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GESCHICHTE

Welten. Schicksale. Abenteuer. Irrwitz. 

Abenteuer

Läufer

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Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Wenn er nicht sofort anhielt, endete es mit einem Asthma-Anfall. Nur noch diesen Hügel, nur noch diesen verdammten Hügel. Schritt um Schritt kämpfte er sich aufwärts. Er blickte weder links noch rechts. Die Schönheit des Waldes war jetzt gleichgültig. Nur sein Atem und der sandige Boden, unter dem Wurzeln und Steine lauerten, waren existenziell.


Endlich erreichte Jago die Anhöhe, verlangsamte seine Schritte und ging direkt auf den nächstliegenden Baum zu. Sein Blick schwirrte gehetzt hin und her, blieb nirgends hängen. Er streckte den Arm aus und stützte sich schwer an der schrundigen Borke ab. Der Atem raste, er bekam dennoch zu wenig Luft. Er sah zu Boden, er sah in die Baumkronen, schaute sich um. Nur langsam gewann die Umgebung wieder an Schärfe. Jago zwang sich, ruhiger zu atmen, ein, aus, ein, aus. Auf dem Ast direkt neben ihm auf Schulterhöhe war etwas. Er schloss die Augen, ein, aus, ein, aus. Sein Herz schlug gnadenlos weiter. Er öffnete die Augen wieder. Auf dem Ast war etwas.


Die Mutation hatte ihm schwerer zugesetzt als gedacht. Zwei Wochen hatte er mit Fieber im Bett gelegen und eine weitere Woche gewartet, bis er wieder laufen ging. Heute zum ersten Mal. Vielleicht war es noch zu früh gewesen. Leichtsinnig. Es war allgemein bekannt, wie lange die Krankheit nachwirken konnte und dass die allzu frühe Rückkehr zum gewohnten Work-Out tödlich enden konnte.


Erst als Jago spürte, dass sein Atem sich beruhigte und der Anfall ausblieb, warf er einen klaren Blick auf den Ast. Darauf lag etwas. Beinahe unsichtbar, so perfekt war es an die Umgebung angepasst. Im Vorbeilaufen hätte er es nicht gesehen. Ein Teil des Baumes war es nicht. Die Oberfläche war glatt, beinahe rund und so groß wie seine Hand. Ein Pilz, ein verirrter Pilz auf einem Ast. Er musste der Versuchung nicht widerstehen, für ihn wuchsen echte Pilze nur im CoolGrower des Supermarkts. Champignons, Pfifferlinge, Steinpilze. Frisch geschnitten direkt aus der Deckerde.


Kurz darauf war es soweit. Er konnte zum ersten Mal tief durchatmen und genoss den Augenblick, an dem sein Körper wieder unter Kontrolle war. Ohne den Baumstamm loszulassen, beugte er sich vornüber, sah den Schweißperlen zu, wie sie von der Stirn tropften und winzige Meteoriteneinschläge im Sand verursachten.


Als er den Kopf hob, sah er den Pilz von unten. Der hatte Füße statt eines Stiels. Jago kniff die Augen zusammen. Was war das denn? Neugierig schob er sich näher hinan und sah noch einmal genauer hin. Zwei zierliche Füße waren zu erkennen, die am unteren Ende etwas hatten, das sich offenbar in der Rinde festkrallte. Er neigte den Kopf seitwärts um das Ding herum und entdeckte auf der anderen Seite zwei weitere Füße. Oder sagte man Ausleger? Stelzen? Beine?


Jago richtete sich auf und sah herab. Ein Spielzeug? Er löste seine Hand vom Baum und schob sie langsam auf das Ding zu. Seine Fingerkuppen berührten die Oberfläche. Sie war glatt wie Plastik und warm wie Metall in der Sonne. Vorsichtig strich er über das Material, dessen Farben den Ast grandios imitierten. Das Ding bewegte sich keinen Millimeter, als wäre es tatsächlich Teil des Baumes.


Nur kurz dachte Jago daran, einfach weiterzulaufen, doch sein Herz schlug noch zu schnell und die Neugier siegte.


Das Kind in ihm gab den nächsten Impuls. Er legte die Hand flach auf die Oberfläche, umklammerte mit den noch feuchten Fingerspitzen den Rand und zog. Sofort ließ er wieder los. Es war, als hätte sich das Material seiner Kraft gebeugt, schmiegsam, doch faktisch saß das Ding bombenfest auf dem Holz.


Jago trat einen Schritt zurück und ertappte sich dabei, dass er ratlos wie ein kleiner Junge vor einem Wunder der Natur stand. Und dass er nicht wusste, wie es weiterging oder ob es überhaupt wichtig genug war.


Er klopfte mit den Fingernägeln, dann mit dem Knöchel auf das rätselhafte Objekt. Es gab Geräusche, doch sie blieben nichtssagend. Nicht hohl, nicht massiv, vielleicht Metall, vielleicht Plastik.


Dann sah er vom Hügel herab auf den Weg, den er zurückgelegt hatte, und auf die Strecke, die noch vor ihm lag. Zum Glück war er allein, wollte sich ungern die Blöße geben, dass eine Joggerin ihn auslachte, weil sie natürlich korrekt einordnen konnte, was das hier war.


