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GEDANKE

Gott. Welt. Gesellschaft. Mensch.

2023

Klimawandel gegen Komfortzone

Dienstag, 21. März 2023

 

Das IPCC legt wieder einen Zwischenbericht vor. Unermüdlich weisen die Wissenschaftler:innen darauf hin, dass sich die Erde schneller erwärmt als bislang angenommen, dass die Zeit drängt und dass es noch nicht zu spät ist, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Doch das ist nur Augenwischerei. Der fortschreitende Klimawandel ist unumkehrbar. Das liegt nicht daran, dass wir die Erderwärmung und die Umweltzerstörung nicht aufhalten könnten. Es liegt daran, dass wir es nicht wollen. Niemand kann ernsthaft davon ausgehen, dass China seinen Energieverbrauch drosselt. Niemand kann davon ausgehen, dass Europa seinen Überfluss einschränkt. Niemand kann erwarten, dass die FDP eine Verkehrswende einleitet. Die Rechnung ist einfach: Acht Milliarden Menschen können nicht nachhaltig sein. Acht Milliarden Menschen trachten danach, ihr Leben zu verbessern und die Komfortzone zu verbreitern oder zumindest den erreichten Standard zu bewahren. Diesem Muster folgen sogar alle Entwicklungen, die Nachhaltigkeit und steigende Lebensqualität vereinen wollen. Das materielle Leben darf unter den Maßnahmen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung nicht leiden. So wird es aber nicht gehen. Die Lösung liegt im Verzicht. Das werden acht Milliarden Menschen niemals akzeptieren. Weil der Mensch unumkehrbar ist, bleibt auch der Klimawandel unumkehrbar.

Dirk Röse Religion

Ich bin nicht religiös

Sonntag, 19. März 2023

 

Um das Wesen der Religion zu verstehen, kann man sich ihr von verschiedenen Seiten nähern. Im Herzen jeder Religion lebt das »Heilige«, womit ein Gott, eine Göttin, die Götter, der Kosmos, die Sterne, die Natur, die Ahnen oder der Kreislauf des Seins gemeint sein kann bzw. einfach alles, »woran du dein Herz hängst« (Martin Luther). Der Wesenskern der Religion besteht im Verhältnis zwischen dem Heiligen und dem/der Gläubigen. Das Heilige bestimmt die Regeln, der/die Gläubige versucht, sich danach zu richten. Die zehn Gebote zu halten, fünfmal am Tag gen Mekka geneigt zu beten, das eigene Karma zu verbessern, sich meditierend in das Heilige zu versenken oder Opfer darzubringen, sind bekannte Beispiele. Es geht darum, dem Heiligen zu gefallen, ihm zu genügen, es gnädig zu stimmen, sich zu verbessern bzw. sich zu heiligen. Und es geht darum, in letzter Instanz einen himmlischen, kosmischen, vervollkommneten bzw. heiligen Zustand zu erreichen. Wenn die Regeln eingehalten wurden und das Heilige es zulässt, gelangt man ins Paradies, steigt hinab zu den Ahnen oder geht im Kosmos auf und wird eins mit dem Heiligen. Zum Wesen der Religion gehört also eine Leistung des/der Gläubigen, die er/sie dem Heiligen gegenüber zu erbringen hat. Es ist der/die Gläubige, der/die sich auf das Heilige zubewegt.

 

Das Christentum geht vom Gegenteil aus. Der christliche Glaube besagt, dass sich das Heilige auf den Menschen zubewegt und dafür selbst Mensch wird. Der Mensch muss nicht zu Gott gelangen, sondern Gott kommt zum Menschen. Der Gott der Christenheit befreit den Menschen von religiösen Regeln, weil der Mensch es ohnehin nicht schafft, sie einzuhalten und perfekt zu werden. Alle religiösen Regeln sind durch Jesus Christus erfüllt. Gott hat den Menschen zwar nach seinem Ebenbild geschaffen, aber das Göttliche liegt nicht in seiner Natur. Der Mensch ist unvollkommen und oftmals böse, aber Jesus Christus hat das Hindernis der Unvollkommenheit und des Bösen aus dem Weg geräumt. Gott liebt den Menschen so, wie er ist. Der Mensch kann sich mit religiösen Übungen abstrampeln, wie er möchte, es bringt ihn nicht näher zu Gott, weil Gott bereits nahe ist. Christ:inn:en glauben, dass man nichts tun muss, um Gott zu gefallen. Die Menschen gefallen ihm sowieso und in den Himmel kommen sie auch. Aus dieser Perspektive ist das Christentum keine Religion, sondern die Verkehrung der Religion.

Dirk Röse Zufall

Weißt du, wen ich vorhin traf ...

Sonntag, 12. März 2023

 

Dass etwas »zufällig« geschieht, gehört zu den gängigen Redewendungen. Hin und wieder kommt dann die Antwort, dass es keine »Zufälle« gibt. Und das stimmt. Zufälle gibt es nicht.

Wenn ich jemandem auf dem Wochenmarkt begegne, den ich lange nicht gesehen habe, dann ist das kein Zufall. Das Wiedersehen ist vielmehr das Resultat aus meinen Schritten, die ich in eine bestimmte Richtung ging, und Schritten, die der andere in eine andere Richtung ging. Unsere Wege kreuzten sich. Das Treffen war für uns vielleicht nicht »vorhersehbar« und es war vielleicht ein »Glück«, aber es war kein Zufall. Es gab Gründe dafür. Ich marschierte auf einen bestimmten Marktstand zu und der andere war nach langer Zeit mal wieder zu Besuch in der Stadt und schlenderte durch die Fußgängerzone.

Wenn ich jemanden auf dem Wochenmarkt verpasse, den ich lange nicht gesehen habe, dann ist das ebenfalls kein Zufall. Vielmehr war mein Blick gerade durch die hübschen Blumen eines Marktstandes abgelenkt und der andere war in ein Gespräch verwickelt.

Selbst die Lottozahlen sind kein Zufall. Der technische Aufbau der Ziehung ist zwar immer der Gleiche, doch winzigste Unterschiede beim Ablauf sorgen dafür, dass sich die Kugeln anders bewegen als beim letzten Mal. Und schon wirbelt alles auf eine Weise durcheinander, dass es am Ende andere Gewinnzahlen gibt als zuvor. Die Lottozahlen sind »unberechenbar«, weil wir dieses minimalistische Chaos mathematisch und technisch nicht in den Griff bekommen. Aber es ist kein Zufall. Die Materie folgt einfach nur den unerschütterlichen Regeln dieser Welt. Dasselbe gilt für platte Reifen, das Mischen von Spielkarten und das Wetter. Manch ein µ hat in solch einer Situation seine große Stunde. Ein verfluchtes »Ausgerechnet jetzt!« hilft auch nicht weiter.

Damit ist nichts »vorherbestimmt«. Stattdessen wirken Kräfte von verschiedenen Seiten unabhängig voneinander auf Gegenstände, Welt und Mensch ein und führen zu Ereignissen, verhindern Ereignisse, schaffen Varianten eines Ereignisses. Wenn wir von »Zufall« reden, dann spüren wir eine Überraschung, die uns im besten Fall glücklich macht oder auch nicht.

Doch das ist natürlich nicht das, was jene meinen, die sagen, es gäbe keine Zufälle. Ihnen geht es darum, einem Ereignis eine »Bedeutung« zuzumessen. Es soll heißen, dass nichts »grundlos« geschieht, sondern sich ein Sinn dahinter verbirgt. Damit stößt die Frage nach dem Zufall in metaphysische oder religiöse Sphären vor, in denen sich nichts beweisen oder widerlegen lässt. Meine unmaßgebliche Lebenserfahrung lehrt, dass Vieles sehr wohl »an sich bedeutungslos« sein kann, es sei denn, man selbst misst einem Ereignis, einer Begegnung oder einem scheinbaren Zufall eine Bedeutung zu. Manchmal scheint mir, dass die Neigung, hinter allem eine Bedeutung zu mutmaßen, eine gewisse Furcht vor dem »Zufallsgenerator Chaos« in dieser Welt übertünchen soll. Sei’s drum.

Doch ganz gleich, ob man sich eine Begebenheit aus den nüchternen Kräften des Universums erklärt oder ob man ihr die Bedeutung eines sinnerfüllten Kosmos‘ zuweist, die Antwort bleibt dieselbe: Es gibt keine Zufälle. Es ist aber nett, dass wir unserer Überraschung über den unerwarteten Gang dieser Welt einen so hübschen Ausdruck wie »Zufall« verleihen.

Dirk Röse FSK bis 50 freigegeben

Triebesbrief

Montag, 27. Februar 2023

 

Meine Liebe,

entschuldige bitte, dass ich mich so unveroft bei dir melde. Mir ist bewusst, dass du viel verkehrst. Ich will auch nicht stören, falls du etwas Eindringliches vorhast. Es ist nur schon so lange her, dass wir es miteinander zu tun hatten. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht. Ich aber kann dich nicht vergessen.

Dir geht es offenbar richtig gut und ich beneide dich.

Du bleibst ewig jung, neu und dein Leben schlüpft von Höhepunkt zu Höhepunkt. Bei mir hingegen rückt das Verfallsdatum näher und ich erhalte jetzt Werbung für Sterbeversicherungen.

Du bist auf immer schön. Schlank, straff und wohlgeformt ziehst du die Fffff, äh, Blicke auf dich. Bei mir jedoch runzelt sich nicht nur die Stirn und wenn ich schnell abnehmen möchte, rasple ich mir die Hornhaut.

Du prickelst und schäumst wie Prosecco. Bei mir steigt nur noch selten eine Perle durch den schlanken Hals des Kelches. Du sprühst vor Energie. Da ist es kein Wunder, dass du auf jemand jüngeres umsteigst.

Wahrscheinlich liegt das Problem darin, dass man dir nicht entkommen kann. Du bist überall. So sehr kann ich mich gar nicht isolieren, als dass du mir nicht trotzdem vor Augen geführt würdest. Oft aufdringlich, manchmal unterschwellig, immer unverkennbar. Zurückhaltung war leider nie deine Stärke.

Egal. Solltest du mal nichts Besseres vorhaben, komm gerne bei mir.

Mach’s gut.

Dein Dirk

Dirk Röse innerlich zerrissen

Geht doch 

Freitag, 24. Februar 2023 

 

Lieber Wladimir Wladimirowitsch, herzlichen Glückwünsch, du hast es geschafft. Du wirst als Lügner, Despot, Massenmörder und Kriegsverbrecher in die Geschichtsbücher eingehen. Sollte dir daran gelegen sein, dein hohles Image zumindest im eigenen Land dauerhaft erstrahlen zu lassen, solltest du Mütterchen Russland noch stärker nach dem Vorbild Nordkoreas umbauen. Wir unterstützen dich gerne mit zunehmender Isolation, damit immer weniger schädliche äußere Einflüsse deine innenpolitischen Absichten behindern. Aber vielleicht feierst du ja heute immerhin mit deinen tollen Freunden in Peking und Neu Delhi, die dir weiterhin die verkniffenen Arschbacken kraulen und deine martialischen Blähungen ertragen. Und auch viele weitere Gefährten werden dich treu begleiten. Dein Weg in die Ewigkeit führt über einen Berg aus Leichen. Grosny und Butscha breiten sich zu deinen Füßen aus. Dahinter steht die russische Jugend Spalier und huldigt dir mit blutigen Fleischlappen und zerschredderten Knochen. Am Ende des Weges wartet Kyrill auf dich und Ihr könnt Euch auf ewig gegenseitig die Füße küssen. Zum Wohl! 

Dirk Röse Puzzle

Geteiltes Leben

Freitag, 10. Februar 2023

 

Kinder und Familie sind zunehmend der letzte verbleibende Faktor, um Mann und Frau längerfristig zusammen zu halten. Danach wird es deutlich schwieriger. Unsere Gesellschaft steuert auf eine Generation alleinstehender und oftmals durch Einsamkeit gefährdete Best Ager zu. Bereits heute lebt unter uns eine Generation von Senioren, in der viele größtenteils mit sich allein klarkommen müssen. Neben der Partnerschaftslosigkeit spielen hier auch der seltene Kontakt zu den eigenen Kindern und Enkeln, die schmale Rente und eine nachlassende Mobilität eine Rolle. Politik, Sozialverbände und NGOs haben das Problem erkannt und versuchen dem entgegenzuwirken. Die Erfolge sind mäßig. Ist ein Mensch erst einmal in der Einsamkeitsfalle gefangen, ist er schwer zu erreichen. In der nun allmählich anbrechenden Generation der früh Alleinstehenden sind diese Gesichtspunkte zunächst nur teilweise ausschlaggebend. Stattdessen sind die Menschen immer länger agil und können ihr Leben genießen. Das Problem besteht dennoch. Partnerschaft ist nicht mehr der Garant für geteiltes Leben. Bereits jetzt kommt es darauf an, die bevorstehende Entwicklung zu erkennen und vorbeugend zu handeln. Es gilt, neue, partnerschaftsunabhängige Gemeinschaftsformen zu finden und einzuüben, die Menschen in der zweiten Lebenshälfte davor bewahren, im eigenen Dasein zu versauern.

Dirk Röse Syrien

Hölle auf Erden

Mittwoch, 8. Februar 2023

 

Die Hölle hat sich in Syrien eingenistet. Statt Freiheit und Menschenrechten gibt es seit mehr als zehn Jahren einen Bürgerkrieg mit dem Assad-Regime, es breiteten sich die fundamentalistischen Halsabschneider aus, es schlugen US-amerikanische, russische, iranische und türkische Bomben und Raketen ein, es fiel Aleppo und bis auf den heutigen Tag versinkt insbesondere der Norden des Landes im tödlichen Chaos. Nun legt das Erdbeben mit Epizentrum in der Türkei alles in Schutt und Asche, was die jahrelange Zerstörung übriggelassen hatte, und das neuerliche Elend ist unüberschaubar. Die internationale Hilfe rollt an, doch kann sie maximal bewirken, dass die Menschen auch weiterhin ihr trostloses Dasein in einem trostlosen Land fristen. Mensch und Natur arbeiten Hand in Hand, um Syrien zu einem der traurigsten Orte der Welt zu machen.

Dirk Röse 99 Luftballons

99 Luftballons

Sonntag, 5. Februar 2023 

 

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Nena einst als Prophetin in die Annalen der Popmusik eingehen würde. Vierzig Jahre nach den »99 Luftballons« schweben unbemannte Flugobjekte über Nord- und Südamerika und sorgen für diplomatische Verstimmung sowie einen militärischen Eingriff. Es ist sehr ungeschickt von China, die Vereinigten Staaten nicht rechtzeitig darüber zu informieren, dass ein ziviler Forschungsballon versehentlich in den US-amerikanischen Luftraum eingedrungen ist. Der Verdacht, dass es sich um Spionage handelt, liegt nahe, zumal auch Kolumbien und Costa Rica den Flug eines Ballons über ihren Hoheitsgebieten bestätigen und Taiwan von vergleichbaren Aktionen im vergangenen Jahr berichtet. Dass die USA jetzt Pfeil und Bogen in die Hand nehmen und ein unschönes Loch in den Ballon piksen, kommt nicht überraschend. Dass China gegen den Abschuss protestiert, ist ebenfalls selbstverständlich. Diplomatie folgt oftmals ihren vordergründigen Regeln und nimmt den Eindruck eines Kindergartens in Kauf. Denn es wird auf allen Seiten mit allen Mitteln spioniert. Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Beim nächsten Mal wird China die Ballons sicher hellblau mit niedlichen Wölkchen anmalen. 

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Freitag, 27. Januar 2023

 

Es ist mir in all den Jahren nicht gelungen, eigene Worte für die Gräuel des Dritten Reiches und für die Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden zu finden. Die artikulierte Erinnerung an jene Zeit ist schwere See und manch eine:r hat darin Schiffbruch erlitten. Wahrscheinlich sollte ich als mündiger Bürger gerade in dieser Hinsicht sprachfähig sein. Vielleicht ist es aber auch gut zu wissen, wann ich besser den Mund halte. Es ist angemessen, dass andere die richtigen Worte zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus finden, denen ich zustimmen kann, und dass auf diese Weise die Geschichte wach gehalten wird. Denn noch immer kommt zu viel Gegenwart aus der Vergangenheit.

Dirk Röse Schwarzes Loch

Zermürbung

Donnerstag, 26. Januar 2023

 

Die lang ersehnte Zusage der Lieferung deutscher Panzer an die Ukraine klingt noch nach und die Leoparden stehen nach wie vor ungenutzt herum, da richten sich die Forderungen aus Kiew schon auf Langstreckenraketen und Kampfflugzeuge sowie – je nach Gesprächspartner:in – Kriegsschiffe und U-Boote. Das ist verständlich, denn die Ukraine muss kräftig nachrüsten, um die russischen Invasoren zu besiegen.

Und dennoch breitet sich nun ein neues Maß an Zermürbung aus. Der Krieg ist ein Schwarzes Loch. Es verschlingt und verschlingt noch mehr. Waffen, Städte, Land und Infrastruktur. Vor allem aber Menschen. Immer mehr Material wird an die Front geworfen und das Sterben und Zerstören hört nicht auf.

Es bleibt ein furchtbares Rätsel, wie so etwas in der heutigen Zeit geschehen kann und warum es nicht gelingt, dem russischen Irrsinn Einhalt zu gebieten.

Dirk Röse Störung

Stets erreichbar

Freitag, 20. Januar 2023

 

Ein Unterrichtskonzept der 1970er Jahre ist fester Bestandteil unserer Kultur: »Störungen haben Vorrang«. Was auch immer sich vordrängelt, hat ein Vorrecht auf unsere Aufmerksamkeit. Es klingelt an der Tür und es wird erwartet, dass ich öffne, sofern ich da bin und nicht gerade unter der Dusche stehe. Das Telefon summt und am anderen Ende geht man fest davon aus, dass ich das Gespräch annehme, auch wenn ich gerade ein extrem spannendes Buch lese. Der Messenger poppt auf und die Nachricht will gelesen werden, spätestens nach einer halben Stunde zwischen Hauptgang und Dessert. Ein Kollege kommt ins Büro und will reden, obwohl ich gerade hochkonzentriert an einer anderen Aufgabe sitze. Geschäftsführung hat Vorrang vor wichtigem Termin, Krise hat Vorrang vor Normalität. Das »ZDF Spezial« ist wichtiger als der »Bergdoktor«. Niemand zwingt uns dazu, wir sind so konditioniert und machen mit.

Siehe: »Schüler-Lehrer-Konferenz« von Thomas Gordon, 1977.

Dirk Röse Vereinzelung

Kinder unserer Zeit

Dienstag, 17. Januar 2023

Liebe Michelle,

was soll ich dir dazu sagen? Aus dem Gemeinschaftstanz früherer Jahrhunderte, bei dem im Reigen alle mit allen tanzten, wurde der Gemeinschaftstanz, bei dem ein Mann und eine Frau einander zugeordnet waren, und wurde der Paartanz, der von der Gemeinschaft abgekoppelt war. Ihm folgte die Zeit, in der man sich in großen Hallen bei dröhnender Musik oft berührungslos im Gegenüber bewegte. Es kam der Einzeltanz, bei dem ein/e Partner/in nicht mehr notwendig war und die Gemeinschaft um sich herum zur Masse wurde, in der das Ich abtauchen konnte.

