins Meer und versinke. Panisch trete ich nach ihm, damit er loslässt, kämpfe mich frei, dränge an die Oberfläche zurück, ringe um Luft, sehe Wellen, Wellen, Wellen, aber kein Boot, kein Land, keine Erlösung. Es ertränkt mich. In den wenigen Augenblicken über Wasser schnappe ich nach Luft, suche Rettung, und jede Faser meines Körpers, jeder Gedanke schreit euch zu: »Helft!« 

Dann schlägt das Wasser über mir zusammen und gibt mich nicht wieder frei. Ich atme ein, meine Lunge füllt sich mit eisigem, brennendem Nass. Das ist das Ende. Und ich überlasse dem Sturm meine Not, mein Schicksal, kapere seine Stimme: »Helft!« Ihr Wellen, unnachgiebig und grausam, tragt meinen Hilferuf an die Küste. 

Meine Sinne schwinden, ich werde Teil des Meeres, bin eine Welle, sehe den Strand schon vor mir. 

Die Sonne scheint, eine wohltuende Brise weht vom Meer ins Landesinnere. Männer und Frauen lieben ihr Leben. Kinder spielen am Strand. Sie bauen Burgen, Burgen aus Sand mit Mauern gegen die Wellen, die über das Meer kommen. Eltern zeigen ihren Kindern, wie die Mauern stark werden, wie sie möglichst lange der aufkommenden Flut standhalten. 

Der Wellenschlag meiner Not zieht auf die Küste zu. 

Er grollt im Sturm. 

Er rollt im aufklarenden Wetter. 

Er tollt malerisch in der Flut der Gezeiten. 

Und wenn der Wellenschlag auf die Küste trifft, ist seine Kraft längst gebro­chen, platscht er harmlos auf die kindlichen Mauern am Strand, versandet. 

Und irgendwo weit draußen auf dem Meer zieht die Marine eine Leiche an Bord. 

Herbst

Created with Sketch.

Das Wetter war herrlich. Der Sommer legte sich noch einmal ins Zeug, prahlte mit Sonnenschein, angenehm warmen Temperaturen und einer milden Brise. Dass die ersten Blätter verblassten und die Tage schon deutlich kürzer geworden waren, störte nicht.

Schröder schlenderte durch den Stadtpark und atmete die Luft ein, die nach Freiheit schmeckte. Für ihn zumindest. Er fragte sich, wonach sie für all die anderen Menschen schmeckte, die ebenfalls hier unterwegs waren.

Stets zum späten Vormittag füllte sich der Park. Er selbst war auf dem Weg ins Café. Dort traf er sich mit Dorothee, einer sehr geschätzten Freundin aus Studienzeiten. Es war schön, dass es auch in seinem Alter eine Art von Liebe gab, die das Leben bereicherte. Da verlor der Gehstock den Beigeschmack von Krücke, wurde wieder zum Accessoire.

Wohin die anderen wollten, konnte er nur erahnen. Bald würden die jungen Geschäftsleute in ihren dunklen Anzügen auftauchen und zu den Imbisswagen am gegenüberliegenden Ende des Parks eilen. Mütter mit Kinderwagen waren bereits jetzt auf dem Heimweg, um das Mittagessen vorzubereiten. Da vorne ging – wie erwartet und wohltuend verlässlich – der alte Westenberg, mit dem war Schröder zur Grundschule gegangen. Sie grüßten sich immer noch, tauschten hin und wieder ein paar Höflichkeiten aus, mehr nicht. Ihre Biografien waren in unterschiedlichen Bahnen verlaufen. Westenbergs Schulabschluss hatte zu einem bescheidenen Leben geführt, er war der kleine Mann geblieben, ein Stammwähler der SPD. Schröder selbst war bis zur Pension Studienrat gewesen, Konrektor eines Gymnasiums, das einst in einem der besseren Stadtteile gelegen hatte und nun genauso verfiel wie das Bildungsniveau der Schüler. 

Ihm kam ein Obdachloser entgegen, der sein vollbepacktes Fahrrad tunlichst auf Nebenwege lenkte, um nicht allzu vielen Menschen zu begegnen. Eine Gruppe Männer mit eindeutig afrikanischer Herkunft unterhielt sich lautstark auf Französisch, sicher Asylanten. Dazwischen ein Gewusel aus Kindern, Studenten, Erwachsenen, Säufern, Touristen, Müllmännern, schrägen Typen, Müßiggängern. Und Senioren wie er.

Der Park war ein Abbild der Stadt, ein Abbild der Gesellschaft. Und der Park steuerte auf den Herbst zu.

Schröder seufzte. Für ihn hatte der Herbst des Lebens längst begonnen. Geboren in den letzten Monaten des Krieges, hatte er nur wenige undeutliche Erinnerungen an die schweren Jahre danach. Er war im Wirtschaftswunder groß geworden, geprägt durch das Gefühl, dass es immer weiter aufwärtsging. Als Heranwachsender hatte sich seine Identitätsfindung zwischen Miles Davis und Elvis Presley aufgerieben. Und er war noch jung genug gewesen, um die 68er Jahre als weiteren wichtigen Wendepunkt in der innerdeutschen Geschichte zu begreifen und die Vorteile der Antibabypille auszukosten.

Jetzt war er ein rüstiger Rentner, innerlich und äußerlich beweglich, und genoss einen Lebensabend, der vermutlich die absolute Spitze dessen war, was die deutsche Rentenkasse jemals würden aufbieten können.

Auch seine Tochter und ihr Mann konnten es noch einigermaßen gut treffen, wenn sie eines Tages in den Ruhestand traten. Aber sein Enkel? Hineingeboren in den anbrechenden Herbst einer Gesellschaft. Welche Zukunft erwartete ihn? Schröder blieb stehen. Gestern noch hatte er mit David telefoniert.

Er spürte einen Stich im Herzen, denn er wusste, die Enkelgeneration würde es schwer haben. Die Probleme waren schon heute präsent und vielen bewusst, wurden jedoch nicht mit Ernst angegangen. Der Leidensdruck war noch nicht groß genug, das Land genoss den gesellschaftlichen Sommer. Nur wenige Blätter zeigten Spuren von Welke und konnten leichthin übersehen werden. Sein Enkel würde es ausbaden müssen.

Spätestens wenn David mitten im Berufsleben und in der Blüte seines Lebens stand, wenn die Welt mit ihren Möglichkeiten lockte, würden die Sozialsysteme kollabieren. In Deutschland und woanders auch. Zu viele Alte für zu wenige Junge. Zu viele Kranke für zu wenige Gesunde. Zu viele Opfer der Industrie 4.0 für zu wenige Geldverdiener. Den damit verbundenen Sprengstoff mochte sich Schröder nicht ausmalen. Mit Blick auf sein eigenes politisches Engagement fragte er sich, ob die Parteien im Bundestag den Frieden wirklich mehr liebten als gute Wahlergebnisse.

Die Europäische Union bröckelte bereits. Großbritannien stieg aus, der Unmut anderer Mitgliedsstaaten wuchs, die zwar den europäischen Goldesel schätzten, nicht aber ein System aus Frieden und Freiheit, Solidarität und Toleranz aufbauen, tragen und verteidigen wollten. Schröder fragte sich, ob er seinen Schülern mit genügend Nachdruck vermittelt hatte, was für ein großartiges, unverzichtbares Projekt diese Staatengemeinschaft war.

Und dann der religiöse Terrorismus. Der Islam zerfleischte sich selbst und exportierte seinen Unfrieden hierher. Linke, rechte und organisierte Kriminalität bekam man schon nicht in den Griff. Und dies hier war weitaus furchtbarer. Europa wurde schleichend, Bombe um Bombe, Lkw um Lkw, Messer um Messer zermürbt. Schröder war gewiss, dass der Westen erst am Anfang einer Entwicklung stand, die den Grundfesten des in Jahrhunderten gewachsenen Selbstverständnisses massiv zusetzen würde. Und die Religionsgemeinschaften taten nicht genug, um einen Gegenpol zu schaffen. Jetzt war die Zeit, um allen deutlich zu machen, dass auch der Friede, der aus dem Glauben kam, einen Wert bildete, von dem die Gesellschaft profitierte und auf den sie nicht verzichten konnte.

Nicht zuletzt angesichts der vielen Flüchtlinge. Und das war erst der Anfang. Der Anfang einer Völkerwanderung. Eine Völkerwanderung der Hungrigen, der Durstigen, der Hoffnungslosen, der Verstümmelten, der Aidskranken, der Kriegsmüden, der Terrorismusgeschädigten, der Klimawandelentwurzelten. Es kam ein Stein ins Rollen, der als Lawine über Europa enden würde.

In nur wenigen Jahrzehnten, wenn David ein gestandener Mann war, würde ein Winter über ihn und alle anderen hereinbrechen und Europa im Chaos versinken.

Liebte diese Gesellschaft den Frieden und tat sie alles dafür, um ihn zu erhalten? Langfristig, für die eigenen Kinder und Enkel, für sich selbst. Oder schätzte sie den Frieden nicht, weil sie den Krieg nicht kannte? Vielleicht wiegte sie sich in einer falschen Sicherheit, weil sie die Zerbrechlichkeit dieser Welt nicht durchschaute. Konnte Frieden als solcher überhaupt erkannt und geliebt werden, wenn man sein Gegenteil nicht ermaß?

Gedankenverloren ging Schröder weiter, stützte sich schwer auf seinen Stock, grüßte Westenberg mit einem halbherzig-freundlichen Nicken.

Womöglich war das Ganze noch komplizierter. Mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher, ob Europa wirklich ein Problem hatte, das erschreckende Ausmaße annehmen würde. Es mochte ebenso gut sein, dass einfach nur der Herbst dieser Gesellschaft bevorstand. Schröder hoffte inständig, dass es ein Problem war, denn gegen Probleme konnte etwas unternommen werden. Gegen den Herbst aber konnte niemand etwas tun.

Der Blick in die Geschichtsbücher seiner Schulklassen hatte ihn gelehrt, dass es ein ständiges Auf und Ab, ein Werden und Vergehen gab. Nichts war von Ewigkeit. Es war vielleicht von Dauer, mal mehr, mal weniger, aber eines Tages verging alles. Auch Europa würde vergehen und etwas Neues würde entstehen. Die ganze Weltordnung würde eines Tages eine andere sein. Daran war nichts zu ändern. Schröder fröstelte es mit einem Mal, denn der Weg zum Neuen, zu einer neuen stabilen Ordnung, zum neuen Guten, dieser Weg war stets mit dunklen, schrecklichen Zeiten verbunden.

Deshalb würde er darauf pochen, dass es noch nicht so weit war. Dass Europas Herbst noch nicht bevorstand, sondern nur eine regnerisch-kühle Phase im Sommer. Europa hatte ein Problem, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Er würde mit Dorothee darüber sprechen. Und er freute sich darauf, mit ihr gemeinsam ein Thesenpapier zu verfassen, ganz im Stil der 68er, und sie würden es als Leserbrief an die Tageszeitung schicken, sie würden es in den Gesprächskreis ihrer Kirchengemeinde einbringen, und er persönlich würde es bei der nächsten Kreistagssitzung auf die Tagesordnung schmuggeln.

Es gab immer Möglichkeiten, die richtigen Fragen zu stellen. Lieben wir den Frieden in dieser Stadt, in diesem Land, in Europa? Was wollen wir heute dafür tun, dass er auch morgen und übermorgen noch hält? Denn so unterschiedlich die Menschen im Park auch waren, so fremd sie sich vermutlich für immer blieben, sie konnten immerhin nebeneinander her leben. Das war nicht das Paradies, aber für einen Frieden war es schon sehr liebenswert.

Wuchtbrummi

Created with Sketch.

Juli 2013, es war heiß. Bei Emden hatte Mika wie immer am Autohof angehalten, um sich mit Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Zigaretten zu versorgen. Der Lastzug musste heute noch bis Koblenz runter. Reiseverkehr war in diese Richtung nicht zu erwarten, nur um Düsseldorf und Köln herum würde er in die Rushhour geraten. Aber egal, Zuhause wartete niemand auf ihn und dem Kunden war es ohnehin lieber, wenn er die Ware nach Feierabend lieferte.

Die Straße war wie das Leben, dachte Mika, als er die Tür zum Fahrerhaus öffnete. Überall konnte man links und rechts rausfahren, aber meistens folgte man der vorgegebenen Route. Man war ständig von anderen Autos und Lastwagen umgeben, doch letztendlich saß man allein im Führerhaus, die Zeit und den Chef im Nacken.

Mika stieg ein, setzte sich und steckte den Kaffeebecher in die Halterung. Alles andere legte er auf den Mittelsitz. Er startete die Maschine und die Klimaautomatik sprang an. Dann schloss er die Tür. Für einen Augenblick war es fast unerträglich heiß auf dem Sitz. Er ließ die Fenster ein Stück herunter. Der Fahrtwind würde die schlimmste Hitze vertreiben, bevor die Klimaautomatik ihre Aufgabe erfüllte. Als er sich anschnallte, schlug etwas gegen die Fahrertür.

»Hallo! Entschuldigung!«

Mika blickte aus dem Fenster und sah eine Frau in seinem Alter, etwa Mitte zwanzig. »Was gibt’s?«, fragte er und taxierte sie mit einigen schnellen Blicken, die sie hoffentlich nicht bemerkte. Hübsch war sie. Es sah nett aus, wie sie ihre dunklen Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hatte.

»Fahren Sie zufällig in Richtung Köln?«

Sie hatte eine angenehme Stimme und trug eine kurze Hose mit einer lockeren Bluse, die ziemlich weit aufgeknöpft war. Schnell sah er ihr in die Augen. »Ich muss nach Koblenz. Da komme ich an Köln vorbei.« Warum sagte er das? Es war doch klar, was jetzt kam.

»Würden Sie mich bis Köln mitnehmen?« Sie sah ihn mit kindlichen Augen an. Offenbar machte sie sich keine Gedanken darüber, was sie ausstrahlte. 

Wollte er sie mitnehmen? Oder doch lieber in Ruhe seine Strecke abjuckeln? Er warf einen kurzen Blick aus der Frontscheibe. Vor ihm lagen die übliche Route und die üblichen ungenutzten Möglichkeiten, links oder rechts abzufahren und andere Wege einzuschlagen. »Steig ein«, sagte Mika. Irgendwie konnte er der bezaubernden Kleinen dann doch nicht widerstehen.

»Danke!«, rief sie erfreut, hüpfte einmal und lief um den Lastzug herum.

Die Beifahrertür öffnete sich und die junge Frau stieg so behände ein, als würde sie tagtäglich in großen Trucks sitzen.

»Danke«, wiederholte sie und strahlte ihn an. »Ich heiße Anika.«

»Mika.« Im selben Augenblick ärgerte er sich, dass er nicht abgelehnt hatte. Sie war so ein hübsches Ding und hatte ganz sicher nichts anderes im Kopf, als möglichst schnell und unbehelligt nach Köln zu kommen. Es war völlig abwegig, dass sie mehr wollte als eine kostenlose Beförderung. Erst recht nicht von irgendeinem Lastwagenfahrer.

»Wohin?«, fragte sie und zeigte auf ihren Rucksack.

»Leg ihn nach hinten.«

Sie wuchtete ihr Gepäck über die Rücklehne, und Mika konnte eindeutig erkennen, dass sie keinen BH trug.

»Ist das heiß heute«, meinte sie, als sie sich anschnallte.

»Wird gleich besser.« Mika wies auf die Klimaautomatik und drückte die Fensterheber. 

Sie schwiegen, als der Lastzug vom Parkplatz rollte und sich in den Verkehr einfädelte. 

Anika rutschte ungeniert auf ihrem Sitz hin und her, bis sie es bequem fand. »Das ist ja ein richtiger Wuchtbrummi. Da habe ich schon deutlich schlechter gesessen!«

»Ja, die Zugmaschine ist noch ziemlich neu.« Irgendwie war Mika stolz, dass sie seine Maschine gut fand. Verstohlen betrachtete er ihre Beine, die sie lässig gegen die Ablagefläche stützte. Eine Traumfrau. »Trampst du öfters?«, fragte er unbeholfen, um das Gespräch in Gang zu halten.

»Nur gelegentlich. Ich war auf Norderney und wollte eigentlich mit der Bahn zurückfahren. Aber in den Zügen soll es ja zurzeit unerträglich heiß sein.«

Mika lag die Frage auf der Zunge, ob sie keine Angst habe, mit einem fremden Mann zu fahren. Aber er befürchtete zugleich, dass er genau damit bei ihr Befürchtungen schüren würde. Wenn sie sich wohl fühlte, umso besser. Er würde nicht daran rühren.

»Und du?«, fragte sie. »Fährst du diese Strecke oft?«

»Ja, ziemlich oft.« Mika wollte es bei schon bei dieser Antwort belassen, doch ein Gespräch würde er so nicht führen können. »Es gibt einige Kunden, die Wert darauf legen, dass ich für sie fahre.«

»Und das können die bestimmen?«

»Kommt darauf an, ob es gute Kunden sind. Die Konkurrenz ist hart in der Branche. Und solch ein Entgegenkommen kostet nichts.«

Darauf sagte sie nichts, als ob sie über seine Worte nachdachte. Dann fragte sie: »Wird es nicht langweilig, immer dieselbe Strecke zu fahren?«

»Es geht.« Wieder musste er sich zwingen, mehr zu sagen: »Eine gewisse Routine ist nicht schlecht. Man kann einfach drauf los fahren und seinen Gedanken nachhängen.«

»Ja, du hast sicher viel Zeit zum Nachdenken.« In den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie ihn ansah. »Worüber denkst du denn nach?«

Mika war unangenehm überrascht. Was sollte er jetzt antworten? Dass er davon träumte, die eingefahrenen Wege zu verlassen und was ganz anderes zu tun? Aber er konnte ihr nicht einmal sagen, was ihm da vorschwebte. Und dass er sich ziemlich häufig fragte, wie es wohl wäre, mal eine Frau wie sie neben sich zu haben, behielt er auch besser für sich. »Na ja, irgendwie ist die Straße wie das Leben. Irgendwer schickt einen los und damit steht alles andere fest.« Er blickte kurz zu ihr hinüber. Sie sah ihn immer noch an. Hielt sie ihn jetzt für dumm?

»Ich glaube, du bist ein richtig netter Kerl«, sagte sie.

Mika spürte ein Kribbeln im Nacken. Er fand Anika auch klasse, aber das musste er für sich behalten. Sonst wäre sie vielleicht doch noch auf die Idee gekommen, er könnte sich Freiheiten herausnehmen. Und sie selbst klang so aufrichtig und arglos, dass sich hinter ihrer Aussage ganz sicher nichts verbarg, das diese Freiheiten zuließ. 

»Aber wenn das Leben wie die Straße ist, warum nimmst du nicht mal einen anderen Weg?«, schlug sie vor.

»Welchen denn?« Sie hatte tatsächlich die Frage gestellt, die ihn auch bewegte. Was würde sie sagen?

»Ich weiß nicht so recht«, sagte sie. »Aber für mein Leben ist der Weg nicht klar vorgegeben.«

Sie hatte also auch keine Antwort. Mika blickte versonnen auf die Straße. Dann fiel ihm ein, auf welche Frage sie nun sicher wartete: »Was machst du denn so?«

»Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Germanistik.«

Sie hat studiert. Das sah schlecht aus für einen Lastwagenfahrer.

Anika strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Und da war ich ein paar Tage auf der Insel, um mich zu erholen.«

»Allein?« Mika hätte sich auf die Zunge beißen können. Hoffentlich dachte sie jetzt nicht, dass er sie nach ihrem Freund befragen wollte.

»Nein, nicht allein«, sagte sie, ohne dass sich ihre Tonlage änderte.

Klar. Natürlich war sie nicht allein gewesen. Wie hatte er das auch nur annehmen können.

»Meine Freundin muss nach Hamburg. Sie hat schon vor einer Stunde eine Mitfahrgelegenheit gefunden.«

Mika war irritiert. Hatte sie nun einen Freund oder nicht?

Anika beugte sich vor und zog ihre Schuhe aus. »Es ist immer noch ziemlich warm hier. Kannst du die Klimaanlage nicht noch weiter aufdrehen?«

»Doch, schon. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht erkältet.« Dennoch stellte er die Automatik zwei Grad tiefer ein. Die Achterbahnfahrt seiner heimlichen Gefühle, Wünsche und Selbstbeschränkungen machte ihm zu schaffen. »Stört es dich, wenn ich rauche?«

»Ich bin hier nur Gast«, antwortete sie unverbindlich.

Mika steckte sich eine Zigarette an und ließ das Fenster herunter. Sofort schlug ihm der heiße Fahrtwind ins Gesicht.

»Gibst du mir auch eine?«, fragte Anika.

»Du rauchst?«

»Manchmal. Und jetzt habe ich Lust.«

Er reichte ihr die Schachtel hinüber und dachte an seine Lust.

Als sie den Rauch ausblies, ließ sie ihr Fenster ebenfalls herunter. »So heiß war es seit Jahren nicht mehr. Ich schwitze.« Mit der freien Hand fasste sie ihre Bluse und wedelte sich Luft darunter.

Da! Jetzt hatte er ihren Busen gesehen. Unwillkürlich machte Mika den Rücken krumm und stützte sich auf das Lenkrad. Reiß dich am Riemen. Eine von der Uni will nichts von dir. Er sah die nächste Ausfahrt vor sich und fuhr vorbei. Immer schön gerade aus.

Kurz darauf warfen sie beide ihre Kippen aus dem Fenster.

Mika schwieg und auch Anika sagte eine Weile nichts. Er spürte aber, dass sie immer wieder zu ihm herüber sah.

Dann fragte sie unvermittelt: »Hast du Familie?«

»Nein.«

»Hast du eine Freundin?«

»Zurzeit nicht.« Sie durfte sich diese Fragen erlauben, weil sie eine Frau war und von ihr keine Gefahr ausging. Er sah den Autos nach, die ihn überholten.

»Mich fragst du aber nicht viel?«

Mika räusperte sich. »Ich will nicht, dass du dich bedrängt fühlst. Es ist ja nicht ungefährlich für eine junge Frau, bei einem fremden Mann mitzufahren.«

Sie lachte. »Keine Sorge. Ich habe keine Angst vor dir. Du bist okay.«

Mika konnte darin kein Kompliment erkennen. »Okay sein« klang wie »harmlos« oder »nichtssagend«. Je länger desto mehr war er frustriert.

Wieder schwiegen sie und Mika ließ sich und den Lastzug vom Verkehr treiben. 

Irgendwann fiel ihm auf, dass seit der Zigarette die Fenster offen standen. Gerade wollte er fragen, ob er sie nicht schließen sollte, da sah er, dass sie die Augen zu hatte. Ihr Kopf war zur Seite gerutscht und wackelte leicht im Rhythmus der Straße. Ihr Gesicht war wunderschön, wenn sie schlief. Doch dann wurde sein Blick magisch von ihrer Bluse angezogen. Der Fahrtwind zerrte am Stoff und gab immer wieder den Blick auf ihren Busen frei. Ihm schien, dass ein Knopf mehr offen stand als vorher. Der Wind musste ihn gelöst haben. Es war undenkbar, dass sie ihn geöffnet hatte. Er sah sich ihre Beine und ihre Füße an und spürte, dass sie ihn erregte. Immer wieder kehrte sein Blick zurück und heftete sich in den Ausschnitt ihres Hemdes.

Plötzlich schlug Anika die Augen auf. Mika zuckte zusammen. Sie lächelte ihn an. Er lächelte verkrampft zurück und sah eilends auf die Fahrbahn.

»Und?«, fragte sie mit verschlafener Stimme. »Gefallen sie dir?«

Mika lief rot an. »Was meinst du?« Es war ihm unendlich peinlich.

»Meine Brüste. Weil du sie angesehen hast.«

»Entschuldige. Tut mir leid.« Hatte sie etwa gar nicht geschlafen?

»Kein Problem.«

Mika wunderte sich, dass ihre Stimme immer noch freundlich klang.

»Was ist nun? Gefallen sie dir?«

Mika nickte und starrte geradeaus. »Ja.«

Sie zog ein Bein auf die Sitzfläche und wandte sich ihm zu. Er schaute kurz hinüber. Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn unentwegt an.

»Du machst mich nervös«, sagte er.

»Schön!«

Einmal mehr wurde es still.

Dann sagte sie: »Vielleicht war es ja Absicht?«

»Ganz bestimmt.« Mikas Stimmung war plötzlich mies.

»Warum nicht? Vielleicht wollte ich ja, dass du sie siehst?«

»Frauen machen so etwas nicht.« Mika glaubte an das, was er sagte.

Wieder zog eine Ausfahrt an ihm vorbei, wieder eine verpasste Gelegenheit auf neue Wege.

»Wenn du meinst.« Anika holte ihren Rucksack hervor und kramte darin herum, bis sie eine Flasche Wasser fand. Sie trank etwas, legte den Rucksack zurück und behielt die Flasche in den Händen. Ihre Bluse schloss sie nicht.

Erneut stockte das Gespräch. 

Als sie sich dem Ruhrgebiet näherten, meinte Anika. »Irgendwie bist du ein bisschen seltsam.«

»Ja, kann sein.« Mika dachte, dass der Tag eine ziemlich unangenehme Wendung nahm und fühlte sich noch elender.

»Vielleicht ist es gar nicht gut, dass du so viel nachdenkst«, mutmaßte sie.

Mika zuckte die Schultern. »Es ist, wie es ist.«

»Du musst nicht ärgerlich sein. Es ist wirklich nicht schlimm, dass du mir in die Bluse geguckt hast. Männer interessiert das nun mal. Ich fände es schrecklich, wenn Männer nicht neugierig auf mich wären.«

»Es kommt immer darauf an, wer es ist.«

»Genau. Und bei dir fand ich es nicht schlimm. Im Gegenteil.«

Mika wagte es nicht, sie anzusehen. Der Lastzug rauschte an einem Autobahnkreuz vorbei und er dachte, dass Anika viel zu selbstbewusst für ihn war. Anstatt zu verlangen, dass er an der nächsten Raststätte hielt und sie aussteigen ließ, weil er sich Freiheiten genommen hatte, ließ sie sich einfach weiter von ihm fahren. Sie wusste, dass sie anziehend war, und sie wusste ebenso, dass er sie niemals berühren würde.

Am späten Nachmittag fuhren sie an Düsseldorf vorbei und näherten sich ohne nennenswerte Staus ihrem Ziel.

»Gleich kommt Köln«, sagte Mika. »Wo soll ich dich raus lassen?« Er war furchtbar enttäuscht darüber, wie belanglos die Fahrt mit ihr letztendlich geblieben war.

»Am besten gleich die nächste Raststätte. Ich lass mich abholen.«

»Von deinem Freund?« Er musste es einfach wissen.

»Ich habe keinen Freund.«

Nun wusste er es. Aber machte es einen Unterschied?

Als Mika auf die Abbiegerspur ausscherte, knöpfte sie ihr Hemd zu und schnappte sich den Rucksack. Er suchte einen Parkplatz und hielt an, ohne den Motor auszuschalten.

»Vielen Dank, dass du mich mitgenommen hast.« Sie öffnete die Tür.

»Alles klar«, erwiderte er. »Mach’s gut.«

Sie stieg aus und zog das Gepäck aus der Kabine. Noch einmal sah er ihren dunklen Schopf, als sie sich den Rucksack aufsetzte, und wurde wehmütig. 

Die Tür war schon fast zu, als sie plötzlich wieder aufschwang. Anikas Gesicht tauchte auf und sie fixierte ihn mit den Augen. »Ich sage so etwas ja normalerweise nicht, aber du bist wie dein Auto: ein echter Wuchtbrummi.«

Mika war überrascht.