Jago zückte sein Smartphone und machte einige Bilder. Selbst auf den Fotos war es nur schwer zu erkennen. Lediglich eine der Aufnahmen war wirklich brauchbar. Er hatte sie unmittelbar von vorne gemacht hatte und auf ihr waren die Füße zu sehen.


In einem Anflug von Ungeduld grapschte er erneut nach dem Ding und riss es vom Ast. Jago war überrascht, dass es sich löste, ließ los, fiel rückwärts zu Boden und stieß sich den Ellenbogen an einer Wurzel.


»Verflucht!«


Er setzte sich auf, rieb sich den Arm, und dann hing das Ding plötzlich direkt vor seinem Gesicht in der Luft. Jago zuckte zusammen und stieß sich weg. Es folgte ihm.


»Eine Drohne«, rief er. »Es ist nur eine Drohne.«


Die Lösung des Rätsels war ebenso einfach wie nachvollziehbar. Jungs auf der Schwelle zur Pubertät, die ihrem Drang nach Überlegenheit freien Lauf ließen, oder ein Perverser, der auf spannende Augenblicke zwischen Mann und Frau im Dickicht des Waldes hoffte. Und jetzt störte Jago die Pläne.


»Aber wo hast du deine Kamera?«, murmelte er und inspizierte die Drohne. Außer der glatten Oberfläche war nichts zu erkennen. Insgesamt sah das Ding aus wie Raumschiff Enterprise ohne diese Chickenwings, eine elegante und geheimnisvolle Blechdose. Aber da! Ein Fuß fehlte. Jago hatte zu fest an ihr gerissen. Was für ein Pech.


Ihm fiel auf, dass die Ummantelung der Drohne weiterhin mit Licht und Schatten, Bäumen und Blättern, Himmel und Sonne spielte. Fast als wäre sie transparent, durchscheinend. Und dann wurde ihm bewusst, dass es keine Rotoren gab. Das Ding schwebte über ihm ohne einen erkennbaren Antrieb, Flügel, Düsen oder Propeller. Es konnte keine Drohne sein.


Jago spürte einen Anflug von Unbehagen. »Was bist du?«, flüsterte er.


Langsam erhob er sich und vermied jede hastige Bewegung. Das Ding umkreiste ihn mehrmals, beinahe lautlos, taxierte offenbar seine Erscheinung. Jago war klar, dass seine unbedachte, übergriffige Aktion durchaus als Akt der Aggression wahrgenommen werden konnte. Musste er nun selbst mit einer Attacke rechnen?


Er sah sich nach einem Stock um, konnte jedoch keinen finden. Unter seinem Schuh aber lag ein Stein, halb verborgen im Sand. Jago ging in die Knie und nestelte ihn aus dem Boden. Er lag gut in der Hand, schwer und glatt.


Breitbeinig und mit abgewinkelten Armen begann nunmehr Jago, das Ding zu umkreisen. Es wich ihm aus, machte blitzschnelle Manöver und hielt sich außerhalb seiner Reichweite. Feindseligkeit zeigte es nicht.


Und dann hörte er sie. Die Joggerin, der er hier fast immer begegnete. Leichten Schrittes lief sie den Hügel hoch und stutzte, als sie ihn dort stehen sah in klassischer Wildwestmanier wie ein Kopfgeldjäger im Duell.


»Was machen Sie denn da?« Sie lächelte.


»Dieses Ding da ...« Jago fuchtelte mit dem Stein.


Sie kam näher, tänzelte auf der Stelle und schien interessiert. »Ein Baby-Ufo. Das ist ja niedlich. Passen Sie nur auf, dass Sie nicht geschrumpft und ins All entführt werden.« Sie lachte und lief weiter.


Jago sah ihr nach. Verwirrt. Ein Ufo? So klein? Niemals. Und doch suchten seine Augen die Umgebung ab. Was wäre, wenn das Ding nur ein Shuttle des sehr viel größeren Mutterschiffs war? Womöglich saß ein einzelnes Alien in diesem winzigen Ding und kundschaftete die Gegend aus. Allerdings war der Gedanke an Mini-Außerirdische noch grotesker als es die Situation ohnehin schon war. Aber vielleicht war das Objekt unbemannt und tatsächlich eine Drohne. Wieder sah er sich um. Ergebnislos.


In der Ferne bog die Joggerin um eine Ecke und war außer Sicht. Jago spürte, wie die Anspannung von ihm wich. Der letzte Blick auf ihren süßen Po hatte ihn in die Realität zurückgeholt und es war sonnenklar, dass er gerade zum Narren gehalten wurde. Sein Blick suchte das Ding. Es hing neben ihm in der Luft, als hätte es ebenfalls der Frau nachgeschaut. Er ließ den Stein fallen. Nach einem bevorstehenden Kampf sah das hier nicht aus.