 

Alles hat seine Zeit. Auch die Weltbilder, die Menschenbilder sowie Soziologie und Psychologie sind Teil ihrer Zeit und unterliegen den Veränderungen im Zeitenlauf. In fünfzig Jahren wird man auf diese Zeit zurückblicken und ambitionierte Wissenschaftler:innen werden versuchen, sie zu verstehen, und werden Bücher über sie schreiben.

 

Man wird sagen, dass sich in dieser Zeit die Vereinzelung der Menschen im westlichen Kulturkreis verstärkte. Man wird erkennen, dass der Mensch in allen seinen Belangen immer stärker auf sich selbst geworfen wurde. Der/die Einzelne war für alles alleine verantwortlich, musste alles alleine schaffen, und geriet er/sie in eine Krise, dann musste sie aus sich selbst heraus alleine bewältigt werden. Mannschaftssport, Vereine, Parteien und Gewerkschaften verloren an Mitgliedern. Man wird feststellen, dass auch der Drang zum Home-Office zu den Symptomen zählte. Prägende Umfelder wie Partnerschaft, Familie, generationenübergreifender Zusammenhalt und Nachbarschaft verloren an Bedeutung gegenüber dem Selbst. Wichtige Stützen im Leben durften nicht mehr allzu viel bedeuten, man musste in jeder Hinsicht sich selbst genügen. Man wird herausfinden, dass der Mensch in dieser Zeit überfordert war und zu viel von sich verlangte. 

 

Und vielleicht wird man auch feststellen, dass vor allem Frauen von diesem Zeitgeist getrieben waren. Die Errungenschaften der Gleichberechtigung mündeten in einen Sog der Selbstbehauptung, bei dem jedwede Unterstützung zunehmend als Affront gegen die eigene Stärke empfunden wurde. Männer hatten darin schon Jahrhunderte an Erfahrung und konnten entspannter damit umgehen.

 

Vor einiger Zeit stolperte ich über eine afrikanische Weisheit, die da sagte: »Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen.« Es war eine Erkenntnis, die allem widersprach, was diese Zeit mir weismachen wollte. In anderen Zeiten und Kulturkreisen gab es nicht zuallererst das Ich, sondern auch ein Du und ein Wir. Dass die Welt in Ordnung kommt, wenn das Ich in Ordnung kommt, ist unsere zeitgebundene Deutung des Menschseins. Es ist nicht die einzige und es ist vielleicht nicht die beste Deutung.

 

Aber wir sind alle Kinder unserer Zeit und können ihr nur schwer entgegenstehen, wenn wir allzu sehr in sie verwoben sind. Und so leben wir unser Leben in den Grenzen, die deiner/meiner Generation gesetzt sind.

 

Mach das Beste daraus.

Herzliche Grüße
Dein Dirk

Dirk Röse Deutschland peinlich Vaterland

Hä, Queerdenker?

Sonntag, 15. Januar 2023 

 

Neulich bei der AfD: »Hallo, mein Name ist Sven und ich mag keine Afrikaner, weil die noch brauner sind als ich.« 

Neulich bei den Querdenkern: »Hi, ich bin Malte und Transen sind asi, weil die schreiben quer mit zwei e.« 

Neulich im Unterricht: »Alter, mein Name ist Leon und ich hau Kanaken, weil wenn die nie Deutsch könn.« 

Neulich beim Sozialamt: »Heil, Klaus hier, wegen Reichsbürgergeld.« 

Neulich am Asylheim: »Grüß Gott, Georg mein Name. Ich trage Stiefel, weil sie deutsche Werte vertreten.« 

Dirk Röse Letzte Generation

Schmerzfreier Klimaschutz

Samstag, 7. Januar 2023


Die »Letzte Generation« klebt sich an Böden und stört. Das Phänomen hat eine nette Symbolkraft. Alle finden Klimaschutz prima, aber er darf uns nicht beeinträchtigen.

Rohes neues Jahr

Sonntag, 1. Januar 2023

 

Liebes neues Jahr, sei willkommen in unserem Leben. Entschuldige bitte, dass wir dir nicht um den Hals fallen und dich knutschen. Deine letzten Vorgänger haben hier und da sicher einen guten Job gemacht, aber sie waren auch heimtückisch und haben uns ganz schön einen reingewürgt. Unsere Vorfreude auf dich hält sich daher in Grenzen. Wir können dich nur ermuntern, dass du etwas Gutes mit uns und dieser Welt machst. Solltest jedoch auch du eine fiese Ader haben, nennen wir dir gerne die Personen, an denen du sie ausleben kannst. Du wirst sie gleich in den ersten Tagen deiner Amtszeit in den Medien sehen. Für alle anderen von uns bitten wir dich um den großen und den kleinen Frieden, frische Kräfte, lebenswerte Perspektiven und mehr Herz.

2022

Dirk Röse Macht

Terror im Gottesstaat

Donnerstag, 8. Dezember 2022


Die Machthaber im Iran offenbaren ihr Weltbild – nicht zum ersten Mal, aber mit unverhohlener Härte und vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Gott verlangt uneingeschränkten Gehorsam. Religion dient nicht dem Wohl der Gläubigen. Nur Männer sind befugt, den Willen Gottes zu ergründen und durchzusetzen. Frauen müssen sich fügen. Wer lautstark die Stimme gegen das System erhebt, protestiert und das Kopftuch nicht akkurat trägt, führt Krieg gegen Gott. Wer dabei ertappt wird, kommt ins Gefängnis, wird wahrscheinlich gefoltert und landet womöglich am Galgen.

Hier darf die jüdische Bibel/das Alte Testament gewürdigt werden. Nüchtern und kontrovers werden darin Israels Erfahrungen mit dem eigenen Gottesstaat geschildert. Sogar die Besten scheitern daran, Gottes Willen zu verstehen und in Politik umzusetzen. Wer Gott zum Maßstab im Staat erhebt, braucht Demut und Großmut, um sich und andere vor fatalen Irrtümern zu schützen. Wer aber auf der sicheren Seite sein will, schafft ein menschenfreundliches System und tragfähige Lebensräume, die nicht von irrtümelnden Mullahs, Priestern und Gurus abhängig sind.

Den Protestierenden im Iran gehört mein voller Respekt.

Fußball in Qatar

Sonntag, 20. November 2022 


Ja, das Land ist fern jeder Demokratie, Gleichstellung, Offenheit und missachtet Frauen, Fremdarbeiter und Andersdenkende. Qatar ist aus der Zeit gefallen und steht damit leider nicht allein. Natürlich ist es falsch, dass dort eine Sportveranstaltung von internationaler Bedeutung ausgetragen wird. 

Das eigentliche Problem liegt aber woanders. Es ist der Sport. Der weltweite Sport mit seinen Verbänden ist durch und durch korrupt. Insbesondere IOC und FIFA stehen für einen unersättlichen Geld- und Machthunger. Auch viele nationale und sportartbezogene Verbände zeichnen sich durch weit offene Taschen und systematisches Doping aus. 

Der Skandal besteht darin, dass sich bei der WM in Qatar zwei zweifelhafte Partner verbrüdern und die gesamte fußballbegeisterte Welt in ihren Sog ziehen. In Deutschland äußern sich ARD und ZDF kritisch über die Veranstaltung, strahlen sie aber aus. Eine ganze Reihe von Nationalspielern aus unserem eigenen Kader und anderen Ländern kündigen für die Spiele symbolträchtige Aktionen für eine menschenfreundliche Welt an, treten aber trotzdem an und kassieren fett Geld. Sponsoren und Werbepartner werfen ihre Skrupel über Bord und mischen fleißig mit. 

Bah, Leute, was für eine miese, vordergründige und scheinheilige Tour. Die einzig richtige Haltung zur jeweiligen Teilhabe an der FIFA-WM in Qatar wäre ein klares Nein gewesen. 

Jetzt liegt es an den Zuschauerinnen und Zuschauern vor den Fernsehern. Der Weltsport verdient die Rote Karte und die konsequente Entscheidung für andere Fernsehprogramme, für einen besinnlichen Advent und die vielen anderen Möglichkeiten der Freizeit. Statt Fußball. 

Gerne sterben Hermann Leisdon

Theodizee

Sonntag, 25. September 2022


»Warum lässt Gott all das Böse zu?« Angesichts des unermesslichen Leids in dieser Welt wird Gott hinterfragt, angeklagt, abgelehnt, geleugnet. Die Frage nach seinem Anteil am Schlechten in der Welt ist nachvollziehbar. Berechtigt ist sie erst dann, wenn auch die Gegenfrage mitgedacht wird: »Warum lässt Gott all das Gute zu?«


Es kann nicht sein, dass wir Gott willkürlich für die eine Seite verantwortlich machen und für die andere nicht. Zumindest ist mir kein stichhaltiges Argument bekannt, warum er ausgerechnet für das Schlechte in der Welt zuständig sein sollte. Es sei denn, Gott wird als unzuverlässiger Dienstleister für paradiesische Zustände verstanden. Doch selbst dann gebührt ihm Dank, wenn er seinen Job mal ordentlich gemacht hat und etwas Erfreuliches geschieht.


Die Frage hinter der Frage ist: Wie stark ist Gott in die Ereignisse dieser Welt verwickelt? Ist er es, dem man etwas Schönes zu verdanken hat? Ist er es, der jemandem etwas Böses antut? Handelt Gott also in dieser Welt? Oder ist er eher der passive Typ, der die Dinge geschehen lässt? Dann lässt er das Böse tatsächlich zu und dann lässt er auch das Gute lediglich zu, ohne daran beteiligt zu sein. Merkwürdigerweise sind viele Menschen an diesem Punkt plötzlich geneigt, Gott als aktiv Handelnden zu verstehen und ihn als jemanden zu denken, der Gutes tut.

Damit könnte die ursprüngliche Frage nun lauten: »Wie kann Gott, dem wir Gutes zutrauen, trotzdem das Böse zulassen?« Aus der Anklage wird eine Verständnisfrage. Wir verstehen Gott hier nicht.

Moralische Ladehemmung im Penis

Doch unabhängig davon, ob wir Gott etwas Gutes zutrauen oder nicht, müssen wir uns angesichts der Zustände in dieser Welt wohl eingestehen, dass Gott den Dingen weitestgehend ihren Lauf lässt und höchstens punktuell eingreift. Er lässt das Böse tatsächlich geschehen. Er lässt auch das Gute geschehen.

Mindestens die Hälfte des Leides in dieser Welt ist menschengemacht und der Prozentsatz steigt. Für Erdbeben und Vulkanausbrüche kann der Mensch nichts, sie sind Teil der Schöpfung Gottes und damit Teil seiner Verantwortung. Früher war der Mensch auch nicht für Überschwemmungen und Dürren verantwortlich, doch heute geht schon ein Teil der Umweltkatastrophen auf den Klimawandel zurück, den sich der Mensch zuschreiben muss. Vor allem aber leiden die Menschen unter sich selbst, leiden unter dem Elend, das sie sich gegenseitig oder selbst zufügen. Krieg, Misshandlung in jeder Form, Ungerechtigkeit jeder Art, verletzte Gefühle und viele Krankheiten verursacht nicht Gott. Die Verantwortung hierfür liegt beim Menschen. Der Mensch müsste sich selbst anklagen, nicht Gott. Und trotzdem bleibt unverständlich, warum Gott es zulässt, dass wir uns das Leben zur Hölle machen.

Was wäre die Alternative? Wie sehr soll Gott in die Ereignisse dieser Welt eingreifen? Wollen wir das wirklich? Und wo fängt das an und wo hört es auf? Soll er die Kontinentalplatten mit einem Weichmacher behandeln, damit es kein Seebeben gibt, das einen tödlichen Tsunami auslöst? Soll er uns die Stimme verschlagen, wenn wir etwas Verletzendes sagen wollen? Sollen der Penis erschlaffen und die Vagina vertrocknen, wenn zwei Liebende drauf und dran sind, ihre offiziellen Partner zu betrügen? Soll das Gewehr eine Ladehemmung haben, wenn ein russischer Soldat einen ukrainischen Zivilisten erschießen will? Soll das Feuerzeug versagen, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet? Sollen millionenschwere Geldbeträge wie durch Zauberhand zur Welthungerhilfe umgeleitet werden, statt bei einem überbezahlten Fußballspieler zu landen?

Vielleicht lautet die Antwort auf all diese Fragen sogar »Ja«. Ja, vielleicht wäre es besser gewesen, einen Menschen zu erschaffen, der unfähig zum Bösen ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Welt zu erschaffen, die ohne Seuchen, Krebs, Altersschwäche, Vulkane, Erdbeben, Dürren und Fluten funktioniert.

Die monotheistischen Religionen haben solch paradiesische Zustände auf die himmlische Ewigkeit vertagt. Und keinem Menschen ist es bisher gelungen, vorab einen Himmel auf Erden zu schaffen. Offenbar ist dieser zweifelhafte Umweg durch eine unvollkommene, leidvolle Welt unumgänglich. »Augen zu und durch, geht ja nicht anders, aber auf der anderen Seite soll es ja besser werden.«

Leid ist unsinnig

Doch damit kann sich der Mensch offenbar nur schwerlich abfinden. Nicht umsonst haben sich viele eine Antwort auf die Frage nach dem Leid zurechtgelegt:

  • »Es ist unsere Verantwortung, nicht Gottes, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.« Ja, das stimmt, und der Dank gebührt all jenen, die sich unermüdlich dafür einsetzen. Doch das Leid lindern sie nur teilweise, der Schmerz bleibt trotzdem in der Welt.
  • »Lass dich nicht aufs Jenseits vertrösten, lebe heute, lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.« Yep, das sehen die Menschen in der Sahel-Zone genauso.
  • »Gott schickt uns das Leid, um uns zu prüfen und damit wir daran wachsen. Er auferlegt uns nicht mehr, als wir tragen können.« Es stimmt, dass Leid eine Prüfung ist und dass man daran reifen kann. Es stimmt aber auch, dass Menschen am Leid zerbrechen und sich nicht wieder davon erholen.
  • »Dies ist die beste aller möglichen Welten, die Gott hätte erschaffen können.« Das stimmt leider nicht, denn wenn es einen paradiesischen Himmel gibt, dann ist er die beste aller Welten (sorry Clive Staples).


Welche Antwort auch immer auf die Frage nach dem Leid gegeben wird, sie zielt darauf, dem Schmerz einen Sinn abzuringen. Das Leid soll überwunden oder zumindest gelindert werden, indem eine Bedeutung hinter ihm angenommen wird. Der Mensch will sich damit trösten, dass der ganze Mist am Ende für etwas gut ist.

Gott ist in diesem Kontext das Symbol für das höchste, letzte und unverrückbare Sinnangebot. Wer, wenn nicht er, verfügt über den Sinn des Schmerzes. Doch wenn sich dann herausstellt, dass alle Sinnangebote das Leid nicht deutlich lindern und Gott ärgerlich schweigsam bleibt, dann liegt die Frage nahe, warum zum Teufel er den Schmerz denn nun zulässt. Und darüber zerbrechen sich die Gelehrten seit Jahrtausenden vergeblich den Kopf, ohne eine Antwort zu finden, gegen die sich nichts mehr einwenden lässt und die alle Betroffenen ein bisschen glücklicher macht. Selbst der am Kreuz leidende Jesus verstand die Welt nicht mehr und klagte darüber, dass Gott ihn verlassen hat.

Womöglich ist die Frage schon der eigentliche Fehler. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Leiden überhaupt keinen Sinn ergibt. Die Sinnlosigkeit ist ein ureigenster Charakterzug des Leides. Das Leid kann wie der Sturz in ein bodenloses Loch sein, in dem niemand auf rosarote Sinnwölkchen gebettet wird, um den Fall zu bremsen. Es ist die Sinnlosigkeit, die das Leid zu einem furchtbaren, aber in sich schlüssigen Konzept macht. Leid ist ebenso vorfindlicher Bestandteil dieser Welt wie das Gute. Das willkürlich verteilte Gute lässt sich nicht erklären, warum also sollte sich das ungerecht verteilte Schlechte erklären lassen und eine nachvollziehbar sinnstiftende Antwort geben.

Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand bewusst Leid auf sich nimmt, weil dadurch an anderer Stelle etwas besser wird oder am Ende der Durststrecke etwas Erstrebenswertes wartet. In solchen Fällen kann Leid durchaus als etwas Sinnvolles erlebt werden. Das Leid hat dann einen klaren, individuellen Deutungsrahmen und gibt die Möglichkeit einer Entscheidung dafür oder dagegen.

Doch auf die umfassendere Frage nach dem ungefragt erlittenen Leid und warum Gott es zulässt, gibt es keine befriedigende Antwort. Die Welt folgt ihren eigenen Regeln und bringt Gutes und Schlechtes hervor, ohne Sinn und Verstand. Womöglich ist die einzig angemessene Reaktion darauf eine innige Bitte: »Mach ein Ende mit dieser Welt, lieber Gott, und schaff uns eine bessere.«

Dirk Röse Querdenker

Querdenkende

Samstag, 17. September 2022


Es begann mit dem Vorwurf der »Lügenpresse« und »Pegida«, führte zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für lautstarke »Querdenker« und Demonstrationen mit rechtsradikalem Hintergrund, fand seine verstörenden Momente in der Verkündung von »alternativen Fakten« durch die Trump-Regierung, bereitete den fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien und äußerte sich zuletzt in den »Montagsspaziergängen« der Impfgegner:innen mit ihrer Ablehnung der politisch verordneten Corona-Schutzmaßnahmen. In unserer Gesellschaft hat sich eine äußerst kritische Minderheit etabliert, die den Regierungen in Bund und Ländern misstraut, die sich von einer als »Mainstream« abgestempelten Medienlandschaft abkoppelt und die ihr Wissen und ihre Meinung stattdessen aus vorgeblich vertrauenswürdigeren Quellen zieht. Sie nimmt für sich in Anspruch, dass sie die »wahren Hintergründe und Beweggründe« aller wesentlichen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene kennt, und beruft sich auf die »wirklich zuverlässigen Tatsachen«. Sie werfen der breiten Masse der Bevölkerung vor, sich unreflektiert einer zweifelhaften Politik zu beugen und blind den einseitig gesteuerten Medien zu vertrauen. Von sich selbst behaupten sie, diejenigen zu sein, die noch selbst nachdenken, die sich eine unabhängige Meinung bilden und die sich nicht für dumm verkaufen lassen.

Doch das stimmt nicht. Diese kritische Minderheit macht genau den Fehler, den sie der unkritischen Masse vorhält: Sie lässt andere für sich denken. Sie ersetzt das angeblich unreflektierte Vertrauen in die Mainstream-Quellen durch das unreflektierte Vertrauen in alternative Quellen. Auch hier macht sich niemand die Mühe, die Angaben kritisch zu hinterfragen und zu prüfen. Die Mainstream-Meinungsmacher werden durch Underdog-Meinungsbildner ausgetauscht. Deren missionarische Waffe ist der Zweifel, Beweise bleiben sie schuldig, zur Not muss ein Doktortitel als unanfechtbarer Beleg herhalten. Die kritische Minderheit besteht nicht aus »Querdenkern«, sondern aus »Quergelenkten«.

Sorry, Jungs und Mädels, Ihr seid auch nicht besser als die breite Masse. Im günstigsten Fall herrscht eine Pattsituation zwischen unkritischer Mehrheit und unkritischer Minderheit, in der sich keine der beiden Seiten über die andere erheben dürfte.