»Und es war doch Absicht!« Ihre Stimme klang trotzig. »Du solltest sie sehen!« Diesmal war sie es, die errötete. »Ich finde dich nett und ich hätte es schön gefunden, wenn du mich auf irgendeinen verschlafenen Parkplatz entführt hättest.« Sie holte tief Luft. »Und damit du es ganz genau weißt: Ich hätte mich sogar von dir verführen lassen. So richtig schön in deiner großen Kabine. Und wer weiß, was sonst noch alles hätte werden können. Heute, oder vielleicht sogar auf Dauer. Schade.« Schnell schlug sie die Tür zu.

Für Sekunden saß Mika regungslos hinter dem Steuer. Dann hatte er es plötzlich eilig. Er schaltete den Motor aus und sprang aus dem Führerhaus. Sie war weg. Er lief um den Wagen herum und suchte sie, doch vergeblich. Voller Verzweiflung stampfte er mit dem Fuß auf. Er hatte eindeutig eine Ausfahrt zu viel verpasst.

Fluchend stieg er wieder ein und fuhr los. Im Rückspiegel sah er sie. Sie telefonierte. Hinter ihm fuhr der nächste LKW an. Mika konnte nicht mehr anhalten.

Er lenkte den Wagen zurück auf die Autobahn. Das Leben ist wie die Straße, dachte er, du kehrst immer wieder auf die Spur zurück.

Guten Morgen

Created with Sketch.

An jenem Morgen blieb ich länger im Bett. Obgleich mir bewusst war, dass ich bereits um acht Uhr einen wichtigen Termin hatte, war ich erstaunlich gleichgültig, als wenn Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielte. Ein ungutes Gefühl ganz im Untergrund meiner Seele konnte ich dennoch nicht leugnen. Dass es absolut nichts mit meinem glorreichen Job zu tun hatte, verstärkte es. Ich lag im Bett, regungslos, verwirrt, und beobachtete das Funkeln der Morgensonne in den Jalousien.

Bis mir bewusst wurde, dass ich über Nacht verstorben war. Plötzlich und unerwartet. Und unbemerkt. Schlagartig schrillten in mir alle Alarmglocken. Der unmittelbar folgende Drang, mich zu bewegen, bestätigte die überraschende Erkenntnis. Arme, Beine, Kopf und Rumpf. Da tat sich nichts mehr. Ich war tot. 

Für einen Augenblick war ich perplex. Dann stieg Ärger in mir auf. Ich hatte meinen eigenen Tod verschlafen. Eingemummelt in die Laken, vermutlich schnarchend, hatte ich das Leben lauthals ausgehaucht und nichts mitbekommen. Bescheuert. Dabei hatte ich stets die Ansicht vertreten, dass man bei besonderen und insbesondere bei einmaligen Anlässen möglichst voll präsent sein sollte, um den Augenblick zu zelebrieren.

Dann aber erinnerte ich mich, wie viel Alkohol und Nikotin ich am gestrigen Abend konsumiert hatte, und die Wut verebbte. Ich sollte dem Tod dankbar sein für seinen unspektakulären Auftritt. Das Ganze hätte auch viel unerfreulicher verlaufen können. Es war, als konnte ich noch spüren, wie die L-Organe in einen ungewohnten Entspannungszustand verfielen und jede Sekunde des unerwarteten Friedens vor der einsetzenden Zersetzung genossen.

Ich jedoch wurde über diese Gedanken zunehmend nervöser. Mich verlangte nach einer Kanne Kaffee und einigen Zigaretten. Ging nicht. Über Nacht hatte ich nicht nur das Leben, sondern auch das Rauchen aufgegeben. Ganz schlechter Einstand, lieber Tod, so würden wir keine Freunde werden.

Ziemlich genervt blieb ich regungslos liegen und tat gar nichts. Außer den schwirrenden Gedanken in meinem Kopf zu folgen. Wieso dachte mein Hirn noch? Hätte ich nicht längst außer mir sein müssen? Über mir selbst schweben? 

Vorsichtig versuchte ich, jenen Teil der Seele, der im rechten kleinen Zeh verortet war, aus Fleisch und Knorpel zu lösen. Uah, was für gruseliges Gefühl. Ich konnte tatsächlich meinen Körper verlassen. Aber wollte ich das? Und überhaupt: Wohin sollte ich mich wenden? Weder Dämon noch Engel saß über dem Bett, um mich abzuholen. Hatte ich womöglich eine Wahl? Oder würde ich desorientiert durch mein kleines Universum geistern und fiesen Mitmenschen eine Gänsehaut über den Rücken jagen? Womöglich gab es dann kein Zurück mehr ... natürlich gab es kein Zurück mehr, Doofie.

Ich verschob die Entscheidung und Lösung von meinem Körper auf einen späteren Zeitpunkt, wenn sich hoffentlich neue Erkenntnisse einstellten oder der Engel sich für seine Verspätung entschuldigte, weil er beim Leichentransfer in die Rushhour geraten war.

Es folgte, was unweigerlich folgen musste. Fragen. Wie lange würde es dauern, bis man mich vermisste? Würde der Zeitpunkt überhaupt jemals kommen? Meine Todesnacht war ausgerechnet auf einen Tag gefallen, an dem meine Freundin und ich getrennt schliefen. Wie würde sie reagieren? Würde ich es jemals erfahren? Wollte ich es wirklich wissen? Würde irgendwer länger als einen Tag trauern? Wer würde zuerst an meinem Bett stehen? Der Arzt, die Polizei, die Putzfrau oder der Hausmeister? Je nach dem, wie lange sich niemand ernsthaft um mich sorgte, würde man mich in bereits unrühmlichem Zustand finden, die Nase rümpfen und eventuell auf mein Bett kotzen. Ich fand den Tod mit einem Mal erniedrigend und wandte mich schmollend anderen Gedanken zu.

Doch es gab nichts Erheiterndes und nichts Ermutigendes darunter. Ich war weg und nun begann - mit geringfügiger Verzögerung - überall der Prozess, mit mir fertig zu werden. Der Prozess, mich zu vergessen und es sich ohne mich schön zu machen. Ich war enttäuscht, und schon rutschte der zweite Zeh aus der Haut.

Mein Tod war eine absolute Fehlplanung. Eine schlechte Laune der Ewigkeit. Ein geruchsloser Furz der Menschheitsblähungen. Ich atmete tief durch, also im übertragenen Sinne, und versuchte meditativ in einen schlafähnlichen Dämmerzustand zu verfallen. Die Ewigkeit begann und vermutlich hatte ich fortan wieder mehr Zeit.

Da wurde ein Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür gesteckt und herumgedreht. Jemand kam ... 

Z.Z. Voss

Created with Sketch.

Die Urteilsverkündung war keine große Sache. »Schuldig«, wie erwartet. Dass sich das Gericht dabei auf »Abweichungen vom Idealbild des Menschseins« berief, reizte die Lachmuskeln auf eine der Situation nicht angemessene Weise. Z.Z. Voss senkte den Kopf, um ein unvermeidbares Grinsen zu verbergen.

Unmittelbar auf das standrechtliche Verfahren folgte die Bekanntgabe des Strafmaßes. Z.Z. Voss horchte auf. Anders als der kleinliche Grund für den Prozess war dieses Detail durchaus von Belang für ihn und seine weitere Zukunft.

»Ein Stein, in Umfang und Gewicht der Schwere der Schuld entsprechend«, verkündete der Richter, »soll durch den Verurteilten den Heiligen Berg hinauf bis zu den Göttern gerollt werden. Der Vollzug der Strafe ist ohne Verzug unter den in vergleichbaren Fällen bewährten Begleitumständen anzutreten.«

Z.Z. Voss nahm den Schuldspruch verständnislos, aber gelassen entgegen und kratzte sich das stoppelige Kinn. Nach zwei Nächten in einer erbärmlichen Zelle war es an der Zeit für eine heiße Dusche und eine akribische Rasur. Doch da er die Strafe sofort antreten sollte, musste beides wohl bis zum Abend warten.

Zwei Beamte, deren Uniformen sie namentlich als »Meier« und »Maier« auswiesen, nahmen Z.Z. Voss pflichtbewusst in die Mitte und führten ihn durch einen Hinterausgang aus dem prächtigen Gerichtsgebäude. Sie setzten ihn in einen Streifenwagen und fuhren zum Heiligen Berg.

Viele hundert Meter erhob sich das Massiv am Rande der Stadt. Die höchsten Spitzen waren nur äußerst selten zu sehen, verbargen sich zumeist in den Wolken. Wanderer berichteten immer wieder dasselbe: Der Aufstieg an sich war keine echte Herausforderung, jedoch wirkte der dichte Nebel in den oberen Lagen so erdrückend, dass an ein Weiterkommen nicht zu denken war und man sich beinahe fluchtartig an den Abstieg machte.

Z.Z. Voss blickte hinauf und fragte sich, ob die vergleichsweise harmlos anmutende Strafe nicht doch hinterhältiger war, als er zu diesem Zeitpunkt erahnte. Aber immerhin war er durchtrainiert und kräftig, seine eigenen Voraussetzungen sprachen also eher für einen zügigen Vollzug des Strafmaßes. Wahrscheinlich war alles nur eine Frage der klugen Einteilung seiner Kräfte.

Die Beamten gewährten ihm diesen Augenblick der Besinnung, beäugten ihn aber mit hämischen Blicken. Dann zerrten sie ihn ein Stück weiter zu einem Gebäude, in dem sich die Steine befanden.

»Sträfling Zacharias-Zodiac«, meldete Maier dem Bürokraten am Eingang und kicherte verhalten. »Zacharias-Zodiac Voss. Liegt sein Stein bereit?«

Der Buchhalter wies mit der Hand über die Schulter. »Zweiter Gang links, gleich das erste Fach unten rechts.«

Mit zunehmender Anspannung folgte Z.Z. Voss den Beamten ins Gebäude und bog mit ihnen um besagte Ecke. Da lag er, sein Stein, der Schwere seiner Schuld entsprechend, etwa einen Meter im Durchmesser und ziemlich rund. Plötzlich verspürte er Hochachtung, denn der Stein sah schwer aus.

»Auf geht‘s«, sagte Meier und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

Z.Z. Voss bückte sich und rollte den Stein aus dem Fach. »Gut«, dachte er, »das Ding ist leichter als erwartet. Also wiegt auch meine Schuld nicht übermäßig schwer.«

Er kullerte den Stein vor sich her aus dem Gebäude und bis zum Heiligen Berg. Die kurze Strecke aber offenbarte das Heimtückische des Brockens. Sein Gewicht war zwar akzeptabel, würde bei einem Aufstieg über Hunderte von Metern dennoch unweigerlich zum Problem werden. Überdies war seine Größe unvorteilhaft. Z.Z. Voss musste entweder gebückt laufen und den Stein vor sich her stoßen oder aber auf den Knien rutschen. Zugegeben, diese Begleiterscheinung seiner Strafe war fies.

Am Fuß des Berges blieb er stehen.

»Worauf wartest du?«, fragte Maier. »Du hast es doch gehört: Antritt der Strafe ohne Verzug.«

Z.Z. Voss machte eine unwillige Geste mit der Hand. »Lass mich sehen, an welcher Stelle der Aufstieg günstig ist.«

Die beiden Beamten sahen ihn amüsiert an. »Kleiner Tipp«, sagte Maier, »vergiss es. Geh einfach.«

Z.Z. Voss hörte nicht auf sie, sondern rollte den Stein ein ganzes Stück weiter nach Norden, bis ein baumloser und relativ gleichmäßiger Anstieg vor ihm lag. »Hier«, beschloss er.

»Ist uns recht«, sagte Meier, und sein Kollege nickte.

Z.Z. Voss reckte noch einmal den Rücken, lockerte Arme und Beine, atmete tief durch und machte sich auf den Weg.

In leicht gekrümmter Haltung gab er dem Stein den ersten Schwung und sein Strafmaß rollte locker die ersten Meter den Berg hinauf. Er trollte sich hinterher und gab dem Fels immer dann den nächsten Stoß, wenn dieser sich verlangsamte. Die Technik schien ihm nicht optimal, aber ein angemessenes und kraftschonendes Vorgehen würde sich im Laufe des Aufstiegs schon noch finden. Meter um Meter schob er den Brocken höher den Berg hinauf. Seine Kräfte hielten mit, er hatte sich das Ganze schlimmer vorgestellt.

Nun gut, er war ja auch kein Schwerverbrecher. Ein Gauner vielleicht, aber kein übler, eher ein charmanter. Er kam bei den Frauen gut an, hatte einen beachtlichen Verschleiß, was leider nicht immer ohne Tränen abging. Mit Steuern und Versicherungen nahm er es nicht ganz so genau, ebenso wenig mit Tempolimits. Als Vorarbeiter auf der Baustelle gönnte er sich durchaus ausgiebigere Pausen, als ihm zustanden, aber er musste seine Kräfte schließlich auf ein langes Arbeitsleben verteilen. Er log, wenn es ihm passte, er warf seine Zigarettenkippen hin und wieder in den Wald oder den Biomüll, er fluchte und lästerte und machte seine Exfrau am Telefon nieder, die ihm einst wie die Verheißung des Himmels erschienen war, aber faktisch nur die Hölle auf Erden gebracht hatte. Außerdem hielt er nicht viel von den Göttern, die ihm bislang nicht spürbar gedient hatten. Dankbar genoss er ihre Feiertage, hielt sich aber von den archaischen Ritualen fern.

Frohen Mutes gab Z.Z. Voss dem Stein richtig Schwung und erfreute sich an dem Anblick, wie sein persönlicher Fels den Berg hinan schnellte. Nein, er war kein schlechter Kerl, er war ein Durchschnittstyp wie tausend andere, die einfach nur ihr Leben lebten. Sicher, er war alles andere als perfekt, aber genau das besagte ja auch das Strafmaß: »Abweichungen vom Idealbild«, nicht mehr und nicht weniger. Dass sein Stein nun flott den Heiligen Berg hinauf rollte, war also alles in allem angemessen. Er würde sein Strafmaß mit Würde erfüllen und dann zur Tagesordnung zurückkehren.

Die Minuten wurden zu Stunden und der Tag zog sich hin. Weiter und weiter rollte Z.Z. Voss den Stein hinauf und spürte zum frühen Abend, dass er ermüdete. Es war an der Zeit für eine Pause, um einmal kurz zur Ruhe zu kommen und eine Kleinigkeit zu essen. Außerdem wollte er zu gerne sehen, wie weit er gekommen war. Er suchte sich eine Stelle, an der sein Stein am Boden etwas Halt fand, und drehte sich um.

Weit unter ihm erstreckte sich seine Heimat. Er sah das Land, die Stadt, den Fluss, ein erhabener Anblick. Zufrieden stellte er fest, dass er es bereits einige hundert Meter aufwärts geschafft hatte. Er wandte sich wieder nach vorn, schaute aufwärts und seine Gesichtszüge fielen in sich zusammen. Über ihm türmte sich der Heilige Berg und ließ in keiner Weise erkennen, dass er schon seit Stunden bergauf gegangen war. Ihm dämmerte, dass er für die Nacht eine Stelle suchen musste, um den Stein zu fixieren, damit er ein paar Stunden schlafen konnte.

In diesem Augenblick knirschte der Boden, einige winzige Gesteinssplitter zerfielen und der Stein setzte sich in Bewegung. Fasziniert sah Z.Z. Voss, wie der Brocken in Sekundenschnelle Fahrt aufnahm und den Berg hinunter kullerte.

»Verdammt!«, er hatte nicht aufgepasst.

Mit einem riesigen Satz sprang er hinterher. Doch es war schon zu spät. Der Stein hatte bereits ein irres Tempo erreicht und hüpfte und rollte und raste den Hang hinab. Z.Z. Voss hastete ihm nach, schneller als er jemals in seinem Leben gerannt war, seine Füße jagten den Berg hinunter. Mehr fliegend als laufend kam er dem Stein immer näher, reichte jedoch nicht an ihn heran. Als er spürte, dass er jede Sekunde furchtbar stolpern würde, setzte er zu einem waghalsigen Sprung an, hechtete nach vorne und warf sich auf das fliehende Objekt. Im nächsten Augenblick spürte Z.Z. Voss, wie er unter den Brocken geriet, wie seine Rippen knackten, wie der Fels ohne ihn weiterrollte und er selbst über den steinigen Grund schlitterte und nur allmählich zum Erliegen kam. Stöhnend rappelte er sich auf, spürte, dass er sich nichts gebrochen hatte, atmete den Schmerz weg und trottete völlig perplex bergab.

Aus einiger Entfernung beobachtete er, wie der Stein die letzten Meter hinab fegte und in der Ebene liegen blieb. Maier steckte eine Stoppuhr weg und Meier drückte ihm einige Geldscheine in die Hand.

Kurz darauf erreichte auch Z.Z. Voss den Grund, zerschunden, atemlos, dehydriert und ausgesprochen hungrig.

»Feierabend für heute«, sagte Meier. »Morgen um acht Uhr geht’s weiter. Ruh dich aus. Du hast noch ein langes Leben vor dir.«

Die Nacht über tat Z.Z. Voss kaum ein Auge zu. Widersprüchliche, Schlaf raubende Fantasien plagten ihn, von Boykott über Flucht bis hin zum Ehrgeiz. Am Ende siegte der Ehrgeiz, und pünktlich um acht Uhr stand er bei seinem Stein und rollte ihn zum Abhang.

Maier setzte einen Haken in ein Formular, das auf einem Klemmbrett lag. »Viel Erfolg«, wünschte er ihm, doch es klang wie: »Bis heute Abend«.

Erneut machte sich Z.Z. Voss an den Aufstieg. Seine Methode, den Stein vor sich her zu rollen, hatte er am Vortag perfektioniert, doch heute machten ihm Muskelkater und die sengende Sonne zu schaffen. Sein Mittagessen nahm er ein, indem er das Wegrollen des Steins mit dem Rücken verhinderte. Er stapfte bergan, bis es dämmerte und sich die Sicht verschlechterte. Ihm wurde bewusst, dass der Aufstieg niemals an einem Tag zu schaffen war und er mindestens einmal irgendwo nächtigen musste. Und dafür brauchte der Fels einen sicheren Ablageplatz.

Doch so lange er auch Ausschau hielt und dabei weiter hinan stieg, nirgends fand sich eine flache Stelle. Schließlich legte sich die Nacht über den Heiligen Berg und Z.Z. Voss setzte seinen Aufstieg bei Sternenlicht vorsichtig fort. Er war so müde, dass ihm die Augen schwerer wurden als der Stein. Seine Arme und Hände spürte er längst nicht mehr, seine Beine und Füße waren steif – und in diesem Augenblick bekam er einen Wadenkrampf, schrie auf, rutschte aus und fühlte diesen seichten Hauch, als der Stein an ihm vorüber rauschte und bergab trudelte. Nur Sekunden später war der Fels in der Dunkelheit verschwunden, bald darauf war auch sein Rollen nicht mehr zu hören.

Wut überkam Z.Z. Voss. Auf diese Weise würde er es niemals schaffen, erst recht nicht, wenn man ihm nicht zwischendurch einen Tag zur Erholung des abgearbeiteten Körpers gönnte. War dieses verflixte Auf und Ab der Schwere seiner Schuld angemessen? Nein, keineswegs, eine solche Schinderei hatte er wirklich nicht verdient.

Erbost verbrachte er die Nacht weit oben auf dem Berg und schleppte sich am nächsten Morgen desillusioniert wieder herab.

Im Tal wartete Meier. »Sie sind zu spät zum Strafdienst erschienen, Herr Voss, ich muss das protokollieren. Konsequenzen müssen Sie allerdings nicht befürchten, da Sie vergangene Nacht besonders lange gearbeitet haben. Meinen Respekt, die Götter wissen Ihren Einsatz sicher zu schätzen.«

»Wollt Ihr mich verarschen?«, keifte Z.Z. Voss. »Kein Mensch wird es jemals schaffen, an nur einem Tag da hoch zu kommen! Früher oder später wird dieser verfluchte Klotz wieder in dieses beschissene Kaff zurückrollen.«

Meier nickte. »Exakt.«

»Und was sollt der ganze Mist?«, schrie Z.Z. Voss, mittlerweile außer sich vor Zorn. »Wollt Ihr zusehen, wie ich zum Rolltrottel mutiere?«

»Ganz unter uns«, raunte ihm der Beamte zu, »Ihre Strategie ist die falsche. Probieren Sie doch mal was anderes.«

»Was anderes?« Z.Z. Voss verschlug es den Atem und er glotzte den Beamten verständnislos an. »Ich dachte, der Stein muss da rauf?«

»Klar, aber gehen Sie doch mal einen anderen Weg.«

»Und welcher sollte das sein?«

»Den Weg des Gesetzes, des Gesetzes der Götter.«

»Sagt mir nichts. Wo geht der lang?«

»Dort hinten durch den Wald.«

Z.Z. Voss‘ Blick folgte dem Fingerzeig des Beamten. Ein ganzes Stück weiter südlich erstreckte sich ein dichter Wald den Hang hoch.

»Das‘n schlechter Witz, oder? Mann, das ist ja ein Dschungel. Ich wollte mir den Weg nicht zusätzlich erschweren, sondern erleichtern.«

»Gemach, gemach«, riet Meier. »Der Anstieg dort ist echt bequemer und Sie finden immer eine Stelle, um den Stein für die Nacht abzulegen.«

»Aber die Bäume?«

»Die Bäume sind zwar unliebsame Hindernisse auf dem Weg der Heiligung. Doch das Gesetz der Götter wird Ihnen den bestmöglichen Weg hindurch weisen. Stück für Stück.« Der Beamte zwinkerte ihm wohlwollend zu.

Z.Z. Voss wog Chancen und Risiken ab und folgte dann dem Rat des Beamten. Er ließ sich von ihm das Gesetz der Götter erklären und merkte sich das Wichtigste: Nicht anderen was wegnehmen, die Finger von verheirateten Frauen lassen, keinen umbringen und auch nicht hauen, gut für Mama und Papa sorgen und vor allem anderen an die Götter glauben und ihnen den Ehrenplatz im eigenen Herzen einräumen. Das meiste davon war zumindest irgendwie nachvollziehbar, fand Z.Z. Voss, und sollte insofern kein Problem für ihn sein.

Also rollte er den Stein in den Dschungel. Und tatsächlich, das Gesetz der Götter wies ihm den Weg durch das Dickicht. Für die Nacht fand er einen geeigneten Schlafplatz, bei dem er auch den Stein sicher abstellen konnte. Und als die Sonne wiederum aufging, machte er sich ermutigt an den weiteren Aufstieg. Es wurde ihm leicht ums Herz, wie er den Stein da vor sich her rollte und immer weiter aufwärts kam, so dass er ins Träumen geriet, was er wohl als erstes tun würde, wenn das alles hinter ihm lag. Sogleich stand ihm die süße Eva vor Augen, die zwar vergeben, aber biegsam und schmiegsam war. Nur am Rande nahm er wahr, dass sich eine Schlingpflanze um seine Fessel legte. Wenige Schritte weiter stockte der verstrickte Fuß und Z.Z. Voss landete auf der Nase. Blätter wirbelten auf, als der Fels abwärts rollte.

Auch in dieser Nacht blieb er auf dem Berg, schlief wie ein Stein, tief und fest, die völlige Leere in seiner Seele sog ihn in traumlose Dunkelheit.

Verwirrt und mit strubbeligen Haaren erschien er am kommenden Morgen am Fuße des Bergs, wo Maier auf ihn wartete. Dieser schätzte seine Verfassung richtig ein und riet ihm mit einer väterlichen Geste: »Glaube an dich selbst, Z.Z., nur dann schaffst du es.« Maier setzte einen Haken in sein Formular, zwinkerte ihm zu und schickte ihn nach Hause.

Dort absolvierte Z.Z. Voss mehrere Tage lang ein verschärftes mentales Training und glaubte schließlich so sehr an sich, dass er zum Berg eilte, den Brocken mit einem gewaltigen Urschrei hochhob, ihn sich auf die Schultern legte und brachialen Fußes den Berg erklomm. Nach zwölf Schritten gelangte er an eine besonders heikle Stelle und kippte hinten rüber.

Der Stein plumpste Maier vor die Füße, der einen Haken in das Formular auf seinem Klemmbrett setzte. »Mensch Z.Z., du musst es wirklich wollen!«, sagte er und verdrehte die Augen.

Z.Z. Voss vergrub seine Faust in Maiers Gebiss.

Am nächsten Tag fühlte sich der Stein noch schwerer an.

Der Beamte, der ihn diesmal empfing, um einen Haken zu setzen, hieß Meyer und war lässig drauf. Das Haar wehte in langen Wellen von seinem jointvernebelten Haupt und er zwinkerte ihm verschwörerisch zu: »Hey Mann, nimm‘s locker. Du hast das Spiel noch nicht durchschaut. Der Stein ist in dir. Er ist nichts als eine Projektion deiner inneren Unvollkommenheit. Ganz ehrlich, Mann? Du wirst niemals oben ankommen. Das hier ist Endstation. Aber kein Grund zur Sorge, echt! Mach das Beste daraus, versteh‘ die Krise als Chance. Mein Tipp für dich? Meditiere, Mann! Setz dich auf den Stein und befreie dich von deinen inneren Lasten. Und dann mach dich auf den Weg. Je höher du mit dem Stein gelangst, desto leichter wird er im kommenden Leben. Es geht nicht um den Gipfel. Es geht um den Weg. Der Weg ist das Ziel, Mann. Verbessere dein Karma.«

Und so begann Z.Z. Voss auf dem Stein sitzend zu meditieren, sich in ihn zu versenken, mit ihm zu verschmelzen, und der Beamte kritzelte einen Haken. Als Z.Z. Voss dann spürte, dass er innerlich befreit war, machte er sich erneut an den Aufstieg. Nicht länger oben ankommen, sondern möglichst weit kommen, damit es ihm im nächsten Leben besser erging, das war das Ziel.

An jenem Abend saß er in der Dämmerung am Hang und sah seinem Stein dabei zu, wie er bergab tollte. Doch diesmal blieb er flauschig, ereiferte sich nicht und ließ auch keine Verzweiflung aufkommen. Stattdessen markierte er die Stelle, bis zu der er heute gelangt war. »Morgen schaffe ich es noch weiter«, sagte er sich. »Und eines schönen Tages, nach einer unbestimmten Anzahl von Wiedergeburten, werde ich ohne Stein den Gipfel erklimmen und Teil der Götterschaft werden.«

Als er tags darauf die gestrige Markierung passierte, wucherte in ihm der verwerfliche Gedanke, dass die zurückgelegte Strecke aber eigentlich schon dicke für eine steinfreie Wiedergeburt reichen müsste. Erst recht, wenn man alle bisherigen Anläufe addierte. Er legte den Stein behutsam zur Seite, ließ sich nieder und begann sein Karma zu berechnen.

Da sprach ihn jemand von der Seite an. »Was machst du da eigentlich?«, fragte ihn ein Mayer, der irgendwie schlau aussah. »Ackerst Tag für Tag mit diesem Felsen den Berg hinauf. Warum?«

»Weil …« Z.Z. Voss kam ins Stocken. Die Frage traf ihn unvorbereitet, war jedoch begründet, wie ihm schien. »Man, äh, hat mich dazu verdonnert.«

»Weißt du, wie man das nennt, was du hier machst?«

Z.Z. Voss schüttelte den Kopf. »Dummheit?«, fragte er zaghaft.

»Fast. Es ist Religion. Der Mensch versucht, sich dem Heiligen zu nähern.«

»Aha?«

»Es ist immer dieselbe Bewegung. Von unten nach oben, von unten nach oben. Ohne durchschlagenden Erfolg. Nicht nur bei dir, sondern bei allen, die es versuchen. Sinnloses Verplempern der Zeit.«

Z.Z. Voss verzog das Gesicht. War das etwa die schreckliche Wahrheit?

