Dirk Röse Grafik

Auf der Suche
nach der Pointe im Leben und dem Ernst der Lage.

Publikation. Publikum. Publik.

Tagebuch 2010-2020.

Dirk Röse Hermann Hesse Stufen Siddhartha

Montag, 14. Dezember 2020

Ich bin kein Freund von Hermann Hesse. Der eine oder andere Gedanke bleibt dennoch hängen. Dass jeder Anfang seinen eigenen Zauber hat, ist immer noch eine nette Beobachtung, auch wenn sie allzu inflationär zitiert wird. Tatsächlich sind die »Stufen« in ihrer Gesamtheit ein großer Wurf. Wichtiger fand ich jedoch den Gedanken in »Siddhartha«, dass im Kind auch schon der Greis angelegt sei. Dürfte man dann nicht formulieren: »Jedem Anfang wohnt ein Ende inne«?

Dirk Röse Weihnachten Gott wird Mensch

Sonntag, 13. Dezember 2020

Gott wird Mensch. Das bedeutet Weihnachten. Das Christentum ist mit dieser Botschaft nicht originell. Auch andere Religionen verkünden die Menschwerdung ihrer Götter. Der Unterschied aber besteht im Glauben daran, weshalb Gott Mensch wird. Er kommt, um die Menschen zu retten, er kommt um ihretwillen, er kommt aus Liebe zu seinem Geschöpf.

Karfreitag ist der Tag, an dem Menschen diese Liebe in gründlicher Konsequenz ablehnen. Die menschgewordene Liebe Gottes endet am Kreuz. An Ostern hält Gott dagegen, dass seine Liebe dennoch dem Menschen gilt. In der Auferstehung trotzt die menschgewordene Liebe der Ablehnung.

Liebe findet ihren Weg. Das ist Advent. Ins Dunkle kommt das Helle. Zum Abgewandten kommt der Zugewandte. Ins Zeitige kommt das Ewige. Zum Menschlichen kommt das Göttliche. In der Adventszeit harrt die Kreatur auf die Liebe, die einen Weg sucht, bis sie ihn findet.

Dirk Röse Moderation

Dienstag, 15. September 2020

An vier Tagen Moderation einer 90-minütigen Veranstaltung mit Podiumsdiskussion, kleinem Publikum und einer Live-Übertragung in die ganze Welt.

Dirk Röse Komma her

Samstag, 29. August 2020

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Wohin gehört hier ein Komma?

 

1. Offline bin ich nur wenn ich unterwegs bin und nachts.

2. Offline bin ich nur nachts und wenn ich unterwegs bin.

 

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Freitag, 21. August 2020

Lieber Olaf, dein runder Geburtstag ist nun zwar schon etwas länger her, dennoch gibt es guten Grund, dir noch einmal zu gratulieren. Da ist sie nun endlich - die Anthologie zu deinen Ehren. Ein Handbuch, prallvoll mit allen wichtigen Informationen, die es braucht, um einen Drachen zu reiten. Wir alle werden im Alltag davon profitieren. Und dass sogar du ein wenig Unterstützung gebrauchen könntest, ist mir erst jetzt bewusst geworden. Herzlichen Glückwunsch!
→ Video hinter dem Bild

Dirk Röse Erwartungen

Montag, 6. Juli 2020

Der eine oder andere Mitmensch kommt nicht gut damit zurecht, wenn man Erwartungen an ihn richtet. Sie werden als Einengung empfunden und üben Druck aus. Da ist etwas Wahres dran. Eine Erwartungshaltung schränkt das Gegenüber auf eine bestimmte Handlungs-, Denk- oder Gefühlsoption ein. Solange das Gegenüber freiwillig dieser Option entspricht bzw. entsprechen möchte, ist das kein Problem. Dann sind Erwartung und Erfüllung deckungsgleich.

Schwierig kann es werden, wenn das Gegenüber lieber einer anderen Option folgen würde oder sich alle denkbaren Optionen offenhalten möchte. Dann kann es sein, dass Erwartung und Erfüllung am Ende auseinanderklaffen. Ob das zum Problem wird, hängt zum einen davon ab, wie massiv die eigene Erwartungshaltung ist und wie stark die Enttäuschung empfunden wird. Zum anderen hängt es davon ab, wie massiv das Gegenüber die Einengung durch die Erwartung empfindet und wie stark der gefühlte Druck ist.