Ich kannte eine Impfgegnerin, die im vergangenen Winter an den Montagsspaziergängen teilnahm, um gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu protestieren. Der Konsens innerhalb der Beteiligten war groß. Man nutzte dieselben oder ähnliche Medien. Dann begann Russlands Krieg gegen die Ukraine. Plötzlich waren die meisten Protestler:innen unisono »pro Putin« und »anti NATO«. Da wurde sie nachdenklich.

Dirk Röse Altstadtschule Salzgitter Bad

Einschulung 1972

Sonntag, 7. August 2022


Vor fünfzig Jahren, am 7. August 1972, wurde ich eingeschult. Meine Erinnerungen an die Altstadtschule in Salzgitter Bad sind zwar nur fragmentarisch, aber sehr gut. In Zweierreihen gingen wir nach den Pausen in die nächste Stunde. Im Klassenraum gab es keine Tischreihen mehr, sondern bereits eine Anordnung im Kreis. Wir hatten zunächst einen Mann als Klassenlehrer, der morgens als erstes seine Gitarre nahm und mit uns sang. Ab der zweiten Klasse begleitete uns eine Klassenlehrerin, die uns englische Lieder beibrachte. Die kontroversen Themen im Hintergrund der vier Jahre waren die Einführung des Sexualkundeunterrichts und die Frage, ob auch Jungs am Handarbeitsunterricht teilnehmen sollten. Und so entwickelte ich frühzeitig ein reges Interesse an Mädchen und lernte parallel dazu stricken, häkeln, Makramee, Knöpfe anzunähen und Socken zu stopfen. Der Frontalunterricht war frappierend geradlinig, schlicht und effektiv. Das meiste passierte an der Tafel und in den eigenen Büchern und Heften. Wir lernten auch Gedichte und Lieder auswendig sowie Schreib- und Druckschrift. Die Religionslehrerin las uns mit Inbrunst spannende Geschichten aus der Bibel vor. Allerdings schaffte ein Mitschüler die erste Klasse nicht, weil er Linkshänder war und an der strikten Umerziehung auf die rechte Hand scheiterte. Das war die Schattenseite. Geschlagen wurde natürlich nicht, doch in der fünften Klasse erlebte ich an einer anderen Schule, wie sich ein Mitschüler eine derbe Ohrfeige einfing. Das fand ich erschreckend. Alles in allem ist mir diese Zeit als Oase des schulischen Glücks in Erinnerung geblieben. In der guten alten Zeit war nicht alles schlecht. Natürlich entwickeln sich Schule, Lehrpläne, Pädagogik und Methoden weiter. Doch wenn ich die seit langem anhaltenden Klagen aus Wirtschaft und Hochschule höre, dass Schulabgänger:innen ihr Handwerkszeug nicht beherrschen, dann frage ich mich, ob sich das System in die richtige Richtung bewegt. Vielleicht war in der guten alten Zeit manches tatsächlich besser als heute.

Dirk Röse Textile Kriegsführung

Mit Stil durch den Winter

Freitag, 1. Juli 2022 


Die Erdgasversorgung in Deutschland und Europa ist nicht mehr gesichert. Schon in wenigen Monaten könnte es in vielen Haushalten bitterkalt werden, vor allem, wenn es ausgerechnet in diesem Jahr einen harten Winter geben sollte. Die Frage ist, ob man sich nicht frühzeitig mit kuscheligen Decken und einer mobilen Elektroheizung versorgen sollte. Manche Güter werden ja unverhofft zur Mangelware. 

Wenn die Modebranche es geschickt anstellt, wird sie zu einem systemrelevanten Wirtschaftszweig. Benötigt werden pfiffige Kleidungsstücke, in denen uns warm bleibt, auch wenn wir an einem verregneten Januarsonntag den ganzen Tag auf dem Sofa herumlümmeln. Niemand möchte sich im eigenen Heim in mehrere Schichten aus Wollsocken, Handschuhen, Strickpullis und langen Unterhosen zwängen und wie ein muckeliges Marshmallow auf das Lagerfeuer hoffen. Stattdessen werden flauschige Thermoleggins und Daunenhoodies benötigt, die genügend Bewegungsfreiheit lassen und dennoch hübsch aussehen. Dazu passend werden atmungsaktive Spezialsocken und fingerkuppenfreie Handschuhe gereicht. 

Allerdings müssten nun Ernsting’s Family, H&M, Zalando und Co. aktiv werden (wer höherpreisige Kleidung trägt, kann sich auch teures Erdgas leisten und wird im nächsten Winter natürlich voll durchheizen). Gerne darf die NATO dann einen Telegram-Account einrichten und Putins Schergen mit unzähligen Fotos der textilen Kriegsführung nerven. 

Dirk Röse Paragraphen-Dschungel

Der Willkür-Paragraph

Sonntag, 19. Juni 2022


Zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft zählt das Rechtssystem. Bürgerinnen und Bürger, Behörden, Polizei, Militär, Wirtschaft, Parteien, Verbände, Vereine usw. agieren in einem Rahmen, der für ein faires und sicheres Miteinander sorgt. Der Gesetzeskanon ist nicht perfekt, aber er ist deutlich besser und menschenfreundlicher als das geltende Recht in vielen anderen Ländern. Auch die Menschen sind nicht perfekt und verstoßen bewusst oder unwissentlich gegen geltendes Recht, doch die Justiz bildet hier das Korrektiv. Auch die Gerichte sind nicht perfekt, aber sie bewegen sich in Grenzen, die weitgehend vor Willkür schützen.

Aus diesem Geflecht resultiert nun ein Problem, das ein effektives Vorgehen gegen Unrecht in vielen Fällen verhindert. Exekutive und Judikative sind an die Vorgaben der Gesetze gebunden und stoßen an ihre Grenzen, wenn verbrecherische Machenschaften Lücken und Unschärfen im Paragraphendschungel nutzen und sich derart organisieren, dass geltendes Recht nicht mehr greift. Insbesondere Clan- und Bandenkriminalität, Drogenkartelle, Prostitution, Kinderpornographie, religiös-fanatische Gefährder, Wirtschaftskriminalität und jede andere Form der organisierten Kriminalität profitieren davon, dass sich unsere Behörden in den Fallstricken der zu berücksichtigenden Vorgaben verheddern und nicht den Handlungsspielraum haben, den sie bräuchten.

Wünschenswert ist daher ein Gesetz, mit dem unter engen Vorgaben »im Einzelfall von besonderer Bedeutung geltendes Recht ausgesetzt werden« darf. Dazu müssten sich »mehrere definierte behördliche Instanzen auf Landes- und Bundesebene« einig sein, dass dieser Schritt notwendig ist, um »offensichtliches Unrecht« zu beenden, das andernfalls aufgrund der komplexen Gesetzeslage nicht eingedämmt werden könnte. Es müsste von Fall zu Fall einzeln festgelegt werden, welche Maßnahmen entgegen dem geltenden Recht zeitlich begrenzt welchen Behörden erlaubt sind. Allein erweiterte Möglichkeiten bei der Beweismittelbeschaffung und bei der Zulassung von Beweisen vor Gericht, der Umdrehung der Beweislast oder einer Anonymisierung von Zeugenaussagen gegenüber den Beklagten und ihren Anwälten wären ein Fortschritt.

Ein solches Gesetzesvorhaben würde zu gewaltigen Widerständen führen und als »Willkür-Paragraph« verunglimpft. Es wäre auch nicht mit europäischem Recht vereinbar. Gleichwohl ist klar, dass diejenigen, die sich tagein tagaus die Zähne an gut organisierter Kriminalität ausbeißen, ein solches Gesetz herbeisehnen. Die Frage sei erlaubt, was unserer Gesellschaft wichtig ist. Steht die Wahrung des Rechts über allem, auch wenn dieser Grundsatz dazu führt, dass Recht nicht gewahrt wird? Oder schaffen wir uns ein Instrument, das in Ausnahmefällen dazu beiträgt, Schaden von der Gesellschaft abzuwenden, parallele Rechtssysteme auszuschalten, Gewalt, Sklaverei, Misshandlung und Mord zu verhindern sowie Verbrechen zu ahnden und zu unterbinden, bei denen Unrecht vom Recht profitiert?

Dirk Röse Krieg der Kalorien

Kulinarischer Kreml

Freitag, 17. Juni 2022  


Russland traut sich was. An allen Fronten führt das Land einen Krieg der Kalorien gegen den Rest der Welt. Die Grenzen der Menschlichkeit, der Achtung und des Anstands spielen dabei keine Rolle, und es ist entsetzlich, dass nun auch die Grenzen des guten Geschmacks nicht mehr gelten. Junge Soldaten aus den am meisten vernachlässigten Regionen Russlands werden mit ihrem hageren Fleisch als leckeres Kanonenfutter in den Krieg gegen die Ukraine geschickt. Riesige Getreidereserven verbleiben auf der russischen Schlachtplatte, um zu verhindern, dass in Afrika jemand unnötig Fett ansetzt. Die Zufuhr von Erdgas nach Deutschland und in andere europäische Staaten wird versuchsweise gedrosselt, damit sich die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig mit der Frage auseinandersetzen können, ob ihnen im kommenden Winter eher ein warmes Süppchen am kalten Esstisch behagt oder ob sie ein kaltes Buffet in wohliger Wärme bevorzugen. Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise ist absehbar, dass sie dabei nur noch die Wahl zwischen warmem oder kaltem Borschtsch haben werden.
 

Derweil wird in Russland geschlemmt, bis sich der Donnerbalken biegt. Dmitri Medwedew bemüht sich darum, die Grenzen des guten Geschmacks neu zu definieren und serviert ein wegweisendes Dreigängemenü: Frosch, Leberwurst und Spaghetti. Das ist neu. Man spürt schon bei der Auswahl der wesentlichen Zutaten, dass er ein wahrer Europäer und unbestechlicher Gourmet ist. Die Aufregung in der internationalen Nouvelle Cuisine ist natürlich groß, zumal Medwedews Kochkünste dem feisten Kreml mit seinen oligarchischen Feinschmeckern vorbehalten bleiben und außerhalb der dicken Mauern niemand weiß, was genau er vorgelegt. Einig ist man sich immerhin, dass der Auswahl der korrekten Leberwurst die zentrale Bedeutung zukommt. Sie sollte besonders fein aus magerem Schweinefleisch und Trüffeln zubereitet sein und lauwarm genossen werden. Nur so entfaltet sie sich als verbindende Delikatesse zwischen Frosch und Spaghetti. Man muss Medwedew neidlos zugestehen, dass die Symbolik seiner Speisen unübertrefflich ist: Die sehr unterschiedlichen Charaktere der regionalen Spezialitäten verbinden sich zu einem harmonischen Genuss, der die unverrück(t)bare Einheit Europas wiederspiegelt. 

Gute Nachrichten

Pfingstmontag, 6. Juni 2022


Was ist eine gute Nachricht?

Es war einmal ein sehr empfindliches Ökosystem in einer abgelegenen Gegend dieser Welt fernab jeglicher Zivilisation. Eines Tages geschah nichts. Wie schon am Tag zuvor florierte und faunierte es vor sich hin, blieb intakt und erfreute sich seiner Idylle. Wie sehr ist eine Nachricht davon abhängig, dass etwas geschieht? Wenn Dinge lediglich ihren gewohnten und guten Gang nehmen, haben sie dann trotzdem einen Nachrichtenwert, den man sich nur hin und wieder vergegenwärtigen sollte?

Es war einmal der King of Rock ‘n‘ Roll, der sich im Autohaus umsah und einen Cadillac kaufte. Ein Mann stand dabei und beobachtete die Szene. Der King fragte den Mann, ob ihm der Wagen gefiele, und der Mann bejahte. Da sagte der King zu dem Mann, dass er ihm den Cadillac schenke. Wie sehr muss der Inhalt einer Nachricht mit einem selbst verknüpft sein, um innerlich zu berühren? Muss eine Nachricht einen Bezug zum Selbst haben, um das Gute oder Schlechte zu empfinden, oder gibt es auch Nachrichten, die aus sich heraus gut oder schlecht sind, ohne dass sie etwas mit einem selbst zu tun haben?

Es war einmal ein geschätzter Kollege, der sich darüber freute, woanders eine neue Stelle antreten zu können. Ein anderer Kollege bedauerte diese Entwicklung sehr, weil eine erfreuliche Zusammenarbeit endete. Wie gut ist eine Nachricht, wenn sie an anderer Stelle als schlecht empfunden wird? Gibt es überhaupt gute Nachrichten ohne schlechte Kehrseite? Ist dies womöglich das Dilemma der Politik, mit dem sie sich abfinden muss?

Es war einmal Jesus von Nazareth, der als gute Nachricht verbreitete, dass das Himmelreich nahe herbei gekommen sei. Bis heute wird dieses Evangelium gepredigt, doch die Weltbevölkerung ist weit davon entfernt, sich darüber zu freuen. Welchen Charakter muss eine Nachricht haben, damit sie als gut empfunden wird? Wie glaubwürdig und überwältigend muss sie sein? Was geschieht mit guten Nachrichten, die nicht mehr funktionieren? Was bleibt von der Erhöhung des Mindestlohns, wenn die Inflation alles kaputt macht?

Es war einmal ein Mann, der eine Frau liebte. Er hatte rechte genaue Vorstellungen von einer guten Nachricht. Doch diese Nachricht kam nicht. Welchen Einfluss haben gute Nachrichten auf das eigene Leben? Wie sehr ist das Leben von guten Nachrichten abhängig? Wie geht man damit um, wenn gute Nachrichten ausbleiben? Besteht die Kunst des Lebens darin, sich gute Nachrichten zu basteln?

Was ist eine gute Nachricht?

Dirk Röse Realität

Relative Realitäten

Sonntag, 22. Mai 2022 


Der Kampf der Realitäten macht unsere Welt immer wieder zu einem lebensfeindlichen Ort. 

 

Gemeint ist damit nicht, dass Menschen unterschiedlicher Auffassung über dieses oder jenes sind. Auch das trägt im schlechtesten Fall zu Gewalt und Krieg bei oder im besten Fall zur Meinungsvielfalt und zu mehr Farbe im Leben. Verschiedene Ansichten bewegen sich in derselben Realität, verfügen also trotz der Differenzen über einen gemeinsamen Rahmen. 

 

Gemeint ist, wenn Menschen sich denselben Globus teilen und doch in völlig unterschiedlichen Welten zu leben scheinen. Der jeweilige Deutungshorizont ist ein anderer, das Gesamtverständnis für Diesseits und Jenseits, für Gut und Böse, für Liebe und Hass, für Krieg und Frieden, für Akzeptanz und Ablehnung resultiert jeweils aus einem gänzlich anderen Kontext. Trotz gemeinsamer Wurzeln und Übereinstimmungen wie dem Monotheismus leben beispielsweise Christen und Moslems in unterschiedlichen Realitäten, die seit mehr als tausend Jahren immer wieder zu Konflikten wie den Kreuzzügen oder dem Islamismus führen. Der Imperialismus des Römischen Reiches oder der Kolonialismus vergangener Jahrhunderte haben ihren Ursprung in einer überheblichen Sicht auf die Welt, die nichts mit dem Selbstverständnis jener Völker gleich hatte, die brutal unterworfen wurden. Sozialismus und Kapitalismus rühren zunächst aus derselben Realität, können sich aber zu verschiedenen Kosmen entwickeln. Der Nationalsozialismus ist eine der furchtbarsten Realitäten, die die Menschheit erleiden musste. 

 

Voraussetzung für die Entstehung einer Realität ist das Maß, mit dem Einzelne oder Gemeinschaften ihre Sichtweise verinnerlichen, sich von anderen abgrenzen und sich gedanklich über andere erheben. Die meisten Menschen werden in eine Realität hineingeboren und verbringen das ganze Leben in ihr, ohne sie jemals hinterfragen zu müssen. Das ändert sich, wenn sich jemand auf eine andere Realität einlässt oder von ihr überrollt wird. Die Hilflosigkeit von Eltern, deren Kinder plötzlich einer Sekte oder einer radikalen politischen Strömung angehören, zeugt von der Macht, die anderen Realitäten innewohnt. 

 

Prägend für das Miteinander von Menschen in verschiedenen Realitäten ist der Mangel an einer gemeinsamen Grundlage, einem gemeinsamen Ausgangspunkt für Dialog, Annäherung und Verständnis. In den jüngsten Jahren sind es Verschwörungstheoretiker, Querdenker und Impfgegner, die sich mehr und mehr in eine neue Realität abkapseln und die Brücken einer gemeinsamen Basis abbrechen. Auch der Kreml scheint mittlerweile in einer anderen Realität zu leben, die durch eine Fokussierung auf die historische Mission Russlands und das Feindbild des Nationalsozialismus befeuert wird. 

 

Ist es erst einmal so weit gekommen, haben es beide Seiten schwer, miteinander auszukommen, insbesondere wenn sich eine der Parteien radikalisiert oder sogar einen Krieg beginnt – und insbesondere wenn man selbst stets davon ausgeht, in der wahren Realität zu leben. Tun wir das? 

Miesmuschel und Fiesmuschel

Freitag, 20. Mai 2022 


Victor Orbán blockiert ein Erdölembargo der Europäischen Union gegen Russland und Recep Tayyip Erdoğan blockiert Finnlands und Schwedens Beitritt zur NATO. Großartig. Miesmuschel und Fiesmuschel nutzen die Gelegenheit, um die Weltpolitik aufzumischen, während die Nutznießmuschel im Kreml ein breites Grinsen auf den Genießnuscheln trägt. Natürlich sollte man fairerweise einräumen, dass Deutschland sich beim russischen Erdgas ähnlich wie Ungarn beim russischen Erdöl verhält und auf die Bremse tritt. Deutschland hätte sicher auch erhöhten Diskussionsbedarf, wenn Finnland und Schweden beispielsweise Mitglieder der früheren R.A.F. beherbergten. EU und NATO beherzigen diese Einwände und treten in weitere Verhandlungen mit Ungarn und der Türkei. Dennoch ist es einfach nur ärgerlich, dass zwei Staatschefs mit autokratischer Neigung und ausgeprägter Profilierungssucht wieder einmal die Chance ergreifen, ihre Randerscheinung zu überwinden und sich in den geopolitischen Mittelpunkt zu drängen. EU und NATO werden die zwei ordentlich pampern müssen, damit dort die Schließmuscheln wieder funktionieren. 

Dirk Röse Navi

Navi lehrt Leben

Donnerstag, 12. Mai 2022 


Das Navigationssystem ist eine esoterische Errungenschaft. Man gibt ein Ziel ein, bekommt den Weg gewiesen und weiß auch schon, wann man ankommt. Ziel, Weg, Ankunft. Herrlich. Klar, man muss das eigene Ziel kennen und sich auf den Weg machen. Das ist manchmal eine Herausforderung. Aber wenn man das für sich geklärt hat, kann man sich treiben lassen. Kommt es zum Stau, werden sogar Ausweichrouten vorgeschlagen. Nahezu zwecklos ist es allerdings, die Reise zu verkürzen. Auf Deutschlands belebten Straßen muss man schon richtig Gas geben, wenn man geringfügig eher ankommen möchte. Doch meistens landet man dann in einer Baustelle und verliert sekündlich Minuten, die jeden Vorsprung wieder aufheben. Das Leben ist eine Straße und das Navi zeigt, wie es geht. 