Der Mayer fuhr fort: »Wem willst du was beweisen? Dir selbst? Das hast du nicht nötig. Den Göttern? Bei aller Liebe, aber da oben ist niemand mehr. Unbekannt verzogen. Olymp und Sinai sind verwaist, ebenso Helgafell, Göbekli Tepe, Wutai, Meru, Ampato und Kailash. Oder hast du Schiss vor den Beamten? Nein? Dann geh runter und sag ihnen, dass es keinen einzigen verdammten Stein gibt, der irgendetwas mit dir zu hat. Sag ihnen, du streikst.«

Unschlüssig sah Z.Z. Voss ihn an. Gewiss, der Stein war nicht mehr als ein totes Stück Materie. Soweit hatte der Mayer jedenfalls Recht. Unruhe erfasste ihn, denn wahrlich, er hatte lange genug bei diesem Theater mitgespielt. Im nächsten Augenblick ballte er die Fäuste und stand auf. Er war immer noch ein ganzer Kerl und nun war Schluss mit dem Unfug.

Z.Z. Voss klopfte dem Mayer dankbar auf die Schulter und machte sich in kernigen Schritten an den Abstieg, bereit den Beamten da unten so richtig den Marsch zu blasen, Maier und Meier zuallererst.

Als er das Grollen hinter sich vernahm, war es auch schon zu spät. Der Stein begrub Z.Z. Voss unter sich, wickelte dessen Körper um seine Rundung und polterte mit ihm ins Tal.

Völlig geplättet kam er unten an und Maier gab ihm einen Tag frei.

Morgens erschien Z.Z. Voss wieder am Fuß des Berges, um sein Strafmaß zu erfüllen, und ihn überkam schiere Verzweiflung. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich lebensmüde und verfluchte den Stein. Er wünschte sich ein anderer zu sein und schüttelte über sich den Kopf.

Mit einem tiefen Seufzer stemmte er sich gegen den Fels und begann ihn dort hinauf zu rollen, wo er es am ersten Tag versucht hatte. Er kam nicht gut voran, denn seine Kräfte waren geschwunden und sein Ehrgeiz tendierte gegen Null. Gegen Mittag gab er auf, fixierte den Fels mit einem Oberschenkel, rammte das andere Bein fest in den Boden und legte seinen Oberkörper resigniert auf die raue Oberfläche. Schwer atmend glitt sein Blick zur dunstigen Spitze des Berges, über der das Sonnenlicht waberte.

Plötzlich meinte er von dort eine Bewegung wahrzunehmen. Er blinzelte und sah genauer hin. Tatsächlich löste sich ein Schatten aus dem Licht und alsbald konnte er eine Gestalt ausmachen, die den Berg herab kam.

Es war ein Mann. Z.Z. Voss traute seinen Augen nicht. Jemand stieg vom Gipfel hinab, gelassen, festen Schrittes, aufrecht, und er sah nicht danach aus, als jage er einem verlorenen Stein nach. Der Kerl trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: »Jesus hängt seinen Job an den Nagel.«

»Die Götter sind mit dir«, grüßte der Unbekannte.

»Das wüsste ich aber«, grüßte Z.Z. Voss.

»Gibt’s ein Problem?«, fragte der Mann, kniff die Augen zusammen und fixierte sein Gegenüber mit einem freundlichen Blick.

»Ein Problem?«, wiederholte Z.Z. Voss und machte eine hilflose Bewegung mit den Armen. Er wusste ja gar nicht, wo er da anfangen sollte, aber dann bezog er sich auf das Dringendste. »Der Stein hier.«

Der Mann nickte. »Reich mal rüber.«

Z.Z. Voss schob dem Unbekannten den Stein zu. Der nahm ihn, zog ihn an sich, und im nächsten Augenblick zerstob der Fels in einer Wolke aus Staub, die sich alsbald rückstandslos verzog.

Z.Z. Voss hustete und riss gleichzeitig die Augen auf. »Das gibt’s ja nicht.« Plumps saß er auf dem Hosenboden und zog ein dämliches Gesicht. Völlig entgeistert starrte er den Unbekannten an. Was war das?

Doch bevor der Fremde auch nur zur Antwort ansetzen konnte, raschelte es im Gebüsch. Z.Z. Voss nahm es nur am Rande wahr und starrte den Mann fasziniert an. War das wirklich passiert?

Dann knirschte es hinter den Felsen. Z.Z. Voss‘ Augen zuckten und er warf einen ungehaltenen Blick zur Seite, sah eine Bewegung zwischen den Steinen. Aber noch war der Drang stärker, den Zerstäuber vom Berg ungläubig zu begaffen, und er wandte sich ihm wieder zu.

Der Unbekannte stand lächelnd vor ihm und machte einladende Gesten nach allen Seiten.

Erst als es in den Höhlen zischelte, siegte Z.Z. Voss‘ schwacher Geist und er gab seiner Neugier nach. Sein Blick riss sich von dem Fremden los und er sah sich um. Mit Unbehagen stellte er fest, dass sie nicht länger alleine waren. Andere Verurteilte krochen aus allen Ecken und näherten sich zaghaft mit ihren Brocken.

Dass sie Gesellschaft bekamen, behagte Z.Z. Voss überhaupt nicht. »Wer bist du?«, fragte er und versuchte, die anderen zu ignorieren, versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Rate«, sagte der Unbekannte und winkte die anderen zu sich.

Diese kamen näher, zögerlich und unsicher, doch unaufhaltsam. Männer und Frauen, jung und alt, arm und reich, mit ihren Steinen, klein und groß, drängten sich rund um den Unbekannten, nahmen direkt neben, vor und hinter Z.Z. Voss Platz, sahen den Fremden neugierig und erwartungsvoll an.

Z.Z. Voss war plötzlich genervt und irritiert. Wieso hatte er all die anderen Verurteilten zuvor nicht wahrgenommen? Na klar, er war die ganze Zeit über einzig mit sich selbst befasst gewesen. Wie dumm von ihm, denn er hätte sich ja denken können, dass er nicht der einzige Abweichler vom menschlichen Idealbild war und nicht allein auf steinigen Pfaden pilgerte.

Irgendeine Frau fasste sich ein Herz und schob ihren Stein dem Fremden zu. Ein Raunen ging durch die Menge, als ihn der Mann an sich nahm und mit einer staubigen Wolke verschwinden ließ.

»Die Götter sind nah bei Euch«, sagte er. »Ich nehme die Last, die Euch von ihnen trennt.«

Da setzte ein fieberhaftes Gewusel ein und alle hatten es auf einmal eilig, dem Fremden ihre Steine zu geben. Und der Mann nahm sie, nahm sie alle, und er nahm sie alle hinweg.

Eine ungeahnte Euphorie erfasste Z.Z. Voss. Was der Kerl da abzog, war unglaublich, und es beseelte ihn mehr, als mit Eva zu schlafen, es fühlte sich besser an als Maier und Meier die Fresse zu polieren, es erleichterte mehr als der nachlassende Schmerz nach einer Rutschpartie unter dem Stein. Z.Z. Voss ertappte sich dabei, wie er kindisch tänzelte und in die Hände klatschte. Etwas Vergleichbares hatte er noch nicht erlebt. Tatsächlich, die Befreiung war nahe und dieser Mann war die Befreiung.

»Da Ihr‘s nicht zu den Göttern schafft, komme ich halt zu Euch«, sagte der Unbekannte.

»Wer bist du?«, fragte Z.Z. Voss noch einmal.

»Ich bin Einer von Dreien und Drei in Einem«, entgegnete der Mann.

»Keine Ahnung, was du meinst. Geht’s auch einfacher?«

»Was sagst du, wer ich bin?«

»Du verkehrst Religion ins Gegenteil«, stellte Z.Z. Voss fest. »Du kommst von oben nach unten und nimmst uns den Stein vom Herzen.«

Der Mann nickte und zerstäubte weitere Brocken.

Z.Z. Voss stand bei ihm und sah ihm genau auf die Finger, doch er fand nicht heraus, wie er es machte. »Schade«, murmelte er, »das wäre ein schickes Geschäftsmodell gewesen.«

Die befreite, sorglose Stimmung griff um sich und hielt überraschend lange an – bis von unten herauf ein Tumult zu hören war. Z.Z. Voss blickte sich um und sah eine Schar von Beamten den Berg hinan eilen. Voran Maier und Meier.

»Das darf er nicht!«, schrie Maier, »Unhold!«, wetterte Meier.

Die Beamten kamen näher und fuchtelten mit ihren Waffen.

»Er nimmt die Steine hinweg, vernichtet die Schuld! Das dürfen nur die Götter!«, keuchte Maier, blieb bei der Ansammlung von Verurteilten stehen und hielt sich atemlos die Seite.

Doch der Mann vom Heiligen Berg nahm ungerührt weitere Steine an sich und ließ sie verschwinden.

Da trat Meier vor, warf sich in die Brust und tönte: »Kraft des mir verliehenen Amtes verklage ich Sie der unerlaubten Anmaßung und spreche Sie der Götterlästerung schuldig.« Er fächelte Staub von seinen Offiziersabzeichen und Orden.

Teile der Menschenmenge wurden nervös und selbst Z.Z. Voss fragte sich, ob es womöglich Unrecht war, was der Mann mit den Steinen tat. Nahm er ihnen etwas Entscheidendes weg und betrog sie? Schon begannen einige zu murren und meckern. Dann flammte Zorn unter ihnen auf, wütende Gesichter waren zu sehen, Menschen, die ihre Steine an sich rissen, sie nicht länger von irgendwem antasten lassen wollte.

»Meier hat recht«, rief ein Mann, »der Stein ist ein Teil von mir. Niemand darf ihn so einfach zerstören.«

Meier holte Luft und sagte mit weithin vernehmbarer Stimme: »Aufgrund der Schwere Ihres Vergehens und in Ermangelung der Möglichkeit zu einem ordentlichen Verfahren verurteile ich Sie zur Pein durch den Stein!«

Das war der Dammbruch. »Steinigt ihn!«, riefen einige und rollten ihre Brocken von allen Seiten auf und über den Unbekannten.

»Hört auf«, schrie Z.Z. Voss und sprang dazwischen, erreichte jedoch nichts außer schmerzliche Tiefschläge. »Schluss damit, Ihr steinreichen Dummköpfe«, fluchte er. »Er ist doch unsere einzige Chance!«

Aber es nutzte nichts. Andere schlossen sich dem Krawall an und immer mehr machten mit. Es gab ein entsetzliches Tohuwabohu, der Mann vom Berg versank in einer Wolke aus Dreck und Gestein. 

Erst als der Staub sich legte, erkannten sie, dass der Unbekannte leblos am Boden lag und sämtliche Steine ins Nichts aufgegangen waren. Sie waren einfach verschwunden. Atem- und ratlos standen die Menschen herum und wussten sich keine Erklärung, spähten verschämt auf den geschundenen Körper des Fremden.

Z.Z. Voss fiel auf die Knie, fühlte vergeblich nach Puls und Herzschlag.

»Gehen wir«, sagte Meier und die Menge setzte sich in Bewegung, marschierte in sich gekrümmt zurück ins Tal. Niemand trug mehr die Last eines Steines und dennoch schien keiner froh darüber zu sein. Aus der Ferne sah Z.Z. Voss, wie sie am Fuß des Berges begannen, sich neue Brocken zu bauen, und er schüttelte fassungslos den Kopf.

Nur wenige blieben zurück. In stillem Einvernehmen hoben sie den Fremden auf, trugen ihn in eine Höhle, betteten ihn dort so gut es ihnen möglich war und rollten mit gemeinsamer Anstrengung einen besonders schweren, großen Fels vor das Grab. Danach trauerten sie, trauerten den ganzen Tag, trauerten bis in die Nacht hinein. 

Auch den nächsten Tag harrten sie dort aus und verdrängten den Gedanken daran, wie es weitergehen sollte. Als sie aber am darauffolgenden Morgen erwachten, musste eine Entscheidung gefällt werden.

»Un‘ nu‘?«, fragte Z.Z. Voss. »Rauf oder runter?«

Die anderen zuckten ratlos die Schultern, sahen rauf, sahen runter. Bis jemand aufsprang und schreiend auf das Grab zeigte. Alle Köpfe flogen herum und absolute Stille kehrte ein.

Der Stein war weg. Das Grab lag offen vor ihnen.

Z.Z. Voss stürzte sich in den Eingang und sah sich um, sah nichts und niemanden, sah zurück zu anderen. »Er ist weg.«

Erschrocken und ratlos schauten alle einander an.

Da löste sich aus dem göttlichen Nebel der Bergesspitze eine Gestalt und blieb dort mit offenen Armen stehen. »Keine Sorge!« Worte aus der Ferne sanken zu ihnen herab. »Ich erwarte und begleite Euch.«

»Ha!« Z.Z. Voss schlug sich auf die Schenkel. Wieder erfasste ihn diese Erleichterung, die offenbar nur der Fremde schenken konnte. Ungetrübte Freude. »Ich wusste es!«, rief Z.Z. Voss. »Er lebt! Der Kerl ist nicht totzukriegen. Bei dem beißt der Tod auf Granit.« Dann rief er den Berg hinauf: »Steig herab, Herr.«

Doch der Unbekannte wandte sich zum Gehen und antwortete: »Ich gehe zurück zu dem, der mich gesandt hat. Aber als Geist werde ich bald unter Euch sein.«

»Was?« Z.Z. Voss kratzte sich am Kopf. Er musste sich verhört haben.

Aber als er sah, wie der Mann sich entfernte und den Berg hinan stieg, rief er ihm hinterher: »Ja, aber … Was sollen wir jetzt tun?«

»Ich habe Euch gerettet. Das glaubt.«

»Und das ist alles? Müssen wir nicht …«

»Kein Müssen«, fiel ihm der Unbekannte ins Wort. »Denn es ist ja bereits alles erledigt.«

»Aber ...«

»Kein aber!« 

»Aber wenn …«

»Kein Wenn, kein Wenn-Dann. Alles ist getan, Ihr gehört zu mir. Darauf verlasst Euch.«

Und Z.Z. Voss verstand. Er lächelte erleichtert und sah dem Unbekannten nach, bis das Licht des Himmels ihn aufgenommen hatte. Dann klopfte er sich den Staub aus den Klamotten und begann auf diesem Fels eine Gemeinde zu bauen.

Läufer

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Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Wenn er nicht sofort anhielt, endete es mit einem Asthma-Anfall. Nur noch diesen Hügel, nur noch diesen verdammten Hügel. Schritt um Schritt kämpfte er sich aufwärts. Er blickte weder links noch rechts. Die Schönheit des Waldes war jetzt gleichgültig. Nur sein Atem und der sandige Boden, unter dem Wurzeln und Steine lauerten, waren existenziell.

Endlich erreichte Jago die Anhöhe, verlangsamte seine Schritte und ging direkt auf den nächstliegenden Baum zu. Sein Blick schwirrte gehetzt hin und her, blieb nirgends hängen. Er streckte den Arm aus und stützte sich schwer an der schrundigen Borke ab. Der Atem raste, er bekam dennoch zu wenig Luft. Er sah zu Boden, er sah in die Baumkronen, schaute sich um. Nur langsam gewann die Umgebung wieder an Schärfe. Jago zwang sich, ruhiger zu atmen, ein, aus, ein, aus. Auf dem Ast direkt neben ihm auf Schulterhöhe war etwas. Er schloss die Augen, ein, aus, ein, aus. Sein Herz schlug gnadenlos weiter. Er öffnete die Augen wieder. Auf dem Ast war etwas.

Die Mutation hatte ihm schwerer zugesetzt als gedacht. Zwei Wochen hatte er mit Fieber im Bett gelegen und eine weitere Woche gewartet, bis er wieder laufen ging. Heute zum ersten Mal. Vielleicht war es noch zu früh gewesen. Leichtsinnig. Es war allgemein bekannt, wie lange die Krankheit nachwirken konnte und dass die allzu frühe Rückkehr zum gewohnten Work-Out tödlich enden konnte.

Erst als Jago spürte, dass sein Atem sich beruhigte und der Anfall ausblieb, warf er einen klaren Blick auf den Ast. Darauf lag etwas. Beinahe unsichtbar, so perfekt war es an die Umgebung angepasst. Im Vorbeilaufen hätte er es nicht gesehen. Ein Teil des Baumes war es nicht. Die Oberfläche war glatt, beinahe rund und so groß wie seine Hand. Ein Pilz, ein verirrter Pilz auf einem Ast. Er musste der Versuchung nicht widerstehen, für ihn wuchsen echte Pilze nur im CoolGrower des Supermarkts. Champignons, Pfifferlinge, Steinpilze. Frisch geschnitten direkt aus der Deckerde.

Kurz darauf war es soweit. Er konnte zum ersten Mal tief durchatmen und genoss den Augenblick, an dem sein Körper wieder unter Kontrolle war. Ohne den Baumstamm loszulassen, beugte er sich vornüber, sah den Schweißperlen zu, wie sie von der Stirn tropften und winzige Meteoriteneinschläge im Sand verursachten.

Als er den Kopf hob, sah er den Pilz von unten. Der hatte Füße statt eines Stiels. Jago kniff die Augen zusammen. Was war das denn? Neugierig schob er sich näher hinan und sah noch einmal genauer hin. Zwei zierliche Füße waren zu erkennen, die am unteren Ende etwas hatten, das sich offenbar in der Rinde festkrallte. Er neigte den Kopf seitwärts um das Ding herum und entdeckte auf der anderen Seite zwei weitere Füße. Oder sagte man Ausleger? Stelzen? Beine?

Jago richtete sich auf und sah herab. Ein Spielzeug? Er löste seine Hand vom Baum und schob sie langsam auf das Ding zu. Seine Fingerkuppen berührten die Oberfläche. Sie war glatt wie Plastik und warm wie Metall in der Sonne. Vorsichtig strich er über das Material, dessen Farben den Ast grandios imitierten. Das Ding bewegte sich keinen Millimeter, als wäre es tatsächlich Teil des Baumes.

Nur kurz dachte Jago daran, einfach weiterzulaufen, doch sein Herz schlug noch zu schnell und die Neugier siegte.

Das Kind in ihm gab den nächsten Impuls. Er legte die Hand flach auf die Oberfläche, umklammerte mit den noch feuchten Fingerspitzen den Rand und zog. Sofort ließ er wieder los. Es war, als hätte sich das Material seiner Kraft gebeugt, schmiegsam, doch faktisch saß das Ding bombenfest auf dem Holz.

Jago trat einen Schritt zurück und ertappte sich dabei, dass er ratlos wie ein kleiner Junge vor einem Wunder der Natur stand. Und dass er nicht wusste, wie es weiterging oder ob es überhaupt wichtig genug war.

Er klopfte mit den Fingernägeln, dann mit dem Knöchel auf das rätselhafte Objekt. Es gab Geräusche, doch sie blieben nichtssagend. Nicht hohl, nicht massiv, vielleicht Metall, vielleicht Plastik.

Dann sah er vom Hügel herab auf den Weg, den er zurückgelegt hatte, und auf die Strecke, die noch vor ihm lag. Zum Glück war er allein, wollte sich ungern die Blöße geben, dass eine Joggerin ihn auslachte, weil sie natürlich korrekt einordnen konnte, was das hier war.

Jago zückte sein Smartphone und machte einige Bilder. Selbst auf den Fotos war es nur schwer zu erkennen. Lediglich eine der Aufnahmen war wirklich brauchbar. Er hatte sie unmittelbar von vorne gemacht hatte und auf ihr waren die Füße zu sehen.

In einem Anflug von Ungeduld grapschte er erneut nach dem Ding und riss es vom Ast. Jago war überrascht, dass es sich löste, ließ los, fiel rückwärts zu Boden und stieß sich den Ellenbogen an einer Wurzel.

»Verflucht!«

Er setzte sich auf, rieb sich den Arm, und dann hing das Ding plötzlich direkt vor seinem Gesicht in der Luft. Jago zuckte zusammen und stieß sich weg. Es folgte ihm.

»Eine Drohne«, rief er. »Es ist nur eine Drohne.«

Die Lösung des Rätsels war ebenso einfach wie nachvollziehbar. Jungs auf der Schwelle zur Pubertät, die ihrem Drang nach Überlegenheit freien Lauf ließen, oder ein Perverser, der auf spannende Augenblicke zwischen Mann und Frau im Dickicht des Waldes hoffte. Und jetzt störte Jago die Pläne.

»Aber wo hast du deine Kamera?«, murmelte er und inspizierte die Drohne. Außer der glatten Oberfläche war nichts zu erkennen. Insgesamt sah das Ding aus wie Raumschiff Enterprise ohne diese Chickenwings, eine elegante und geheimnisvolle Blechdose. Aber da! Ein Fuß fehlte. Jago hatte zu fest an ihr gerissen. Was für ein Pech.

Ihm fiel auf, dass die Ummantelung der Drohne weiterhin mit Licht und Schatten, Bäumen und Blättern, Himmel und Sonne spielte. Fast als wäre sie transparent, durchscheinend. Und dann wurde ihm bewusst, dass es keine Rotoren gab. Das Ding schwebte über ihm ohne einen erkennbaren Antrieb, Flügel, Düsen oder Propeller. Es konnte keine Drohne sein.

Jago spürte einen Anflug von Unbehagen. »Was bist du?«, flüsterte er.

Langsam erhob er sich und vermied jede hastige Bewegung. Das Ding umkreiste ihn mehrmals, beinahe lautlos, taxierte offenbar seine Erscheinung. Jago war klar, dass seine unbedachte, übergriffige Aktion durchaus als Akt der Aggression wahrgenommen werden konnte. Musste er nun selbst mit einer Attacke rechnen?

Er sah sich nach einem Stock um, konnte jedoch keinen finden. Unter seinem Schuh aber lag ein Stein, halb verborgen im Sand. Jago ging in die Knie und nestelte ihn aus dem Boden. Er lag gut in der Hand, schwer und glatt.

Breitbeinig und mit abgewinkelten Armen begann nunmehr Jago, das Ding zu umkreisen. Es wich ihm aus, machte blitzschnelle Manöver und hielt sich außerhalb seiner Reichweite. Feindseligkeit zeigte es nicht.

Und dann hörte er sie. Die Joggerin, der er hier fast immer begegnete. Leichten Schrittes lief sie den Hügel hoch und stutzte, als sie ihn dort stehen sah in klassischer Wildwestmanier wie ein Kopfgeldjäger im Duell.

»Was machen Sie denn da?« Sie lächelte.

»Dieses Ding da ...« Jago fuchtelte mit dem Stein.

Sie kam näher, tänzelte auf der Stelle und schien interessiert. »Ein Baby-Ufo. Das ist ja niedlich. Passen Sie nur auf, dass Sie nicht geschrumpft und ins All entführt werden.« Sie lachte und lief weiter.

Jago sah ihr nach. Verwirrt. Ein Ufo? So klein? Niemals. Und doch suchten seine Augen die Umgebung ab. Was wäre, wenn das Ding nur ein Shuttle des sehr viel größeren Mutterschiffs war? Womöglich saß ein einzelnes Alien in diesem winzigen Ding und kundschaftete die Gegend aus. Allerdings war der Gedanke an Mini-Außerirdische noch grotesker als es die Situation ohnehin schon war. Aber vielleicht war das Objekt unbemannt und tatsächlich eine Drohne. Wieder sah er sich um. Ergebnislos.

In der Ferne bog die Joggerin um eine Ecke und war außer Sicht. Jago spürte, wie die Anspannung von ihm wich. Der letzte Blick auf ihren süßen Po hatte ihn in die Realität zurückgeholt und es war sonnenklar, dass er gerade zum Narren gehalten wurde. Sein Blick suchte das Ding. Es hing neben ihm in der Luft, als hätte es ebenfalls der Frau nachgeschaut. Er ließ den Stein fallen. Nach einem bevorstehenden Kampf sah das hier nicht aus.

»Und nun?« Jago betrachtete den schimmernden Teller in der Luft. »Für ein echtes Ufo entsprichst du ein bisschen zu sehr den Erwartungen. Bis auf deine Größe. Du bist tatsächlich eine Fliegende Untertasse.«

In einiger Entfernung wurde es erneut laut. Er wandte sich um und sah eine größere Gruppe junger Männer, die in großen Sätzen den Hügel emporliefen. Der Wald wimmelte von Joggern. Wie immer um diese Tageszeit.

Noch einmal wollte sich Jago nicht blamieren, ging in die Hocke und tat so, als schnürte er sich die Laufschuhe zu. Im Augenwinkel sah er, dass das Ding hinter ihm im Sand landete. Es versteckte sich.

»Aus dem Weg!«, rief jemand, als die ersten Läufer ihn erreichten.

Unbeholfen machte Jago Platz und fluchte: »Ganz schön rücksichtslos!«

»Bleib friedlich, Bruder.«

Jago hörte knirschende Geräusche. Einer der Männer stolperte, fluchte, lief aber weiter. Im nächsten Augenblick war die Gruppe an ihm vorbei und strebte lässig der Niederung entgegen.

»Mist!« Jago fuhr herum und sah nach dem Ding. In der Luft war es nicht zu sehen. Seine Augen hefteten sich auf den Boden. Sie mussten nicht lange suchen. Da lag es. Von Sand bedeckt. Zermalmt zwischen Laufschuhen und dem Stein, den er fallen gelassen hatte.

Jago nahm es in die Hand, strich den Sand von der Oberfläche. Man konnte noch erkennen, dass es zuvor rund gewesen war, doch davon abgesehen hatte es jede Form verloren und der faszinierende Schimmer war einem belanglosen Grau gewichen. Es bewegte sich nicht mehr. Was auch immer es gewesen sein mochte, jetzt war es kaputt. Irgendwie war Jago enttäuscht. Für einen Augenblick hatte sich sein Geist einer erweiterten Realität geöffnet und war nun doch wieder da, wo er immer war. Ts, Baby-Ufo, lachhaft. Behutsam legte er das Ding an den Wegesrand und stand auf. Vielleicht holte es jemand ab.

Für einige Augenblicke blinzelte er in die Sonne und hing seinen Gedanken nach. Dann lockerte er Arme und Beine. Der Atem ging wieder normal. Er war soweit. Und lief los.

Die Flagge des Überlebenden

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Es war an der Zeit, den Bunker zu verlassen. Das Wasser stand bereits knöcheltief auf dem Betonboden, der sich bei jedem Schritt in eine glitschige Gefahr verwandelte. Gregor fluchte auf den Bauunternehmer, der viel Geld für eine Zuflucht erhalten hatte, aus deren Schleuse es nun seit zwei Tagen tropfte. Er fragte sich, was da oben geschehen war. Es musste sintflutartig geregnet haben, anders war das viele Wasser nicht zu erklären. Die Meeresküste war fast hundert Kilometer entfernt. Beunruhigend war allerdings auch die Tatsache, dass die Armee seit zwei Tagen nicht mehr erreichbar war. In den Wochen zuvor hatte sie wenigstens Durchhalteparolen ausgegeben: »Bleiben Sie in Sicherheit! Wir geben Bescheid, wenn wir wieder zuschlagen.« Seit das Wasser in den Bunker tropfte, schwieg die Armee. Etwas Unvorhergesehenes musste vorgefallen sein.

Gregor band den Rucksack an ein Seil, denn mit dem wulstigen Gepäck auf dem Rücken würde er nicht durch die Schleuse kommen. Der Rucksack war mit allem vollgestopft, was er in den nächsten Tagen zum Überleben brauchte: Lebensmittel, Wasser, Kleidung, seine Waffen. Er würde ihn hochziehen, wenn er erst einmal draußen stand. 

Der Strahlenschutzanzug, in dem Gregor steckte, war lästig, aber zumindest einigermaßen leicht. Er warf einen letzten Blick auf die Hinterlassenschaften seinerFamilie, die es nun nicht mehr gab, und stieg die Leiter hinauf. Vielleicht würde auch er die nächsten Tage nicht überleben. Er wusste nicht, was ihn dort oben erwartete, er hatte keinen Plan, kein Ziel.