Die saubere Lösung bestünde darin, jegliche Erwartung an andere Menschen aufzugeben. Das hieße dann beispielsweise: »Ich möchte heute etwas kochen, das wir zusammen essen können. Gestern haben wir gemeinsam gekocht. Heute erwarte ich das nicht von dir. Es kann sein, dass ich es allein mache, und es ist in Ordnung. Hauptsache, es schmeckt uns.« Oder: »Gestern haben wir gemeinsam gekocht. Heute ist es in Ordnung, dass du nur für dich allein kochst. Es ist genug Platz in der Küche und ich mache mir selbst etwas zu essen.« Oder: »Ich habe keine Lust, die Küche aufzuräumen, und von Euch erwarte ich es auch nicht. Das schmutzige Geschirr bleibt liegen.« Eine erwartungsfreie Haltung verlangt danach, dass man sich in jeder Situation neu arrangiert – auch damit, dass die Paprika, die ich mir für mein Chili aufschneiden möchte, gerade in deinem Salat verschwindet. Eine erwartungsfreie Haltung erhöht ganz sicher den Gesprächsbedarf, aber sie perfektioniert auch die eigene Toleranz und eliminiert erfolgreich jeglichen Beziehungsstress.

Es fragt sich nur, wer das in dieser Konsequenz durchhält. Gerne erinnere ich mich an die Türme aus schimmeligem Geschirr in einer Wohngemeinschaft während des Studiums. Da kam eine gewisse erwartungslose Haltung aller Beteiligten zur Vollendung. Auch ich hegte keinerlei Erwartung, denn mein Geschirr hielt ich unter Verschluss und wusch es zur Not im Badezimmer ab, das ich erwartungsfrei regelmäßig sauber machte. Ich gebe zu, das waren nicht die schönsten Lebensumstände, und ich war froh, schließlich woanders unter anderen Bedingungen weiterleben zu können. Meine unterschwelligen Erwartungen hatte ich lange genug ignoriert.

Ich kenne niemanden, der nicht irgendwie Erwartungen an sein Gegenüber hegt. Die regional geltende Sitte, Erziehung, Erfahrung und nicht zuletzt Gewohnheit schaffen bewusste oder unbewusste Erwartungshaltungen. Vielleicht hegt man nicht die Erwartung, von einem Freund bei der Begrüßung umarmt zu werden. Vielleicht geht es sogar ohne ein Lächeln. Aber wenn noch nicht einmal ein »Hallo« kommt, steigt der Gesprächsbedarf dynamisch.

Und genau genommen ist die Annahme, dass das Gegenüber in einer konkreten Situation keine Erwartungen hegt, selbst eine Erwartung: »Ich erwarte, dass du nichts erwartest.« Verpackt ist diese Haltung gerne in Gedankenlosigkeit oder Ich-Bezogenheit, und ihr Lieblingssatz lautet: »Oh, ich bin davon ausgegangen, dass das für dich kein Problem ist.«

Spannend ist dann auch die Frage, wer sich selbst die Hoheit einräumt, die Kriterien für erlaubte und nicht erlaubte Erwartungen festzulegen. Relativ klar geordnet ist das im Arbeitsleben. Aber auch da ist es oft nur relativ klar. Im privaten Bereich haben wir es jedenfalls mit einer sehr viel diffuseren Lage zu tun.

Es wird wohl nicht anders gehen, als dass wir uns Erwartungshaltungen bewusst machen und dass wir miteinander aushandeln, was geht und was nicht geht. Erwartungen sind nichts Schlechtes, solange sie aus einem gemeinsamen Arrangement rühren. Dann werden sie zum gesunden Zeichen des gemeinsamen Rahmens. Und auch das eliminiert viel Stress in Beziehung, Freundschaft, Clique, WG, Familie, Verein und Beruf, überfordert die eigene Toleranz nicht und schafft stattdessen freie Kapazitäten für viel schönere Gesprächsthemen.