Dirk Röse Gemeinschaft der Gläubigen

Gott liebt uns

Dienstag, 10. Mai 2022


Immer weniger überzeugt mich das weitverbreitete Credo, dass ein »Ich« das einzig wesentliche Gegenüber zum »Du« Gottes ist. Natürlich bleibt ein »Ich glaube« von zentraler Bedeutung. Zugleich aber beziehen sich viele Aussagen der Bibel auf die Gemeinschaft, sie sind an ein »Wir« adressiert. »Ihr seid das Salz der Erde«, und es ist womöglich nicht angemessen, solche Aussagen allzu sehr auf die:den einzelne:n Gläubige:n oder sogar auf sich selbst zu deuten. Gemeint ist vielmehr die Gemeinschaft der Glaubenden. »Ihr seid das Licht der Welt«, allein habe ich nicht genügend Strahlkraft. »Gebt ihr ihnen zu essen«, ich allein schaffe nicht, was möglich ist. »Gehet hin, lehret sie, taufet sie«, aber bitte nicht allein, sondern aus einer gemeinschaftlichen Bewegung heraus. »Siehe, ich bin bei euch alle Tage«, und vielleicht entfaltet sich Gottes Segen erst dann vollständig, wenn er auch auf das »Wir« der Gemeinschaft trifft.

Dirk Röse Deportation

Deportation

Sonntag, 8. Mai 2022


Da war mal ein Leben in Frieden und Heimat, mit Familie, Freunden und Alltag. Dann kam der Krieg. Die ersten Bomben und Raketen schlugen ein. Menschen starben, Häuser fielen in sich zusammen, das Leben wurde zur Hölle. Schließlich kamen die Soldaten, beanspruchten die Stadt für sich und erhoben sich über Frauen, Männer, Kinder. Es gab kein Entkommen. Am nächsten Tag schon wurden sie deportiert, Busse brachten sie tief in das weite Land des Feindes. Da sind sie nun, nicht länger Ukrainer:innen, sondern Russ:inn:en, irgendwo in der Fremde. Zuhause geht der Krieg weiter, doch hört man kaum ein brauchbares Wort darüber. Wird in Kiew noch gekämpft, ist Mariupol gefallen? Was ist aus Angehörigen und Nachbarn geworden? Denkt noch wer an mich oder sind auch sie längst verstreut in diesem riesigen Land, in dem man sich niemals begegnen wird? Nicht erschossen, nicht verstümmelt, mitten aus dem Leben gerissen, heimatlos und keine Aussicht auf Rückkehr. Einsam, ohne Hoffnung. Alles verloren, bald vergessen, lebendig begraben.

Dirk Röse Amerika

Unbegrenzt konservativ

Donnerstag, 5. Mai 2022


Die Vereinigten Staaten von Amerika machen mich ratlos. Vielleicht bin ich nur Teil einer amerikakritischen Generation oder auch nur Teil einer amerikakritischen Nische meiner Generation. Aber mich wundert, wie sich ein Land »Amerika« nennen kann, obwohl es nur die »USA« ist. Reist jemand nach »Amerika«, so frage ich: »Wohin denn? Nach Rio de Janeiro oder Montreal?« Mich wundert auch, dass sich das Gerücht eines »Landes der unbegrenzten Möglichkeiten« so hartnäckig hält. Bei Gelegenheit sollte man dazu die ursprüngliche Bevölkerung in ihren Reservaten befragen oder die Menschen mit dunkler Hautfarbe während der Festnahme durch einen weißen Cop in ein Gespräch verwickeln, sofern sie atmen können. »Unbegrenzte Möglichkeiten« könnten sich aber auch auf den Abwurf zweier Atombomben, das Recht zur privaten Militarisierung, den Einmarsch in den Irak aufgrund gefälschter Gefährdungspotenziale und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten beziehen. Unbegrenzt sind die Möglichkeiten in jedem Fall, wenn es darum geht, wunderschöne Bücher wie »Wer die Nachtigall stört« aus Schulbibliotheken zu entfernen oder das Recht auf Abtreibung drastisch einzuschränken. Schier unbegrenzt sind die Möglichkeiten eines verschrobenen Konservatismus, die eigenen Möglichkeiten mit verschrobenen Gesetzen zu begrenzen. Gäbe es nicht Elvis Presley, Bob Dylan und Spongebob Schwammkopf, so käme ich zu dem Schluss, diese Nation sei unbegrenzt selbstüberheblich.

Dirk Röse Richtig Falsch

Richtig falsche Hilfe

Sonntag, 1. Mai 2022 


Deutschland entzweit sich über die Frage, wie schwer die Waffen für die Ukraine sein dürfen. Manch ein:e Politiker:in sähe sie längst gerne vor Ort. Manch ein:e Intellektuelle:r warnt vor dem Dritten Weltkrieg mit Atomwaffen. Und stets steht im Hintergrund die Frage danach, was in dieser Situation richtig und falsch ist. 

Doch es ist schon die Frage, die falsch ist. Im Krieg gibt es kein »richtig«. Alles, was im Krieg geschieht, ist falsch. Es geht immer ums Zerstören und Töten. Es ist völlig gleich, ob und welche Waffen Deutschland an die Ukraine liefert, denn mit und ohne sie wird weiter geschossen und gelitten. 

Die richtige Frage lautet, was den Krieg beendet. Der Kreml könnte es, wenn er seine Pläne aufgäbe. Die Ukraine könnte es, wenn sie sich selbst aufgäbe. Unsere Waffen beenden den Krieg nicht, unsere Verweigerung beendet den Krieg auch nicht. Die ernüchternde Antwort auf die Frage danach, was den Krieg beendet, lautet zurzeit: Nichts. 

Der Einwand wird erhoben, ob nicht eine europaweite oder weltweite Eskalation droht, wenn weiter Waffen geliefert werden. Wenn Deutschland keine Waffen liefert, verhindern wir womöglich, dass der Krieg auf unser Land übergreift. Wenn Deutschland keine Waffen liefert, nehmen wir aber auch in Kauf, dass Russland die Ukraine noch fürchterlicher attackiert. Die Gegenfrage auf den Einwand heißt, welche Eskalation man verhindern will. Die egoistische Antwort lautet dann: Die Eskalation im eigenen Land muss verhindert werden. 

Die Atombombenkuppel in Hiroshima oder die Gedächtniskirche in Berlin zeugen davon, wie Kriege beendet werden. Wer António Guterres in Moskau empfängt und im Anschluss Kiew bombardiert, während António Guterres dort zu Gast ist, signalisiert unmissverständlich, dass eine friedliche Lösung nicht zur Debatte steht. Kommt runter vom moralischen Ross. Es sind nicht »richtig« und »falsch«, die hier regieren. Es regiert falscher russischer Irrsinn, und dem muss und kann nur falsch widerstanden werden. 

Dirk Röse Kirchlicher Feiertag

Neue Feiertage für das Land

Ostermontag, 18. April 2022


Nur am Rande findet die Nachricht Beachtung, dass erstmalig weniger als fünfzig Prozent der Bevölkerung in einer der großen Kirchen organisiert sind. Damit sind Kirchenmitglieder noch lange keine Minderheit, denn sie stellen hierzulande nach wie vor die mit Abstand größte Gruppe. Der Vergleichswert sind nämlich die »nicht Organisierten« und die »in deutlich kleineren Gruppen Organisierten«. Trotzdem müssen sich Deutschland und die Kirchen klar darüber sein, dass hier ein Bedeutungsverlust in großen Schritten voranschreitet.

In der Vergangenheit wurde bei solchen Nachrichten gerne über die Abschaffung der Kirchensteuer diskutiert. Zurzeit haben andere Themen berechtigterweise absoluten Vorrang und Kirche fällt in der öffentlichen Wahrnehmung hinten runter. Aber selbst das ist ein Zeichen.

Spaßeshalber könnte man ja mal fordern, dass die christlichen Feiertage abgeschafft werden. Auch die unterliegen dem Bedeutungsverlust. Lediglich beim Weihnachtsfest ist die Umdeutung in ein »Fest der Liebe« gelungen. Karfreitag, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und der Reformationstag hingegen sind ebenso verzichtbar wie Heilige Drei Könige, Fronleichnam, Mariä Empfängnis, Allerheiligen und der Buß- und Bettag. Das gäbe einen lustigen Aufschrei.

Doch Sorge um zu wenige zusätzliche freie Tage muss eigentlich niemand haben. Als Ersatz stehen bereits viele unterbewertete Feiertage in den Startlöchern: Halloween, Black Friday, der Weltfriedenstag, der Welttag der Frauen und das »Hochamt der Langschläfer:innen«. Für die Jugend und das Emsland sollte zusätzlich der Sonntag vom Feiertag in einen »Reiertag«* umdeklariert werden (offiziell: »Tag des ausgeprägten Unwohlseins«). Und natürlich darf der jährliche »Lauterbach Day« zur Beendigung der allwinterlichen Coronabeschränkungen nicht fehlen. Zusammen mit dem Ersten Mai, dem Tag der Deutschen Einheit und Silvester/Neujahr hätten wir damit ein hübsches Abbild unserer Gesellschaft.

*reihern: Emsländisch für »nicht verwertbare Mageninhalte ausstoßen«

Es ist unser Krieg

Sonntag, 10. April 2022


Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist Russland. Das Leben, das du hierzulande führst, ist russisch. Es ist russisches Erdgas, das dich wärmt und das die Wirtschaft in Gang hält, damit du weiterhin alles kaufen kannst, was dir das Leben angenehm macht, auch die Medikamente, die du brauchst. Russisches Gas ist für dein Leben unverzichtbar, wenn du nicht verzichten möchtest. Dasselbe gilt für russisches Erdöl. Dein Leben wird ohne russisches Öl ärmer, weil es dein Auto und die Produktion deines Arbeitgebers am Laufen hält. Bereits jetzt ist dein Leben ärmer, weil du sehr viel mehr Geld für Öl und Gas zahlst. Du spürst es an der Zapfsäule, du wirst es bei den nächsten Nebenkostenabrechnungen merken. Und das alles würde noch sehr viel schlimmer für dich kommen, wenn du auf Öl und Gas aus Russland verzichten müsstest. Sei deiner Regierung dankbar, dass sie sich nicht dazu drängen lässt, fossile Brennstoffe aus Russland zu boykottieren.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist die Ukraine. Du deckst dich mit Sonnenblumenöl und Mehl ein, weil du nun endlich gelernt hast, woher sie kommen. Weil sie aus einem Land kommen, in dem Krieg herrscht, ist unsicher, ob sie dir auch weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Also denkst du erst einmal an dich selbst, bunkerst Grundnahrungsmittel und wirfst sie anschließend massenhaft weg, wenn das Verfallsdatum erreicht ist und du sie gar nicht gebraucht hast. Auch die Menschen, die dir jetzt im Nahverkehr und im Supermarkt begegnen, kommen aus dem Land, das dich nicht mehr zuverlässig beliefern kann. Es ist aber gut für das eigene Gewissen, dass wir sie hier jetzt verlässlich versorgen können. Hier gibt es ja genug für alle und du hast lieber osteuropäische als afrikanische Flüchtlinge um dich, solange dir die Ukrainerinnen im deutschen Supermarkt nicht das ukrainische Sonnenblumenöl vor der Nase wegschnappen. Sei deiner Regierung und den vielen Freiwilligen dankbar, die auch dein reines Gewissen organisieren.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist der Krieg. Du spürst es im Geldbeutel und siehst es im Fernsehen, das etwas aus den Fugen gerät, das deinem Leben bislang Sicherheit gab. Dein Öl und Gas waren bislang ein Klimaschutzthema, um das sich deine Regierung kümmern musste. Jetzt sind dein Öl und Gas tödlich, weil du damit Russland und Russlands Krieg gegen die Menschen in Mariupol und Butscha finanzierst, um keine Engpässe in deinem Lebensstil zu erleben. Sei deiner Regierung dankbar, die Waffen in die Ukraine schickt, damit die Männer dort kämpfen und sterben, um bald wieder Sonnenblumenöl und Mehl für dich produzieren zu können.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist zynisch. Du bist Teil einer globalisierten Welt, in der alle voneinander abhängen. Es ist Wladimir Putin, der dir dein gutes Leben ermöglicht. Und du kannst ihm nicht entkommen, weil du es weiterhin bequem haben möchtest. Damit du weiterhin unbeschwert lebst, verzichtest du auf Moral und Idealismus und Gradlinigkeit. Du verachtest Russland und stehst morgens behaglich unter der russisch beheizten Warmwasserdusche. Sollen sie sich da hinten gegenseitig verstümmeln, solange du warme Füße hast und es nicht dein Sohn ist, der an die Front muss. Und du weißt genau, dass Wladimir Putin erst dann die Atombombe zündet, wenn du sein Gas nicht mehr willst. Solange du es dir aber gut gehen lässt, trägst du aktiv zum Gleichgewicht der Mächte und zum Frieden in der Welt bei. Sei deiner Regierung dankbar und klopf dir selbst auf die Schulter, denn das ganze Gehampel dient ja doch einem guten Zweck und ergibt wirklich Sinn. Im Grunde ist die Ukraine nur ein Kollateralschaden für die Stabilität unserer heiligen Ordnung, der dort begrenzt werden muss, wo er dir nicht weh tut.

Butscha

Montag, 4. April 2022


Der Nebel lichtet sich an wenigen Orten und legt das Grauen offen, das Menschen in der Ukraine erlitten. Erst Mariupol, jetzt Butscha. Jeder Krieg schafft sich seine Symbole. Massala. Stalingrad. Hiroshima. Srebrenica. Grosny. Aleppo. Mariupol reichte nicht, es brauchte Butscha.

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Geistige Verwirrung

Samstag, 26. März 2022 


Wie uns Windischeschenbach, Bad Gottleuba-Berggießhübel, Süderschmedebyfeld und Oer-Erkenschwick vor den Russen retten.

Dirk Röse Kulturelle Aneignung

Kulturelle Aneignung

Freitag, 25. März 2022


Ursprünglich sollte die Musikerin Ronja Maltzahn heute bei einer Demonstration in der Innenstadt von Hannover auftreten. Doch dann lud die verantwortliche Umweltorganisation »Fridays For Future« die Sängerin wieder aus, weil sie »Dreadlocks« trägt und damit unter dem Verdacht der »kulturellen Aneignung« steht bzw. weil sich die NGO nicht dem Verdacht aussetzen möchte, kulturelle Aneignung durch diesen Auftritt zu unterstützen.

Unwillkürlich verdrehte ich die Augen und hielt diese Entscheidung mit der ihr zugrundeliegenden Denkweise für kleinkariert. Doch so einfach ist es nicht.

Wenn Dreadlocks, wie von Fridays For Future angeführt, ein Symbol der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen durch die Weißen sind, dann kann es von den Betreffenden als Affront verstanden werden, wenn jemand diese Frisur trägt, ohne ihren sozialen Hintergrund zu teilen und zu erleiden. In diesem Sinne hätte sich Ronja Maltzahn das »kulturelle« Symbol einer unterdrückten Bevölkerungsgruppe »angeeignet«, ohne ihrerseits die biografischen Voraussetzungen dafür mitzubringen. Die Dreadlocks als symbolträchtige Frisur stünden ihr damit nicht zu oder aber wären eine überhebliche Rosinenpickerei: »Deinen Style übernehme ich, deine Benachteiligung kannst du behalten.«

Den Vorwurf der kulturellen Aneignung gibt es in unterschiedlichen Facetten schon seit Jahrzehnten. Die schwarze Rock-and-Roll-Legende Little Richard beklagte sich einst darüber, dass es der weiße Elvis Presley war, der die Schwarzen ihrer Musik beraubte. Derselbe Vorwurf dürfte beispielsweise auch für Jazz und Rap gelten. »Deine Musik mag ich, deine Hautfarbe will ich nicht.«

Als vor wenigen Jahren islamistischer Terror für viele Länder zum Problem wurde, kursierte die Idee, den Hijab als starkes Symbol des islamischen Frauenbildes zum nicht-religiösen Allgemeingut zu degradieren, indem man ihn in die westliche Modewelt integriert und als Accessoire für alle etabliert. Kulturelle Aneignung sollte hier bewusst als Mittel gegen eine unerwünschte Entwicklung eingesetzt werden. Durchgesetzt hat es sich nicht, aber es zeugt vom Bewusstsein für die symbolische Kraft kultureller Eigenheiten und ihre Zersetzung durch kulturelle Aneignung.

Es gibt unter benachteiligten bzw. unterdrückten Bevölkerungsgruppen eine verständliche Empfindlichkeit, wenn eine vorherrschende und besser gestellte Bevölkerungsgruppe ihnen die identitätsstiftenden Eigenarten oder Symbole durch kulturelle Aneignung nimmt. Was vorher wie ein exklusives Markenzeichen funktionierte, wird plötzlich zum Allgemeingut und taugt damit nicht mehr als Bild des eigenen Markenkerns.

Die Frage lautet nun: Wem gehört welches kulturelle Gut, wer darf bestimmte sozio-kulturelle Phänomene für sich als identitätsstiftend beanspruchen, wer besitzt Exklusivrechte? Dürfen ausschließlich muslimische Frauen den Hijab tragen? Dürfen nur Christ:inn:en ein Kreuz tragen? Dürfen die Kirchen Weihnachten als religiöses Fest exklusiv für sich reklamieren und der Wirtschaft kulturelle Aneignung vorhalten? Dürfen ausschließlich schwarze Bürgerrechtler:innen Dreadlocks tragen? Und um die Fragestellung auszuweiten: Dürfen im Film ausschließlich Homosexuelle die Rolle Homosexueller spielen? Kann ein Mann ein authentisches Buch über die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft schreiben? Was ist legitim, was ist Anmaßung?

Kulturellen Austausch, kulturelle Vermischung und kulturelle Verwässerung hat es immer schon gegeben, sie sind Teil der Weltgeschichte. Vor allem im 20. Jahrhundert sind die Berührungspunkte zwischen den Kulturen und Bevölkerungsgruppen noch vielfältiger geworden. In einer globalisierten Welt lässt sich diese Entwicklung nicht aufhalten. Exklusivrechte gibt es nicht mehr. Wer kultureller Aneignung gegensteuern möchte, müsste sich die eigenen Symbole, Rituale oder Eigenarten als Marke schützen lassen und bekäme bei der Registrierung arge Schwierigkeiten. Dass sich insbesondere benachteiligte und unterdrückte Bevölkerungsgruppen dadurch missverstanden, verletzt und erneut beraubt fühlen, ist verständlich, lässt sich aber im globalen Kontext nicht ändern. Insofern verdient die Argumentation seitens Fridays For Future Respekt, die angesichts einer einseitigen Vermischung einen »geschützten Raum« anbieten möchte, in dem die betroffenen Gruppen ernst genommen werden, keine Übergriffe auf ihre Identität stattfinden und eine gemeinsame Plattform geschaffen wird.

Mit Blick auf die fortschreitende Individualisierung in vielen Gesellschaften vor allem in den letzten fünfzig Jahren wirkt der auf Minderheiten, Benachteiligte und Unterdrückte bezogene Ruf nach Gleichberechtigung, Rücksicht und Exklusivität wie ein Fremdkörper. Der individuellen Freiheit sind im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt. Es funktioniert nicht, wenn jemand sagt: »Meinen Style darfst du nicht tragen, deine Individualität endet hier.« Eine Breitenwirkung gegen Ichbezogenheit, Gedankenlosigkeit, kulturelle Aneignung und Kommerzialisierung wird ein Weckruf nicht haben. Wichtig bleibt daher, dass er bei den richtigen Personen ankommt, die für geschützte Räume im Kleinen und Großen sorgen können, so z. B. Politik, Kirchen oder NGOs wie Friday For Future.