Das stählerne Rad der Schleusentür ließ sichzuerst kaumbewegen, doch mit jedem Ruck gab es ein wenig leichter nach und der Wasserzufluss von draußen verstärkte sich. Ihm dämmerte, dass der Bunker womöglich in kürzester Zeit volllaufen würde, wenn er die Schleuse erst geöffnet hatte. Dann gab es kein Zurück mehr, und alles Weitere musste wahrscheinlich innerhalb von Sekunden entschieden werden.

Schließlich fand das Rad keinen Widerstand mehr. Gregor atmete tief durch und drückte den Deckel nach oben. Es war schwerer als gedacht. Sofort strömte Wasser herein und Gregor wäre beinahe von der Leiter gerutscht. Er wandte alle Energie auf und drückte die Schleuse vollends auf. Mit voller Wucht traf ihn eine schiere Flut und er klammerte sich an die Streben. Mühsam kämpfte er sich die letzten Stufen nach oben, überwand die Kraft des Wassers, die ihn zurück in den Bunker zwängen wollte, und stieg aus. Noch auf den Knien stellte er fest, dass er unter Wasser war. Dort, wo er den Anblick seines Hauses und des üppigen Gartens erwartet hatte, umfing ihn ein trüber Strom. Reflexartig erhob er sich und sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche. Als die letzten Tropfen über die Glasscheibe seines Helms rannen, breitete sich Entsetzen wie eine Welle in ihm aus.

Gregor stand bis zum Kinn im Wasser, das sachte an seinen Helm schwappte. Um ihn herum war nichts mehr, nichts mehr außer Wasser. Sein Haus, der Garten, die Siedlung der Vorstadt und die Stadtselbst mit ihren Hochhäusern, sie alle waren verschwunden. An ihre Stelle war ein See, nein, ein Meer getreten.

In ihm wurde es still. Andächtig betrachtete er die nahezu spiegelglatte Oberfläche des Wassers, die sich bis zum Horizont erstreckte. Regensatte Wolken zogen langsam über ihn dahin. In der Ferne hatte sich die aufgehende Sonne einen Platz am Firmament erobert und schickte goldene Strahlen auf eine Welt, deren Oberfläche träumerisch glitzerte. Der Anblick war ein Traum, ein apokalyptischer Alptraum, herrlich und erschreckend zugleich.

Der Wasserspiegel gluckerte vor seinem Gesicht. Ihn erfasste Einsamkeit, als wäre er allein auf der Welt, als schritte er durch ein nasses Grab. Oder warteten unter den Fluten weitere Menschen darauf, die Bunker verlassen zu können und endlich wieder das Tageslicht zu erblicken?

Gregor zog den Rucksack zu sich hoch, löste das Seil, wickelte es auf und schulterte beide. Wohin sollte er gehen? Er drehte sich um und sein Blick fiel auf den Höhenzug, der sich einst jenseits der Stadt erhoben und weit ins Hinterland erstreckt hatte, nun aber wie eine rettende Insel bis zu hundert Meter aus dem Wasser ragte. Wie grotesk, dies war der einzige Ort, der blieb. Um ihn zu erreichen, musste er etwa zehn Kilometer durch die Flut waten.

Jetzt fiel ihm auf, dass das Wasser in Bewegung war. Es floss nach Osten, der Sonne entgegen. Die Hügellandschaft aber lag im Westen, so dass er gegen die Strömung gehen musste. Nur mit viel Kraft und viel Glück würde er noch heute dem Wasser entkommen. Das Wasseraber war nur das eine Problem. Das andere war das, was sich unter dem Wasser befand. Die Stadt konnte sich kaum in nichts aufgelöst haben. Überall um ihn herum mussten Trümmer liegen, die seinen Weg nicht nur erschwerten, sondern auch gefährlich machten. Bei jedem Schritt musste er damit rechnen, sich zu verletzen. Unter den gegebenen Umständen wäre das vielleicht sein schnelles Ende.

Etwas in Gregor setzte sich in Bewegung, beinahe automatisch machte er sich auf den Weg. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und wandte sich der Insel zu.Es lief sich überraschend gut über die Trümmer seines Hauses. Und es lief sich bedrohlich schlecht durch ein Gewässer, das ihm bis zur Nase reichte und nur durch ein Spezialglas ferngehalten wurde.

Meter um Meter arbeitete er sich vorwärts. Es war ein Glück, dass er über einen gut trainierten Körper verfügte, andernfalls hätte er mit dem schweren Rucksack und dem Strahlenschutzanzug allzu bald schlapp gemacht. So aber kam er vergleichsweise gut voran. Obgleich es erst früher Morgen war, fragte er sich, wie es bei einsetzender Abenddämmerung weitergehen sollte. Er konnte nicht die Nacht hindurch laufen, ohne einen Orientierungspunkt, und außerdem musste auchein Kerl wie er irgendwann eine längere Pause einlegen. Gregor hatte fiel Zeit, dieses Problem zu erörtern und ihm fiel keine Lösung ein, alsostrengte er sich umso mehr an, zügig voran zu kommen.

Je länger er das schier unendliche Wasser durchpflügte, desto drückender wurde das Wasser vor seinem Gesicht. Und die Einsamkeit. Die Sonne verschwand hinter Wolken, es setzte Nieselregen ein, der sich auf das Glas seines Helms setzte und seine Sicht zusätzlich erschwerte. Die ganze Situation war unwirklich. Eine furchtbare Katastrophe musste über das Land gezogen sein, ohne dass er es mitbekommen hatte. Offenbar war dabei alles vernichtet worden, Mensch, Tier und jegliche Zivilisation.

War er womöglich der einzige Überlebende, zumindest in diesem Landstrich?Kein Vogel zeigte sich am Himmel, kein Insekt umschwirrte seinen Kopf. Er war das einzig sichtbare Zeichen von Leben. Die absolute Stille wurde nur vom Rauschen und Glucksen seines Anzugs im Wasser unterbrochen. Nicht einmal Wind zerrte an ihm.

War dies das Ende? Das Ende seines Landes, seines Volkes, seines Krieges? Vielleicht hatte sich sogar die ganze Menschheit einen Schlusspunkt gesetzt. Der Gedanke beunruhigte ihn, denn es blieb eine zentrale Frage offen, und dem Anschein nach war niemand mehr da, den er um Antwort bitten konnte.

Sein Fuß stieß gegen einen harten Gegenstand und er stolperte, ging unter und strampelte, kam jedoch wieder hoch. Das trübe Wasser ließ keinen Blick auf den Grund zu, aber es schien doch nicht alles pulverisiert zu sein. Irgendwas war da noch. Er nahm sich vor, wieder vorsichtiger zu laufen.

Schon wenige Meter weiter knickte sein Fuß um, als er auf eine unebene Stelle trat. Es war deutlich zu spüren, dass sich durch die Berührung Gegenstände in Bewegung setzten. Er lief über Trümmer, die Überreste seiner Heimatstadt. Gregor keuchte, spürte einen Hauch von Angst. Zu viel Wasser. Immer noch bis zur Nase.

Im nächsten Augenblick blubberte es um ihn herum und etwas schoss an die Wasseroberfläche. Es war ein Klumpen Mensch. Die stark verweste Leiche drehte sich um die eigene Achse und trieb dann mit dem Gesicht nach oben an ihm vorbei. Gregor sah das aufgequollene Fleisch und die blinden Augen, nicht aber, woran die Person gestorben war. Er schaute dem Toten nicht hinterher, sondern konzentrierte sich strikt auf seine Schritte. Das Leben machte den Unterschied zwischen ihm und der Leiche. Es gab keinen Grund, den Tod anzustarren, aber es gab einen Grund, am Leben zu bleiben. Er hatte einen Eid auf die Flagge der Allianz geschworen, hatte sich verpflichtet, sein Land vor ihren Feinden zu schützen. Gregor musste herausfinden, ob dieser Schwur noch seinen Einsatz erforderte oder ob bereits alles getan war. Es galt eine Frage zu klären, und von der Antwort hing alles andere ab.

 

~

 

Als sich die Sonne zum zweiten Mal zeigte, stand sie hoch am Himmel. Gregor war seit Stunden ohne eine Pause unterwegs. Die Insel am Horizont war bereits ein gutes Stück näher gekommen, und doch war es fraglich, ob er sie bis zum Abend erreichen würde.

Er blieb stehen und sah sich um. Das Wasser funkelte im Licht der Sonne, doch der Anblick war erdrückend. Wie ein riesiges Leichentuch hatte sich das Meer über eine zerstörte Stadt gebreitet und alles Leben unter sich begraben. Nicht einmal ein einziger zerfetzter Baumstumpf war auszumachen. Gregor spürte, wie der Drang in ihm aufstieg, sich ebenfalls bestatten zu lassen. Sich einfach fallen zu lassen und zu sterben.

Schnell wandte er sich wieder der Insel zu, die als Fremdkörper aus dem Reich der Toten ragte. Dort gab es Bäume, dort gab es Wege, dort gab es vielleicht sogar noch Leben.

Gregor bemerkte, dass es nun zentimeterweise aufwärts ging, und mit einem Mal reichte ihm das Wasser nur noch bis zur Schulter. Er schien auf einen besonders ebenen und festen Untergrund gestoßen zu sein. Das Gehen fiel deutlich leichter. Er kniff die Augen zusammen und versuchte sich anhand des Höhenzuges und seiner Erinnerungen zu orientieren. Es mochte sein, dass er sich auf der ehemaligen Bundesstraße befand, die jenseits der Stadt auf ziemlich gerader Strecke direkt in die Hügelkette geführt hatte. Wenn es so war, dann kam es darauf an, den Weg nicht wieder zu verlieren, denn nun kam er merklich schneller vorwärts.

Zugleich wurden die Abstände zwischen seinen lebensmüden Gedanken immer kürzer. Er versuchte sich damit zu trösten, dass er vor seinem Tod womöglich noch eine heilige Pflicht zu erfüllen hatte. Ob dem aber wirklich so war, musste er erst herausfinden – und dafür weiterleben.

Weitere Stunden verstrichen und Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu. Ihr Licht blendete seine Augen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Mittlerweile konnte er seinen eigenen Schweiß riechen, lüften oder sogar ausziehen durfte er den Anzug nicht. Was auch immer geschehen war, er bildete den einzigen Schutz vor einer vielleicht tödlichen Umwelt.

 

~

 

Es wurde Abend und die Insel lag als dunkler Schatten vor dem dämmerigen Hintergrund des Himmels. Gregor war eine lange Zeit der Straße gefolgt und hatte ihre Spur erst vor kurzem verloren. Seither schleppte er sich durch kniehohes Wasser und war zum Umfallen müde. Entgegen seiner Annahme würde es ihm doch gelingen, trockenen Boden zu erreichen, bevor es gänzlich dunkel war.

Er hatte den ganzen Tag weder getrunken noch gegessen und war am Ende seiner Kräfte. Seine Blase war bis zum Rand gefüllt, doch er mochte dem Drang nicht nachgeben und in seinen Anzug nässen. Als er erkannte, dass sich der Boden weiter hob und er nur noch bis zu den Waden durch Wasser lief, mobilisierte er letzte Energiereserven und beschleunigte seine Schritte.

Da durchfuhr ihn ein dumpfer Schmerz, der im rechten Fuß ansetzte und im Kopf pulsierte. Sein Bein zuckte zurück. Er war in etwas Spitzes getreten, vielleicht in einen Nagel. Mühsam atmete er den Schmerz weg und doch blieb eine Empfindlichkeit gegen jede weitere Berührung, gegen jeden weiteren Schritt, und Gregor wusste, dass mit einer solchen Wunde nicht zu spaßen war. Wasser, Dreck und verseuchte Atmosphäre konnten aus ihr schnell eine tödliche Verletzung machen. Vergeblich versuchte er, sich an seine letzte Tetanusimpfung zu erinnern.Dann spürte er, wie Wasser durch das Loch in der Sohle in seinen Anzug sickerte, und eilte weiter.

Eine halbe Stunde später hatte er endlich trockenen Boden unter den Füßen und sank auf die Knie.»Geschafft«, murmelte er.

Vor ihm lagen eine Wiese, die sich sachte aufwärts erstreckte, und dahinter die ersten Bäume. Gregor rappelte sich auf und ging das letzte Stück, bis er Schutz im Wald fand. Vor wem er sich hier geschützt fühlte, vermochte er nicht zu sagen.

Sein Fuß begann wieder zu schmerzen, zwar nicht übermäßig, aber lästig. Im Augenblick konnte er allerdings nichts dagegen unternehmen. Zuerst musste er den Geigerzähler aus dem Rucksack fischen und einige grobe Strahlungsmessungen durchführen, bevor er es wagen konnte, den Anzug auszuziehen. Womöglich war die Gegend hoffnungslos verstrahlt, und er musste im Anzug bleiben.

Angesichts des quälenden Harndrangs erledigte er die Messungen sofort. Der Geigerzähler befand sich in einem Seitenfach des Rucksacks. Er schaltete das Gerät an und schritt seine Umgebung ab, den Sensor stets dicht am Boden oder den Bäumen.

Zu seiner Überraschung war kaum eine Strahlung feststellbar. Um sicher zu gehen, vergrößerte er den Radius, doch nirgends schlug der Zeiger nennenswert aus. Gregor überlegte, ob der stundenlange Kontakt mit Wasser oder zumindest mit Feuchtigkeit dem Gerät zugesetzt hatte. Die Elektronik des Gerätes schien immerhin einwandfrei zu funktionieren.

Dies war nun ein Augenblick, der über Leben und Tod entschied. Setzte er sich der Strahlung aus, die der Geigerzähler womöglich nicht mehr korrekt maß, würde er in den kommenden Tagen einen qualvollen Tod sterben. Blieb er im Anzug, konnte er seinen Fuß nicht versorgen, musste bewusst einnässen und würde weiterhin seinen schweißigen Geruch ertragen müssen. Die Antwort kam von seiner Blase, die plötzlich unerträglich puckerte. Gregor öffnete hastig die Schnallen und wasserdichten Membranen, zerrte an Reißverschlüssen sowie Knöpfen und stand alsbald halbnackt vor einem Baum und verrichtete seine Notdurft. Die Erleichterung war unbeschreiblich. Nach einem anstrengenden Tag traf er es besser an, als zu erwarten gewesen war.

Sein Magen knurrte. Aus den Tiefen seines Rucksacks kramte er ein eingeschweißtes Bohnengericht und eine Flasche Wasser. Beide schmeckten furchtbar, doch sie stillten seine vorrangigen Bedürfnisse. Morgen würde er die Höhenzüge erklimmen und ein Tier schießen. Ihn verlangte nach Fleisch. Abrupt hielt er inne und lauschte. Doch es war kein Geräusch zu vernehmen, das auf Leben schließen ließ. Vielleicht lag es aber auch an der Nacht, dass nicht einmal ein Vogel zu hören war.

Nach seiner Mahlzeit versorgte er die Wunde im Fuß. Es sah danach aus, als hätte er Glück, sie schien sich nicht zu entzünden. Dennoch musste er insgesamt höchst vorsichtig sein, denn er war allein und konnte sich nicht auf die Hilfe von Sanitätern und Stabsärzten verlassen.

Schließlich ließ er sich auf den Rücken fallen und genoss die frische Luft. Er würde nun einfach schlafen und morgen weitersehen. Seine Hand tastete nach dem Rucksack und zog ihn heran. Träge zog er eine Decke heraus und legte sie über sich. Den Kopf bettete er auf einige Pullover. Dann löste er sein Maschinengewehr vom Rucksack, nahm ein Magazin und ließ es einrasten. Ein wohliges Gefühl der Sicherheit übermannte ihn. Ganz gleich, ob er am nächsten Tag an Fleisch kam oder nicht, er würde einen Höhenzug der Insel erklimmen und dort die Flagge der Allianz hissen. Und dann würde sich vielleicht auch die Frage klären, die ihm förmlich unter den Nägeln brannte. Es dauerte, bis er einschlafen konnte.

 

~

 

Am nächsten Morgen begann Gregor den Aufstieg ins Innere der Insel. Er kannte die Gegend aus unzähligen Ausflügen der Vergangenheit. Für ihn, seine Familie und tausende andere war dieser Höhenzug ein Naherholungsgebiet gewesen. Dass er ihn nun als Insel betrachtete und mit ganz anderen Augen sah, irritierte ihn. Alles schien fremd zu sein, obgleich er bald eine Straße fand, die er früher oft gefahren war. Er folgte ihr und kam immer höher. Schon bald erreichte er einen Parkplatz, der verlassen da lag. Gregor legte den Rucksack auf einer Bank ab und wandte sich um.

Von hier aus hatte man bis vor kurzem einen wunderbaren Blick auf die Stadt, ihre alten Kirchen und die bescheidene Skyline gehabt. Stattdessen hingen nun dichte, graue Wolken über einer schier unendlichen Wassermasse. Gregor war beeindruckt. Der Mensch hatte das Angesicht der Welt verändert. Blieb die Frage, wie es anderswo aussah.

Gerade wollte er sich den Rucksack wieder aufbürden, als er das Zwitschern eines Vogels hörte. Dankbar sog er das Geräusch auf. Es gab noch Leben außer ihm. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren, vielleicht hatte der Krieg am Ende einen Sinn gehabt und auch seine Kämpfe waren womöglich wichtig gewesen.

Sein Magen begann zu knurren. Ihn verlangte nach Fleisch. Den Vogel würde er nicht jagen können, und die Ausbeute wäre auch lächerlich, aber er nahm sein Maschinengewehr zur Hand, entsicherte es, und hoffte auf einen guten Schuss.

Nach einem längeren Marsch gelangte er an die ersten Kuppen des Höhenzuges und suchte nach einer lichten, möglichst weithin sichtbaren Stelle, um die Flagge zu hissen. Er wollte die Insel für sein Volk in Besitz nehmen und verteidigen, wenn es darauf ankam.

Schräg links vor ihm schien ein geeigneter Ort zu sein. Offenbar hatte ein Sturm zwischen den Bäumen gewütet und eine Art Lichtung geschaffen. Gregor musste lediglich den Wald durchqueren.

Die Waffe in beiden Händen machte er sich auf den Weg, schlug sich ins Unterholz und versuchte dabei, möglichst leise zu sein, um das Wild, das hier vielleicht noch lebte, nicht zu verscheuchen.Vorsichtig schob er sich Schritt für Schritt durch Bäume und Büsche, konnte jedoch keinerlei Anzeichen eines Tieres entdeckten. Im Wald war es noch düsterer und Gregor nahm zur Kenntnis, dass die Bäume nach wie vor Laub trugen. Was auch immer geschehen war, es hatte den Wald nicht vernichtet.

Kurz darauf sah er den Himmel zwischen den Bäumen und wusste, dass er sich der Lichtung näherte. Mit ein wenig Glück aste dort ein Reh. Vorsichtig zwängte er einige tief hängende Äste zur Seite und schob sich ins Freie. Tatsächlich musste hier irgendeine Naturgewalt getobt haben, denn mehrere große Bäume lagen wirr am Boden. Zwischen ihnen gab es einige Stellen, die für die kommende Nacht ein gutes Versteck und Schutz vor Wind boten.

Gregor suchte den Platz nach einem geeigneten Ort ab, an dem er die Flagge hissen konnte, und erstarrte.

Auf der anderen Seite stand ein Mensch.

Gregor ließ sich auf die Knie fallen und hatte sofort das Gewehr im Anschlag. Unter ihm knackte ein Ast und der Mensch fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen erkannte dieser den Ernst der Lage und verschwand hinter einem der umgestürzten Bäume. Sekunden später sah Gregor den Lauf eines Gewehres, das sich über die Stämme schob. Ein Schuss fiel nicht. Tief in seiner Deckung versteckt, suchte Gregor den Waldessaum nach weiteren Personen ab. Doch außer einem Uniformmantel, der an einem Ast hing, war nichts dergleichen zu sehen. Dieser aber ließ keinen Zweifel.

Der Mann dort drüben war sein Feind.

Gregor überlegte, wie er ihm möglichst ungefährdet den tödlichen Schuss verpassen konnte. Er war ein gut ausgebildeter Infanterist, eine tödliche Maschine, wenn es darauf ankam. Den Mann dort hinten fürchtete er nicht.

Doch da überkam ihn ein ungewohnter Gedanke: Was wäre, wenn sie beide die einzigen Menschen auf der Insel wären, die beiden einzigen Überlebenden? Wäre es dann klug, ihn zu erschießen?

Im selben Augenblick winkte eine Hand von drüben. Das Gewehr bewegte sich. Der Mann stand auf, das Gewehr lässig in der linken Hand.

Lächle!, dachte Gregor, dann weiß ich, dass du eine Chance hast.

Der Mann lächelte.

Gregor erhob sich.

Beide erkannten sich als Gegner, beide sahen einander unsicher an.

»You don’t shoot me?«, fragte der Soldat.

Als Antwort streckte Gregor seine Waffe weit von sich und lehnte sie gegen einen der Baumstämme.

»You obviously fight for the alliance«, stellte der andere fest. »Where are you from?«

»I’m German. I defend my country.«

»Ah, du bist ein Deutscher.« Der Mann hatte einen fremden Akzent. »Ich habe früher einige Jahre in Deutschland gearbeitet, in Bremen.«

»Bremen war eine schöne Stadt. Dein Deutsch ist übrigens gut.«

»Es fällt mir leichter als Englisch.«

»Ich heiße Gregor.«

»Mein Name ist Jyrki.«

»Was tust du hier?«

»Überleben. Meine Einheit wurde aufgerieben. Viele sind in der Welle ertrunken. Ich bin der einzige Überlebende.«

»Ich hatte Zuflucht in einem Bunker gefunden, aber das Wasser drang ein. Also habe ich mich hierher gerettet.«

Jyrki stopfte sich eine kleine Frucht in den Mund. Beide schwiegen.

»Was ist geschehen?« Vielleicht war dies die einzige Gelegenheit, eine Antwort auf seine Frage zu bekommen. Gregor nahm sich vor, diplomatisch vorzugehen, denn falls ... Er wollte Jyrki nicht unnötig aufbringen.

»Ich weiß es auch nicht genau. Aber sie haben die Bomben geworfen. Viele. Nicht alle haben ihr Ziel erreicht. Nicht alle hatten die beabsichtigte Wirkung.« Mit einem süffisanten Grinsen wies Jyrki auf das endlose Wasser am Horizont. »Möchtest du ein paar Beeren?«

Gregor zögerte.

»Ich esse das Zeug schon seit Wochen. Sie sind okay. Man wird nicht krank davon.«

Gregor wagte einen Schritt auf seinen Feind zu, stieg über einen Baum und nahm seine Waffe nicht mit. Jyrki kam ihm entgegen und streckte ihm eine Handvoll Heidelbeeren entgegen. Dann standen sich beide gegenüber. Jyrki war kleiner als Gregor und stämmiger.

Gregor nahm ein paar der Beeren. »Danke.« Er steckte sie sich in den Mund und genoss den fruchtigen Geschmack. Der gewaltige Hunger auf Fleisch holte ihn wieder ein. »Hast du Tiere hier auf der Insel gesehen?«

Jyrki lachte. »Du nennst das hier eine Insel? Seltsam, mir kam der gleiche Gedanke. Aber nein, Tiere habe ich nicht gesehen. Du willst doch nicht etwa Fleisch ...?«

Gregor winkte ab. »Von den Beeren werde ich nicht satt.«

»Du gewöhnst dich daran.«

Gregor wollteja eigentlich seine Frage loswerden.

»Was wirst du tun?«, fragte Jyrki.

»Ich suche meine Armee.«

»Wo willst du suchen? Hier auf der Insel sind deine Leute nicht. Ich habe in den letzten Tagen alles durchforstet. Du bist der erste Mensch, der mir begegnet.«

Gregors Mimik entgleiste. Das war genau die Nachricht, die er nicht hören wollte. Es sah offenbar schlecht aus für seine Armee. »Und was wirst du tun?«

»Abwarten. Ich komme hier nicht weg und wüsste auch nicht, wohin ich mich wenden sollte. Also bleibe ich einfach hier und hoffe darauf, dass sich die Dinge wieder zum Guten wenden.«

Diese Vorstellung machte Gregor nervös. Er wollte handeln. Kämpfen.

»Schließen wir einen Waffenstillstand für die Übergangszeit?«, fragte Jyrki.

»Einverstanden.«

Jyrki machte eine einladende Geste und die beiden Männer nahmen Platz auf dem Boden, lehnten sich gegen einen Baumstamm und aßen Beeren.

»Hast du Familie?«, fragte Gregor.

»Ich weiß nicht, vielleicht habe ich noch eine. Und du?«

»Ich hatte Frau und zwei Kinder.«

»Was ist aus ihnen geworden?« Jyrki blickte, als wüsste er die Antwort bereits.

»Mein Bruder hat sie gegessen.«

Jyrki sah ihn mit großen Augen an. »Und was ist mit deinem Bruder ...?«

»Ich habe ihn gegessen.«

Jyrki rückte entsetzt von ihm ab. »Bist du wahnsinnig?«

Gregor bedauerte plötzlich, dass er seine Waffe dort hinten hatte liegen lassen.

Jyrki war fassungslos. »Du kannst doch kein Fleisch essen. Wie kannst du nur Fleisch essen! Die Strahlung! Das ganze Gift setzt sich im Gewebe fest. Womöglich wirst du sterben.«

Gregor machte eine gelassene Handbewegung. »Es ist schon Wochen her. Es hat mir nicht geschadet.«

Jyrki schien nicht davon überzeugt, dass Gregor überleben würde. Dann zuckte er mit den Schultern. »Na gut, es ist auch dein Problem, nicht meines.«

»Was ich ... Was ich eigentlich fragen wollte«, setzte Gregor unsicher an.

Jyrki sah ihn erwartungsvoll an.

»Versteh mich bitte nicht falsch, ich will dich nicht verletzen.«

»Nun sag schon.«

»Haben wir den Krieg gewonnen?«

Diesmal lachte Jyrki lauthals los. »Du weißt nicht, wer gewonnen hat, aber du gehst insgeheim davon aus, dass wir verloren haben?« Er wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Mal im Ernst, Gregor: Was interessiert dich das noch? Sieh dich um. Es ist vorbei.«

Ärgerlich schüttelte Gregor den Kopf. »Es muss nicht überall so sein.«

»Vielleicht. Aber meinst du wirklich, dass es irgendwo noch eine Rolle spielt, wer gewonnen hat? Wir können froh sein, dass wir leben. Wir können froh sein, dass wir anständige, gesunde Männer geblieben sind, keine Schweine, keine Krüppel. Ab sofort gelten wieder andere Maßstäbe.«

Gregor schüttelte den Kopf. »Du irrst. Ja, wir sind Mensch geblieben. Und umso wichtiger ist es zu wissen, wer gewinnt.«

Jyrki sah ihm forschend ins Gesicht. »Ich verstehe. Du willst wissen, ob ich vor dir auf die Knie gehen muss, oder du vor mir.«

 

~

 

Es wurde Abend, und Gregor hatte ein Feuer entfacht. Die besten Stücke röstete er zuerst und genoss jeden Bissen. Sorgsam achtete er darauf, dass ihm nichts verbrannte, denn bis auf weitereswürde er davon leben müssen. Er hörte sich selbst genüsslich schnaufen und schmatzen.

Heute Nacht würde er gut schlafen. Er nagte den Knochen säuberlich ab und warf ihn weg. Neben ihm flatterte die Flagge der Allianz im Wind.

Satt und zufrieden.

Da knackte es hinter ihm und eine Stimme sagte: »Täällä se nuotio on!«

Gregor warf sich zur Seite und riss die Waffe an sich.

Aus dem Wald traten Soldaten. Die anderen.

Gregor ging auf die Knie, doch noch bevor er den ersten Schuss abgeben konnte, traf ihn die Kugel. Sie riss ein Loch in seine Brust und Gregor sackte zu Boden.