Dirk Röse Aufgeschlossene Gesellschaft

Donnerstag, 21. Mai 2020

Wie wichtig ist gesellschaftliche Akzeptanz? Wie wichtig ist es, ein Leben zu führen, das im privaten, sozialen, religiösen, politischen und beruflichen Umfeld nicht anstößt? Wie geht man damit um, wenn bestimmte Aspekte des eigenen Lebens von der Allgemeinheit nicht gutgeheißen werden?

Gesellschaftliche Akzeptanz ist überaus wichtig, weil sie einen in Frieden lässt. Wer auch nur in Teilen ein gesellschaftlich anstößiges Leben führt, muss damit rechnen, dass das eigene Dasein oder Sosein in Gesamtheit verurteilt wird. Wer anstößig lebt, darf felsenfest mit Anfeindungen, Spott, übler Nachrede, Unverständnis, Ausgrenzung und vielleicht auch beruflichen Konsequenzen rechnen. An diesem Punkt unterscheidet sich die sogenannte moderne, aufgeschlossene Allgemeinheit nicht von der Gesellschaft früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Wer sich also sehenden Auges in eine sozial inakzeptable Situation begibt, sollte sich zuvor vergewissern, ob es das wert ist, ob die eigene Psyche den unausweichlichen Shitstorm erträgt, ob die beruflich-wirtschaftliche Situation tragfähig bleiben wird und ob es Menschen gibt, auf deren Treue man zählen kann.

Dirk Röse Sind Sie sicher

Freitag, 1. Mai 2020

Deutschland trägt eine Maske. Die Corona-Pandemie wird zur ersten Kollektiverfahrung unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten.

Vielleicht war es in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich so einfach. Wir hatten uns fest daran gewöhnt, dass Dinge zwar schiefgehen können, aber dass sie unsere heile Welt nie ernsthaft in Gefahr bringen würden. Im Grunde wussten wir ja, dass wir sicher sind. Stolpern, Fallen und Scheitern blieben allgegenwärtig, aber die Zerbrechlichkeit des Lebens war stets eine individuelle Erfahrung oder das Erlebnis einer mehr oder weniger scharf umrissenen Teilgesellschaft. Sicherheit war die kollektive Erfahrung der letzten Dekaden. 

 

Andere oder sogar gegenläufige Kollektiverfahrungen liegen für uns als Gemeinschaft der in Deutschland Lebenden weit zurück. 75 Jahre ist es her, dass ein heruntergekommenes Volk in einer Trümmerlandschaft kapitulierte. 30 Jahre ist es her, dass ein aufbegehrendes Volk der heruntergewirtschafteten Deutschen Demokratischen Republik das Ende bescherte. Vielleicht müssen wir die Ereignisse vom 11. September 2001 dazu zählen, als Terror sich selbst skalierte. Das waren tatsächlich die letzten Erfahrungen unserer Gesellschaft, von denen wir alle betroffen waren. Wir-sind-Papst, Sommermärchen und Finanzkrise kamen später und blieben doch eher partiell. 

 

Es stellt sich nun die Frage, was das »Wir« in diesen Zusammenhängen bedeutet. Im Jahr 1945 war ich noch nicht auf der Welt. Inwieweit das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg dennoch zum kollektiven Erbe in der Seele der heutigen Generationen zählen, wird von Tiefenpsychologen noch debattiert. An den 9. November 1989 kann ich mich hingegen sehr gut erinnern. Doch das kollektive Erlebnis eines tiefgreifenden Systemwechsels blieb den Bürgerinnen und Bürgern der DDR vorbehalten. Auch die Anschläge auf das World Trade Center wirken nach, aber eher als Schock denn als kollektive Terror-Erfahrung. Wir blieben vor dem Fernseher sitzen und griffen in die gemeinsame Chipstüte. 