Bei allem Verständnis für das Problem der kulturellen Aneignung mache ich mir jedoch Gedanken darüber, wer das Recht hat, die Regeln zu bestimmen, welche Erwartungen an die Einhaltung dieser Regeln gestellt werden und auf welche Weise den Regeln Nachdruck verliehen wird. Dass Fridays For Future die in der eigenen Organisation geltenden Spielregeln bestimmt, ist angemessen. Man muss halt damit rechnen, dass nicht jede:r dafür Verständnis hat, wenn eine Künstlerin wegen ihrer Frisur ausgeladen wird. Wer aber als Einzelne:r oder als Organisation nennenswerten Einfluss auf eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit hat, muss aufpassen, in welche Richtung die eigene Political Correctness gesteuert wird. Steht die eigene Wahrnehmung der Welt auf einem höheren Niveau als andere Sichtweisen? Erhebt man sich über andere und versucht auf diese Weise, unerwünschte Machtverhältnisse umzudrehen? Wird man dogmatisch oder sogar militant? Schafft man Grenzen oder überwindet man Grenzen? Ist man exklusiv oder inklusiv? Setzt man weiter auf Dialog und Einsicht oder schafft man eine Atmosphäre des Schweigens und der Angst?

Die Hannoveraner Sektion von Fridays For Future schrieb zunächst, dass Ronja Maltzahn auftreten dürfe, wenn sie sich die Dreadlocks abschneidet, und entschuldigte sich kurz darauf für diesen Eingriff in ihre Freiheit. Es bleibt bei der Absage des Konzertes. Fridays For Future bleibt sich treu und nimmt in Kauf, dass hier eine junge Sängerin in die Schranken gewiesen wird. Die Organisation wäre mit der Absage des Konzerts beinahe über die eigenen Füße gestolpert. Political Correctness kann zu einem engmaschigen Netz werden, dem kaum noch jemand entkommt, dem kaum noch jemand entsprechen kann und in dem man sich nicht mehr bewegen kann.

Mehr Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen, ist ein hehres Ziel und oftmals leider eine echte Gratwanderung. Ich möchte mich weder von Bürgerrechtler:inne:n noch von Fridays For Future noch von sonst irgendwem einschränken lassen. Ich möchte mich aber sehr wohl in notwendige Diskussionen verwickeln lassen, mir eine Meinung bilden und gegebenenfalls meine Verhaltensweisen ändern. Vielleicht spricht aus mir aber auch nur der typische weiße Mann, der kein Empfinden für die Not anderer hat.

Dirk Röse And The Winner Is

Kein Oscar für die Ukraine

Mittwoch, 16. März 2022 


Mir geht meine eigene Arroganz auf die Nerven. Warm, wohlgenährt und fern jeder existenziellen Bedrohung verfolge ich die Ereignisse in der Ukraine, versuche mich an Meinungsbildung und bleibe bei jeder Deutung am behaglichen grünen Tisch. Derweil wird in Mariupol gehungert, gedürstet, gelitten, verletzt und gestorben. Ich verliere mich in sinnlosen Worten, die Ukraine verliert sinnlos ihr Leben. 

Etwas Ähnliches gilt für die Solidarität mit der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland. Die internationale Unterstützung bleibt überraschend massiv und zeigt erste Wirkung. Doch an der Front, im U-Bahnschacht und im Angesicht des eigenen Todes steht die Ukraine allein. Noch hat der friedliche Wirtschaftsboykott nicht zum Frieden geführt. Der Oligarch muss auf seine Yacht verzichten, die Ukraine auf ihre Heimat. 

Die westlichen Bündnisse sind gefangen in der Drohkulisse eines mit Atomwaffen geführten Dritten Weltkriegs. Die früher effektiven Gleichgewichtskräfte des Kalten Krieges haben in eine Sackgasse geführt, die der Kreml nutzt. Es ist ein Dilemma, das die Ukraine in Schutt und Asche legt, das Menschen in die Flucht treibt, das aufgrund ausbleibender Ernteerträge der Ukraine schon im kommenden Jahr zu noch mehr Hunger in den ärmsten Regionen der Welt führen kann, das internationale Wertschöpfungsketten aushebelt und das hierzulande viele Bürger:innen vor echte finanzielle Engpässe stellt, weil die Preise steigen. Dem Westen sind die Hände gebunden, den Ukrainer:innen ein Strick um den Hals. 

So bleiben Grundelemente eines altbekannten Dramas erhalten und jede Partei dient ihrem eigenen Interesse. Russland folgt feuchten Träumen von der Auferstehung als Weltmacht. Der Westen will einen wildgewordenen Despoten kaltstellen und sich den Krieg vom Leib halten. Ich versuche Sinn und Verstand in einer Welt wiederzufinden, die sich einmal mehr ad absurdum führt. Die Ukraine aber kämpft um ihre Eigenständigkeit und ums Überleben. Morgens schauen wir in den Spiegel und die Ukraine in die Gewehrmündung. 

Es lohnt eine Vorschau auf das Winterhalbjahr 2022/2023. Für den Friedensnobelpreis nominiert werden die westlichen Bündnisse für das umsetzungsstarke Maßnahmenpaket zur Wahrung von Wohlstand und Frieden in den eigenen Reihen (plus eine Nominierung für den Nobelpreis für Wirtschaft aufgrund der wegweisenden Einsichten in den Zusammenhang von Finanzen, Rüstung und Politik). Den Oskar für das beste Drehbuch erhält Wladimir Putin, der damit die Grundlage für einen weltweit erfolgreichen Blockbuster mit unerwarteten Spannungsmomenten bei gleichzeitiger Wahrung einer gewissen Realitätsnähe schuf (plus eine gesonderte Dankesnote der vielbeschäftigten internationalen Medien). Der Grammy für den besten Soundtrack geht an die russische Armee, die mit einem zackigen Trommelfeuerwirbel für eine furiose Renaissance der Marschmusik sorgte (mit freundlicher Unterstützung der Donezker Schützengilde Blasmyrdenarsch sowie KMW). Mir selbst wird die Goldene Himbeere für die Darstellung eines Influencers zuteil (gefördert durch Produktplatzierungen der Zellstoffproduzenten). Die Ukraine geht leider leer aus. 

Dirk Röse Begrenzte Möglichkeiten

Zeitenwende

Montag, 28. Februar 2022


Weite Teile der Welt hatten einen Traum, den Traum von Frieden, Freiheit, Gleichheit, Grenzenlosigkeit, Natur und Wohlstand. Zu lange wollten wir nicht wahrhaben, dass unsere Wunschvorstellungen an diese Welt längst gefährdet sind und nicht den realisierbaren Möglichkeiten entsprechen.

Die Einsicht kam zögerlich und war unbequem. Nun wurden uns die Fakten mit voller Härte vor Augen geführt, die Scham ist groß und die Sicht auf unsere Welt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Wir erleben eine Zäsur und können uns nur wünschen, dass wir sie ernst nehmen und nicht bei nächster Gelegenheit wieder verwässern. Es geht nicht mehr anders, als dass wir uns neu sortieren und orientieren. Nicht alle unsere Träume können verwirklicht werden. Es wird uns nicht gelingen, alle Machthaber, Völker und Menschen auf den einen großen Pfad zum möglichst großen Glück mitzunehmen. Wir müssen einsehen, dass andere tatsächlich andere Vorstellungen haben und dass wir nicht für alle die Verantwortung übernehmen können, geschweige denn sie für unseren Weg gewinnen können.

Es verlaufen Grenzen auf dieser Welt und wir sind gut beraten, diese Grenzen endlich ernst zu nehmen und anzuerkennen. Der Fall des Eisernen Vorhangs und die zunehmende Globalisierung führten zu dem Irrtum, dass wir in jedem erdenklichen Sinne eine Schicksalsgemeinschaft sind. Es ist aber nicht so.

Der Zeitpunkt ist gekommen, um Grenzen beim Namen zu nennen und Grenzen zu ziehen. Wer nicht auf demselben Wege ist wie wir, der braucht nicht überredet zu werden, es dürfen vielmehr getrennte Wege gegangen werden. Wer nicht unser Freund ist, muss nicht unser Feind sein, er darf einfach depriorisiert werden. Aber wer unser Feind ist, den darf man auch Feind nennen und den darf man auch entsprechend behandeln. Und wenn Freunde bedroht werden, dürfen Freunde mit unserer Hilfe rechnen.

Wir werden unsere Prioritäten neu setzen, nur für uns, nicht für alle. Wir werden eindeutiger werden müssen in dem, was wir tun. Wenn wir Frieden, Freiheit und Gleichheit wollen, dann sorgen wir dafür und lassen jene außen vor, die eine andere Vorstellung verfolgen. Wenn wir das Klima auf dieser Welt retten wollen, dann tun wir das unsere dafür und lassen uns nicht von jenen abhalten, die zögern. Wir werden die Welt zum Teil wieder entglobalisieren, wir werden für mehr innovative, klimafreundliche, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit in den eigenen Regionen sorgen. Wir werden damit aufhören, jene stark zu machen, die uns am Ende nur fesseln und verstricken.

Vielleicht war diese Welt in zurückliegender Zeit einmal schwarzweiß. Es war gut, dass wir diese Sichtweise hinter uns ließen. Doch setzten wir an ihre Stelle zu viele Lichtschattierungen, die nur blendeten. Es bleibt genug zu tun, wenn wir wollen, dass es in unseren Bündnissen der Gleichgesinnten bunt wird. Für die weltpolitischen Fragen ist es besser, wieder nüchterner, klarer und weniger inklusiv zu sein. Vor uns liegt ein langer, steiniger Weg und jetzt ist die Zeit, aus den Fehlern der Gegenwart zu lernen.

Dirk Röse Frieden

Russland überfällt die Ukraine

Donnerstag, 24. Februar 2022


Wladimir Putin hat seinen persönlichen Feldzug gegen den Westen begonnen. Die Ukraine ist das Opfer, mit dem die Geschichte auf die Zeit vor 1991 zurückgedreht werden soll. Es ist ein Kampf der Systeme, mäßig erfolgreiche Autokratie gegen erfolgreiche Demokratie.

Damit enden gut zwanzig Jahre Frieden in Europa. Doch anders als bei furchtbaren Konflikten im früheren Jugoslawien handelt es sich hier nicht um einen Bürgerkrieg, auch wenn die Inszenierung um Luhansk und Donezk diesen Anschein erwecken soll. Doch dies ist kein Plumpsackspiel. Es ist ein Angriffskrieg gegen einen autonomen Staat, der durch nichts gerechtfertigt ist, sofern sich Krieg überhaupt rechtfertigen lässt.

Fast möchte man sich wünschen, dass die Ukraine schnell überrollt und eine Waffenruhe erzielt wird, nur um Leid, Tod und Zerstörung zu verhindern. Doch unser Nachbarstaat darf nicht aufgegeben werden. Die friedliche Antwort der Weltgemeinschaft muss jetzt jegliches Kalkül fallen lassen und Russland in jeder Hinsicht und mit langem Atem isolieren.

Den Menschen in der Ukraine steht eine lebensbedrohliche Zeit bevor. Wladimir Putin, das kann nicht Ihr Ernst sein.

Lachen über Gott

Donnerstag, 17. Februar 2022 


Sarah und ihr Mann Abraham sind längst über das Alter hinaus, in dem Eheleute Eltern werden. Beide sind bis jetzt kinderlos geblieben, und das dürfte sich auch nicht mehr ändern. Doch dann tritt Gott in ihr Leben und verspricht, Abraham werde noch Stammvater eines ganzen Volkes werden. Und als Gott eines Tages zu Besuch ist, wird auch deutlich: Abraham wird einen Sohn zeugen und die Mutter des Kindes soll die alte Sarah werden. 

Sarah hört es und muss lachen. Sie weiß vielleicht gar nicht genau, warum. Aus Unglaube, aus Verbitterung, aus Freude, oder weil sie es für einen Witz hält, was Gott verspricht? Gott jedenfalls hakt nach und fragt, warum Sarah lacht. Da bekommt sie es mit der Angst zu tun und leugnet, dass sie gelacht hat. Doch wovor hat sie plötzlich Angst? Dass Gott ihr Unglauben vorwerfen könnte? Oder dass Gott zornig werden könnte über ihr Lachen? Vielleicht bringt Sarah beides nicht zusammen: »Gott« und »Lachen«. Darf man über Gott lachen? Versteht er einen Spaß? Versteht er diese und andere echt menschliche Regungen? Die Bibel lässt der Geschichte ein offenes Ende. Und so ist das auch bis heute eine offene Frage: Über Gott lachen - ja oder nein? 

1. Mose 11,27-31 und 12,10-20 und 16,1-18,15 und 20,1-21,21 und 23 

Dirk Röse Krimi

Geschnitten oder am Stück

Mittwoch, 9. Februar 2022


Das deutsche Fernsehen wird seit Jahren von Kriminalfilmen und -serien geflutet. Immer muss es ein Mord sein, der die polizeiliche Arbeit in Gang setzt. Als ob es keine anderen Verbrechen gibt, zu denen man ermitteln könnte. Dabei spielt der Mord im Film zumeist nur eine Statistenrolle. Es sind die zu lösenden Rätsel, die Suche nach den Schuldigen, die Charaktere und vielleicht sogar Spannung oder Humor, die den Großteil der Handlung tragen. Es würde keinen Unterschied machen, wenn es sich um Kunstraub, Steuerhinterziehung, Diebstahl, Sachbeschädigung oder Bestechung handelte. Entführung, Bandenkriminalität, Drogendelikte und vieles mehr werden bereits ausgiebig thematisiert – und sie bräuchten nicht zusätzlich einen Mord, um die Ermittlungen zu rechtfertigen. Doch anders scheint es nicht zu gehen. Deutschland will den Mord.

Elfmeter für Corona

Freitag, 4. Februar 2022 


COVID-19 ist zum Breitensport mutiert. Die Zuschauerinzidenz toppt alle Einschaltquoten, während die Mannschaften der Corona-Liga um eine möglichst gute Platzierung kämpfen. Die Ampelkoalition unter Kapitän Lauterbach ist derzeit im Ballbesitz, kann jedoch keine echten Torchancen rausspielen. Mit der miesepetrigen Impfpflicht gilt er vielen als Spielverderber. Und seit die schwarz-blaue Union von der Tabellenspitze vertrieben wurde, muss sogar Stürmer Söder mit Fehlpässen ins Abseits klarkommen. Gleichzeitig spielt die Fraktion der Querdenker weiter auf Risiko, wirft robuste Dreierketten mit einem ausgeprägten Hang zum Foul nach vorne, erzielt aber nur Eigentore. Die Institutsmannschaften RKI und PEI hingegen überraschten zuletzt mit fiesen Angriffen auf das Tor der Langzeitgenesenen und Ungünstiggeimpften. Auch das Team der unparteiischen Medien macht keine gute Figur, eiert den Fakten hinterher und verliert angesichts des hohen Spieltempos immer wieder die Meinung. Oder umgekehrt, selbst das ist kaum noch zu unterscheiden. Dem Schiedsrichter ist jedenfalls deutlich anzumerken, dass er überhaupt keine Lust mehr auf die Kontrollen nach DIN 2G+ hat. Doch zum Glück gibt es inzwischen mehr als achtzig Millionen superinformierte Bundestrainer:innen, die alle aus dem Internet wissen, wie die Mannschaft aufgestellt sein muss und mit welcher Strategie das Spiel zu gewinnen ist. Ein Schlaumeier klüger als die andere. Das kommt dem Coronavirus sehr entgegen, denn angesichts der immer neuen Spielvarianten und Spieluntervarianten bekommt ohnehin bald jede:r ein individuelles Virus. Und deshalb macht das Covid-Chaos keinen Spaß mehr, das Spielfeld ist abgegrast, die Spielzüge sind beliebig, das Virus bleibt mit seinen Spikes im Rasen stecken, hier rollt nichts mehr außer dem Pharmarubel. Und wenn jetzt noch die Viertimpfung kommt, ist absehbar, dass zahllose Spieler:innen mit einem erhärteten Dopingverdacht auf die Bank verbannt werden. Es muss doch noch etwas anderes geben im Leben, etwas Reines, Intelligentes und Unbestechliches. Fußball zum Beispiel. 

Brötchen nur am Monatsende

Sonntag, 30. Januar 2022


Früh am Morgen mache ich mich auf den Weg zu einer Veranstaltung. Es ist noch dunkel und ich habe eine längere Autofahrt vor mir. Eine Bäckerei hat bereits geöffnet und ich steige aus, um mir Kaffee und etwas zu essen zu holen. Außer der Verkäuferin ist noch niemand zu sehen.

»Guten Morgen, hier ist ja noch nicht viel los.«

»Es ist ja auch noch früh.«

»Aber es wird sicher noch trubelig heute. Schließlich ist Wochenende und viele wollen schön frühstücken.«

»Nein, das glaube ich nicht. Am Monatsende haben die Leute wenig Geld. Da ist hier nie viel los. Und jetzt ist auch noch Januar und zum Jahreswechsel mussten viele Rechnungen bezahlt werden.«

»Und das spüren Sie hier in der Bäckerei?«

»Deutlich sogar. Heute wird nur das Notwendigste besorgt. Aber kommen Sie gerne nächstes Wochenende vorbei. Dann sind die Portemonnaies wieder voll und alle kaufen groß ein.«

Ich schnappe mir Kaffee und Gebäck, wünsche ihr ein ruhiges Wochenende, steige wieder in den Wagen und frage mich, wie wohlhabend Deutschland wirklich ist.

Dirk Röse Sixpack

Wie die Nase des Mannes

Freitag, 28. Januar 2022


Woah, wir alle wussten, dass Älterwerden nicht die lustigste Zeit im Leben ist. Dabei sollte sie es sein. Wir haben unsere sozialen Pflichten brav erfüllt, haben tatenlos zugesehen, wie die Kinder groß werden, haben die Rentenkasse für jene gefüllt, die vor uns durch die biologische Abbauphase gegangen sind, und nun könnte die Evolution unser Engagement mit einem erhöhten Spaßfaktor danken. Stattdessen tragen wir ambitionierte Bierbäuche und resignierte Brüste vor uns her oder versuchen, dem Alter verbissen davon zu joggen. Wir wissen endlich, was gut ist, aber haben immer mehr Mühe, Körper und Geist auf ihrer Talfahrt ins Jenseits zu bremsen und zu einem lohnenden Sprint bergauf zu bewegen. Unsere mentalen Räder haben jetzt 24 Gänge und trotzdem schieben wir sie zum nächsten Glücksmoment. Selbst die psychologisch wertvollen E(rtüchtigung)-Bikes gleichen den inneren Rollator nur teilweise aus und führen nicht selten zum unbeholfenen Crash im Graben des Lebens.

 

Jedoch sollten wir das Ganze nicht unnötig negativ sehen. Es gibt auch gute Nachrichten. Beispielsweise wachsen unsere Ohren unaufhörlich weiter. Je weniger wir mit zunehmendem Alter hören, desto größer werden die Ohren. Eigentlich eine griffige Idee. Doof ist nur, dass der Empfang nachlässt. Selbst zu Zeiten rückläufiger Geisteskraft wuchern zwei Satellitenschüsseln links und rechts unserer Denkfabrik, verfeinern unser faltiges Äußeres und verfehlen ihren Dienst. Es ist eine kleine gehässige Fußnote im Schwarzbuch der Evolution, dass sie uns zwei Bauruinen am greisen Haupt verpasst. Ganz anders bei der Nase. Auch die hört einfach nicht auf zu wachsen, funktioniert aber, und als Bonus rundet sie das Gesamtbild mit einer üppigen Vokuhila ab, die je länger desto unverfrorener aus dem Tunnel drängt. Der Sinn des Ganzen erschließt sich mir zwar nicht, aber wahrscheinlich schiebe ich gerade nur wieder mein Rad den Hang hinauf, im vierundzwanzigsten Gang. Es scheint unausweichlich, dass unsere Mega-Zinken eines Tages mit dem Deckel der Schnabeltasse in Konflikt geraten und die Nasenhaare sich in den Bandnudeln unserer weichgekochten Mittagsmahlzeit verheddern.