Der Schmerz war ungeheuerlich. Gregor begann zu schreien. Sein ganzer Körper, sein ganzes Sein war plötzlich Schmerz, gellender Schmerz.

»Tuo on hullu. Se syö sitä lihaa.«

Gregor wälzte sich im Moos und brüllte. Er wollte nur eins: dass der Schmerz aufhörte. Sofort.

»Yhden meistä.«

Dann begann sein Leib zu zittern. Ein heftiges Schütteln entzog ihm die Kontrolle über seinen Körper. Der Schmerz ließ nicht nach. Gregor schrie.

»Ei tähän voi jäädä. Mennään eteenpäin, ennen kun tulee pimeä.«

Wie durch einen Schleier sah Gregor, dass sich einer der Soldaten neben ihn kniete und ihm sanft mit der Hand über die Stirn strich: »Lepää rauhassa. Lähdetään. Et tartte meitä enää.«

Gregor kreischte ihn an und streckte eine blutige Hand nach ihm aus.

Dann waren die Soldaten weg und Gregor wünschte sich den Tod.

Er brüllte.

Er brüllte.

Er brüllte, bis das Blut seine Stimme erstickte.

Plötzlich war es vorbei. Er fühlte sich wie im Rausch. Warum nur hatte er den Soldaten nicht gefragt, wer den Krieg gewonnen hatte. Er musste es wissen. Er musste einfach wissen, ob er als Verlierer oder als Sieger starb.

Da fiel sein Blick auf die Flagge. Der Feind hatte sie offenbar keines Blickes gewürdigt. Friede durchflutete ihn. Er hatte gewonnen. Hier hatte er einen Triumph für die Allianz errungen. Die Insel blieb unter ihrer Flagge. Sieg!

Der Jeschua-Schrein (Auszug)

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Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt. Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.

Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff. 

»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.

»Die Petraea zieht steuerbord vorbei«, schrie Rí Vlothus zu dem anderen hibernischen Segler hinüber. »Die Rathlín hält sich backbord«, ergänzte er mit Blick auf seinen Steuermann. Das zurückgefallene römische Schiff brachte seine Kanonen sicher schon in Stellung. »Haltet Abstand!«, brüllte Rí Vlothus, so dass es auch noch auf der abschwenkenden Petraea zu hören war.

Die Römer sandten den ersten Gruß. Ein Schwall von Pfeilen schwirrte durch die Luft. Doch gegen den Wind kamen sie nicht an, und die meisten landeten in den Wogen. Rí Vlothus spürte die Gischt auf seinem wettergegerbten Gesicht. Er lächelte, als die Rathlín einen weiten Bogen um den schweren Römer zog. Auch die Petraea kam zügig voran. Die Legionäre an Deck des gegnerischen Schiffes tauschten Pfeil und Bogen gegen klobige Hakenbüchsen. Meter um Meter zogen die hibernischen Segler an dem Schlachtschiff vorbei.

Da kam Bewegung in die Legionäre. Befehle wurden erteilt. Der erste kritische Augenblick war gekommen. Kurz darauf erzitterte die Luft unter den Breitseiten des römischen Schiffes. Todbringend zog ein metallisches Geräusch durch die Luft. Eine Kanonenkugel erreichte die Rathlín, zerfetzte die Reling und riss zwei Krieger in den Tod. Rí Vlothus schickte ein Stoßgebet zum Himmel und reckte den Hals, konnte über das römische Schiff hinweg aber nur die Segel der Petraea erkennen. Der Rauch des Mündungsfeuers lag noch in der Luft. Auch das Schwesterschiff war beschossen worden. Weiter und weiter glitt die Rathlín am Feind vorbei, bis sie ihn endlich überholt hatte. Als auch die Petraea unbeschädigt aus dem Schatten des gegnerischen Schiffes auftauchte, stieß Rí Vlothus triumphierend den Arm in die Luft. Sogleich richtete sich sein Blick auf das Schiff, das nur eine kurze Strecke voraus auf der Flucht war. Es konnte nicht entkommen. Er stieß einen ermunternden Schrei aus und zeigte in die Rahen. Seine Mannschaft verstand. Einige kletterten in die Masten und ließen lange Taue nach unten fallen. Andere befestigten Enterhaken an Bord des Schiffes. Mit pochendem Herzen sah Rí Vlothus, wie sich die Männer bewaffneten. Säbel, ein leichter Schild, der eiserne Helm mit seiner Furcht erregenden Maske.

Der Steuermann bewegte den Segler direkt auf den Römer zu. Immer näher kamen sich die Gegner. Kanonenrohre ragten aus dem Rumpf des römischen Schlachtschiffes und glänzten in der Sonne. Plötzlich stand eine Traube von Legionären am Heck und feuerte eine Salve ab. Hastig duckten sich die hibernischen Krieger hinter die Holzaufbauten.

Die Erschütterung riss Rí Vlothus beinahe von den Beinen, als die Schiffe zusammenstießen und der hibernische Segler knirschend am Rumpf des Feindes entlang schleifte. Die Krängung erfasste beide Schiffe und trieb sie wieder ein Stückweit auseinander.

»Enterhaken!«, schrie er und zog sein Schwert.

Die metallenen Krallen schwirrten durch die Luft und verbissen sich im römischen Holz. Aus den Masten und vom Deck schwangen sich die Hibernier auf das gegnerische Schiff. Andere ergriffen die Seile der Enterhaken und hangelten sich hinüber. Salve um Salve schossen die Römer aus ihren Büchsen. Dann krachte eine Breitseite mit voller Wucht in die Rathlín. Holz splitterte, Schreie hallten, Blut und zerfetztes Fleisch mischten sich mit dem Meerwasser.

Rí Vlothus ahnte, dass dies das Ende seines Schiffes war. Er griff nach einem Tau und schwang sich mit wütendem Geschrei hinüber zum Feind. Mit beiden Füßen landete er auf dem gegnerischen Deck und verstummte.

Kaum eine Planke, auf der nicht ein hibernischer Fuß stand. Aber seine Leute kämpften nicht länger. Die Legionäre rotteten sich eilends zusammen und bildeten eine kleine Schildkrötenformation. Zu seinen Füßen entdeckte Rí Vlothus einen römischen Centurio. In seinem Hals klaffte eine tiefe Wunde. Er war tot. 

Es dauerte einen Augenblick, bis Rí Vlothus verstand, warum die Römer nicht kämpfen wollten. »Eterniten«, murmelte er und atmete erleichtert auf. 

Jeschua hatte Friedfertigkeit gepredigt, und Rí Vlothus war seit Tagen bedrückt, weil um des Schreines willen Menschen sterben mussten. Doch nun war der Kampf vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie auf römische Eterniten stoßen konnten, die den Kampf ebenso scheuten wie er. Nun sah er mit eigenen Augen, was er bislang nur als Gerücht gehört hatte. Dass die römische Armee durch die Sekte unterwandert und stark geschwächt war.

Tief in seinem Innern regte sich Misstrauen. »Durchsucht das Schiff!«, befahl er. Es konnte nicht sein, dass die Römer den Schrein diesem laschen Haufen anvertraut hatten. Ruckartig wandte er sich um und hielt Ausschau nach dem zweiten römischen Schlachtschiff. Er stampfte mit dem Fuß, als er sah, dass es abgedreht hatte und gegen den Wind nach Nordwesten kreuzte.

Das Warten zog sich hin, während seine Krieger das Schiff durchsuchten. Die Römer kämpften nicht und hielten ihre Reihen dicht geschlossen. Die Rathlín sank, und die Taue, die sie mit dem Kriegsschiff verbanden, knirschten am Holz. Das römische Schiff hatte bereits leichte Schlagseite, als die hibernischen Krieger schließlich meldeten, dass es keine Spur vom Schrein gab.

Rí Vlothus blickte stumm zum Himmel und sagte dann: »Alle Mann auf die Petraea und zurück nach Hibernia. Man hat uns reingelegt.«

Chrodigildis (Auszug)

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Ein laues Lüftchen raschelte in den Baumkronen, Vögel zwitscherten und der Wachposten schnarchte. Davon abgesehen war es still. Edo stand auf dem Wall und sah einem Buchfink nach, der seinen Schiss auf der filzigen Haarpracht des schlafenden Kriegers hinterlassen hatte und jetzt aufgeregt über das Dorf hinweg davonstob.

Harun lag verschlafen in der Morgensonne, die schon zu dieser frühen Stunde Schwüle über das Flachland breitete und den Dunst aus Wiesen und Wäldern trieb. Eine mächtige Eiche stand inmitten des Dorfes und überragte mit prächtigem Grün alle Bauten und Wälder. Östlich der Siedlung zog die Eems vorbei, doch der riesige Baum und zwanzig bis dreißig große, gepflegte Häuser, die sich bis nah ans Ufer erstreckten, verdeckten die Sicht auf den Fluss. Edo war beeindruckt. Die Siedlung schien wohlhabender zu sein, als er zunächst gedacht hatte.

Er drehte sich um. Landeinwärts bot der Wall dem Dorf Schutz. Die Sonne warm im Rücken, blickte er über die Palisaden, hinter denen eine feuchte Wiese lag, an die sich ein Wald anschloss.

Zwischen den Bäumen stand eine Leiche. Sie sah gespenstisch aus, weil der Boden dampfte und den Körper in einen leichten Nebel hüllte. Aber es war eindeutig eine Leiche und sie stand zwischen den Bäumen. Edo sah die hässliche Wunde am Hals. Auch das Gesicht wirkte geschunden. Um alles ganz genau betrachten zu können, hätte er das Dorf verlassen und sich dem Toten nähern müssen. Doch im Unterholz des Waldes lagerten die Verfolger und denen wollte er nicht allein begegnen. Immerhin war ziemlich klar, wer die Leiche an den Waldrand gestellt hatte.

Chlothar und sein Heer waren bekannt dafür, dass sie Gefangenen das zweite Rückgrat gaben. Ein langer, starker Holzpfahl wurde mit kräftigen Schlägen vom Gesäß aus durch den Leib bis in den Kopf getrieben. So konnte man die Gefangenen einfach in die Erde pflocken. Vorausgesetzt, der Boden war nicht zu weich und nicht zu hart. Niemand wusste zu sagen, woher Chlothar diese Angewohnheit hatte, denn kein anderer Frankenfürst und erst recht kein Friesenstamm durchbohrte seine Feinde wie Wild am Feuer. Aber man erzählte sich, dass Chlothar mit seinen Mannen weit herumgekommen war, bevor die angelsächsischen Missionare ihm die Sinne verwirrt hatten.

Onno schien fest zu stehen. Allerdings waren Chlothars Schergen beim Pfählen nicht sorgfältig vorgegangen, denn der Spieß war oberhalb des Brustbeins ausgetreten und hatte dann ein Stück weiter oben den Kiefer durchbohrt. Aber auch so saß der Kopf fest auf dem Pfahl und die Wunde am Hals war gut zu sehen.

Edo kratzte sich die Brust und für einen Augenblick dünstete die Tunika den Geruch von Fett, Bier und Blut aus. Onno war sein Halbbruder und jetzt hatte er das zweite Rückgrat. Chlothar war zwar zum christlichen Glauben konvertiert und die Christen sagten, man dürfe nicht töten, dennoch hatte er Onno pfählen lassen. Edo war bewusst, dass er selbst nicht der Hellste war, und vielleicht verstand er etwas falsch, aber irgendwie passte das nicht zusammen. Es sei denn, dass Chlothar sich bei Kriegszügen doch noch lieber auf die Götter verließ, die auch Edo anrief.

Sein Kopf schmerzte. Die vergangene Nacht war furchtbar gewesen. Mehr als zwei oder drei Stunden hatte er nicht geschlafen. Ein Wunder, dass er überhaupt zur Ruhe gekommen war. 

Er trat dem Wachposten derbe gegen die Schulter. Dieser kippte auf den Rücken, schrak zusammen und sprang auf die Beine, das Sax schon in der Hand. Als er Edo erkannte, zuckte ein Lächeln um seine Lippen.

Edo durfte seine Leute treten, denn er war der Sohn des Friesenfürsten Affo, der zur selben Zeit weiter im Norden auf seinem Gutshof saß und die Rückkehr seiner Söhne Edo und Onno erwartete.

Mit einer knappen Bewegung des Kopfes wies Edo hinüber zu seinem Halbbruder.

Der Wachposten sah die Leiche im Wald stehen und murmelte: »Bei Wotan.«

»Weck die Leute«, befahl Edo.

Die Wache sprang vom Wall und eilte in das große Gästehaus. Edo wusste, dass er zunächst Luebbo wecken würde, den obersten der Krieger. Im Wald regte sich nichts. Waren Chlothar und seine Männer noch dort? Vielleicht hatte ihnen der tote Onno gereicht und sie waren abgezogen. Siedend heiß fiel Edo die Geisel ein und er schalt sich einen Dummkopf. Onno, Luebbo und er hatten Chrodigildis geraubt. Beim Gedanken an sie fing Edos Herz an zu pochen. Chlothar würde niemals ohne seine Tochter heimkehren. Die Verfolger waren ganz sicher noch im Wald und harrten der Dinge, die nun kommen mussten. 

Edos Blick suchte das Haus, in dem sie Chrodigildis eingesperrt hatten. Auch dort schien es ruhig zu sein.

Doch dann stürmte Luebbo aus dem Gästehaus und rannte zum Wall, gefolgt von einigen seiner Leute. Schwer atmend spähte er über die Palisaden und schwieg. Erst nach wenigen Augenblicken schien er Edo wahrzunehmen und sagte achtlos: »Sei gegrüßt.«

»Ich grüße dich auch«, antwortete Edo und wartete ab.

»Verfluchte Tat.« Luebbo starrte wie gebannt auf Onnos Leiche. Sein üppiger Schnauzbart bewegte sich in kleinen Wellen, und Edo wusste, dass Luebbo auf seiner Unterlippe kaute. »Und duck dich!«

Sofort ging Edo ein wenig in die Knie. Wieder hatte er vergessen, wie groß er war, ein Baum von einem Mann mit Muskeln wie ein Pferd. Sein Oberkörper ragte deutlich über die Palisaden hinaus und gab ein leichtes Ziel für Chlothars Pfeile ab. Er wusste, dass Frauen seine Gestalt und sein klares Gesicht liebten, aber nicht jede kam mit seinem Verstand zurecht, der manchmal zu wünschen übrig ließ. Edo kam sich blöde vor, wie er da so krumm hinter der Palisade stand, und richtete sich wieder auf. Chlothars Schützen würden ihn auf diese Distanz nicht treffen.

Links und rechts von ihnen stiegen immer mehr Männer auf den Wall und blickten zum Wald hinüber. Das blanke Entsetzen und unterdrückte Wut waren ihnen deutlich anzusehen.

Dann schnellte Luebbo herum. »Was ist geschehen?« Als Edo nicht sofort antwortete, verdrehte Luebbo die Augen und fragte: »Wo ist die Wache?«

»Hier«, sagte einer der Männer und schaute betreten zu Boden.

»Also?« Luebbo war gereizt. »Was hast du gesehen?«

»Nichts. Es war dunkel.«

»Du hast geschlafen.«

»Nein«, log die Wache trotzig.

Edo spürte, dass seine Anwesenheit wie so oft keine Rolle spielte und dass der Mann die Unwahrheit sagte, obwohl Edo dabei stand und es besser wusste.

»Die Nacht war sternenklar.«

»Ich habe weder etwas gesehen noch etwas gehört.«

Nach und nach trauten sich auch die Dorfbewohner näher zu kommen, um einen Blick nach draußen zu werfen.

»Verschwindet!«, schrie Luebbo sie an. »Oder ich lasse euch alle einen Kopf kürzer machen.«

Die Haruner Dörfler rotteten sich zusammen und begannen zu tuscheln, zogen sich aber nicht zurück.

»Störrisches Volk«, grummelte Luebbo. »Du und du.« Seine Pranken zeigten auf zwei der Krieger. »Ihr geht da raus und schaut euch um. Und wenn möglich: Holt Onno da weg, ohne euch abstechen zu lassen.«

Da regte sich Edos Widerstand. »Warte.«

Luebbo sah ihn fragend an.

»Onno ist tot. Jetzt folgen die Männer meinem Befehl.«

Luebbo war sichtlich überrascht. 

Sämtliche Krieger richteten ihre Augen auf die beiden Männer.

Edo ergänzte: »Und auch du folgst mir.«

»Dir?« Luebbo schien fassungslos.

Die Krieger wurden unruhig.

Edo schwieg und sah sich unter den Seinen um. Es war nur recht, was er vorbrachte. Lediglich ein kleiner Hinweis, um allen die neue Rangordnung zu verdeutlichen. Er wusste, dass er einen schweren Stand hatte und musste wenigstens dieses eine Mal alles richtig machen.

Edos Mutter hatte seine Geburt nicht überlebt. Affo, sein Vater, war trotzdem über alle Maße stolz auf seinen Erben gewesen. Doch kurze Zeit später brachte Affo eine schöne Fremde heim, die er auf einem Kriegszug in die heißen Länder erbeutet hatte, und zeugte mit ihr Onno. Es stellte sich schnell heraus, dass Onno stark und schlau und einfach der Bessere von beiden Söhnen war. Schon bald sah Affo in Onno seinen Nachfolger und bevorzugte ihn in jeder Hinsicht. Auch die Krieger liebten Onno und behandelten ihn wie den künftigen Fürsten. Edo aber musste sich damit abfinden, dass er seinem Bruder unterlegen war und fortan das Nachsehen hatte.

Doch jetzt stand Onno zwischen den Bäumen und hatte das zweite Rückgrat. Das änderte schlagartig alles, vor allem aber die Rangordnung.

»Ja.« Luebbo atmete tief durch. »Ja, natürlich. Und was schlägst du vor?«

»Wir schicken zwei Haruner raus.«

Die Krieger murmelten zustimmende Worte.

Luebbo gab sich geschlagen. »Gut.« Er nickte seinen Leuten zu.

Drei der Männer gingen auf die Dorfbewohner zu, schnappten sich einen jungen Mann sowie einen buckligen Alten und zerrten sie zum Tor. 

Sofort regte sich Widerstand. Männer und Frauen des Dorfes eilten den friesischen Kriegern hinterher, zerrten an ihren Armen und versuchten, die beiden Haruner zu befreien. 

Luebbo fluchte, sprang vom Wall und preschte mitten in das Handgemenge. »Schluss jetzt!«, schrie er und gab einem der Haruner eine derart gepfefferte Ohrfeige, dass dieser rücklings zu Boden fiel. »Es sei denn, Ihr wollt unsere Franziska im Schädel haben.« Drohend wie ein Gewitter stand er unter den Einheimischen und wirbelte spielerisch die Axt herum.

Die Haruner verstummten. Sie waren unbewaffnet und hatten keine Aussicht auf erfolgreiche Gegenwehr.

Einer der friesischen Krieger zog das hölzerne Tor auf und stieß die beiden Dörfler hinaus. Dort blieben sie stehen und sahen sich hilflos um.

»Vorwärts!« Luebbo war richtig böse und Edo fragte sich, ob das wohl auch an der geänderten Rangordnung lag.

Langsam und in gebückter Haltung schritten die zwei Männer über die Wiese auf den Wald zu. Edo fand den Anblick des gebeugt gehenden Buckligen grotesk. Sein runder Rücken ragte in die Luft wie der fette Wanst eines alten Weibes auf dem Lager. Doch niemand lachte. Stattdessen stellten sich die Haruner hinter das Tor und beobachteten von dort ängstlich das Geschehen. Die friesischen Krieger hingegen starrten gebannt über die Palisade.

»Schneller!«, drängte Luebbo.

In diesem Augenblick sirrte der erste Pfeil durch die Luft und bohrte sich in den Buckel. Der Mann fiel vornüber und rollte zur Seite. Hinter Edo setzte lautes Geschrei ein. Der junge Haruner ließ sich zu Boden fallen und verschwand halbwegs im hohen Gras. Dann begann der Bucklige zu stöhnen und sich zu wälzen. Der Pfeil in seinem Rücken wippte hin und her. Ein zweiter Pfeil verfehlte den Buckel, war aber tödlich. Der Mann zuckte noch einmal und blieb dann still liegen.

Die Dorfbewohner setzten sich aufgebracht in Bewegung, vergaßen offenbar die Besatzer ihres Dorfes und wollten den Ihrigen zur Hilfe eilen. Doch die friesischen Krieger bedrohten sie erneut mit ihren Waffen und geboten ihnen Einhalt.

Da löste sich Heriman, der Dorfälteste, aus der kleinen Menge. »Holt wenigstens den Jungen zurück.«

Die Friesen grinsten und bildeten eine Mauer zwischen den Dörflern und dem Tor.

»Dann wollen wir selbst gehen und unsere Männer holen«, bot Heriman an.

»Auf keinen Fall«, erwiderte Luebbo. »Sonst nutzt Chlothar das Durcheinander und stürmt das Dorf.«

»Wehe Euch, denn Ihr habt einen der Dorfältesten auf dem Gewissen.« Heriman zog ein düsteres Gesicht. »Aber tausendmal wehe Euch, wenn dem Jungen ein Leid geschieht, denn der Junge ist Berohart, mein Sohn.«

»Er kommt zurück!«, rief eine Frau.

Alle Blicke wandten sich der Wiese vor dem Dorf zu. Der Jüngling kroch eng am Boden liegend langsam zum Tor zurück. Der eine oder andere Pfeil schwirrte über Berohart hinweg und sorgte für angsterfülltes Klagen unter den Frauen, aber Edo schien es, als ob Chlothars Mannen sich nur einen Spaß erlaubten.

»Lasst ihn herein«, sagte er. »Onnos Leiche wird er nicht bergen können.«

Als Berohart schließlich innerhalb des Walles angelangt war, schloss einer der Krieger hinter ihm das Tor. Heriman und eine junge Frau hasteten auf ihn zu und richteten ihn auf. Zu dritt suchten sie eilig Schutz in den Reihen der Ihrigen.

Luebbo sah provozierend zu Edo herauf: »Was machen wir nun?«

»Komm mit. Wir beraten uns in deiner Hütte.« Edo wartete keine Reaktion ab, sondern stieg vom Wall und ging durch die Einheimischen hindurch, die ihn hasserfüllt ansahen. Er betrat das Haus, in dem Luebbo letzte Nacht geschlafen hatte. Es roch nach geräuchertem Fisch. Und obwohl Edos Halbbruder gepfählt im Wald stand, knurrte sein Magen. Manchmal hasste er sich für seine Einfalt.

Hinter ihm kam Luebbo herein. Beide setzten sich zu Boden und schwiegen.

Edo hoffte, dass sein Bauch keine allzu lauten Geräusche von sich gab, denn er befürchtete, dass ihm das als Gleichgültigkeit gegenüber dem toten Onno ausgelegt würde. Heimlich sah er sich nach Vorräten um, die womöglich von der Decke hingen, konnte jedoch keine entdecken. Also konzentrierte er sich auf sein Gegenüber.

Luebbo war ein guter Mann. Man sah sein Gesicht mit den hellen, blauen Augen, der prachtvollen Haarmähne und schenkte ihm sogleich Vertrauen. Er war nicht übermäßig groß, aber sehr gewandt, schnell und durchaus kräftig. Affo schätzte seinen klaren Verstand und seine Treue.

Edo wollte das Gespräch auf Onno lenken, musste aber feststellen, dass sein Kopf leer war. Er suchte nach einem Gedanken, den er äußern konnte, doch außer »Fisch« fiel ihm nichts ein.

Schließlich sagte Luebbo sanft: »Du hättest die beiden Haruner nicht da ‘raus schicken dürfen.«

»Ich wollte unsere Männer nicht gefährden.«

»Unsere Männer sind Krieger. Sie sind bewaffnet und haben große, feste Schilde. Sie wissen sich zu schützen. Sie wissen, wie man so etwas macht. Und sie hätten sich rechtzeitig zurückgezogen.«

Edo wusste, dass Luebbo recht hatte, aber er wusste auch, dass sein Befehl die Zustimmung seiner Leute gefunden hatte. Und ihre Zustimmung war genau das, was er jetzt brauchte.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, sagte Luebbo: »Mir ist bewusst, dass du die Männer für dich gewinnen willst, aber sei vorsichtig, dass du die Haruner nicht allzu sehr gegen dich aufbringst. Sie sind Sachsen, abergläubisch und versoffen, aber auch aufsässig und kriegerisch und sie werden sich wehren, wenn wir es zu weit treiben.«

»Die Haruner sind Fischer. Sie bauen gute Boote, aber sie sind keine Krieger. Wir haben hier nichts zu befürchten.«

Luebbo seufzte. »Gut, wie du meinst. Aber wir haben immer noch Chlothar im Nacken. Und von ihm droht Gefahr. Vielleicht halten die Dörfler zu ihm.«

»Chlothars Mannen haben den Buckligen getötet. Die Haruner wissen, dass sie zwischen verfeindete Stämme geraten sind. Sie werden still halten.«

»Womöglich haben sich die Dorfbewohner längst auf Chlothars Seite geschlagen. Hast du noch nicht darüber nachgedacht, wer Onno verraten und ausgeliefert hat?«

Edo brach der Schweiß aus. In seinem Kopf begann ein Drunter und Drüber. »Du meinst, es könnte einer aus Harun gewesen sein?«

»Selbstverständlich.«

»Und du willst den Schuldigen finden und vor den Thing bringen.«

»Wie sollten wir das wohl anstellen?«

»Wir befragen unsere Leute und die Dörfler.«

»Die Dörfler werden schweigen.«

Edo wollte entgegnen, dass man die Haruner unter Gewalt befragen könnte. Doch dann wurde ihm bewusst, dass dies wahrscheinlich zu nichts führen würde, außer dass er selbst am Ende bloßgestellt war. Also versagte er sich die Bemerkung und meinte stattdessen: »Der Raubzug hat seinen Sinn verloren. Wir sollten Onnos Leiche bergen und schleunigst heimkehren.«

Luebbo wurde ungeduldig. »Wir können Onnos Leiche nicht bergen. Chlothar wird jeden abstechen, der sich dem Toten nähert. Er lässt es auf einen Kampf ankommen. Er fordert uns heraus.«

»Wir haben seine Tochter. Er kann uns nicht herausfordern, solange Chrodigildis in unserer Gewalt ist.«


Luebbo sah ihn überrascht an. »Da hast du allerdings recht. Wir werden einen Tausch anbieten. Onnos Leiche gegen Chrodigildis.«


Edo machte ein enttäuschtes Gesicht. »Du willst ohne sie heimkehren?«


»Onno wollte sie zum Weib. Er hat ihren Raub durchgesetzt, obwohl Affo dagegen war. Jetzt ist er tot. Es gibt keinen Grund mehr, Chrodigildis bei uns zu behalten.« Luebbo kniff die Augen zusammen. »Oder habe ich etwas Wichtiges übersehen?«


Wieder wurde Edo heiß. Merkte man es ihm an, dass er die junge Frau verehrte? Er räusperte sich und sagte: »Gut, wir bieten Chlothar den Tausch an und kehren heim, um Onno nach alter Sitte zu bestatten. Stellt Chlothar sich quer, bleibt Chrodigildis unsere Geisel und wir kehren ohne Onno heim. Affo wird das verstehen müssen. Nicht jeder Gefallene findet zuhause seine letzte Ruhe.«


»Affo würde das nie verstehen!«, ereiferte sich Luebbo und hob die Stimme. »Er würde verlangen, dass wir um den Leichnam seines Sohnes kämpfen.« Und dann ergänzte er: »Bei aller Demut, die ich Affos verbliebenem Sohn schuldig bin: Mir scheint, dass dir weniger an Onnos Leiche als an Chrodigildis‘ Gegenwart gelegen ist.«


Edo sprang auf und zog sein Sax. »Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen!«


Auch Luebbo erhob sich, ließ das Sax jedoch im Gürtel. »Verzeih, wenn ich mich irre.«


Edo gestand sich ein, dass Luebbo ins Schwarze getroffen hatte, und es hätte ihm auch wenig ausgemacht, es zuzugeben. Aber auf keinen Fall durfte er so mit sich reden lassen. Die vielen Jahre der Demütigung fanden an diesem Tag ein Ende. All die Jahre, in denen sein Vater den Bastard bevorzugt hatte. Die Jahre, in denen ihn jeder spüren lassen durfte, dass er ein Dummkopf war.