 

Als Nation haben wir schon lange keine Erfahrung mehr geteilt, die nicht nur Individuum oder eine Teilgesellschaft einschneidend trifft, sondern alle. Die Corona-Krise ist die erste kollektive Erfahrung seit langem und für die meisten wahrscheinlich auch die erste überhaupt. Die ganze Nation steht still. Ein ganzes Land bleibt zu Hause und hält Abstand. Deutschland trägt eine Maske. Corona ist eine Macht, die uns alle zu Verhaltensänderungen zwingt. Der Gegner rüstet weder hinter dem Eisernen Vorhang auf noch wird er durch die Ummantelung einer Nuklearwaffe gebändigt. Der gemeinsame Feind kam gesellig zum Skifahren in der Business Class von Air China nach Europa. Und jetzt stehen wir alle auf seiner Piste und springen zur Seite. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die Klimawandel und AfD vor Neid erblassen lässt, hat Corona unsere Gesellschaft unterwandert und durchdrungen. Die von ihm ausgehende Gefahr lauert nicht länger irgendwo im Nebel der Abgase, die Gefahr ist mein Nächster, meine Partnerin, mein Kind, mein Kollege, das Wechselgeld beim Bäcker, die gemeinsame Chipstüte. 

 

Noch mag ich nicht daran glauben, dass die Corona-Krise uns alle und unsere geliebten Gewohnheiten dauerhaft verändert. Aber vielleicht wird uns fortan ein gewisses Misstrauen begleiten. Die Leute um mich herum in Konzert, Theater, Stadion, Kino und Restaurant konnten mir bislang gleichgültig sein. Vielleicht ist es mir in Zukunft lieber, wenn der Abstand zum Nächsten größer wird. 

 

Die kollektive Erfahrung der Corona-Krise hat unsere Erfahrung der kollektiven Sicherheit ins Wanken gebracht. Telefon, Messenger und Video-Call sind der neue Mindestabstand, die Digitalisierung unseres Lebens ist der Profiteur des Ganzen. Was bleiben wird, ist eine gewisse Entfremdung. Wir sind nicht absolut sicher. 

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Sonntag, 12. April 2020

Das Leid der Menschen in Syrien war unerträglich, und Aleppo war das Symbol eines Alptraums. Das Bedürfnis nach diesem Lied resultierte aus der Hilflosigkeit. 2016 geschrieben, entstand Anfang 2017 diese Aufnahme von »Land Of Darkness«. Es war das erste Mal, dass ich digital statt analog aufzeichnete und bearbeitete. Die Abmischung war allerdings viel zu zaghaft. Ohne weitere Spuren hinzuzufügen, fertigte ich jetzt diesen Re-Mix aus dem vorhandenen Material an. Nur die Gesangsspur kam neu hinzu. Ich wünsche den Menschen dort Frieden.
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Dirk Röse Corona

Montag, 23. März 2020

Das Coronavirus ist gefährlich. Der Erreger hat sich zu einem gesellschaftlichen Phänomen ausgeweitet. Diesmal ist alles anders.

Gut drei Wochen lang koordinierte ich einen Krisenstab, der nur einem Ziel folgte: Haltet das Virus von dem Unternehmen fern, in dem mehr als eintausend Menschen arbeiten. Minimiert das Risiko, dass Kolleginnen und Kollegen, dass Kunden und Geschäftspartner an COVID-19 erkranken. Sorgt dafür, dass dieser komplexe Organismus aus Rohstoffgewinnung, Produktion, Logistik, Vertrieb und Kundenbetreuung weiter pulsiert.

 

Zuerst kamen die gängigen Maßnahmen: Sensibilisierung der Belegschaft. Mehr Hygiene. Keine grenzübergreifenden Dienstreisen. Veranstaltungen absagen. Weniger Meetings. Nur die notwendigsten Besuche. Lesen, lernen, umsetzen. E-Mails, Aushänge, Merkblätter. Dann die ersten Eskalationsstufen. Die Kollegen im Schichtbetrieb wurden physisch voneinander getrennt. Sollte eine der Schichten betroffen sein und in Quarantäne geschickt werden, könnten zumindest die anderen Schichten weiterarbeiten. Vorbereitungen auf das Home-Office. Testläufe. In der Kantine halbierten wir die Anzahl der Sitzplätze und wiesen der Belegschaft Zeitfenster zum Essen zu. Und dann: Schließung der Kantine. Aufteilung aller Teams. Im Wechsel ging die eine Hälfte ins Home-Office, während die andere im Büro arbeitete. Die Flure verwaisten. Wenn man jemandem begegnete: Distanz halten. Und immer wieder die Frage: Ist das angemessen, was wir tun? Veranlassen wir zu viel oder zu wenig? Sind wir zu früh oder zu spät?