 

Aber, und hier wird das Leben zum Schelm, wie die Nase des Mannes, so sein … Wenn es nur wahr wäre. Dann könnten wir Männer jubeln, weil die Nase sich weiter und weiter wie eine Sonnenuhr im Antlitz ausbreitet, und deutlich lichtempfindlichere Körperregionen es ihr gleich tun und ebenfalls bis ans Ende unserer Tage größer und größer werden. Doch leider, leider ist das Gegenteil der Fall. Mit zunehmendem Alter schrumpft der kleine Schattenmolch. In einer fatalen Abwärtsspirale verzichtet er auf überschüssige Schwellkörper, weil er ohnehin weniger durchblutet und seltener gebraucht wird, und weil er dann aus nachvollziehbaren Pietätsgründen noch seltener gebraucht wird, lässt die Durchblutung weiter nach und er kann auf noch mehr Schwellkörper verzichten. Stattdessen entwickelt er sinnlose Muskelmasse. Ein Sixpack am Sexpack. Liebling, schau mal, ich habe eine gefühlsechte Muckibude. Das macht Eindruck. Nein, so weh es auch tut, die Fakten müssen auf den Tisch, vielleicht reicht auch ein Tischchen. Aus dem Spaß-Organ wird ein Das-wars-Organ.

 

Bei nächster Gelegenheit werde ich mir den Evolutionator Charles Darwin schnappen und zur Rede stellen. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass der Bauch zum Schwellkörper wird, während besser geeignete Stellen an der Schwelle zum Wurmfortsatz stehen, und sich an völlig verfehlten Stellen unnötige Muskeln aufbauen, die am Bizeps einen schlanken Fuß gemacht hätten. Aber ich ahne, was er sagen wird: Wir alle wussten, dass Älterwerden nicht die lustigste Zeit im Leben ist, weil wir unsere sozialen Pflichten erfüllt, den Kindern einen guten Start verpasst und die Rentenkasse für andere gefüllt haben. Ja doch! Mann, gib einfach zu, dass die Evolution nicht zu Ende gedacht ist und sich wie das verkorkste Minimum Viable Product eines Start-Ups anfühlt. Irgendwie bin ich enttäuscht, aber füge mich natürlich in das mir zugedachte Schicksal. Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem ich endlich an meinen Ohrläppchen kaue, meine Polypen sich über die stattlich ausgebaute Villa freuen und Johannes die Hanteln schwingt.

Dirk Röse Promille

Corona im Promillebereich

Mittwoch, 19. Januar 2022


Deutlich mehr als 100.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Damit hat Deutschlands Bevölkerung zum zweiten Mal die Promillegrenze gerissen und ist nicht mehr verkehrstauglich. Omikron schenkt fleißig nach und arbeitet daran, dass in den nächsten Monaten jede/r ein Pintchen COVID-19 abbekommt. Gleichzeitig sinkt die Anzahl derer, die mit einem Corona-Vollrausch auf der Intensivstation landen. Das Virus mutiert zu einer geselligen Volkskrankheit, die seltener für komatöse Zustände sorgt, aber durch den kollektiven Schwips zu beschwingter Heiterkeit im ganzen Land führt. Nur nicht in jenen Landkreisen im Osten, die kürzlich einen tiefen Zug aus der Delta-Pulle genommen haben. Die liegen noch im Salz und brauchen keine Omikron-Auffrischung. Dafür werden die Sittenwächter der wohlbekannten Institute immer lustiger und treiben Schildbürgereien. Diejenigen, die ihren Corona-Kater schon überwunden hatten, wachten dieser Tage morgens auf und stellten fest, dass sie bereits nach drei Monaten wieder als rauschgefährdet gelten und einen hochkarätigen Shot von Moderna oder BioNTech brauchen. Und wer sich auf das Clomethiazol von Johnson & Johnson verlassen hatte, erfuhr diese Woche ganz nebenbei, dass er/sie rückfallgefährdet ist und ab sofort ohne Vorwarnung oder Übergangsfrist bei allen möglichen Gelegenheiten wieder ins Teströhrchen pusten muss, bis auch hier nach einem Vierteljahr das umsatzstarke Alka-Covid-Seltzer verabreicht werden darf. Nur einer spielt nicht mehr mit: Astra-Zeneca. Gibt's das noch? War vor einem Jahr ein echt nettes Gesprächsthema. Apropos. Seit fast zwei Jahren koordiniere ich einen Corona-Krisenstab und wieder muss ausgiebig über Risikobegegnungen, Verdachtsfälle und frische Infektionen geplauscht werden, um Belegschaft und Unternehmen vor zu viel virustrunkener Partystimmung zu schützen. Zum ersten Mal werde ich porös, weil mir SARS-CoV-2 erneut eine lange Nase dreht. Sei’s drum. Zum Wohl. Jetzt wird gefeiert.

Dirk Röse Baumsterben

Waldsterben

Montag, 17. Januar 2022


Am Wochenende war ich in Nordrhein-Westfalen unterwegs und sah zum ersten Mal, was der Borkenkäfer in den heimischen Wäldern anrichtet. Immer wieder stehen ganze Hänge kahl. Übrig bleiben einzelne Skelette einst stolzer Bäume. Die Forstwirtschaft und -ämter kommen mit dem Roden und Abtransport der Gehölze offenbar nicht hinterher. Ein Großteil wird verladen und direkt in die USA und nach China verschifft, um den dortigen Hunger nach Bauholz zu stillen. Bewusst geschaffene Fichtenreinbestände und natürliche Fichtenwälder sind das bevorzugte Opfer des hierzulande grassierenden Buchdruckers, unterstützt durch die heißen Sommer der letzten Jahre und die nasse Witterung im Winter. Wieder stehen wir vor der Herausforderung, angesichts dieser bedrückenden Entwicklung aufzuforsten und robustere Wälder zu schaffen. Drei Milliarden Bäume will die Europäische Union in dieser Dekade pflanzen. Es ist klar, wo diese Bäume benötigt werden.

Dirk Röse Strittiger Besitz

Territoriale Integrität

Samstag, 15. Januar 2022


Die nicht endgültig und einvernehmlich geklärte territoriale Zugehörigkeit zu einem Staatsgebilde bleibt ein Ausgangspunkt für schmerzhafte Konflikte.

 

Die Westsahara, von Marokko gleichermaßen wie von Unabhängigkeitskämpfern beansprucht, wird in vielen Landkarten als weißer Fleck ausgewiesen. Wer hat nun das Recht, über die Zugehörigkeit zu entscheiden? Soll die Bevölkerung das letzte Wort haben, wie die UNO es vorschlägt?

 

Russland annektiert die Krim und beruft sich vordergründig auf den Schutz der dort lebenden russischen Bevölkerungsanteile. Stehen die Rechte dieser Menschen über den Rechten der ukrainischen Bürgerinnen und Bürger? Darf man einfach so in ein anderes Land einmarschieren und ganze Landstriche übernehmen?

 

Für China ist Taiwan ohne jeden Zweifel Teil der eigenen Nation und des eigenen Territoriums. Taiwan versteht sich als unabhängiges Land. Wer hat das Recht, darüber abschließend zu befinden? Welche Rolle spielt dabei die Geschichte und wer darf sie deuten? Litauen geht einen Schritt in Richtung Anerkennung Taiwans. China reagiert mit Handelssanktionen. Aber was für einen Einfluss kann es haben, wenn ein Land ein anderes Land anerkennt?

 

Im Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlieren viele Menschen ihre Heimat im Osten des damaligen Deutschen Reiches. Vertriebenenverbände finden sich über Jahrzehnte nicht damit ab. Schaffen Grenzverschiebungen durch Krieg, Revanche und Ausgleich neue Fakten, die in sich unanfechtbare Geltung haben? Schafft Geschichte Tatsachen?

 

Katalonien versteht sich als eigenständiges Land und strebt die Unabhängigkeit von Spanien an. Was ist mit jenen Menschen vor Ort, die dazu eine andere Meinung haben und Katalonien als Teil Spaniens sehen? Haben separatistische Bewegungen eine Berechtigung und dürfen sie die nationale Einheit auflösen? Hat das entgegengesetzte Bestreben einer Nation nach unauflösbarer Einheit ein Vorrecht?

 

Israel gründet einen eigenen Staat und stützt sich auf die alte Prophezeiung vom Gelobten Land. Viele Staaten anerkennen Israel. Andere Staaten anerkennen Israel nicht. Ist Israel damit ein anerkannter Staat oder nicht? Das diffizile Geflecht aus Anerkennung und Nicht-Anerkennung macht regionale und globale Politik kompliziert. Darf man ein Land bedrohen und boykottieren, das man selbst nicht anerkennt?

 

Immer noch erstaunt blicke ich auf die friedliche Revolution in der früheren DDR, bei der das Volk lautstark äußerte, wohin die Grenze weichen soll. Einflussmächte, Schutzmächte, Großmächte, Siegermächte ließen sich auf diese Entwicklung ein und befürworteten nicht nur die Wiedervereinigung eines zerrissenen Volkes, sondern lösten auch die Ketten des Eisernen Vorhangs.

 

Wer gehört zu wem und wer darf darüber bestimmen? Die Frage kann offenbar nie zu aller Zufriedenheit beantwortet werden. Es sei denn, dass sich alle an einen Tisch setzen und die Chancen größer bewerten als die Risiken und Verluste.

Dirk Röse Vegetarier

Keine Vegetarier mehr

Donnerstag, 13. Januar 2022


»Entschuldigen Sie bitte! Haben Sie meinen Vegetarier gesehen?«

»Ihren was?«

»Meinen Vegetarier.«

»Wer soll das sein?«

»Er isst kein Fleisch.«

»Sie meinen Ihren Veganer?«

»Nein, er isst kein Fleisch, aber Eier.«

»Ach die … Uäh. Ich dachte, die sind ausgestorben.«

»Oh nein!«

»Ts. Wer fremder Hühner Eier pellt, wird spüren, wie Schalen pieken.«

»Dabei war er lange Zeit das schlechte Gewissen aller Dönerjuppies.«

»Halbgares Gehabe.«

»Aber …«

»Tut mir leid, ich muss los. Bei Edeka sind Veggie-Kutteln im Angebot.«

Sport ist Mord

Sonntag, 9. Januar 2022


Das Jahr 2022 steht auch ganz im Zeichen großer sportlicher Ereignisse. Ich werde daran nicht teilhaben. Mir sind die Verbände viel zu korrupt. Es mag ja noch als richtig durchgehen, dass auch Länder wie China und Qatar Austragungsorte der Olympischen Spiele und der Fußballweltmeisterschaft sein können. Für die jeweilige Bevölkerung ist das sicher ein Highlight. Jedoch sind die Kollateralschäden für Umwelt, Wirtschaft und/oder Beschäftigte oftmals zu hoch. Vor allem aber sind diese Spiele Deals zwischen hungrigen Mächtigen, die auf Seiten der Länder gleichzeitig ihre zweifelhafte Politik fortsetzen und auf Seiten der Verbände die bodenlosen Taschen aufhalten. Leid tut es mir um jene Athlet:inn:en und Mannschaften, die einfach nur sauberen Sport wollen, aber das ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Es bleibt abzuwarten, wie weit es nun zunächst einen politischen Boykott der Olympischen Winterspiele geben wird. Ich werde die Großereignisse dieses Jahr nicht verfolgen. Boykott beginnt vor dem Fernseher.

Dirk Röse Elektroauto

Verkabelt

Mittwoch, 5. Januar 2022


Auch das schnittigste E-Auto wirkt nicht mehr sexy, wenn es an der elektrischen Nabelschnur hängt. Früher oder später wird die Industrie das erkennen und sich attraktivere Lösungen überlegen. Bis dahin dürfen wir darüber staunen, dass bei diesem Detail der Mobiliätsrevolution Funktionalität vor Design geht.

Dirk Röse Made In China

Neue Weltordnung

Montag, 3. Januar 2022


China ist die eigentliche Großmacht der Gegenwart. Dass diese Aussage oftmals mit unterschwelligem Vorbehalt getroffen wird, liegt auch daran, dass wir uns immer noch nicht vom Weltbild des Kalten Krieges gelöst haben. Gerade in diesen Wochen zeigt Russland an der Grenze zur Ukraine wieder das altbekannte plump-martialische Säbelrasseln, das wir von der Sowjetunion kennen. Und die Vereinigten Staaten spielen ihre Rolle als moralisch überlegene Schutzmacht der gerechten Nationen. China hingegen tritt – zum Glück – selten als Militärmacht auf, sondern als unanfechtbarer Wirtschaftsgigant. Wir haben es über Jahrzehnte zugelassen, dass sich die ganze Welt in eine umfassende Abhängigkeit begibt – zunächst unbemerkt, später mit einem abfälligen Lächeln über das Label »Made in China« und heute mit dem vollen Bewusstsein, dass ohne die dortige Wirtschaftskraft nichts mehr geht. Viel zu viele Produktionskapazitäten wurden nach China verlagert, weil sich dort alles billig und ohne lästige Umweltauflagen oder Berücksichtigung von Arbeitnehmerinteressen herstellen lässt. Gleichzeitig hat China seinen Einfluss auf zahlreiche Länder beständig ausgeweitet und ganz im Sinne eines wirtschaftlichen Kolonialismus‘ vielerorts in ärmere Länder investiert, die nun in besonderer Weise abhängig sind und sich dem Willen des starken Freundes beugen. Große Teile der Welt sind längst vom chinesischen Einfluss unterwandert und wir wollen das volle Ausmaß nicht wahrhaben. Deshalb kann das Regime in Peking tun und lassen, was es will, kann weiterhin ungestraft gegen das Volk der Uiguren vorgehen, kann in Hongkong gemächlich alle politischen Zusagen brechen, kann seine Hoheitsgebiete im südchinesischen Meer ausbauen und kann jenen Ländern den wirtschaftlichen Hahn zudrehen, die Taiwan auch nur ansatzweise als eigenständige Nation ansehen. Es ist völlig klar, dass China seine Macht auch weiterhin ausspielen kann, weil sogar eine »wertebasierte Außenpolitik« niemals den konsequenten Affront riskieren kann. China profitiert von dem ungeheuren zeitlichen Vorsprung, denn um sich wirtschaftlich wieder unabhängiger zu machen, müsste der Rest der Welt viele Jahre, riesige Investitionen und eine Verteuerung zahlloser Waren in Kauf nehmen. Kurzfristig kann sich also nichts ändern. Stattdessen müsste mit langfristiger Perspektive und dem Willen zur Veränderung agiert werden. Doch dazu gibt es nicht einmal den Wunsch. Wir haben uns der neuen Weltordnung unterworfen.

2021

Dirk Röse Silvester

Globales Elend

Freitag, 31. Dezember 2021 


Siehe da, verschämt, wie es begann, verabschiedet sich 2021 in die Vergangenheit. Wälder brannten, Häuser standen in Flammen, Berge spuckten Lava und die Erde bebte. Das Land stand unter Wasser, Täler wurden überflutet und die anhaltende Dürre fraß den Boden auf. Die Maßnahmen zur Abmilderung des Klimawandels blieben halbgar, Indien und China konnten sich nicht von der Kohle trennen, Glasgow unterlag dem Blablabla. Es wurde geängstigt, geschossen, gequält, verletzt, gestorben. Afghanistan verraten, die Ukraine bedroht, Syrien vergessen, Äthiopien vergewaltigt, der Jemen ein Elendsviertel. Flüchtlinge als Spielware für das weißrussische Machtgehabe. China demontiert in Hongkong das Mahnmal zum Massaker auf dem Tiananmen-Platz. Die einen erkrankten an Corona, die anderen erlitten noch mehr Isolation, viele kämpften für oder gegen eine Impfung, die vierte Welle kam mit ungeahnter Kraft, und während wir noch den Optimismus des Spätsommers genossen, rüstete sich Omikron für die fünfte Welle. Auch im eigenen Umfeld Corona, Krebs, Wasser, Tod, verlorene Zeit, das globale Elend streckt seine Krallen aus. Horch nur, aus wie vielen Mündern ermüdeter Geist flüstert. Es ist ein Segen, dass 2021 ein Ende findet. Aber schau auch dorthin, wie viele lächeln und sagen, dass es eigentlich ganz nett war. Recht haben sie. Es gibt immer beide, die Lachenden und die Weinenden. Die Welt ändert sich nicht, auch nicht im Jahr 2022. Nur dass man manchmal die Seiten wechselt. 

Gottes Bedingungslosigkeit

Donnerstag, 30. Dezember 2021 


Wenn es wirklich so ist, dass uns Gottes Liebe und das Heil in Jesus Christus bedingungslos gelten, dann müssten der individuelle und der kollektive Glauben dem gerecht werden und ebenfalls auf Bedingungen verzichten. Die praktische Übung dazu ist schnell erklärt. Ein Glaube, der von der Bedingungslosigkeit des göttlichen Heilshandelns ausgeht, kommt ohne folgende Formulierungen aus: 

»Wenn …, dann …« 

»… müssen …« 

Glaubenssätze mit diesen Floskeln sind ein sicheres Indiz dafür, dass der eigene Glaube nicht auf Gottes Bedingungslosigkeit vertraut. Auf diese Formulierungen zu verzichten, ist eine lebenslange Aufgabe. Dass sie im allgemeinen Sprachgebrauch weiterhin unverzichtbar sind, zeigen die Satzgefüge in diesem Beitrag. 

Überforderte Christenheit

Mittwoch, 29. Dezember 2021  


Eine zentrale Aussage des christlichen Glaubens lautet, dass in Jesus Christus das Heil liegt, mit dem die Kluft zwischen Gott und Mensch überwunden ist. Leid, Kreuz und Auferstehung haben eine feste Brücke zwischen beiden gemauert. Statt daran zu glauben, setzt sich die Christenheit seit Anbeginn mit der Frage auseinander, wie man Teilhaber:in des Heils wird. 

Die katholische Kirche hat zu einer Lehre gefunden, die dem Ritual vertraut. Die Wirksamkeit z. B. von Taufe, Abendmahl und Beichte liegt in der Durchführung der heiligen Handlung. Die innere Haltung des/der Gläubigen spielt dabei keine Rolle. Das Ritual verfügt über eine magische Kraft, es wirkt aus sich selbst. Hat jemand die Eucharistie empfangen, sind ihm/ihr die Sünden faktisch vergeben und die Verbindung zwischen Gott und Mensch ist hergestellt. Die damit verbundene Gefahr besteht darin, dass das Heil an eine kirchliche Zeremonie gebunden ist. Kirche wird zur Bedingung, um am Heil teilzuhaben. Die Kirche ist wesentlicher Bestandteil der Brücke zwischen Gott und Mensch. 