»Sieh dich vor, Luebbo! Das Blatt wendet sich. Besser, du erkennst, wer nun dein Herr ist. Wage es nicht, die Hand gegen mich zu erheben. Affo wird dich vierteilen, wenn du ihm die Leichen beider Söhne heimbringst. Sterbe auch ich, wirst du flüchten müssen und auf immer ein Heimatloser sein.« Edo steckte das Sax zurück, klopfte Luebbo auf die Schulter und sagte: »Komm.«


»Warte, Edo. Ich habe Affo die Treue geschworen und bin deshalb seinem Befehl gefolgt, Onno bei diesem unsinnigen Raubzug zu begleiten. Du hast recht, Affo wird wollen, dass ich dich heil nach Hause bringe. Lass uns diesen Raubzug gemeinsam zu einem guten Ende bringen. Und dann soll Affo entscheiden, wie es weitergehen soll.«


Edo gefielen Luebbos Worte und er wiederholte: »Komm.«


Doch Luebbo hielt ihn erneut zurück. »Bitte erweise Onno die Ehrerbietung, die er verdient. Sein Leichnam ist wichtiger als Chrodigildis.«


Edo wurde ungeduldig. »Erzürne mich nicht noch einmal.«


Ungerührt fuhr Luebbo fort: »Und bitte erweise Onno die Ehre, indem du seinen Verräter und Mörder stellst.«

Night-Flight To The Stars

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Der Wind zog eisig durch die nächtlichen Gassen und wirbelte die Schneeflocken bis in die letzten Straßenwinkel. Ich hatte mein dick gepolstertes Leather-Case bis oben hin zugezogen und hoffte, dass es wenigstens die Feuchtigkeit abhielt. Durchfroren war ich bereits und musste befürchten, dass sich mein Hals verzog. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Schnee liegen blieb und Dublin unter einem zarten, weißen Tuch begrub. Bei dieser Witterung unterwegs zu sein, war ein riskantes Spiel mit meinem historischen Restwert. Ging etwas schief, waren Ahorn und Palisander allenfalls noch Brennholz. Niemand nahm mich zur Kenntnis. Die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, wollten auch nur ins Warme, und stapften mit gesenkten Köpfen an mir vorüber. Nach den vielen einsamen Jahren hätte ich auch blind zu der alten Bar gefunden, die jeden Samstagabend mein Ziel war. Well, it’s Saturday night and I wanna be played. Unwillkürlich entfuhr mir ein Akkord, der zum Glück durch die Polsterung vollständig verschluckt wurde. Well … Niemand hatte es so cool und selbstironisch gesungen wie der King. Rip me up. 

Ich bog in eine der Kneipengassen abseits der Touristenmeilen und suchte vergeblich das ausgeblichene Blechschild des ›Old Bartender‹. Es war so verdammt düster hier. Kaum eine Laterne. Und der viele Schnee. Fast wäre ich dran vorbei gelaufen, doch die schiere Gewohnheit stoppte meine Schritte genau vor dem Eingang. Ich klopfte mir den Schnee vom Leder und drückte die schwere Holztür auf. Die Scharniere quietschten. Feuchte, warme Luft schlug mir entgegen. Ich ging hinein, blieb aber erst einmal unweit der Tür stehen und sog den schweren Dunst von Alkohol und Zigaretten ein. Ein Gewirr aus Stimmen und Musik umfing mich. Dazu der Geruch von altem Holz. Das ›Old Bartender‹ hatte mich wieder. 

Während ich aus dem Leder stieg, schweifte mein Blick durch den Raum und taxierte die Bar. Es gab noch leere Plätze. 

Ganz rechts war ein Hocker frei, aber aus jener Ecke ertönten schon wieder die Klänge von Old Shep-pie – einem schmachtenden Kinderlied, stümperhaft geklimpert von dieser Möchtegerngitarre. Sicher, für die Musikgeschichte war sie von Bedeutung, hatte es aber zu keiner einzigen Aufnahme gebracht. Der King bekam sie an jenem Tag zum Geburtstag, als David Bowie das Licht der Welt erblickte. Und das war einfach zu früh. Als Elvis endlich begann, sich seine Erektion aus der Hüfte zu schütteln, lag sie längst im Kamin. Klar, ich liebte diese Legenden. War ja selbst eine. Trotzdem konnte ich das selbstmitleidige Getue dieser No-Name-Klampfe aus nassem Mississippi-Treibholz keine fünf Minuten ertragen. 

An der gegenüberliegenden Seite der Theke war es nicht besser, wenngleich sich auch dort noch ein Platz gefunden hätte. Die Pianos hatten sich da breit gemacht, und es dauerte nur Sekunden, bis ich aus der Geräuschkulisse der Bar das unsägliche Arrangement von Imagine all the people heraushören konnte. Der typische Sound versuchte erneut darüber hinwegzutäuschen, wie einfallslos die Tastenfolge war. 

Ich hängte mein Case an den Nagel und suchte mir einen Platz in der Mitte der Theke. Die stickig warme Luft kroch mir über die Saiten und ich spürte, wie verstimmt ich war. Right now the blues want to surround me. Der Old Bartender zwinkerte freundlich und schob mir einen Doppelten hin. Wortlos schwenkte ich das Glas, setzte es an, witterte das heilbringende Karma und nippte bedächtig. Ganz langsam brannte sich das Feuer durch meine Kehle bis ins Svādhisthāna. Den Rest stürzte ich hinunter. 

Endlich wurde mir warm und ich entspannte mich, betrachtete die Typen, die links und rechts von mir standen und von den guten alten Zeiten quatschten. Kaum jemand, den ich kannte oder jetzt kennen wollte. 

Der Barkeeper tauschte das leere Glas gegen ein volles. »Howdy Cradle, wie geht’s dir?« 

Ich zuckte die Schultern und fragte: »Wie sieht’s denn für dich aus?« 

»Als bekäme deine Leber heute noch schwer zu tun.« 

Ich nickte. »Also?« 

Kommentarlos stellte er die volle Flasche vor mich hin. »Sieh zu, dass du rechtzeitig wieder landest. It’s a long lonely highway und der Absturz gefährlich.« 

Ich hob beschwichtigend die Hand. Alle waren längst abgestürzt, aber wir hatten überlebt und würden auch den nächsten Crash überstehen. Mit ruhiger Hand goss ich mir einen Dreifachen ein. Der Old Bartender spendierte das Eis. Ich spürte, dass ich schon bald bereit sein würde für den nächsten Flug. 

Es war tragisch, dass sich die meisten einen Weltraumbahnhof nur im All vorstellen konnten. Denn er war nicht da draußen. Science Fiction begann in dir. Für den Night-Flight to the Stars, für den Flug zum ewigen Acker der Verblichenen musste das Spaceship in dich hinein, musste es durch den engen Hals kriechen und sich in dir breit machen. Bis der Flug von selbst begann. 

Goldgelb sickerte der Shuttle gemächlich in jede Pore und löste mich von der Erdschwere. Weiß der Geier, warum ausgerechnet Dublin. Aber wir kamen alle her, um der Vergangenheit zu huldigen. Auch wenn viele unserer Wurzeln in den sumpfigsten Südstaaten lagen, nur in Dublin konnte die hölzerne Seele ihren Halt verlieren und sich auf eine melancholische Reise begeben. 

Als sich hinter mir die Tür öffnete und der kalte Luftzug über meinen Corpus schwappte, ahnte ich sogleich, wer da kam. Mit leicht getrübtem Blick sah ich über die Schulter und erwartete das Schicksal. Ohne Case und schutzlos dem Unbill des Winters ausgeliefert, waren sie hergekommen. Sie traten ein und lächelten mir traurig zu. Little Wing war frisch flambiert, und der Schnee dampfte auf seinem erhitzten Lack. Dezent kokelnd lehnte er sich an den langen Statesboro, der gut betankt und abflugbereit war. 

»Hallo Jungs«, sagte ich und winkte sie zu mir. 

Sie antworteten nicht, schleppten sich aber rüber zu mir. Träge drängten sie ihre ausladenden Hüften zwischen meine Nachbarn und mich. Little Wing suchte Halt an der Theke. Als er ihn gefunden hatte, klopfte er mir auf die Schulter und ließ ein kehliges Vibrato hören. Statesboro atmete tief ein und gab einen jaulenden Ton von sich. Ich sah, wie der Bartender die Augen zusammenkniff, doch ein hohes ›e‹ meinerseits war unvermeidlich. 

»Leute«, brummte der Wirt, »macht bitte langsam. Ich kann hier keinen Rock ‘n‘ Roll Suicide gebrauchen. Nicht schon wieder, nicht heute.« 

»Mann ey«, nuschelte Little Wing, »nur keinen Stress.« 

Statesboro kam jetzt in hörbar gute Stimmung. Er kicherte leise und jaulte noch höher. »Wir wollen doch nur spielen.« 

Little Wing goss ein paar Akkorde aus, die sich über unsere Kehlen legten wie Sirup auf ein Südstaatenfrühstück. Ich setzte mit einem zähen Rhythmus ein, der kaugummigleich unter den Sohlen klebte. Statesboro zerrte an seiner E-Saite und trieb mir die Tränen zwischen die Tonabnehmer. I woke up this evening and had them Statesboro Blues. In irgendeiner gottverlassenen Ecke setzte sich ein völlig zerstörtes Schlagzeug mühsam zusammen. Neben ihm stand stocksteif Boris the Spider und schnarrte einen Basslauf. 

Im selben Moment spürte ich die Ekstase, die wie eine Welle durch den Raum zog. Die Luft knisterte. Sekunden später hob der Mystery Spacetrain ab, und wir waren auf dem Weg. Zeit und Raum ließen wir hinter uns und stießen vor in das Paralleluniversum unserer Sehnsüchte. 

Da warst du wieder. Jahrelang hattest du mich am Hals und beklagtest dich nie. Ich war die Last auf deiner Schulter und du hast mich gewiegt. Als wäre ich glühendes Eisen auf einem Amboss, hast du einen wahren Funkenflug auf mir veranstaltet. Und ich wusste, auch heute Abend würdest du gut zu mir sein. Wie sehr hatte ich dich vermisst. Ich spürte deinen festen Griff um meinen Hals, als du mich mit dir zerrtest. Endlich wieder auf der Bühne, glitten deine Finger zärtlich über mich und Tausende sahen begeistert, wie du mich liebtest. Dann schlugst du zu und nahmst mich hart. Deine Hand war so schnell und geschickt, dass ich raste vor Begehren. Und dann, kurz vor dem Höhepunkt, nahmst du das Tempo raus und drehtest mir die Wirbel um. Ich verlor jeden Halt und war ein Teil von dir, verschmolz mit deiner Seele. Langsam, unerträglich langsam wurdest du wieder schneller – und triebst mich zur Klimax. 

Irgendetwas stieß hart gegen meinen Kopf und ich fiel zu Boden. Um mich herum johlten und sprangen sie auf ihrem Flug in die Vergangenheit. Doch ich war schon zurück und blinzelte. Mir war nicht übel, der Kopf tat nicht weh. Ich war nur müde. Unendlich müde und traurig. 

Mühsam kam ich wieder auf die Beine. Dem Old Bartender legte ich ein paar Scheine auf den Tresen, dann stieg ich in mein Leder und trat hinaus in die Nacht. 

Die Kälte ernüchterte mich nicht. Sie verstärkte nur meine Einsamkeit. Ich schlich durch die Straßen, ließ die Saiten hängen und hielt mich im Schatten. 

Mein Weg führte mich direkt zum Hafen. Reglos stand ich da, spürte die Kälte nicht mehr, vergaß die Welt um mich herum. Letzten Endes war auch ich nichts anderes mehr als ein Stück nasses Treibholz, hin und her gestoßen vom Wind auf den Wellen des Schicksals. Lange starrte ich in die dunkle Bucht. Das Schneetreiben verhinderte jeden Blick auf die Sterne. Und ich wusste, dass ich Millionen Meilen von dir entfernt war. 

That's All Right

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»Und welche Schule besuchst du?« DJ Dewey Phillips, dessen Radio­programme wegen der unkonventionellen Musikauswahl große Popularität genießen, fixiert den nervösen jungen Mann, der nicht weiß, dass er auf Sendung ist und Tausende seine Stimme hören können. Im Juli 1954 lastet brütende Hitze auf den Straßen der Heimatstadt des Blues, Memphis, Tennessee. Der Ventilator weht eine kühle Brise über die schweißnasse Stirn des 19-jährigen Teenagers, der an Akne leidet und gerade seine erste Schallplatte aufgenommen hat. Sein Produzent Sam Phillips, Besitzer des kleinen Labels »Sun Records« und nicht verwandt mit Dewey Phillips, hat seinem Namensvetter eine Probepressung zugespielt; über eventuelle Reaktionen auf ihre Sendung im Radio will er Rückschlüsse auf den Erfolg einer Veröffentlichung als Single ziehen. Beide, Sam und Dewey sind angetan von der Coverversion des Rhythm ’n’ Blues-Klassikers »That’s All Right«, und die Hörerschaft auch. Seit der Titel über den Äther ging, laufen im Studio die Telefone heiß, und der DJ muss ihn wieder und wieder spielen. Brennend interessiert auch, wer der unbekannte Sänger ist, und Dewey Phillips drängt dessen Eltern, ihren Sprössling möglichst schnell aus dem Kino zu holen, in das er vor lauter Aufregung geflüchtet ist, und ihn ins Studio zu bringen. Der schlaksige Kerl soll ein Interview geben. Doch als Phillips das Nervenbündel neben sich sitzen sieht, zweifelt er daran, ob der Junge dazu in der Lage ist. Phillips entscheidet sich dafür, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das ohne sein Wissen gesendet wird. 

 

»Ich war auf der Humes High School, Sir«, antwortet der junge Mann höflich. Dewey Phillips reibt sich innerlich die Hände. Wie jedermann weiß, gehen ausschließlich Weiße auf die »Humes«, so dass diese Stimme, die deutlich nach einem Schwarzen klingt, dennoch einem Weißen gehören muss. Das ist neu. Es ist unverkennbar schwarze Musik, von einem Weißen gesungen und überhaupt irgendwie anders. Prickelnd. Der DJ weiß, Sam Phillips hat ein Gespür für das Besondere, und er kitzelt seine Musiker und Sänger so lange, bis es aus ihnen herausbricht. Sein Traum vom großen Geld ist ein weißer Sänger, der wie ein Schwarzer singt. Hier, der könnte es sein. 

 

»Mr. Phillips, wann machen wir denn nun das Interview?«, kommt die Nachfrage. »Du hast es gerade gegeben«, lautet die Antwort. Es ist alles schon gelaufen; der noch minderjährige Elvis Presley muss nicht mehr beginnen, er ist bereits mittendrin. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Wenige Tage nach diesem Interview erscheint »That’s All Right« als Single und avanciert zum regionalen Hit. Knapp fünfzig Jahre später wird die Aufnahme vom Magazin »Rolling Stone« zur einflussreichsten Veröffentlichung der Popmusik gekürt; nicht weil sie ein Welthit wurde – der wurde sie niemals –, sondern weil mit ihr ein Stein ins Rollen kam, der eine Lawine auslöste. 

 

»Wie seid Ihr auf diesen Sound gekommen?«, fragt Moderator Frank Page. Bereits im Herbst desselben Jahres steht Elvis auf der Bühne einer der bekanntesten Country-And-Western-Shows, der Louisiana Hayride, die jeden Samstagabend in die Radios der Südstaaten übertragen wird. Wie ein Fremdkörper unter all den Cowboyhüten und -stiefeln, Steel Guitars und Fiedeln wirkt der junge Sänger mit seiner glänzenden Haartolle und den knalligen Klamotten. Wieder »That’s All Right« – das Live-Repertoire ist noch ein wenig dünn – und wieder die Frage nach dem neuen Sound. »Wir sind darüber gestolpert«, spricht Elvis Presley. »Da habt ihr aber Glück gehabt! In der Country-And-Western-Musik ist man schon lange auf der Suche nach etwas Neuem, und ich glaube, Ihr habt es.« Freundliche Worte eines alten Hasen an einen New­comer, der tatsächlich schon einige Monate später Star der Show ist und ekstatische Ausbrüche im Publikum verursacht. Darüber gestolpert war er. Elvis hatte Stunden im Sun Records-Studio damit zugebracht, eine Schnulze nach der anderen zu singen, weil »ich die am besten kann«, doch ohne dass Sam Phillips oder einer der beiden Begleit­musiker sonderlich beeindruckt waren. In einer Kaffeepause dann griff Elvis nach seiner Gitarre und fing an »That’s All Right« zu singen und Faxen zu machen. Gitarrist Scotty Moore und Bassist Bill Black stimm­ten ein, und Produzent Sam Phillips, drauf und dran den jungen Mann aufzugeben, traute seinen Ohren nicht. Da war er! Der Sound seiner Träume. Nach Jahren vergeblichen Suchens kam er unerwartet und nebenbei und von drei grünen Jungs. Die bange Frage, ob sich sein Traum vom großen Geld bewahrheiten würde, beantwortete sich nahezu über Nacht. Zwei Jahre später lag seiner Entdeckung die gesamte Jugend der Vereinigten Staaten zu Füßen und sie wurde mit Gagen gehandelt, die alles bislang Dagewesene in den Schatten stellten. Doch gilt es an dieser Stelle präzise zu sein: Sam Phillips hatte einen neuen Sound gesucht und er fand Elvis Presley. Elvis aber war der Sound – und umgekehrt. Seine Begleitmusiker Moore und Black, die die Musik dieser Jahre maßgeblich mitprägten, blieben stets im Schatten dieser aufsteigenden Iko­ne. Unwissentlich war Sam Phillips auf der Suche nach dem neuen Lebensgefühl, der Identität und einem Leitbild des jungen Amerikas gewesen, und seine Entdeckung Elvis Presley war die Inkarnation alles dessen. 

 

»Ich klinge wie niemand anderes«, gibt Elvis zu Protokoll, als Marion Keisker, Sam Phillips’ Sekretärin, nach seinem Musikstil fragt. Wie Elvis Presleys Karriere begann, ist Le­gende – eine der aufregendsten Legenden der Popmusik. Der blauäugige Junge vom Land, 1935 in Tupelo, Mississippi, geboren, unter ärmlichen Verhältnissen in der Stadt lebend, wird zufällig entdeckt und revolutioniert die Kultur der westlichen Welt. Doch »That’s All Right« war nicht der Anfang, und zufällig wurde Elvis auch nicht entdeckt. Begonnen hatte die Geschichte schon ein Jahr zuvor, 1953. »Ich klinge wie niemand anderes« – was im Sommer 1953 ein bisschen eingebildet klang, erwies sich bald als nichts als die reine Wahrheit. Allerdings konnten weder Elvis noch irgendjemand anderes ahnen, inwieweit er sich von allen anderen unterschied. Der schüchterne Jun­ge verstand sich als Sänger von Balladen, er mochte Dean Martin und Mario Lanza – und er wurde zum King of Rock ’n’ Roll. 

 

»Ich war nicht besonders beliebt in der Schule. Ich ging mit keinem Mädchen aus«, erinnert sich Elvis in späteren Jahren. Dann am 9. April 1953 tritt der Schüler zum ersten Mal öffentlich auf. Bei einer Veranstaltung der Humes High School wird er an sechzehnter Stelle als »Elvis Prestly – Guitarist« angekündigt. »Sie ließen mich in dieser Talentshow singen, und ich trat auf und sang meine erste Nummer: ‚Till I Waltz Again With You’ von Teresa Brewer. Es war schon erstaunlich, wie beliebt ich danach war.« Elvis’ Klassen­kameraden werteten diesen Auftritt im Nachhinein als Startschuss für seinen Weg zum Ruhm, der sich demzufolge genau datieren lässt. Im Sommer jenes Jahres liest er einen ausführ­lichen Bericht über Sam Phillips’ Sun Records in der lokalen Presse, in dem erwähnt wird, dass dort jedermann für $ 4,- eine eigene Schallplatte aufnehmen und pressen lassen kann. Ermuntert durch den Erfolg seines ersten Auftritts, setzt er kurz darauf seinen Fuß in das Studio, wo er von Sam Phillips’ Sekre­tärin Marion Keisker empfangen wird. Er wolle eine Platte für seine Mutter aufnehmen, sagt er, sie habe bald Geburtstag. Doch dieser legendäre Ausspruch ist nichts anderes als ein Vorwand, denn Mutter Gladys feiert erst im April 1954 wieder Geburtstag. Der junge Elvis hat die Schule hinter sich und verdingt sich als LKW-Fahrer; auf einen Ausbildungsplatz zum Elektriker wartend, will er nun wissen, ob mehr dran ist an seiner Stimme als nur willkommene Begleitmusik für schwüle Parties. Er selbst macht auf sich aufmerksam und bringt sich immer wieder ins Gespräch und sorgt damit für seine Entdeckung im Jahr danach. 

 

»Und welche Musik singst du?«, fragt Keisker, während sie die Aufnahmegeräte für Elvis’ erste Aufnahme vorbereitet. »Ich singe jede Musik«, orakelt er. Er ist mit der Country-Musik der Radiosender, den Gospels seiner kleinen Kirche, dem Blues der Straßenmusiker und den Schlagern seiner Idole groß geworden. Alle Lieder kennt er in- und auswendig und kann sie an­stimmen. Das Phänomen Presley jedoch besteht darin, dass er die Essenz all dieser Stile auf sich vereint; er ist das Konglomerat nordamerikanischer schwarzer und weißer Musik. An diesem Tag im Juli 1953 – vermutlich in der Mittagspause am Freitag, dem 17. – nimmt Elvis Presley zur Gitarre die Standards »My Happiness« und »That’s When Your Heartaches Begin« auf und lässt sie mit der Auflage von einem Exemplar als Schallplatte pressen – das ist weniger als ein Milliardenstel der seither von ihm verkauften Tonträger. Rein rechnerisch über ein halbes Jahr­hundert hinweg 20 Millionen Schallplatten bzw. CDs jährlich zu verkaufen ist kein übler Schnitt. In die unüberschaubare Fülle an Superlativen und Kuriositäten seiner Karriere reiht sich das Wunder ein, dass diese erste Schallplatte überlebt hat, ebenso wie seine zweite Privataufnahme vom Januar 1954 und Mitschnitte seiner ersten Auftritte bei der Louisiana Hayride. Elvis’ musikalischer Werdegang ist auf Hunderten von Bändern bis zum letzten Konzert im Juni 1977 lückenlos dokumentiert. Systematisch aufbereitet wurde dieser gewaltige Nachlass allerdings bis heute nicht. 

 

»Nur für den Fall, das Mr. Phillips mal jemanden sucht.« Marion Keisker ist beeindruckt von Elvis und notiert sich seine Adresse. Der junge Mann hat etwas Fesselndes an sich. Seine Schluckaufstimme ist innig, wehmütig, und er ist glaubwürdig in dem, was er singt. In seinen Liedern kehrt er sein Innerstes nach außen und es ist von Belang. Sein schrilles Äußeres hat etwas Aufreizendes. Aufreizend genug, dass ihm manch ein Mitschüler gerne mal eine runter­haut. Keisker spielt ihrem Chef die Aufnahme vor, und auch er ist vorübergehend interessiert. Doch bleibt es dabei. Anfang 1954 ruft sich Elvis selbst in Erinnerung und nimmt ein zweites Acetat zum privaten Gebrauch auf. Erneut ist Phillips’ Interesse geweckt, erneut bleibt es dabei. Elvis lässt nicht locker und schaut immer wieder mal im Studio vorbei. 

 

»Wie wäre es mit dem Jungen mit den Koteletten?«, schlägt Keisker vor. Im Juni 1954 bekommt Phillips die Rechte auf ein neues Lied, für das er einen Interpreten braucht. Phillips wagt einen Versuch. Seine Sekretärin ruft den Jungen zu Hause an und lädt ihn ins Studio ein. Es heißt, Elvis sei schneller im Studio gewesen, als Keisker den Hörer auflegen konnte. Seine erste Session ist eine Enttäuschung, weder das neue Stück noch andere Lieder führen zu brauchbaren Ergebnissen. Phillips gibt nicht auf und ruft zwei Studiomusiker zu einem weiteren Ver­such dazu, Scotty Moore und Bill Black. Gemeinsam wird das gesamte Repertoire an Liedern pro­biert, das ihnen geläufig ist. Überbleibsel dieser Session sind Aufnahmen von »Harbor Lights« und »I Love You Because«, die durchaus hörenswert vorgetragen werden. Doch ist nichts darunter, was Phillips überzeugt. Bis in einer Kaffeepause schließlich der Grundstein für eine umwälzende Veränderung der amerikanischen Kulturlandschaft gelegt wird … 

 

»Hey, jetzt ist es ein Popsong!«, ruft Sam Phillips begeistert, als das Trio einige Tage später nach einer Rückseite für die Single »That’s All Right« sucht. Elvis hatte den bekannten Popwalzer »Blue Moon Of Kentucky« spontan in den 4/4-Takt übertragen und die beiden Musiker waren darauf eingestiegen. Elvis war niemals ein Songwriter wie John Lennon, Paul McCartney oder Bob Dylan, aber er war der Meister der Adaption. Was er sang, wurde sein Eigentum und fügte sich seinem Willen – eine Gabe, gleichbedeutend mit Erfolg, ein Konzept, das Gold wert war und immer noch ist. Ein Walzer im 4/4-Takt war Zeichen der Zeit: Der stampfende Rhythmus des Rock ’n’ Roll begann den harmonischen Reigen der gängigen Schlager zu verdrängen. 

Richard

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Seit Tagen sitze ich brütend vor meinem Klavier und warte auf diesen einen Augenblick, in dem es endlich passiert. Immer wieder zucken meine Hände und wollen schon in die Tasten greifen, doch dann bleibt die Eingebung aus und die Finger huschen fahrig zwischen Pepsi und Zigaretten hin und her. Manchmal stehe ich auf und laufe rastlos durch die Wohnung, rede mir ein, dass es kein Akkord, keine Melodie, nichts Musikalisches ist, das ich erwarte, und dass das Klavier womöglich nur hinderlich ist. Ich harre eines Wortes, eines verbalen Ausdrucks für alles, das in mir vibriert. Und dann sitze ich doch wieder am Klavier, denn eines ist klar: Das Wort, das ich suche, ist Klang, ist pure Energie, pulsierendes Leben, konzentriertes Lebensgefühl. Das Wort, das in mir heranwächst und das endlich heraus will, wird Musik gebären, wird eine neue Zeit anbrechen, wird Leben schenken. 

Und ich, Richard, werde es sein, der dieses Wort hervorbringt. Ich bin Musiker, ich verkaufe Platten, bin ständig auf Tournee. Und ich spüre diese Mission in mir. Mag sein, dass es vermessen klingt, aber mir ist es beschieden, die Botschaft zu formulieren und unter die Menschen zu bringen. Und dieses eine Wort wird mich ihnen zu König und Königin zugleich machen. 

Hoover und McCarthy hingegen werden scheitern. Sie wittern zwar die Gefahr und suchen nach jenen, die unsere Gesellschaft unterwandern. Aber sie bohren an der falschen Stelle. Nicht die Roten werden unser Land umwälzen. Von uns Schwarzen geht es aus. Obgleich mitten unter uns, bemerkt es niemand. Doch schon bald wird es offenbar werden und alle Mauern sprengen. Dann ist es zu spät, niemand wird es mehr eindämmen können, es wird die Staaten und anschließend die Welt fluten. Das klingt wie blanker Unsinn, wie die wirre Ausgeburt eines Geisteskranken. Aber wir schreiben das Jahr 1955 und die Zeit für einen Wandel ist gekommen. Vielleicht noch nicht heute, aber ganz sicher morgen. 