 

Jeden Morgen als erstes die Anrufe von Kollegen, die krank geworden waren. Grippaler Infekt oder Corona? Zuhause bleiben oder zur Arbeit? Die Anrufe von Kollegen, in deren Umfeld es einen Verdachtsfall gab. Wir gingen gemeinsam die Kontaktketten durch. Bestand ein Risiko oder nicht? Es galt, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen für die Gesundheit von Kolleginnen und Kollegen. Und alles ging gut. Soweit wir es überblicken konnten, war weltweit keine Kollegin, kein Kollege, kein Kunde, kein Geschäftspartner betroffen.

 

Es wunderte mich, welche Dynamik eine Krise schafft, die noch gar nicht angekommen war und bei der zunächst auch nicht absehbar war, ob sie jemals kommen würde. Doch im Grunde war dies der Idealfall einer Krise, wenn man noch viele Möglichkeiten nutzen kann, um sie abzuwenden. Unser Krisenstab war ein Krisenpräventionsstab. Und das war ein Privileg.

 

Seit Freitag habe ich Urlaub, die Kollegen führen den Krisenstab weiter. Eigentlich war ich froh, dem Ganzen für eine Woche zu entkommen. Doch das Coronavirus lässt es nicht zu. Ich sitze zu Hause. Das Wetter ist herrlich, aber die Cafés bleiben geschlossen, die Einkaufstour durch die Geschäfte muss aufs Internet verlegt werden, Reisen und Besuche sind nicht erlaubt. Ich frage mich, ob unter diesen Umständen überhaupt Erholung möglich ist oder ob das Ganze eine Grenzerfahrung wird.

 

Diesmal ist alles anders und das irritiert mich. Im Laufe der Jahrzehnte sah ich so viele Krisen kommen und gehen, bei denen düstere Szenarien durch die Medien geisterten. Gepanschter Wein. BSE. Gammelfleisch. Vergiftete Eier. Verunreinigte Medikamente. Vogelgrippe. Schweinepest. SARS. Kalter Krieg, echter Krieg und Terror. All das kam nie bei mir an und bei den meisten anderen Menschen auch nicht. Das war ein Privileg, denn zu viele andere hatten das Glück nicht. Zu sagen, dass wir immer irgendwie glimpflich davon gekommen sind und dass uns auch Corona glimpflich davon kommen lässt, wäre zynisch. Menschen wurden krank, Menschen litten, Menschen starben. Und was die Corona-Pandemie betrifft, sind wir gerade erst mittendrin. Ausgang völlig offen. Für glimpflich ist es zu spät.

 

Das Coronavirus ist tatsächlich gefährlicher als andere Erreger. Wer bei einer Infektion nur leichte Symptome zeigt, hat Glück. Eine Freundin, die sich mit der Materie auskennt, skizzierte, was diesmal anders ist: Viel zu viele Menschen werden infiziert. Das Coronavirus überträgt sich schneller als andere Erreger. Es gibt keine Impfstoffe. Die Sterblichkeitsrate ist höher. Viele Menschen verrecken elendig an dieser fiesen Lungenkrankheit. Die Bilder aus den Kliniken in Italien sind entsetzlich. Was in China, Iran, Italien und anderen Regionen passiert, ist eine Tragödie. Das Robert-Koch-Institut verbreitet nüchterne und gleichwohl eindringliche Botschaften. Corona ist gefährlich. Und als wäre all das nicht schlimm genug, zitieren die Medien dennoch lieber die Johns-Hopkins-University, weil dort die Fallzahlen stets deutlich höher sind als beim RKI.

 