Martin Luther betont den persönlichen Glauben. Die innere Haltung zur kirchlichen Handlung rückt in den Mittelpunkt. Die Wirksamkeit eines Rituals hängt vom individuellen Vertrauen auf Gottes Handeln im Ritual ab. Die Kirche ist Dienerin mit dem Auftrag, immer wieder Gelegenheiten für die persönliche Glaubensbestätigung zu schaffen. Auch unabhängig vom Ritual setzt das eigene Heil den eigenen Glauben voraus, weil mit dem Glauben die gewünschte Verbindung zwischen Gott und Mensch in Kraft getreten ist. Der Glaube ist wesentlicher Bestandteil der Brücke zwischen Gott und Mensch. 

Die geniale Schlichtheit dieses Glaubens erweist sich jedoch bis heute immer wieder als Überforderung für die Christ:inn:en. Wenn so viel vom eigenen Glauben abhängt, dann liegt der Zweifel nahe, ob der eigene Glaube stark genug ausgeprägt ist, und es stellt sich die Frage, woran dies gemessen werden kann. Durch die Hintertür etablieren sich auch in den protestantischen Kirchen und insbesondere in freikirchlichen Strömungen inoffizielle Regelwerke als Gradmesser des individuellen Heils. Ein rechtschaffenes Leben, das eigene kirchliche Engagement, das eigene Bekehrungserlebnis, die Innigkeit der persönlichen Beziehung zu Jesus, die Zugehörigkeit zu einer engen Gemeinschaft, der Verzicht auf Sex vor der Ehe, die Betonung der zehn Gebote, die Wertschätzung der Bergpredigt, die unverrückbare Anerkennung der Bibel als Wort Gottes, das mildtätige Handeln – eine Vielzahl klarer Regeln oder auch nebulöser Kriterien drängen in zahlreichen Fällen das schlichte Glaubensbekenntnis an den Rand. Der/die einzelne Gläubige mit dem eigenen Tun, Lassen und Glauben wird zum wesentlichen Bestandteil der Brücke zwischen Gott und Mensch. 

Ich frage mich, ob die Christenheit der Zuwendung Gottes grundsätzlich zu wenig zutraut – wenn nicht sogar misstraut. Womöglich kommt darin auch eine typische Anmaßung zum Ausdruck: Es kann ja nicht sein, dass Mensch und Kirche rein gar nichts zum individuellen Heil beitragen können. 

Dabei könnte alles so einfach sein: Jesus Christus ist die Brücke zwischen Gott und Mensch. Punkt. Weder Kirche noch Ritual noch Glaube noch das individuelle Christsein sind Teil dieser Brücke. Gottes Heilshandeln in Jesus Christus bedarf keiner Ergänzung. Es ist vollkommen und Fakt und liegt über dieser Welt als Angebot der engsten Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Der Glaube ist Freude, Dankbarkeit und Vertrauen, weil das Heil in Jesus Christus auch mir gilt. Mehr nicht. Die Kirche mit Ritual und Predigt bleibt Dienerin mit dem Auftrag, Gelegenheit zur Vergewisserung zu schaffen. Mehr nicht. Christ:inn:en können erleichtert ausatmen, weil Gott alles tut und nichts von Kirche und Individuum abhängt. 

Gott hat die Kluft zwischen ihm und mir überwunden. Daran glaube ich. Thema durch. 

Dirk Röse Parma-Schinken

Viel für wenig

Montag, 27. Dezember 2021 


Wie konnte es nur dazu kommen, dass Nahrungsmittel in weiten Teilen unserer Gesellschaft eine so geringe Wertschätzung genießen? In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gaben die Menschen einen großen Teil ihres monatlichen Budgets für Ernährung aus. Teure Nahrung ist per se nichts Wünschenswertes, untermauert aber den eigenen Stellenwert. Die industriellen Möglichkeiten und der Wettbewerb führten seither zu einer Abwärtsspirale der Preise und der Wertschätzung. Viel für wenig zu bekommen, bleibt das Credo – auch wenn wir deshalb schon lange nicht mehr wissen, was wir da eigentlich essen. Und nun dämmert sehr langsam die Erkenntnis, dass der Markt zwar alles regelt, aber längst nicht alles gut regelt. Die Farm-to-Fork-Strategie der Europäischen Union zielt auf einen Wandel, regionalere Produktion, gesündere Lebensmittel, nachhaltige Systeme. Ich hoffe, dass es gelingt und nicht am passiven Widerstand einer satten Bevölkerung scheitert. 

Mir reicht's

Sonntag, 12. Dezember 2021


»Es ist genug für mich.« Wer das über sich selbst sagen kann, trifft eine bemerkenswerte Entscheidung. So, wie es gerade ist im Leben, gibt es keinen Grund zur Klage, keinen Grund zur Veränderung. Diese Bescheidenheit ist nicht selbstverständlich. Der Mensch ist nicht genügsam. »Mehr« und »Besser« sind zwei hartnäckige Gegenspieler des »Genug»«. Mehr Geld, mehr Karriere, mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Ansehen, mehr Wohlstand, mehr Spaß, mehr Umsatz, mehr Gewinn. Ein besseres Leben, ein besseres Haus, eine bessere Beziehung, ein besseres Aussehen, ein besserer Job. Es gibt genug, wovon man ruhig noch mehr haben könnte.

Insbesondere die Wirtschaft hält nichts von »Genug« und nutzt einen weiteren Gegenspieler, der sich niemals abnutzt: »Neu«. Der Reiz des Neuen ist nahezu unwiderstehlich. Und die Werbebranche weiß genau, wie sie uns immer wieder locken kann. Der nüchterne Einwand lautet: Wofür braucht es neue Kleidung, den neuen Fernseher und das neue Auto, wenn das Vorhandene seinen Dienst noch treu erfüllt? Der Drang nach dem Neuen treibt den Menschen um. Witzigerweise hat sich die Wirtschaft sogar auf einen genügsameren Anspruch eingestellt und produziert viele Dinge unter dem Anspruch »Good Enough«. Hier vereinen sich »Mehr«, »Neu« und »Besser« mit einer gewissen Bescheidenheit. Der Drang von Mensch und Wirtschaft kommt auch auf niedrigerem Niveau zusammen.

Damit ist nicht gesagt, dass der Wunsch nach »Mehr«, »Neu« und »Besser« grundsätzlich schlecht ist. Unter anderem in prekären Lebenssituationen ist er angemessen und nachvollziehbar. Überdies trägt er dazu bei, Wirtschaft und Wohlstand aufrechtzuerhalten. Wir brauchen auch gar nicht erst versuchen, diese menschliche Eigenschaft zu leugnen oder auszumerzen. Es wird nicht gelingen. Vielleicht ist es aber hilfreich, sich bei Gelegenheit der Frage zu stellen: »Ist es nicht genug für mich?« Das könnte dazu helfen, den eigenen Geldbeutel, die eigene Psyche und die eigenen Beziehungen nicht zu überlasten. Und es könnte zu mehr Nachhaltigkeit im eigenen Leben führen.

Dirk Röse Zellteilung

Armutsfalle Scheidung

Freitag, 26. November 2021 


Neben Kindergeld und Kinderfreibeträgen profitiert die Familie auch von steuerlichen Erleichterungen. Das gilt, solange beide Elternteile eine staatlich anerkannte Lebensgemeinschaft bilden und nicht dauerhaft getrennt leben. Zerbricht diese Gemeinschaft, werden diese steuerlichen Vorteile zurückgenommen. Eine ohnehin leidvolle Entwicklung wird damit in zahllosen Fällen durch finanzielle Einbußen deutlich verschärft. Und oftmals sind es vor allem Frauen und Kinder, die in prekäre Lebensumstände geraten. 

Ich verstehe, dass der Staat die Familie als Keimzelle der Gesellschaft wertschätzt und in besonderer Weise finanziell stützt. Ich verstehe nicht, warum der Staat diese Keimzelle an einer bedrohlichen Schnittstelle des Lebens steuerlich wieder schlechter stellt. Auch unter erschwerten Bedingungen müssen alle und insbesondere die Kinder weiter versorgt werden. Die Keimzelle existiert nach der Zellteilung weiter. 

Neben der zerrütteten Ehe trägt der Staat an seinem innersten Kern willentlich zu einer Verschlechterung der Lebensumstände bei. 

Dirk Röse Gleichzeitigkeit

Mittendrin

Samstag, 6. November 2021


Es ist eigentümlich, dass ein Großteil der Geschichten und Romane in der Vergangenheitsform geschrieben wurde und dennoch eine fesselnde Gegenwart erweckt.

Seine E-mails

Freitag, 15. Oktober 2021


Frauen und Männer in der Sprache angemessen berücksichtigen. Gestern Abend sah ich einen Film, in dem eine Frau über sich selbst sagte: »Wer liest schon seine E-mails?« Hätte sie nicht sagen sollen: »Wer liest schon ihre E-mails?« Doch das hätte geklungen, als ginge es um irgendwelche Dritte, die aus Desinteresse die Mails dieser Frau natürlich nicht lesen. Auch eine neutrale Formulierung wie: »Wer liest schon eigene Mails?« hätte genau genommen nur auf selbstverfasste Nachrichten verwiesen. Die Lösung hätte darin bestanden, die abwertende Aussage der Frage zu fokussieren: »Wer liest denn noch Mails?« Die deutsche Sprache eignet sich nicht zum konsequenten Gendern, sondern maximal zur Neutralität, mit der Gendern vermieden wird.

Dirk Röse Klimawandel

Klima ja, aber kein Wandel

Samstag, 25. September 2021 


Wir werden scheitern. 65 % weniger Treibhausgasemissionen bis 2030 – in Deutschland und im Vergleich zu 1990 – sind mit uns nicht zu machen. Wir lügen, wir taktieren, wir machen allzu kleine Schritte, wir bleiben ratlos und wir hoffen immer noch darauf, dass wir am Ende ohne größere Einschnitte in unser gewohntes Leben davon kommen. Es wird so nicht funktionieren. 

 

Die EU legt Rahmenpläne vor, Deutschland ruft Ziele aus und niemand weiß, was das im Einzelfall für das Individuum bzw. ein Unternehmen bedeutet. Dabei sind die neun Jahre bis 2030 nur dann ein langer Zielhorizont, wenn Veränderungen zügig und mit Nachdruck eingeleitet werden. Doch ganz im Ernst: Wer möchte das? Wer möchte das durchsetzen? Wer möchte das erleben? 

 

Drei Milliarden zusätzliche Bäume in Europa, aussichtsreiche Projekte zur Nutzung von Biokohle, verstärkte Forschung zur wasserstoffbasierten Energie, die Klassiker Wind- und Solarenergie, die engeren Daumenschrauben beim Emissionshandel und vieles mehr sind bewundernswerte Anstrengungen, um Treibhausgase zu vermeiden bzw. zu verringern. Und sie alle sind darauf ausgelegt, unseren Lebensstil unverändert aufrechtzuerhalten. Klar, das wünsche ich mir auch – und bitte auch mit weltweitem Potenzial, damit Afrika und andere Regionen gleichziehen können. Und mich treibt das ungute Gefühl um, dass es so nicht gehen wird. 

 

Denn zugleich verstärken wir Entwicklungen, die nicht in jedem Fall zu mehr Klimafreundlichkeit führen. Insbesondere unser Bedarf an Strom wird weiterhin gewaltig zunehmen. Auf die seit Jahren gut etablierten Stromfresser in Industrie, Handel und Haushalt satteln wir tatsächlich zusätzliche Faktoren auf, so z. B. Elektroautos, Smartphones und Digitalisierung, und setzen auf eine Ernährungswirtschaft, die ohne gewaltige Kühlketten nicht mehr existieren kann. Und ganz nebenbei müssen nun auch Radfahren und Rauchen elektrisiert werden. Nicht alle diese Punkte sind ihrer Klimarelevanz ausschlaggebend, bestätigen aber die ungebrochene Tendenz nach »immer mehr« statt »jetzt mal weniger«. Weniger Strom, weniger fossile Energieträger, weniger Neues, weniger Mobilität, weniger Fleisch, weniger … 

 

Die Ökobilanz eines Elektroautos wird erst nach 127.000 gefahrenen Kilometern besser als die eines Benziners und nach 219.000 gefahrenen Kilometern günstiger als beim Diesel. Hintergrund sind die Herstellung und der derzeitige Strommix in Deutschland. Für einen nennenswerten Fortschritt in Sachen Umwelt- und Klimaschutz ist mir das noch zu wenig. 

 

Werden wir wirklich umhinkommen, Prioritäten zu setzen und uns für das eine und gegen das andere zu entscheiden? Diese gesellschaftliche Debatte traut sich niemand zu. Und deshalb werden wir scheitern. Und, ja, es wird auch an mir liegen. 

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Squirrel's Snackbar

Samstag, 4. September 2021

Es ist schön, am Wochenende frühstücken zu gehen. Man steht auf und der Tisch ist schon gedeckt. Wenn dann auch noch die Sonne scheint, steht dem neuen Tag nichts mehr im Wege.

Dirk Röse Selbstbestimmtes Leben

Eindruck von Freiheit

Donnerstag, 15. Juli 2021 


Selbstbestimmtes Leben? Wir hatten keine Wahl beim Zeitalter. Wir haben uns unser Geburtsland einschließlich Gesellschaftsform nicht ausgesucht. Wir konnten die soziale Schicht nicht wählen. Wir hatten keinen Einfluss auf Eltern, Geschwister und Verwandte. Wir durften unseren Namen nicht bestimmen. Zugeteilt wurde uns auch ein Maß an Schönheit, Verstand und Gesundheit. Über gesellschaftliche und private Prägungen sind wir nicht erhaben. Vieles ist von Anfang an festgelegt und lässt sich nicht abschütteln. Unsere Einflussmöglichkeiten sind begrenzt. 

 

In unserer Nische der Weltgeschichte und in unseren Breiten haben wir unglaublich großes Glück und tatsächlich viele Chancen auf Veränderung und Entwicklung. Man muss nicht allzu weit reisen, um in Regionen zu landen, in denen die persönlichen Freiheiten sehr viel geringer sind. Und doch ist auch hierzulande ein selbstbestimmtes Leben immer nur in Maßen möglich. Die allermeisten verharren Zeit ihres Lebens in der Abhängigkeit von gesellschaftlichen, monetären und auch privaten Strukturen. Nicht alles ist machbar, wir sind immer auch Teil eines Ganzen, das uns begrenzt. 

 

Selbstbestimmtes Leben ist in dem Radius möglich, den uns die länger oder kürzer gespannten Fesseln lassen. Und wenn wir die Fesseln ausblenden oder akzeptieren, entsteht ein Eindruck von Freiheit. 

Dirk Röse Reiten

Tugedug tugedug

Samstag, 12. Juni 2021 


Achtsamer Ausritt mit Richard. 

Erstaunlich, wie viel Karotte da rein passt. 

Verblüffend, wie viel Muskeln ich habe. 

Dirk Röse Gottes Poker

Die Wahrheit pokern

Sonntag, 21. Februar 2021


Wir pokern hoch. Angenommen, es gibt doch einen Gott und er bestimmt die Regeln. Dann könnte es beizeiten eine böse Überraschung geben, wenn wir völlig unvorbereitet auf ihn treffen und er sich nicht darum schert, wie wir uns Diesseits und Jenseits, Gut und Böse, Sinn und Unsinn, verantwortliches Dasein vorgestellt haben. Dass wir relativ leichtfertig auf die Ewigkeit zusteuern, bestenfalls an unsere eigenen Vorstellungen des Heiligen glauben oder uns von der regional vorherrschenden Religion vereinnahmen lassen, ist riskant. Wir könnten daneben liegen. Dummerweise haben wir nur diese eine Chance des Lebens, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Es ist ärgerlich, dass auch die sympathischsten und vertrauenswürdigsten Glaubensträger auf völlig unterschiedliche Antworten kommen. Das ist das Gemeine am Jenseitigen. Es ist zu wenig diesseitig. Es geht nicht anders, als dass wir pokern. Es sollte uns aber zumindest bewusst sein, dass wir pokern.

2020

Dirk Röse Stufen

Jedem Anfang ein Ende

Montag, 14. Dezember 2020 


Ich bin kein Freund von Hermann Hesse. Der eine oder andere Gedanke bleibt dennoch hängen. Dass jeder Anfang seinen eigenen Zauber hat, ist immer noch eine nette Beobachtung, auch wenn sie allzu inflationär zitiert wird. Tatsächlich sind die »Stufen« in ihrer Gesamtheit ein großer Wurf. Wichtiger fand ich jedoch den Gedanken in »Siddhartha«, dass im Kind auch schon der Greis angelegt sei. Dürfte man dann nicht formulieren: »Jedem Anfang wohnt ein Ende inne«? 

Dirk Röse Weihnachten

Liebe findet ihren Weg

Sonntag, 13. Dezember 2020


Gott wird Mensch. Das bedeutet Weihnachten. Das Christentum ist mit dieser Botschaft nicht originell. Auch andere Religionen verkünden die Menschwerdung ihrer Götter. Der Unterschied aber besteht im Glauben daran, weshalb Gott Mensch wird. Er kommt, um die Menschen zu retten, er kommt um ihretwillen, er kommt aus Liebe zu seinem Geschöpf.

Karfreitag ist der Tag, an dem Menschen diese Liebe in gründlicher Konsequenz ablehnen. Die menschgewordene Liebe Gottes endet am Kreuz. An Ostern hält Gott dagegen, dass seine Liebe dennoch dem Menschen gilt. In der Auferstehung trotzt die menschgewordene Liebe der Ablehnung.

Liebe findet ihren Weg. Das ist Advent. Ins Dunkle kommt das Helle. Zum Abgewandten kommt der Zugewandte. Ins Zeitige kommt das Ewige. Zum Menschlichen kommt das Göttliche. In der Adventszeit harrt die Kreatur auf die Liebe, die einen Weg sucht, bis sie ihn findet.

Dirk Röse Komma

Zeichen setzen

Samstag, 29. August 2020  


Deutsche Sprache, schwere Sprache. Wohin gehört hier ein Komma? 

 

1. Offline bin ich nur wenn ich unterwegs bin und nachts. 

2. Offline bin ich nur nachts und wenn ich unterwegs bin. 

 

Beeinflusst die Reihenfolge der Informationen die Zeichensetzung? 

Dirk Röse Tippeditipp

Wie ich formulieren soll

Samstag, 25. Juli 2020


Programme wie Microsoft Word und Apps wie Grammarly versuchen nicht nur, uns auf Tipp- und Grammatikfehler hinzuweisen, sondern bieten verstärkt Eingriffe in unseren Schreibstil an. Zurzeit sind sie noch nicht wirklich zuverlässig, weil sie komplexere Zusammenhänge im Satzbau nicht immer verstehen. Aber die KI dahinter gewährleistet zügige Fortschritte. Damit beginnen eine Vereinheitlichung und Verarmung der Sprache. Doppelplusgut.

Dirk Röse Erwartungen

Bitte nichts erwarten

Montag, 6. Juli 2020 


Der eine oder andere Mitmensch kommt nicht gut damit zurecht, wenn man Erwartungen an ihn richtet. Sie werden als Einengung empfunden und üben Druck aus. Da ist etwas Wahres dran. Eine Erwartungshaltung schränkt das Gegenüber auf eine bestimmte Handlungs-, Denk- oder Gefühlsoption ein. Solange das Gegenüber freiwillig dieser Option entspricht bzw. entsprechen möchte, ist das kein Problem. Dann sind Erwartung und Erfüllung deckungsgleich. 