Denn vor wenigen Tagen gab ich ein Konzert in einer dieser verschlafenen Tennessee-Südstaaten-Städte. Mein letzter Auftritt dort war offenbar in guter Erinnerung geblieben, denn diesmal strömten meine jungen Brüder und Schwestern scharenweise in den Saal, um mich zu hören, um die neue Musik zu hören, um zu erleben, wofür es noch keine Worte gab, um Teil dessen zu werden, das unsere Gesellschaft verändern würde. 

Was mich aber nervös machte, waren die Weißen, die halb- und lautstark zum Konzert kamen, sich jedoch im hinteren Teil des Clubs in dunklen Ecken versteckt hielten und am liebsten nicht gesehen werden wollten. Auch sie ließen sich mitreißen. Nach dem Konzert sprach ich sie an, fragte sie, was sie hierher getrieben hatte. Sie erzählten mir von einem jungen Musiker. Er spielte wenige Tage zuvor hier in der Gegend, die gleiche Musik, den gleichen Beat, und er schlich, kroch und schlingerte über die Bühne wie ein brunftiges Tier, begattete seine Gitarre, seine pomadige Haartolle schoss Tiraden von Schweißperlen ins Publikum. Er sang Chuck Berrys »Maybelline« und Ray Charles‘ »I Got A Woman« – aber dieser Sänger war ein Weißer! Sein Name klang wie die Utopie einer glorreichen Zukunft, klang wie: »Alvin Pressley« oder so. Da rieselten mir kalte Schauer den Rücken hinunter. Ein Weißer, der schwarze Musik lebt. Ja, es ist bereits mächtig. Es beginnt Grenzen zu überschreiten, die bislang als unüberwindbar galten. 

Und doch fehlen mir die Worte. Dabei weiß ich genau, dass jede Religion, jede Partei, jede Bewegung, die erfolgreich sein will, sich artikulieren muss. Leider ist alles, was mir einfällt, das genussvolle Japsen der Mädchen, die mit mir tiefergehende Erfahrungen sammeln. Läuft es am Ende lediglich auf Sex hinaus? Kein Wort, nur Laut? 

Zugegeben, es ist erstaunlich, was plötzlich möglich ist. Vor wenigen Jahren noch undenkbar. Ich habe da beispielsweise nicht weit von hier ein Mädchen namens Sue. Junge, die weiß mich wirklich zu handhaben. Und ich möchte gar nicht wissen, wo sie das gelernt hat. Am liebsten aber ist mir Daisy, die mich jedes Mal fast in den Wahnsinn treibt. Sie treibt es zwar auch mit anderen, aber, Junge, sie ist einfach die, auf die ich am meisten stehe. 

Ist es also nichts anderes als Liebe machen? Das kann nicht sein, denn was sich da anbahnt, findet nicht allein im Hinterhof statt. Es hat seinen Platz auf der Bühne, es verändert den Umgang mit Lehrern, es wirkt sich auf den Gang aus, mit dem wir uns durch die Straßen bewegen, zeigt sich in unseren Haaren, unseren Jeans und Schuhen, in den wippenden Petticoats der Mädchen, in der kühlen Cola und der Fluppe im Mundwinkel, im stolz erhobenen Haupt. Es ist alles und überall. Es ist … Es ist, verdammt noch mal! 

Es ist: »A wop bop a loo bop a wop bam boom« … 

Hybride Substrate

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Die internationale Substratindustrie steht vor der Herausforderung, ihre Fokussierung auf Torf zugunsten alternativer Ausgangsstoffen aufzugeben. Doch die Umsetzung ist nicht so leicht, wie Politik und NGOs es sich vorstellen. Ohne hybride Kultursubstrate wird es in den nächsten Jahren nicht gehen.

Der Siegeszug torfbasierter Kultursubstrate begann in den 1960er Jahren. Seit mehr als einem halben Jahrhundert vertrauen weltweit immer mehr Gartenbaubetriebe auf ein ausgereiftes und in großen Mengen verfügbares Produkt, das Kultursicherheit und hohe Erträge gewährleistet. Insbesondere in Europa und Nordamerika hat sich der Produktionsgartenbau nahezu vollständig auf Kultursubstrate eingestellt – und in vielen Segmenten ist Hochmoortorf nach wie vor der wichtigste Ausgangsstoff.

 

Ausstieg aus der Torfgewinnung und -nutzung gefordert

 

Bereits 1981 trat das niedersächsische Moorschutzgesetz in Kraft. Seither führen Politik und Umweltschutz – nicht nur in Deutschland – einen Diskurs mit der Substratindustrie über das Für und Wider der Nutzung von Torf in Kultursubstraten. Vor etwa fünfzehn Jahren erreichte auch die Klimaschutzdebatte die Substratproduzenten und dominiert seitdem die Kontroverse. Das Ziel seitens der Regierungen und NGOs ist für den Umweltschutz und den Klimaschutz dasselbe: Die Substratindustrie soll zügig aus der Gewinnung und Nutzung von Torf aussteigen und ihre Produkte fortan aus alternativen Ausgangsstoffen herstellen. Initiativen dazu gibt es vor allem aus Deutschland, Großbritannien, Österreich und der Schweiz, doch auch in anderen Ländern werden Ausstiegsszenarien erörtert. Gegenwärtig arbeitet die deutsche Bundesregierung mit Nachdruck an Regelwerken, die einen weitgehenden bzw. sogar vollständigen Verzicht auf Torf in Kultursubstraten bis 2030 vorsehen. Angestrebt wird eine Ausweitung dieser Initiative auf die gesamte EU. Beinahe spontan wurde derweil die Torfgewinnung in Irland völlig untersagt, weil der Umweltschutz gewisse Unschärfen in der nationalen Umsetzung von EU-Vorgaben vor Gericht nutzen konnte.

 

Fachleute wissen, dass diese Entwicklung die Existenzgrundlage der Substratbranche betrifft. Es ist, als drohe man der Automobilbranche damit, den Ölhahn zuzudrehen, bevor Elektromobile ein vollumfänglicher Ersatz sind. Torf ist aufgrund einzigartiger physikalischer, chemischer und biologischer Eigenschaften der mit Abstand am besten geeignete Rohstoff für ein kultursicheres Substrat. Alternative Ausgangsstoffe haben auch ihre spezifischen Vorteile, doch am Ende ist es Hochmoortorf, der eine hybride Substratmischung zu einem homogenen Ganzen zusammenfügt und die vom Gartenbaubetrieb gewünschte Funktionalität und Kultursicherheit gewährleistet.

 

Ausgedehnte Übergangsphase

 

Ungeachtet der andauernden Kritik setzte die Substratindustrie jahrzehntelang weiter auf Torf. Sie erschloss zusätzliche Ressourcen und entwickelte wahre Hochleistungsprodukte, die eine anspruchsvolle Benchmark für hybride Substratmischungen bilden. Parallel dazu aber begann die Branche mit dem Einsatz alternativer Ausgangsstoffe. Das Selbstverständnis der Produzenten war kein vom Rest der Welt getrenntes Universum, sondern vollzog das zunehmende gesellschaftliche Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz mit. Längst sind Holzfasern, Grünkompost, Kokos, Perlite und Rinden im allgemeinen Rohstoffmix fest etabliert, können zu immer größeren Anteilen eingesetzt werden, und hybride Substratmischungen nähern sich der durch reine Torfprodukte gesetzten Messlatte stetig an. Inzwischen wird jedoch deutlich, dass diese Entwicklung nicht schnell genug voran geht. Politik und NGOs erhöhen den Druck.

 

Spätestens seit der Verabschiedung des Green Deals der Europäischen Union hat sich die allgemeine Stimmungslage in der Substratindustrie gewandelt. Die angestrebte Klimaneutralität bis 2050 ist eine Maßgabe, die auch die Substratproduzenten in die Pflicht nimmt. Selbst dem letzten Torf-Liebhaber ist bewusst, dass die Entwicklung zu immer weniger Torf und immer mehr alternativen Ausgangsstoffen nicht aufzuhalten ist. Torf ist nicht länger „die Antwort“, Torf ist jetzt „ein Teil der Antwort“. Die Branche stellt sich mit Hochdruck um.

 

Kultursicherheit zuerst

 

Doch es bleibt ein ungutes Gefühl. Manch einer erinnert sich an die Markteinführung der ersten Flachbildschirme als Ersatz für die gewohnten Röhren-Fernseher. Die neuen Geräte ließen sich schlank ins Regal stellen, aber das Bild war schlechter und die Bedienung zum Teil umständlich. Anders als bei den TV-Geräten, die trotz der vorübergehenden Rückschritte vom Verbraucher begeistert aufgenommen wurden, bleiben viele Gartenbaubetriebe beim Einsatz alternativer Substratmischungen reserviert. Auf eine verkürzte Formel gebracht, erfordern diese mehr Aufmerksamkeit in der Kulturführung, brauchen mehr Wasser und müssen nachgedüngt werden. Vielerorts ist hier noch echte Überzeugungsarbeit zu leisten.

 

Im Zierpflanzen- und Baumschulbereich ist diese Entwicklung inzwischen weit vorangekommen. Alternative Ausgangsstoffe können mit bis zu 50 Vol.-% sicher eingesetzt werden. Auch die Substrate für den ökologischen Anbau und die Kultur von Soft-Fruits beinhalten hohe Anteile nachwachsender Rohstoffe. Es ist insbesondere das Jungpflanzensegment und damit auch jener Teil des Gartenbaus, der für die Ernährungswirtschaft produziert, in dem der vorzugsweise genutzte Schwarztorf deutlich schwerer zu ersetzen ist. Bis hier die Umstellung von 100 % Torf auf 90 % Torf erfolgreich vollzogen ist, müssen Gartenbaubetrieb und die technische Beratung des Substratherstellers eng zusammenarbeiten. Viele Betriebe atmen erleichtert auf, wenn sie diese Wegstrecke zurückgelegt haben. Doch am Ziel winkt bereits die Umstellung auf 80 % Torf.

 

Angesichts der Resonanz aus den Märkten gerät die Substratbranche in eine Zwickmühle. Ganz gleich, welche Fortschritte sich Politik und NGOs wünschen, die Kultursicherheit muss in jedem Fall gewahrt bleiben. Für den Erfolg der Gartenbaubetriebe ist sie existenziell. In besonderer Weise gilt dies für Gemüsejungpflanzen, deren Verfügbarkeit einen direkten Einfluss auf die Versorgungssicherheit mit gesunden Nahrungsmitteln hat. Die Umstellung auf alternative Ausgangsstoffe in Kultursubstraten kann nur in behutsamen Schritten gelingen und muss für jedes Gartenbausegment gesondert definiert werden.

 

Die Mengen fehlen

 

Um den zuständigen Ministerien in Berlin dennoch griffige Zahlen zu bieten, verabschiedeten die deutschen Substrathersteller im Jahr 2020 eine Selbstverpflichtung, in der sie folgende Zusagen machen:

 

  • In Substraten für den Produktionsgartenbau wird bis 2025 eine Torfreduzierung von insgesamt 20 % erreicht, im Jahr 2030 werden es 30 % sein.
  • In Blumen- und Pflanzerden für den Endverbraucher steigt die Torfreduzierung bis 2025 auf insgesamt 50 %, im Jahr 2030 werden es 70 % sein.

 

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bedankte sich freundlich und antwortete, dass diese Regelung nicht ausreichend sei. Seither erstreckt sich der Diskurs zwischen Politik und Substratindustrie verstärkt auf die Frage der Verfügbarkeit. Hinter jedem zusätzlichen Prozentpunkt einer Selbstverpflichtung oder einer politischen Vorgabe verbirgt sich ein steigender Bedarf an alternativen Ausgangsstoffen. Allein die Umsetzung der für den Hobbybereich geforderten Torfersatzmengen wird zu einem Ansturm auf Holz, Grünreststoffe und Kokos führen und Volumina binden, die der weiteren Entwicklung im Produktionsgartenbau noch engere Grenzen setzt. Selbst wenn Forschung und Entwicklung schon bald deutlich höhere Anteile an alternativen Ausgangsstoffen in den einzelnen Substratsegmenten ermöglichen sollten, so bleibt die begrenzte Verfügbarkeit der dazu notwendigen Rohstoffe ein ungelöstes Problem.

 

Im Hinblick auf Holz und Grünreststoffe steht die Substratindustrie in direktem Wettbewerb zum Energiesektor und anderen Branchen. In der Holzindustrie werden die Substrathersteller längst als ernst zu nehmender Player wahrgenommen. Nicht auszuschließen ist, dass steigender Bedarf und begrenzte Ressourcen zu einem höheren Preisniveau für alternative Ausgangsstoffe führen, die sich im preissensitiven Gefüge der Grünen Branche kaum durchsetzen lassen werden. Nicht auszuschließen ist auch, dass verstärkt Holz- und Kokosrohstoffe angeboten und genutzt werden, die nicht mehr aus nachhaltiger Bewirtschaftung stammen.

 

Nachhaltigkeit zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit

 

Inwieweit die Substratbranche zukünftig nennenswert zu mehr Nachhaltigkeit und zu einer Minderung von Treibhausgasen beitragen kann, indem sie mehr und mehr auf Torf verzichtet, bleibt abzuwarten. Auch alternative Ausgangsstoffe haben einen CO2-Fußabdruck. Emissionen aus Produktion und Transport lassen sich ebenfalls nicht vollständig vermeiden. Der europäische Branchenverband Growing Media Europe AISBL (GME) mit Sitz in Brüssel arbeitet gegenwärtig an einem Programm, mit dem sich ab dem kommenden Jahr detaillierte LCAs der einzelnen Kultursubstrate ausweisen lassen. Damit erhält die Diskussion um die Klimawirksamkeit der Produkte eine weitere solide Basis.

 

Darüber hinaus laufen auf Branchenebene die Anstrengungen weiter, den Diskurs mit der Politik vom alleingültigen Dogma des Klimaschutzes zu befreien. Versorgungssicherheit in der Ernährungswirtschaft, Wohlbefinden unterstützt durch Zierpflanzen und Aufforstung mit Baumschulpflanzen sind stichhaltige Kriterien, die unmittelbar zu mehr Nachhaltigkeit beitragen, auch wenn sie nicht zwangsläufig die Klimabilanzen verbessern.

 

In der Summe steht die Substratindustrie wie viele anderen Branchen vor der Herausforderung, sich an die neuen Vorgaben einer nachhaltigen Entwicklung anzupassen. Die Produzenten sind auf einem guten Weg. Sie wissen, was ihr Produkt leisten muss und in welchen Mengen es benötigt wird. Sie treiben die Entwicklung zu immer mehr alternativen Ausgangsstoffen im Substrat voran. Gleichzeitig bleiben sie dem Produktionsgartenbau verpflichtet und bieten ihren Kunden auch weiterhin ausschließlich kultursichere Produkte an. Deshalb bleibt der Diskurs um die Zukunft von Torf im Substrat wichtig. Bis auf Weiteres ist der Produktionsgartenbau auf hybride Substrate angewiesen. Ohne Torf geht es noch nicht.

Hyänen.

Bergmann, Czerkowicz und Lücke singen das Loblied der Arbeitwelt.

Hamster

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Das Telefon klingelte und Bergmann sah auf das Display. Der Vorstand. Mit dem zweiten Klingeln kam schlagartig das mulmige Gefühl. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest.

»Ins Konferenzzimmer.« Keine unnötigen Floskeln. In sieben Jahren kaum ein persönliches Wort, aber im Jahresgespräch die wiederkehrende Anerkennung, wie zufrieden der Vorstand mit Bergmanns Arbeit sei.

»Gleich«, sagte Bergmann.

»Nicht gleich. Sofort!« Reine Funktionalität, hochdosierter Druck.

»Das meine ich ja.« Bergmann legte auf, schnappte sich das Notizbuch und eilte aus dem Büro. Während er dem Vorstandszimmer näher kam, fragte er sich, was schief gegangen war. Er hatte die Sitzung akribisch vorbereitet und mit dem Vorstandsvorsitzenden abgestimmt. Mit ein bisschen Glück kam er glimpflich davon. Im Innersten wusste er aber, dass es nicht so laufen würde.

Er klopfte an die Tür und trat ein.

»Der Bremen-3-Vorgang fehlt in der Sitzungsvorlage.« Der Vorsitzende sah ihn mit starrem Gesichtsausdruck an. Auch die Blicke der anderen Vorstände und Bereichsleiter waren auf ihn geheftet.

Bergmann spürte, dass seine Augen flackerten und ihn dieses völlig hilflose Gefühl übermannte. Ein ertapptes Kind. »Bremen 3 stand nicht auf der Tagesordnung«, entschuldigte er sich.

»So was muss man immer in der Hinterhand haben«, entgegnete der Vorsitzende.

»Geben Sie mir eine Minute, ich organisiere ein Handout.«

»Ich habe die Unterlage zufällig auf dem Stick.« Eine Hand erhob sich über die Köpfe der Männerriege, ein kleines Stück Plastik zwischen Daumen und Zeigefinger.

Czerkowicz, natürlich. Bergmann fing einen blitzschnellen Seitenblick seines Kollegen auf. Sein kleiner Triumph. Wahrscheinlich hatte der verdammte Kerl das Gespräch absichtlich auf Bremen 3 gelenkt, um punkten zu können.

»Gut«, meinte der Vorsitzende. »Bergmann, Sie sind raus. Danke.«

Bergmann schloss die schwere Tür hinter sich und schlich zurück über den Flur. Am Automaten zog er sich einen Kaffee, holte seinen Mantel aus dem Büro und begab sich auf eine Zigarette nach draußen. Der Anspruch auf Perfektion und die Erfahrung, sie nie zu erreichen, waren erdrückend.

Unter dem Abdach stand bereits ein Kollege. Mist, ausgerechnet der Lücke. Bergmann spürte, wie sich seine Lust auf Koffein und Nikotin eintrübte. Lücke war keiner mehr, mit dem man sich unterhalten musste. Er war vor zwei Jahren hart ausgebremst worden, hatte sich in eine psychosomatische Klinik verdrückt und arbeitete seit seiner Rückkehr deutlich weniger, spielte im Aufstiegskampf aber auch keine Rolle mehr.

»Hallo Bergmann.« Lücke nippte am Kaffee und sog an seiner Zigarette.

»Hallo Lücke.« Bergmann zündete sich auch eine an und testete seinen Kaffee. Schon trinkbar, nicht zu heiß.

»Wer hat Ihnen diesmal das Bein gestellt?«

»Woher …« Wieso wusste der Kerl Bescheid? Nach nur fünf Minuten? Der Flurfunk funktionierte beängstigend gut. Immerhin: In Lückes Gesicht war keine Gehässigkeit auszumachen, eher Interesse.

»Czerkowicz oder Westerhoff?«, hakte Lücke nach.

»Czerkowicz.« Bergmann blies den Dampf über seinem Becher sachte weg und nahm den nächsten Schluck.

»Der ist scharf zurzeit«, bestätigte Lücke.

»Und wie läuft’s bei Ihnen?«, fragte Bergmann.

»Ich habe einen autoritären Chef und eine tyrannische Frau.« Lücke zuckte die Schultern. »Wie soll’s mir da gehen?«

Bergmann sah seinen Kollegen befremdet an. Auf keinen Fall wollte er sich mit Lücke auf persönlicher Ebene austauschen.

»Nun gucken Sie nicht so, als würde ich Ihnen etwas völlig Abwegiges kundtun.« Lücke lächelte milde. »Ihnen geht’s doch ähnlich.«

Bergmann spürte, wie das Nikotin ihn übermannte. Eine bleierne Schwere legte sich auf seine Schultern. Er war hart am Limit. Lücke konnte sich sein deprimierendes Resümee sparen.

»Wissen Sie, warum so viele Menschen einen Burnout erleiden?« Gelassen schlürfte Lücke seinen Kaffee.

Bergmann reagierte nicht.

»Weil es nicht aufwärts geht.« Lücke nahm einen tiefen Lungenzug. »Nur für wenige geht es aufwärts. Den meisten aber wird schnell klar, dass sie nicht zu den Auserwählten zählen. Sie wissen, dass es für den Rest ihres Lebens nur darum gehen wird, nicht abzusteigen.«

Bergmann nippte am Kaffee und schwieg.

Lücke hustete. »Bis zur Rente werden wir uns tagtäglich mörderisch ab­strampeln, nur um den Status Quo zu erhalten. Wir zahlen die Raten für unser Haus, fahren zweimal im Jahr in Urlaub, bringen unsere Kinder auf dieselbe miese Spur und verrecken eines Tages in irgendeinem personell unterbesetzten Seniorenheim. Oder kippen tot vom Bürostuhl und jeder sagt, dass es am Rauchen lag. Das ist nicht gerade eine lebensfreundliche Perspektive. Wir sind wie die Hamster im Rad.«

Bergmann zog an der Zigarette.

»Gilt auch für gescheiterte Ehen«, ergänzte Lücke. »Burnout der Partnerschaft. Keine Liebe, kein Sex, keine emotionale Perspektive.«

Bergmann war jetzt genervt und sah ihm direkt in die Augen. »Warum tun Sie es sich dann an? Diesen ganzen beschissenen Dreck?«

Lücke drückte seine Zigarette aus und zündete sich noch eine an.

Es klingelte. Bergmann fingerte nach seinem Smartphone und sah auf das Display. Der Vorstand. Plötzlich sackte sein Kreislauf weg. Stehen bleiben, ganz ruhig, einfach nur stehen bleiben. Er nahm das Gespräch an. »Bergmann?« Seine Stimme zitterte.

»Wo stecken Sie denn, Bergmann? Ins Konferenzzimmer.«

Bergmann schob das Telefon ins Jackett, schnipste die Kippe weg und lief zurück ins Gebäude.

»Warum tun Sie sich das an?«, rief Lücke ihm nach.

Bergmann nahm den Aufzug, schmiss den Mantel in sein Büro und den halbleeren Kaffeebecher in einen Papierkorb am Kopierer. Warum tun Sie sich das an? Die Frage hallte in seinem Kopf, während er zum Vorstandszimmer hetzte. Warum tun Sie sich das an? Ja, warum? Vor der Tür blieb Bergmann stehen und atmete durch.

Bietet denn irgendwer eine Alternative? Eine wirkliche Alternative und nicht nur so ein ökogesülztes Aussteigerblabla mit veganen Werkverträgen aus freiberuflicher Magerkost? Gibt es irgendwo einen garantiert heilbringenden Masterplan für ein wohlstandsgetriebenes Leben?

Bergmann öffnete die Tür zum Vorstandszimmer und fand die hohen Herren in muntere Konversation vertieft.

»Kommen Sie rein, Bergmann, nehmen Sie Platz.« Der Vorsitzende war sichtlich guter Laune. »Kaffee?«

»Danke, gerne.« Bergmann setzte sich.

»Wir sind ein gutes Stück voran gekommen«, meinte der Vorsitzende. »Ihre Ausarbeitung zu Bremen 3 war eine geeignete Entscheidungshilfe. Zum Glück hatte Czerkowicz sie griffbereit.«

Bergmann fing ein säuerliches Lächeln seitens des Kollegen auf.

»Gute Arbeit, Bergmann.« Der Vorsitzende zeigte sein wohlwollendes Lächeln und schob ihm einen prall gefüllten Ordner zu. »Morgen früh um acht brauche ich dann eine Vertragsvorlage für unsere Juristen.«

Bergmann nickte. Er klemmte sich den Ordner unter den Arm, ließ den Kaffee stehen und machte sich auf den Weg ins Büro. Das drohende Gewitter war einem vereinzelten Sonnenstrahl gewichen. Motivation genug für einen langen, innigen Abend mit Bremen 3.

Warum tue ich mir das an?

Das Hamsterrad dreht sich weiter. Wer bei dem Tempo aussteigt, landet auf der Nase. Ich habe keine Wahl.

Kaninchen

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»Nein, danke. Ich weiß, wie man hier ‘rauskommt.«

Bergmann verstand den doppelten Sinn ihrer Aussage, blieb stehen und sah seiner Kollegin nach. Ihr hektischer Gang verriet, wie verletzt und aufgebracht sie war. Mit Recht. Für einen Augenblick bekam er Angst, sie könne etwas Unüberlegtes tun. Er hatte keine Lust darauf, am Abend einen langen Kratzer an seinem Wagen zu entdecken. Doch dann sah er ihren kugelrunden Bauch und beruhigte sich.

»Sie ist schwanger.« Zwei Tage zuvor hatte er in der Chefetage gesessen.

Die Aussage perlte am Vorstand ab. »Bergmann, unser Unternehmen hat nach wie vor eine kritische Größe. Es ist unabdingbar, dass wir eine schlanke, schlagkräftige Truppe bleiben. Da brauchen wir Vollzeitkräfte mit vollem Einsatz für unser Wachstum und keine halbtagstätigen Mütter, die mit einem Ohr bei den Kindern zuhause sind.«

»Ich verstehe, was Sie meinen«, wandte Bergmann ein und spürte seinen inneren Widerstand. »Doch als Schwangere genießt sie einen besonders hohen Kündigungsschutz.«

»Regeln Sie das.«

Czerkowicz begleitete ihn zu dem Gespräch am späten Nachmittag.

»Ich mach das«, sagte Bergmann. »Sie können sich ja im weiteren Verlauf einschalten, falls es zu juristischen Fragen kommt.«

Czerkowicz nickte.

Dann saß sie da, seine Mitarbeiterin. Er hatte sie selbst eingestellt und ihre Arbeit geschätzt. Sie war sichtlich verwundert, dass Czerkowicz ebenfalls am Tisch saß, und rutschte unruhig im Sessel hin und her. Bergmann ertappte sich dabei, dass er mit höflichem Geschwafel über ihre Schwangerschaft, ihren Mann und den Kauf einer Eigentumswohnung begann. Doch dann ließ sich der Augenblick der Wahrheit nicht mehr herauszögern, ohne dass Czerkowicz ihn spöttisch angesehen hätte.

Das zurückliegende Wochenende war furchtbar gewesen. Bergmann hatte versucht, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Einige Formulierungen hatte er sich zwar zurechtgelegt, doch seine Seele signalisierte, dass er in keiner Weise bereit war. Er hasste sich für das, was er tun musste. Ihm war, als verkaufte er seine Seele dem Vorstand, der ihn starr angesehen hatte wie die Schlange das Kaninchen.

»Also. Worüber wir eigentlich mit dir sprechen wollten …« Bergmann war überrascht, wie fest seine Stimme klang.

Seine Kollegin legte den Kopf leicht zur Seite und zeigte ein gewinnendes Lächeln. Nur ihre Finger spielten nervös weiter.

»Du weißt ja, dass wir zwei Jahre hinter uns haben, in denen wir unsere Ziele nur teilweise erreicht haben. Wenn uns der Durchbruch in China nicht gelingt, werden wir längerfristig auf der Stelle treten.«

Sie nickte.

»Um zu gewährleisten, dass unser Unternehmen auf jeden Fall profitabel bleibt, müssen wir in jeder Hinsicht unsere Strukturkosten im Griff behalten.«

Ihr Blick ging ins Leere, als versuchte sie, auf die Schnelle alle weiteren Schlüsse vorauszudenken.

Jetzt.

»Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dir zu beenden.«

Das Lächeln blieb. Schwebezustand.

Bergmann hatte es getan, er hatte es tatsächlich gesagt. Ihn durchlief es eiskalt. Das war also der Moment, in dem auch er zur Schlange mutierte und sein erstes Kaninchen verschlang.

Dann sank sie in sich zusammen. »Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.«

»Es tut mir leid.« Bergmann meinte es aufrichtig und dennoch war jede weitere Aussage von ihm nun blanke Heuchelei.