Im Augenblick lässt sich offenbar nichts daran ändern, dass wir diese Krise wortwörtlich aussitzen müssen. Es darf dabei nicht unterschätzt werden, dass hier ganze Gesellschaften in die Individual-Isolation verbannt werden. Ich hoffe, das geht gut. Mir macht es etwas aus, bestimmte Menschen bis auf Weiteres nicht sehen zu können, weil sie zu einer Risikogruppe zählen. Mir macht es etwas aus, auf unbestimmte Zeit in meiner Wohnung gefangen zu sein. Mir macht das Coronavirus bislang keine Angst. Ich zolle ihm Respekt und reagiere genervt. Ist das alles noch angemessen? Sollte sich aus der Pandemie nun auch eine Wirtschaftskrise entwickeln – und danach sieht es leider aus –, dann wird es früher oder später auf jeden Fall zum Diskurs darüber kommen, wie angemessen das alles war. Mir ist bewusst, dass es dieser Tage politisch nicht korrekt ist, kritische Fragen zu stellen. Aber was hier geschieht, ist derart massiv. Es nagt an der heilen Welt, die ich gewohnt bin. Auch das ist wieder das Privileg des Glücklichen, der noch nicht betroffen ist. Ich weiß das. Es fällt mir schwer, nicht zynisch zu werden und dem dusseligen Erreger keine lange Nase zu zeigen.

 

Diese Krise ist anders. Sie ist gefährlich. Sie macht krank, sie kostet Leben, sie beeinträchtigt die Wirtschaft, sie gefährdet Existenzgrundlagen, sie nimmt eine ganze Gesellschaft gefangen und treibt die Menschen in die Isolation. Corona ist physisch. Es lebt, hat drei Dimensionen, ein Gewicht, eine Vorliebe für bestimmte Wirte und liegt vielleicht schon auf meiner Türklinke. Corona ist inzwischen aber auch ein gesellschaftliches Phänomen. Das Virus hat sich in allen wesentlichen Dimensionen des Menschseins eingenistet. Wir alle sind seine Gefangenen. Corona ist ein Miststück.

 

Bleibt zu Hause, bleibt gesund, alles Gute.

Dirk Röse Mir fehlen die Worte

Sonntag, 26. Januar 2020

Schreiben und Vorlesen wirken. Sie bewegen etwas, hinterlassen etwas bei Lesenden und Zuhörenden. Zumindest hin und wieder, zumindest in Einzelfällen. Es ist nicht oft der Fall, dass eine Rückmeldung kommt, aber dass sie tatsächlich manchmal kommt, erstaunt mich stets aufs Neue. Und womöglich bleibt auch bei dem einen oder der anderen etwas zurück, ohne dass ich es je erfahre.

Dass jemand sagt, er oder sie habe sich selbst in einer Geschichte wiedergefunden. Dass eine ganze Lesung lange nachhallt. Dass jemand einen wertvollen Gedanken mitnimmt. Einmal wurde mir gesagt, dass eine der Geschichten einen echten Impuls für einen Neuanfang im Leben gegeben habe. Dann fehlen mir die Worte …

Dahinter verbirgt sich auch eine Verantwortung, denn es ist nicht immer sicher, dass gelesene oder vorgelesene Worte auch das gewünschte Ziel erreichen. In einer Szene aus »Metathesis« sitzen sich Gut und Böse gegenüber und erörtern, was eben gut und vor allem böse am jeweils anderen ist. Ein Theologe sagte mir, dass der Diskurs hochspannend sei. Gut so. Die Redakteurin einer Zeitschrift aber legte mir dar, welche Schlüsse sie selbst aus jenem Kapitel gezogen habe, und da sträubten sich mir die Nackenhaare. Es war das Gegenteil meiner Absicht. Bis heute scheinen die – wenigen – Lesenden »Metathesis« insgesamt als religionskritischen Roman einzustufen.

Wahrscheinlich ist dieses Phänomen nicht zu bändigen. Schreiben und Vorlesen wirken. Aber wie sie wirken, bleibt den Lesenden und Zuhörenden überlassen. Ich kann Worte nur sorgsam abwägen.

Dirk Röse Sonnenaufgang

Mittwoch, 1. Januar 2020

Euch und Ihnen allen

ein frohes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2020

mit vielen lebenswerten Augenblicken.

Vielleicht sehen wir uns hier wieder:

Donnerstag, 9. April 2020: Café Leutbecher, Oldenburg

Sonntag, 3. Mai 2020: Pro Vita, Vechta

Freitag, 12. Juni 2020: Sommerfest des Geest-Verlags, Vechta-Langförden

2. Jahreshälfte 2020: Buchhandlung Holzberg, Lingen

Sonntag, 20. Oktober 2019

Diese Bilder hängen jetzt im Schlafzimmer.

Seither weiß ich endlich, auf welche Seite ich gehöre,

und bekomme weniger Ärger.