Schwierig kann es werden, wenn das Gegenüber lieber einer anderen Option folgen würde oder sich alle denkbaren Optionen offenhalten möchte. Dann kann es sein, dass Erwartung und Erfüllung am Ende auseinanderklaffen. Ob das zum Problem wird, hängt zum einen davon ab, wie massiv die eigene Erwartungshaltung ist und wie stark die Enttäuschung empfunden wird. Zum anderen hängt es davon ab, wie massiv das Gegenüber die Einengung durch die Erwartung empfindet und wie stark der gefühlte Druck ist. 

Die saubere Lösung bestünde darin, jegliche Erwartung an andere Menschen aufzugeben. Das hieße dann beispielsweise: »Ich möchte heute etwas kochen, das wir zusammen essen können. Gestern haben wir gemeinsam gekocht. Heute erwarte ich das nicht von dir. Es kann sein, dass ich es allein mache, und es ist in Ordnung. Hauptsache, es schmeckt uns.« Oder: »Gestern haben wir gemeinsam gekocht. Heute ist es in Ordnung, dass du nur für dich allein kochst. Es ist genug Platz in der Küche und ich mache mir selbst etwas zu essen.« Oder: »Ich habe keine Lust, die Küche aufzuräumen, und von Euch erwarte ich es auch nicht. Das schmutzige Geschirr bleibt liegen.« Eine erwartungsfreie Haltung verlangt danach, dass man sich in jeder Situation neu arrangiert – auch damit, dass die Paprika, die ich mir für mein Chili aufschneiden möchte, gerade in deinem Salat verschwindet. Eine erwartungsfreie Haltung erhöht ganz sicher den Gesprächsbedarf, aber sie perfektioniert auch die eigene Toleranz und eliminiert erfolgreich jeglichen Beziehungsstress. 

Es fragt sich nur, wer das in dieser Konsequenz durchhält. Gerne erinnere ich mich an die Türme aus schimmeligem Geschirr in einer Wohngemeinschaft während des Studiums. Da kam eine gewisse erwartungslose Haltung aller Beteiligten zur Vollendung. Auch ich hegte keinerlei Erwartung, denn mein Geschirr hielt ich unter Verschluss und wusch es zur Not im Badezimmer ab, das ich erwartungsfrei regelmäßig sauber machte. Ich gebe zu, das waren nicht die schönsten Lebensumstände, und ich war froh, schließlich woanders unter anderen Bedingungen weiterleben zu können. Meine unterschwelligen Erwartungen hatte ich lange genug ignoriert. 

Ich kenne niemanden, der nicht irgendwie Erwartungen an sein Gegenüber hegt. Die regional geltende Sitte, Erziehung, Erfahrung und nicht zuletzt Gewohnheit schaffen bewusste oder unbewusste Erwartungshaltungen. Vielleicht hegt man nicht die Erwartung, von einem Freund bei der Begrüßung umarmt zu werden. Vielleicht geht es sogar ohne ein Lächeln. Aber wenn noch nicht einmal ein »Hallo« kommt, steigt der Gesprächsbedarf dynamisch. 

Und genau genommen ist die Annahme, dass das Gegenüber in einer konkreten Situation keine Erwartungen hegt, selbst eine Erwartung: »Ich erwarte, dass du nichts erwartest.« Verpackt ist diese Haltung gerne in Gedankenlosigkeit oder Ich-Bezogenheit, und ihr Lieblingssatz lautet: »Oh, ich bin davon ausgegangen, dass das für dich kein Problem ist.« 

Spannend ist dann auch die Frage, wer sich selbst die Hoheit einräumt, die Kriterien für erlaubte und nicht erlaubte Erwartungen festzulegen. Relativ klar geordnet ist das im Arbeitsleben. Aber auch da ist es oft nur relativ klar. Im privaten Bereich haben wir es jedenfalls mit einer sehr viel diffuseren Lage zu tun. 

Es wird wohl nicht anders gehen, als dass wir uns Erwartungshaltungen bewusst machen und dass wir miteinander aushandeln, was geht und was nicht geht. Erwartungen sind nichts Schlechtes, solange sie aus einem gemeinsamen Arrangement rühren. Dann werden sie zum gesunden Zeichen des gemeinsamen Rahmens. Und auch das eliminiert viel Stress in Beziehung, Freundschaft, Clique, WG, Familie, Verein und Beruf, überfordert die eigene Toleranz nicht und schafft stattdessen freie Kapazitäten für viel schönere Gesprächsthemen. 

Dirk Röse Aufgeschlossene Gesellschaft

Anstößig leben

Donnerstag, 21. Mai 2020 


Wie wichtig ist gesellschaftliche Akzeptanz? Wie wichtig ist es, ein Leben zu führen, das im privaten, sozialen, religiösen, politischen und beruflichen Umfeld nicht anstößt? Wie geht man damit um, wenn bestimmte Aspekte des eigenen Lebens von der Allgemeinheit nicht gutgeheißen werden? 

Gesellschaftliche Akzeptanz ist überaus wichtig, weil sie einen in Frieden lässt. Wer auch nur in Teilen ein gesellschaftlich anstößiges Leben führt, muss damit rechnen, dass das eigene Dasein oder Sosein in Gesamtheit verurteilt wird. Wer anstößig lebt, darf felsenfest mit Anfeindungen, Spott, übler Nachrede, Unverständnis, Ausgrenzung und vielleicht auch beruflichen Konsequenzen rechnen. An diesem Punkt unterscheidet sich die sogenannte moderne, aufgeschlossene Allgemeinheit nicht von der Gesellschaft früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte. 

Wer sich also sehenden Auges in eine sozial inakzeptable Situation begibt, sollte sich zuvor vergewissern, ob es das wert ist, ob die eigene Psyche den unausweichlichen Shitstorm erträgt, ob die beruflich-wirtschaftliche Situation tragfähig bleiben wird und ob es Menschen gibt, auf deren Treue man zählen kann. 

Kollektiverfahrung Corona

Freitag, 1. Mai 2020 


Deutschland trägt eine Maske. Die Corona-Pandemie wird zur ersten Kollektiverfahrung unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten. 

Wir hatten uns fest daran gewöhnt, dass Dinge zwar schiefgehen können, aber dass sie unsere heile Welt nie ernsthaft in Gefahr bringen würden. Im Grunde wussten wir ja, dass wir sicher sind. Stolpern, Fallen und Scheitern blieben allgegenwärtig, aber die Zerbrechlichkeit des Lebens war stets eine individuelle Erfahrung oder das Erlebnis einer mehr oder weniger scharf umrissenen Teilgesellschaft. Sicherheit war die kollektive Erfahrung der letzten Dekaden. 

 

Andere oder sogar gegenläufige Kollektiverfahrungen liegen für uns als Gemeinschaft der in Deutschland Lebenden weit zurück. 75 Jahre ist es her, dass ein heruntergekommenes Volk in einer Trümmerlandschaft kapitulierte. 30 Jahre ist es her, dass ein aufbegehrendes Volk der heruntergewirtschafteten Deutschen Demokratischen Republik das Ende bescherte. Vielleicht müssen wir die Ereignisse vom 11. September 2001 dazu zählen, als Terror sich selbst skalierte. Das waren tatsächlich die letzten Erfahrungen unserer Gesellschaft, von denen wir alle betroffen waren. Wir-sind-Papst, Sommermärchen und Finanzkrise kamen später und blieben doch eher partiell. 

 

Es stellt sich nun die Frage, was das »Wir« in diesen Zusammenhängen bedeutet. Im Jahr 1945 war ich noch nicht auf der Welt. Inwieweit das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg dennoch zum kollektiven Erbe in der Seele der heutigen Generationen zählen, wird von Tiefenpsychologen noch debattiert. An den 9. November 1989 kann ich mich hingegen sehr gut erinnern. Doch das kollektive Erlebnis eines tiefgreifenden Systemwechsels blieb den Bürgerinnen und Bürgern der DDR vorbehalten. Auch die Anschläge auf das World Trade Center wirken nach, aber eher als Schock denn als kollektive Terror-Erfahrung. Wir blieben vor dem Fernseher sitzen und griffen in die gemeinsame Chipstüte. 

 

Als Nation haben wir schon lange keine Erfahrung mehr geteilt, die nicht nur Individuum oder eine Teilgesellschaft einschneidend trifft, sondern alle. Die Corona-Krise ist die erste kollektive Erfahrung seit langem und für die meisten wahrscheinlich auch die erste überhaupt. Die ganze Nation steht still. Ein ganzes Land bleibt zu Hause und hält Abstand. Deutschland trägt eine Maske. Corona ist eine Macht, die uns alle zu Verhaltensänderungen zwingt. Der Gegner rüstet weder hinter dem Eisernen Vorhang auf noch wird er durch die Ummantelung einer Nuklearwaffe gebändigt. Der gemeinsame Feind kam gesellig zum Skifahren in der Business Class von Air China nach Europa. Und jetzt stehen wir alle auf seiner Piste und springen zur Seite. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die Klimawandel und AfD vor Neid erblassen lässt, hat Corona unsere Gesellschaft unterwandert und durchdrungen. Die von ihm ausgehende Gefahr lauert nicht länger irgendwo im Nebel der Abgase, die Gefahr ist mein Nächster, meine Partnerin, mein Kind, mein Kollege, das Wechselgeld beim Bäcker, die gemeinsame Chipstüte. 

 

Noch mag ich nicht daran glauben, dass die Corona-Krise uns alle und unsere geliebten Gewohnheiten dauerhaft verändert. Aber vielleicht wird uns fortan ein gewisses Misstrauen begleiten. Die Leute um mich herum in Konzert, Theater, Stadion, Kino und Restaurant konnten mir bislang gleichgültig sein. Vielleicht ist es mir in Zukunft lieber, wenn der Abstand zum Nächsten größer wird. 

 

Die kollektive Erfahrung der Corona-Krise hat unsere Erfahrung der kollektiven Sicherheit ins Wanken gebracht. Telefon, Messenger und Video-Call sind der neue Mindestabstand, die Digitalisierung unseres Lebens ist der Profiteur des Ganzen. Was bleiben wird, ist eine gewisse Entfremdung. Wir sind nicht absolut sicher. 

Dirk Röse Corona

Corona-Pandemie

Montag, 23. März 2020 


Das Coronavirus ist gefährlich. Der Erreger hat sich zu einem gesellschaftlichen Phänomen ausgeweitet. Diesmal ist alles anders. 

 

Gut drei Wochen lang koordinierte ich einen Krisenstab, der nur einem Ziel folgte: Haltet das Virus von dem Unternehmen fern, in dem mehr als eintausend Menschen arbeiten. Minimiert das Risiko, dass Kolleginnen und Kollegen, dass Kunden und Geschäftspartner an COVID-19 erkranken. Sorgt dafür, dass dieser komplexe Organismus aus Rohstoffgewinnung, Produktion, Logistik, Vertrieb und Kundenbetreuung weiter pulsiert. 

 

Zuerst kamen die gängigen Maßnahmen: Sensibilisierung der Belegschaft. Mehr Hygiene. Keine grenzübergreifenden Dienstreisen. Veranstaltungen absagen. Weniger Meetings. Nur die notwendigsten Besuche. Lesen, lernen, umsetzen. E-Mails, Aushänge, Merkblätter. Dann die ersten Eskalationsstufen. Die Kollegen im Schichtbetrieb wurden physisch voneinander getrennt. Sollte eine der Schichten betroffen sein und in Quarantäne geschickt werden, könnten zumindest die anderen Schichten weiterarbeiten. Vorbereitungen auf das Home-Office. Testläufe. In der Kantine halbierten wir die Anzahl der Sitzplätze und wiesen der Belegschaft Zeitfenster zum Essen zu. Und dann: Schließung der Kantine. Aufteilung aller Teams. Im Wechsel ging die eine Hälfte ins Home-Office, während die andere im Büro arbeitete. Die Flure verwaisten. Wenn man jemandem begegnete: Distanz halten. Und immer wieder die Frage: Ist das angemessen, was wir tun? Veranlassen wir zu viel oder zu wenig? Sind wir zu früh oder zu spät? 

 

Jeden Morgen als erstes die Anrufe von Kollegen, die krank geworden waren. Grippaler Infekt oder Corona? Zuhause bleiben oder zur Arbeit? Die Anrufe von Kollegen, in deren Umfeld es einen Verdachtsfall gab. Wir gingen gemeinsam die Kontaktketten durch. Bestand ein Risiko oder nicht? Es galt, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen für die Gesundheit von Kolleginnen und Kollegen. Und alles ging gut. Soweit wir es überblicken konnten, war weltweit keine Kollegin, kein Kollege, kein Kunde, kein Geschäftspartner betroffen. 

 

Es wunderte mich, welche Dynamik eine Krise schafft, die noch gar nicht angekommen war und bei der zunächst auch nicht absehbar war, ob sie jemals kommen würde. Doch im Grunde war dies der Idealfall einer Krise, wenn man noch viele Möglichkeiten nutzen kann, um sie abzuwenden. Unser Krisenstab war ein Krisenpräventionsstab. Und das war ein Privileg. 

 

Seit Freitag habe ich Urlaub, die Kollegen führen den Krisenstab weiter. Eigentlich war ich froh, dem Ganzen für eine Woche zu entkommen. Doch das Coronavirus lässt es nicht zu. Ich sitze zu Hause. Das Wetter ist herrlich, aber die Cafés bleiben geschlossen, die Einkaufstour durch die Geschäfte muss aufs Internet verlegt werden, Reisen und Besuche sind nicht erlaubt. Ich frage mich, ob unter diesen Umständen überhaupt Erholung möglich ist oder ob das Ganze eine Grenzerfahrung wird. 

 

Diesmal ist alles anders und das irritiert mich. Im Laufe der Jahrzehnte sah ich so viele Krisen kommen und gehen, bei denen düstere Szenarien durch die Medien geisterten. Gepanschter Wein. BSE. Gammelfleisch. Vergiftete Eier. Verunreinigte Medikamente. Vogelgrippe. Schweinepest. SARS. Kalter Krieg, echter Krieg und Terror. All das kam nie bei mir an und bei den meisten anderen Menschen auch nicht. Das war ein Privileg, denn zu viele andere hatten das Glück nicht. Zu sagen, dass wir immer irgendwie glimpflich davon gekommen sind und dass uns auch Corona glimpflich davon kommen lässt, wäre zynisch. Menschen wurden krank, Menschen litten, Menschen starben. Und was die Corona-Pandemie betrifft, sind wir gerade erst mittendrin. Ausgang völlig offen. Für glimpflich ist es zu spät. 

 

Das Coronavirus ist tatsächlich gefährlicher als andere Erreger. Wer bei einer Infektion nur leichte Symptome zeigt, hat Glück. Eine Freundin, die sich mit der Materie auskennt, skizzierte, was diesmal anders ist: Viel zu viele Menschen werden infiziert. Das Coronavirus überträgt sich schneller als andere Erreger. Es gibt keine Impfstoffe. Die Sterblichkeitsrate ist höher. Viele Menschen verrecken elendig an dieser fiesen Lungenkrankheit. Die Bilder aus den Kliniken in Italien sind entsetzlich. Was in China, Iran, Italien und anderen Regionen passiert, ist eine Tragödie. Das Robert-Koch-Institut verbreitet nüchterne und gleichwohl eindringliche Botschaften. Corona ist gefährlich. Und als wäre all das nicht schlimm genug, zitieren die Medien dennoch lieber die Johns-Hopkins-University, weil dort die Fallzahlen stets deutlich höher sind als beim RKI. 

 

Im Augenblick lässt sich offenbar nichts daran ändern, dass wir diese Krise wortwörtlich aussitzen müssen. Es darf dabei nicht unterschätzt werden, dass hier ganze Gesellschaften in die Individual-Isolation verbannt werden. Ich hoffe, das geht gut. Mir macht es etwas aus, bestimmte Menschen bis auf Weiteres nicht sehen zu können, weil sie zu einer Risikogruppe zählen. Mir macht es etwas aus, auf unbestimmte Zeit in meiner Wohnung gefangen zu sein. Mir macht das Coronavirus bislang keine Angst. Ich zolle ihm Respekt und reagiere genervt. Ist das alles noch angemessen? Sollte sich aus der Pandemie nun auch eine Wirtschaftskrise entwickeln – und danach sieht es leider aus –, dann wird es früher oder später auf jeden Fall zum Diskurs darüber kommen, wie angemessen das alles war. Mir ist bewusst, dass es dieser Tage politisch nicht korrekt ist, kritische Fragen zu stellen. Aber was hier geschieht, ist derart massiv. Es nagt an der heilen Welt, die ich gewohnt bin. Auch das ist wieder das Privileg des Glücklichen, der noch nicht betroffen ist. Ich weiß das. Es fällt mir schwer, nicht zynisch zu werden und dem dusseligen Erreger keine lange Nase zu zeigen. 

 

Diese Krise ist anders. Sie ist gefährlich. Sie macht krank, sie kostet Leben, sie beeinträchtigt die Wirtschaft, sie gefährdet Existenzgrundlagen, sie nimmt eine ganze Gesellschaft gefangen und treibt die Menschen in die Isolation. Corona ist physisch. Es lebt, hat drei Dimensionen, ein Gewicht, eine Vorliebe für bestimmte Wirte und liegt vielleicht schon auf meiner Türklinke. Corona ist inzwischen aber auch ein gesellschaftliches Phänomen. Das Virus hat sich in allen wesentlichen Dimensionen des Menschseins eingenistet. Wir alle sind seine Gefangenen. Corona ist ein Miststück. 

 

Bleibt zu Hause, bleibt gesund, alles Gute. 

Dirk Röse Worte

Verantwortung Schreiben

Sonntag, 26. Januar 2020


Schreiben und Vorlesen wirken. Sie bewegen etwas, hinterlassen etwas bei Lesenden und Zuhörenden. Zumindest hin und wieder, zumindest in Einzelfällen. Es ist nicht oft der Fall, dass eine Rückmeldung kommt, aber dass sie tatsächlich manchmal kommt, erstaunt mich stets aufs Neue. Und womöglich bleibt auch bei dem einen oder der anderen etwas zurück, ohne dass ich es je erfahre.

Dass jemand sagt, er oder sie habe sich selbst in einer Geschichte wiedergefunden. Dass eine ganze Lesung lange nachhallt. Dass jemand einen wertvollen Gedanken mitnimmt. Einmal wurde mir gesagt, dass eine der Geschichten einen echten Impuls für einen Neuanfang im Leben gegeben habe. Dann fehlen mir die Worte …

Dahinter verbirgt sich auch eine Verantwortung, denn es ist nicht immer sicher, dass gelesene oder vorgelesene Worte auch das gewünschte Ziel erreichen. In einer Szene aus »Metathesis« sitzen sich Gut und Böse gegenüber und erörtern, was eben gut und vor allem böse am jeweils anderen ist. Ein Theologe sagte mir, dass der Diskurs hochspannend sei. Gut so. Die Redakteurin einer Zeitschrift aber legte mir dar, welche Schlüsse sie selbst aus jenem Kapitel gezogen habe, und da sträubten sich mir die Nackenhaare. Es war das Gegenteil meiner Absicht. Bis heute scheinen die – wenigen – Lesenden »Metathesis« insgesamt als religionskritischen Roman einzustufen.

Wahrscheinlich ist dieses Phänomen nicht zu bändigen. Schreiben und Vorlesen wirken. Aber wie sie wirken, bleibt den Lesenden und Zuhörenden überlassen. Ich kann Worte nur sorgsam abwägen.