Ihr Mund verzog sich. »Einfach so?«

Bergmann sah ihr in die Augen und schwieg.

»Und es gibt keine andere Möglichkeit?« Für ein paar Sekunden kämpfte sie mit den Tränen, behielt sich aber unter Kontrolle.

»Das Unternehmen hat sich für diesen Weg entschieden.« Bergmann hielt den Blickkontakt.

»Ich meine, ich gehe sowieso bald in Mutterschutz und Elternzeit und komme danach nur in Teilzeit wieder.«

Bergmann nickte. »Wir haben diese Kriterien berücksichtigt.«

»Das wirft unsere ganze Finanzplanung über den Haufen.« Sie blinzelte.

Bergmann biss sich auf die Lippe, andernfalls hätte er nur wieder »Tut mir leid« gesagt.

»Warum ich? Warum nicht ein anderer aus dem Team?«

»Wir brauchen auch weiterhin Leute, die hier jeden Tag Vollgas geben.«

Sie versteifte sich. »Das ist ein bisschen frech, findest du nicht?«

Im Augenwinkel sah Bergmann, dass Czerkowicz sich im Sessel aufrichtete und mit einer unschönen Auseinandersetzung rechnete.

Sie beugte sich vor. »Du hast aber schon im Blick, dass ich schwanger bin und Ihr mir nicht einfach so kündigen dürft?«

»Wir finden eine Lösung.«

»Eine andere Lösung als Kündigung.«

»Es tut mir leid. Ich habe da keinen Verhandlungsspielraum.«

An diesem Punkt schaltete sich Czerkowicz ein und für Bergmann versank die kommende Viertelstunde im Nebel.

Und jetzt eilte sie mit übergroßen Schritten dem Ausgang zu. Bergmann mochte sie und sie hätte ihren Weg im Unternehmen gemacht. Dummerweise war sie zum falschen Zeitpunkt schwanger geworden. Manchmal fragte er sich, warum Frauen um jeden Preis berufstätig sein wollten und wie die Rolle als Hausfrau und Mutter derart in Verruf geraten konnte. War das hier wirklich besser?

Eine Bürotür öffnete sich. Kollege Lücke eilte mit der Zigarette im Mund auf den Ausgang zu, durch den die Kollegin gerade verschwand.

»Na, Bergmann, wirklich großer Wurf!«, rief Lücke quer durchs Foyer. »Du bist Gesprächsthema Nr. 1. Hast es dir mit allen jungen Frauen verdorben. Gratuliere!«

Bergmann atmete tief durch und beachtete ihn nicht. Czerkowicz würde jetzt dafür sorgen, dass seine Mitarbeiterin keinen unnötigen Lärm schlug und der Betriebsrat die Füße stillhielt. Wir sind eine große Familie und regeln auch solche Angelegenheiten unaufgeregt auf unsere Weise. Das Kaninchen wurde bereits verdaut und für den Augenblick war die Schlange satt.

Lemminge

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Der Schreck saß tief. Früher oder später hatte so etwas ja passieren müssen. Vielleicht war es eine Zäsur. Nicht nur für ihn. Für das ganze Unternehmen. Wenn es denn überhaupt etwas Sinnvolles gab, das daraus entstand. 

Bergmann riss die Tür auf und trat nach draußen. Noch immer regnete es in Strömen. Zum Glück waren es nur wenige Schritte. Er marschierte los. Der Kaffee schwappte über den Rand des Bechers und der Regen füllte ihn wieder auf. Ein Schirm wäre hilfreich gewesen. 

Gleichzeitig musste er sich der Situation stellen. Jetzt. Womöglich gab es kurzfristig eine Entscheidung zu treffen. Die freie Stelle. Seine Chance zum Aufstieg. Bergmann konnte es schon spüren. Noch mehr Stress, noch mehr Verantwortung, aber auch mehr Geld und Ansehen. Wie viel konnte er tragen und wann war besser Schluss für ihn? 

Die Schultern hochgezogen erkannte Bergmann über den Brillenrand hinweg, dass Kollege Lücke unter dem Abdach stand und rauchte. War klar. Nicht mal zehn Minuten hatte man hier Ruhe. 

Und noch jemand stand dort. Bergmann kniff die Augen zusammen und erkannte Czerkowicz, ebenfalls in Rauch gehüllt. Seit wann ...? Hatte die Nachricht sogar diesen geölten Karrieremasturbanden getroffen? Dann wurde ihm bewusst, dass auch Czerkowicz sich für die Stelle interessieren könnte. Für ihn wäre sie kein Aufstieg, aber eine willkommene Abwechslung und ein Ausgangspunkt für weitere Karrierestufen. 

Bergmann rettete sich ins Trockene und fegte die Wasserperlen vom Jackett. Für Regenbeulen war der Anzug einfach zu teuer gewesen. 

»Eigentlich stehe ich ja nicht so auf materialermüdete Brüste«, sagte Lücke und wandte den Kopf. »Ach. Hallo Bergmann.« 

»Hallo Lücke. Czerkowicz ...« Bergmann deutete ein Nicken an. 

Czerkowicz erwiderte das Nicken und schwieg. 

»Wir sprechen gerade über ...« Lücke warf Bergmann einen bedeutungs­vollen Blick zu. 

»Natürlich«, antwortete Bergmann. Frauen. Unmerklich schüttelte er den Kopf und nahm den ersten Schluck Kaffee. 

»Aber sie hatte natürlich viel erotische Nutzfläche.« Lücke zwinkerte Czerkowicz zu. 

Bergmann verzog die Lippen. Er zündete sich eine Zigarette an und zog tief durch. Lücke war ein kaputter Typ. Vor seinem Absturz hatte der Kerl selbst einen derart kalorienkathedralen Wanst gehabt, dass sein Schwanz in der Sonne ein einsames Schattendasein führte. Seither war er ausgemergelt und bestimmt kein Aufreißer. 

»Und Frauen in ihrem Alter wollen es unbedingt, weil sie denken, es könnte das letzte Mal sein.« Lücke schnipste die Asche weg. »Da wäre ich ja gerne noch zum Zug gekommen. Aber leider ...« 

Schlagartig wurde Bergmann bewusst, um wen es ging. »Sagt mal, spinnt Ihr?« Sein Puls ging durch die Decke. »Sie ist noch nicht mal vierundzwanzig Stunden tot und Ihr redet über sie, als wäre sie Freiwild gewesen?« 

Czerkowicz nahm einen Zug und hielt den Atem an. 

Lücke zuckte die Schultern. »Reg dich ab, Bergmann. Ihr tut’s nicht mehr weh. Aber uns entgeht was.« 

Bergmann machte eine ungehaltene Bewegung und wieder schwappte der Kaffee aus dem Becher. »Ach Scheiße.« 

Für einen Augenblick schwiegen sie und zogen an ihren Zigaretten. 

Bergmann räusperte sich. »Was ist eigentlich passiert? Weiß das schon jemand?« 

»Angeblich mit Vollgas gegen einen Baum«, sagte Lücke. »Mehr Alkohol als Blut im Körper. Dafür kein Sicherheitsgurt. ‘n Freund von mir ist Chirurg in der Ambulanz. Sagte, es hätte ausgesehen, als wäre ein Panzer drüber gefahren.« 

Czerkowicz trat seinen Stummel aus und zündete sich die nächste Zigarette an. Lücke ließ die Kippe fallen und nahm auch noch eine. Der Regen pladderte vor sich hin. Autos zogen einen Nebel aus Gischt hinter sich her. 

»Oh Mann.« Bergmann seufzte. »Sie war so ein netter Mensch. Freundlich. Gut gelaunt. Ich glaube, alle mochten sie irgendwie. Wisst Ihr noch, wie sie den Bremen-3-Auftrag an Land gezogen hat? Sie hatte es drauf und saß so fest im Sattel. Ich hätte das nie von ihr gedacht.«
 

»Ts«, machte Lücke. »Man muss sich ja nicht gleich umbringen. Sie hätte nur mal etwas sagen müssen.« 

»Was denn?« Czerkowicz‘ Stimme war leise und rau. 

Bergmann verkniff sich eine voreilige Antwort. 

»Was soll man in ihrer Situation sagen?«, fragte Czerkowicz. »In einem Unternehmen wie diesem? In einer Gesellschaft wie dieser?« Er sah erst Lücke, dann Bergmann an. »Mir geht’s nicht gut? Mir wächst der Job über den Kopf und mein Privatleben ist auch am Ende?« 

Bergmann spürte seine Eingeweide. »Klar, das geht nicht, nicht hier. Du kommst sofort auf die Streichliste, wenn du Schwäche zeigst.« 

»Und hinterher sind alle entsetzt.« Czerkowicz sah hilflos aus. »Tun so, als gäbe es unter Kollegen Raum für persönliche Befindlichkeiten, als hätte jeder Verständnis für ihre Sorgen aufgebracht, wenn sie nur etwas gesagt hätte. Aber Ihr wisst selbst, wie das läuft. Ist die Seele angeschlagen, will niemand mit dir zu tun haben. Deshalb schweigen Menschen wie sie und deshalb wird es wieder passieren. Es gibt keinen Ausweg aus solch einer Falle.« 

Bergmann sah ihn verwundert an. Czerkowicz hatte nur seine Karriere im Blick. Menschliche Regungen traute er ihm nicht zu. 

»Trotzdem.« Lücke blieb stur. »Dann sucht man Hilfe bei Freunden, in der Familie, geht zum Arzt. Oder lässt sich vögeln.« 

Czerkowicz atmete tief durch. Es klang gereizt. »Als wenn all das immer verfügbar, hilfreich und ausreichend wäre. Glaubt Ihr wirklich, dass wir die Hoheit über unser Leben haben? Dass es einem nie entgleiten kann?« 

Bergmann fixierte Czerkowicz. »Wieso nimmst du das ...?« 

»Ich hatte was mit ihr.« 

Bergmann starrte ihn an. 

»Was?« Lücke war perplex. »Du hast es mit meiner Chefin getrieben?« 

»Ist schon länger her. Es ging ihr nicht gut und es war nicht leicht mit ihr. Ich weiß also, wovon ich rede.« 

»Erzähl!« 

»Mensch, Lücke, jetzt ist aber gut.« Bergmann wandte sich an Czerkowicz: »Wie kommst du damit klar?« 

»Lücke ist mir völlig egal, soll er reden.« 

»Autsch.« Doch Lücke war nicht verletzt. 

»Heute sind alle geschockt«, meinte Czerkowicz. »Sie nehmen Anteil und wissen genau, dass es ihnen lästig gewesen wäre, solange sie noch da war. Wer hätte freiwillig Rücksicht auf eine verstörte Kollegin genommen? Der Vorstand etwa? Oder du, Lücke?« 

Lücke setzte zu einer Antwort an, doch Czerkowicz ließ ihn nicht. 

»Bereits morgen, spätestens übermorgen wird es heißen, dass sie ja schon ein bisschen merkwürdig war, irgendwie schräg und immer ein wenig abseits. Dann beginnt der Zersetzungsprozess. Mitgefühl hat eine kurze Halbwertzeit.« Czerkowicz zog an der Zigarette und atmete geräuschvoll aus. »Jetzt schaut mich nicht so an. Ich habe sie nicht geliebt. Es tut mir nur leid um sie.« 

Bergmann stellte fest, dass seine Zigarette ausgegangen war, und zündete sich eine neue an. Der Kaffee war nurmehr lauwarm, er setzte den Becher am Boden ab. 

»Was soll’s. Irgendwie stehen wir alle am Abgrund und werden gefickt.« Lücke blieb bissig. »Nur leider von hinten. Wir stehen mit dem Rücken zur Klippe. Sobald wir anfangen, uns zurückzuziehen, kann es ein Schritt zu viel sein.« 

»Für die meisten geht es zum Glück gut«, konterte Bergmann. 

Czerkowicz sah ihn spöttisch an. 

Bergmann war verwirrt. Er spürte selbst, wie nah er an die Klippe gedrängt wurde. Sogar Czerkowicz hatte den Abgrund gesehen, auch wenn es nicht sein eigener war. 

»So, Ihr Lemminge«, sagte Lücke. »Ich gehe wieder rein. Da wartet noch Arbeit auf mich.« Lücke schlug den Kragen hoch und zuckelte zurück ins Gebäude. 

Czerkowicz nickte Bergmann zu. »Du kannst ihren Job haben. Kein Interesse.« Dann schloss er sich Lücke an. 

Bergmann blieb zurück. Ein Mann zerrte einen Hund hinter sich her, ein Kind plärrte, irgendwo war ein Krankenwagen zu hören. 

Hatte es nichts zu bedeuten? War nur wichtig, dass man die Sonnenseite erwischte? Am Ende kam niemand lebend hier raus. Aber vielleicht fröhlicher. 

Das Handy summte. Bergmann sah auf das Display und sein Bauch schmerzte. Der Vorstand. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest. 

»Wo sind Sie, Bergmann? Sie verpassen unser Meeting.« Der Vorsitzende klang verärgert. »Der Vertrag wartet. Wir sind nicht zum Spaß hier.« 

Hasen

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Fünfzehn Uhr. In einer Stunde wollte Bergmann den PC ausschalten und nach Hause fahren. Die Kernarbeitszeit von acht bis sechzehn Uhr gab den Rahmen vor, für wie lange er sich heute mit unterschwelliger Vorfreude in die Arbeit stürzte und ab wann er endlich den Abend einläuten konnte. Seine Frau und er hatten Karten für ein besonderes Konzert und da sollte alles möglichst perfekt sein und ohne Hektik laufen.

Bergmann wandte sich dem Bremen-3-Vorgang zu, der nur zäh vorankam und allmählich nervte. Immerhin würde die Feasibility Study bis morgen Mittag vorliegen, er selbst war mit seinem Part gut vorangekommen und konnte den Rest morgen Vormittag erledigen, bevor ab zwölf Uhr die letzte Abstimmung erfolgte und das Gesamtpaket an den Vorstand ging.

Eine E-Mail ploppte auf. Betreff »Bremen 3«. Absender Czerkowicz. Bergmann verdrehte die Augen und öffnete sie.

»Hallo zusammen, dringende Änderung im Ablauf: Die Unterlagen für Bremen 3 müssen heute schon fertig gestellt und dem Vorstand übergeben werden. Wir treffen uns um 18:00 Uhr im großen Sitzungssaal. Es wird also wieder mal später.«

Bergmann starrte auf die Nachricht, klickte auf »Antworten« und schrieb: »Hallo Czerkowicz, ist nicht dein Ernst. Muss um 4h weg.«

Drei Minuten später kam die nächste Mail, wieder an den großen Verteiler: »Sorry Leute, es geht nicht anders. Anscheinend droht Ärger mit dem Umweltschutz und der Vorstand trifft morgen früh den Bürgermeister. Da müssen wir zeigen, dass wir an alles gedacht haben.«

Bergmann verstand. Nicht nur er, sondern auch weitere Kolleginnen und Kollegen hatten sich beschwert. Wahrscheinlich brauchte der eine oder die andere noch dringend Zeit und hatte den Abend bereits eingeplant. Jetzt machte sich Panik in den Köpfen breit.

Bergmann schüttelte den Kopf. Seine Frau würde ihm den Kopf abreißen, wenn er das Konzert ausfallen ließ. Beide freuten sich seit Tagen auf diesen Abend.

Kurz darauf kam die nächste Nachricht an alle. »Es reicht, Leute. Der neue Terminplan für heute und morgen früh ist fix. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir dieses Projekt wirklich wollen und können. Gebt Gas, dann sind wir um 20:00 Uhr durch.«

Bergmann sah auf die Uhr. Fünfzehn Uhr dreißig. Zweieinhalb Stunden bis zur Abgabe und zur Konferenz. Das war machbar, wenn er sich jetzt richtig ranhielt und sich nicht mit den Details der Nebenschauplätze aufhielt. Danach zwei Stunden Meeting mit dem Vorstand, bei dem allerdings nichts schief gehen durfte, sonst saß er im Anschluss noch stundenlang an Nacharbeiten.

Doch die Luft war raus, komplett. Gleich als erstes musste er seine Frau anrufen und absagen. Ihm graute vor dem Gespräch. Einmal mehr war es sein Job, der einen gemeinsamen Abend vermasselte und diesmal sogar das Konzert. Bei dem Gedanken begann sein Herz zu pochen. War er bereit, das hinzunehmen? Dass der Job sein Leben diktierte? Dass die Arbeit an seiner Ehe nagte? Dass er im Büro immer bis ans Limit ging?

Ja. Es ging nicht anders. Er hatte einen Vertrag unterschrieben. Sollte er sich jetzt über die Anweisung hinwegsetzen, gäbe es morgen früh ein feines Wiedersehen in der Eingangshalle – der Vorstand auf dem Weg zum Bürgermeister, er selbst mit dem Karton unter dem Arm auf dem Weg zum Jobcenter und Czerkowicz auf dem Weg zu Bergmanns Nachfolger.

Mit klammen Fingern drückte Bergmann die Telefontaste, die ihn direkt mit seiner Frau verband.

»Hallo Schatz, schön, dass du noch anrufst.« Sie klang entspannt. »Wie läuft es denn?«

»Hallo mein Liebling, nicht gut.« Bergmanns Stimme war unsicher.

Ihre Tonlage verdüsterte sich sofort. »Was ist los? Sag nicht, dass etwas dazwischen kommt.«

»Doch.« Bergmann rang nach Worten. »Der Vorstand hat den Terminplan für Bremen 3 abgekürzt. Die Konferenz findet gleich um sechs statt.«

Für Sekunden herrschte Schweigen am anderen Ende. »Das kannst du nicht machen. Das Konzert ist …«

»Ich weiß es doch«, unterbrach er sie. »Meinst du, mir passt das? Ich habe mich mindestens genauso wie du auf den Abend gefreut.«

»Du sagst tatsächlich ab …«, murmelte sie.

»Was soll ich denn machen?« Bergmann war verzweifelt, weil er wusste, dass sie jedes Recht hatte, um verärgert zu sein.

»Ts, lass es einen deiner Jungs machen. Oder die Neue, die könnte mal zeigen, was sie drauf hat.«

»Die haben alle ihren Teil erledigt. Jetzt muss ich noch mal ran.«

»Klar, der Chef ist gefragt. Sehr wichtig. Das alte Spiel: Arbeit vor Liebe.«

»Jetzt komm mir bitte nicht so!«

»Ich bin so froh, dass ich meinen Job nicht für ein Kind auf halbe Tage reduziert habe. Da wären zwei oder irgendwann sogar drei Familienmitglieder ziemlich oft enttäuscht von dir gewesen.«

»Das ist unfair. Du weißt doch gar nicht, wie das ist.«

»Stimmt. Ich arbeite nämlich nicht für solch einen patriarchalischen Haufen, wie Ihr einer seid.«

»Der zahlt aber gut, der Männerhaufen.«

»Das hatte ich tatsächlich vergessen. Arbeit und Geld vor Liebe.«

»Tu nicht so. Du warst doch auch irre stolz, als du Teamleiterin wurdest.«

»Arbeit, Geld und Karriere vor Liebe«, sinnierte sie. »Nein, bei mir nicht. Hier ist man ein bisschen fortschrittlicher und legt Wert darauf, dass Arbeit und Privates im Gleichgewicht bleiben. Kompromisse beim Gehalt nehmen wir in Kauf. Das nennt man Lebensqualität. Auch im Job.«

Bergmann zwang sich zur Ruhe. »Wie wäre es, wenn du schon mal allein vorgehst und ich komme nach?«

»Hat noch nie geklappt.«

»Herrgott! Ich muss mich jetzt wirklich ranhalten, sonst schaffe ich das nicht bis um sechs. Geh doch mit deiner Freundin, die war sowieso neidisch auf die Karten.«

»Okay, mach ich.« Sie legte auf.

Bergmann knallte den Hörer hin.

Die Tür öffnete sich und Lücke sah neugierig um die Ecke. »Ah! Auch hier gibt‘s dicke Luft. Seit Czerkowicz‘ Mail herrscht überall Bombenstimmung.«

»Zisch ab.«

»Wer musste dran glauben?« Lücke warf sich in Denkerpose. »Fußball? Pokern? Kinder? Frau?« Lücke grinste schäbig. »Die Frau mal wieder.«

Bergmann öffnete die Dokumentation am Bildschirm und rief sich zur Ordnung. »Ich hab‘ zu tun, wir seh’n uns.«

»Klare Prioritäten. Der Vorstand darf alles mit dir machen und du denkst, dass du mit deiner Frau auch alles machen kannst. Aber Respekt: Dass du dich heute Abend nach Hause traust, ist nichts für Angsthasen.«

Bergmann sah zu, wie Lücke leise die Tür schloss. Die Symbolik war unverkennbar. Seine Frau würde sich einen schönen Abend mit ihrer Freundin machen und ihn tagelang gleichgültig behandeln. Wie weit hatte sich ihre Tür schon geschlossen? Keine Ahnung, aber für Bremen 3 war es jetzt höchste Zeit.

Dirk Röse Grafik

Publikationen.

Roman. Novelle. Kurzgeschichte. Anthologie. Sachtext.

Romane & Novellen

»Der Jeschua-Schrein«, Alternate-History-Novelle

Burgenweltverlag, Bremen

2015

978-3-943531-32-9

 

»olo«, Science-Fiction-Novelle

Pseudonym: Robert Gilbers

Eridanus-Verlag, Bremen

2015

978-3-946348-06-1

 

»frag-lich-t-e-mo-mente«, Erzählband mit Kurzgeschichten und Lyrik

Geest-Verlag, Vechta

2014

978-3-86685-460-4

 

»Chrodigildis«, Mittelalterliche Krimi-Novelle

Burgenweltverlag, Bremen

2013

978-3-943531-05-3

 

»Mondpräsidentin«, Science-Fiction-Novelle

Textlustverlag, Ettlingen

2012

978-3-943295-47-4

»Metathesis«, Thriller

Candela-Verlag, Korb

2011

978-3-942635-21-9

 

»Die 111 schönsten biblischen Namen«; Lesebuch

Quell-Verlag, Gütersloh

2000

978-3-579-03360-3

Anthologien

»Moorgezeiten«, Anthologie mit Kurzgeschichten, Betrachtungen und Lyrik

Herausgebende: Dirk Röse in Zusammenarbeit mit dem Emsland Moormuseum

Geest-Verlag, Vechta

2016

978-3-86685-560-1

 

»Richter der Nacht«, Anthologie mit mittelalterlichen Kurz-Krimis

Herausgebende: Jana Hoffhenke, Dirk Röse, Juliane Stadler

Burgenweltverlag, Bremen

2013

978-3943531046

Kurzgeschichten

»Olafs Drache«

Kurzgeschichte in der Anthologie »Drachenreiten und andere Geschichten«

Herausgebende: Inge Witzlau, Alfred Büngen

Geest-Verlag, Vechta

2020

978-3-86685-781-0

 

»Herbst«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Und noch immer willst du nicht verweilen«

Herausgeber: Alfred Büngen, Olaf Bröcker

Geest-Verlag, Vechta

2018

978-3-86685-710-0

 

»Hamster«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Untertan«

Herausgeber: Reinhard Rakow

Geest-Verlag, Vechta

2015

978-3-86685-528-1

 

»Z.Z. Voss«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Den Worten die Hand hingehalten«

Herausgeber: Olaf Bröcker

Plaggenborg-Verlag, Vechta

2014

978-3-929358-90-2

 

»Wieso läuft eigentlich das Meer nicht über?«, »Wieso muss ich nachts schlafen und nicht tagsüber?« Kurzgeschichten in der Anthologie »Wir Kinder aus dem Brigachtal«

Herausgeberin: Grundschule Brigachtal

Geest-Verlag, Vechta

2014

978-3-86685-474-1

 

»Ijjenejwa«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Und niemand glaubt an mich«

Herausgeberin: Ellen Roemer

Geest-Verlag, Vechta

2014

978-3-86685-480-2

 

»Raubritter«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Trotz alledem«

Herausgeber: Reinhard Rakow

Geest-Verlag, Vechta

2013

978-3-86685-434-5

»Des Grafen Tochter und die Schwalbe«, Anna Janas & Dirk Röse, Kurzgeschichte in der Anthologie »Neue Geschichten für die Brüder Grimm«
Herausgeberin: Stadt Kassel
Bookumentation, Kassel
2013
978-3-923461-90-5

 

»Heute. Morgen. Für immer.«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Der Lärm verstummt ...«

Herausgeberin: Ellen Roemer

Geest-Verlag, Vechta

2012

978-3-86685-376-8

 

»Night-Flight to the Stars«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Grotesk!«

Herausgeber: Jan-Eike Hornauer

Candela-Verlag, Korb

2011

978-3-942635-22-6

 

»Im Schatten«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Winterreise«

Herausgeber: Reinhard Rakow

Geest-Verlag, Vechta

2011

978-3-86685-317-1

 

»Der Jeshua-Schrein«, Novelle in der Anthologie »Burgenbrand«

Herausgeberin: Jana Hoffhenke

Burgenweltverlag, Bremen

2011

978-3-943531-00-8

 

»Der Prophet«, Kurzgeschichte in der Anthologie »So ein Mensch«

Herausgeberin: Ellen Roemer

Geest-Verlag, Vechta

2010

978-3-86685-269-3

 

»Purgatorium«, Kurzgeschichte in der Anthologie »Hinterland«

Herausgeberin: Karla Schmidt

Wurdack-Verlag, Nittendorf

2010

978-3-938065-69-3 

Sachtexte

»Hybrid Substrates« in »Peatlands International« issue 1.2021
Editor & Publisher: International Peatland Society
2021

»Nachhaltigkeit als Unternehmensstrategie für die Torf- und Substratbranche« in »TELMA« Band 45
Schriftleitung: Volkmar Rowinsky & Volker Schweikle
Selbstverlag der Deutschen Gesellschaft für Moor- und Torfkunde
2015
ISSN 0340-4927

»Wir verkaufen keine Substrate, wir verkaufen Sicherheit« & »Nachhaltig in eine gemeinsame Zukunft« in »Von den Heseper Torfwerken zur Klasmann-Deilmann GmbH«
Herausgeber: Dr. Michael Haverkamp unter Mitarbeit von Dieter Ostendorf
Rasch-Verlag, Bramsche
2013
978-3-89946-201-2

»Konfirmandenunterricht für Erwachsene, die Praxis«, 21 Unterrichtsentwürfe von Dieter Grimmsmann & Dirk Röse
Herausgeber: Ostkirchen- und Aussiedlerarbeit in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
1997

Dirk Röse 111 schönste biblische Namen
Dirk Röse Ellen Roemer So ein Mensch
Dirk Röse Karla Schmidt Hinterland
Dirk Röse Isabella Benz Jana Hoffhenke Burgenbrand
Dirk Röse Eike Hornauer Grotesk
Dirk Röse Metathesis
Dirk Röse Reinhard Rakow Winterreise
Dirk Röse Ellen Roemer Lärm verstummt
Dirk Röse Mondpräsidentin
Dirk Röse Anna Janas Kassel Brüder Grimm
Dirk Röse Jana Hoffhenke Richter der Nacht
Dirk Röse Chrodigildis
Dirk Röse Reinhard Rakow Trotz Alledem
Dirk Röse Fraglichtemomente
Dirk Röse Geest Verlag Kinder Brigachtal
Dirk Röse Ellen Roemer Niemand Glaubt An Mich
Dirk Röse Olaf Bröcker Alfred Büngen Worten die Hand hingehalten
Dirk Röse Reinhard Rakow Untertan
Dirk Röse Robert Gilbers olo
Dirk Röse Jana Hoffhenke Der Jeschua-Schrein
Dirk Röse Emsland Moormuseum Moorgezeiten
Dirk Röse Inge Witzlau Olaf Bröcker Verweilen
Dirk Röse Olaf Bröcker Drachenreiten