»Und nun?« Jago betrachtete den schimmernden Teller in der Luft. »Für ein echtes Ufo entsprichst du ein bisschen zu sehr den Erwartungen. Bis auf deine Größe. Du bist tatsächlich eine Fliegende Untertasse.«


In einiger Entfernung wurde es erneut laut. Er wandte sich um und sah eine größere Gruppe junger Männer, die in großen Sätzen den Hügel emporliefen. Der Wald wimmelte von Joggern. Wie immer um diese Tageszeit.


Noch einmal wollte sich Jago nicht blamieren, ging in die Hocke und tat so, als schnürte er sich die Laufschuhe zu. Im Augenwinkel sah er, dass das Ding hinter ihm im Sand landete. Es versteckte sich.


»Aus dem Weg!«, rief jemand, als die ersten Läufer ihn erreichten.


Unbeholfen machte Jago Platz und fluchte: »Ganz schön rücksichtslos!«


»Bleib friedlich, Bruder.«


Jago hörte knirschende Geräusche. Einer der Männer stolperte, fluchte, lief aber weiter. Im nächsten Augenblick war die Gruppe an ihm vorbei und strebte lässig der Niederung entgegen.


»Mist!« Jago fuhr herum und sah nach dem Ding. In der Luft war es nicht zu sehen. Seine Augen hefteten sich auf den Boden. Sie mussten nicht lange suchen. Da lag es. Von Sand bedeckt. Zermalmt zwischen Laufschuhen und dem Stein, den er fallen gelassen hatte.


Jago nahm es in die Hand, strich den Sand von der Oberfläche. Man konnte noch erkennen, dass es zuvor rund gewesen war, doch davon abgesehen hatte es jede Form verloren und der faszinierende Schimmer war einem belanglosen Grau gewichen. Es bewegte sich nicht mehr. Was auch immer es gewesen sein mochte, jetzt war es kaputt. Irgendwie war Jago enttäuscht. Für einen Augenblick hatte sich sein Geist einer erweiterten Realität geöffnet und war nun doch wieder da, wo er immer war. Ts, Baby-Ufo, lachhaft. Behutsam legte er das Ding an den Wegesrand und stand auf. Vielleicht holte es jemand ab.


Für einige Augenblicke blinzelte er in die Sonne und hing seinen Gedanken nach. Dann lockerte er Arme und Beine. Der Atem ging wieder normal. Er war soweit. Und lief los.

Der Jeschua-Schrein

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Auszug, Kapitel 1

Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt. Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.

Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff. 

»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.

»Die Petraea zieht steuerbord vorbei«, schrie Rí Vlothus zu dem anderen hibernischen Segler hinüber. »Die Rathlín hält sich backbord«, ergänzte er mit Blick auf seinen Steuermann. Das zurückgefallene römische Schiff brachte seine Kanonen sicher schon in Stellung. »Haltet Abstand!«, brüllte Rí Vlothus, so dass es auch noch auf der abschwenkenden Petraea zu hören war.

Die Römer sandten den ersten Gruß. Ein Schwall von Pfeilen schwirrte durch die Luft. Doch gegen den Wind kamen sie nicht an, und die meisten landeten in den Wogen. Rí Vlothus spürte die Gischt auf seinem wettergegerbten Gesicht. Er lächelte, als die Rathlín einen weiten Bogen um den schweren Römer zog. 

Auch die Petraea kam zügig voran. Die Legionäre an Deck des gegnerischen Schiffes tauschten Pfeil und Bogen gegen klobige Hakenbüchsen. Meter um Meter zogen die hibernischen Segler an dem Schlachtschiff vorbei. Da kam Bewegung in die Legionäre. Befehle wurden erteilt. Der erste kritische Augenblick war gekommen. Kurz darauf erzitterte die Luft unter den Breitseiten des römischen Schiffes. 

Todbringend zog ein metallisches Geräusch durch die Luft. Eine Kanonenkugel erreichte die Rathlín, zerfetzte die Reling und riss zwei Krieger in den Tod. Rí Vlothus schickte ein Stoßgebet zum Himmel und reckte den Hals, konnte über das römische Schiff hinweg aber nur die Segel der Petraea erkennen. Der Rauch des Mündungsfeuers lag noch in der Luft. Auch das Schwesterschiff war beschossen worden. 

Weiter und weiter glitt die Rathlín am Feind vorbei, bis sie ihn endlich überholt hatte. Als auch die Petraea unbeschädigt aus dem Schatten des gegnerischen Schiffes auftauchte, stieß Rí Vlothus triumphierend den Arm in die Luft. Sogleich richtete sich sein Blick auf das Schiff, das nur eine kurze Strecke voraus auf der Flucht war. Es konnte nicht entkommen. Er stieß einen ermunternden Schrei aus und zeigte in die Rahen. Seine Mannschaft verstand. Einige kletterten in die Masten und ließen lange Taue nach unten fallen. Andere befestigten Enterhaken an Bord des Schiffes. Mit pochendem Herzen sah Rí Vlothus, wie sich die Männer bewaffneten. Säbel, ein leichter Schild, der eiserne Helm mit seiner Furcht erregenden Maske.

Der Steuermann bewegte den Segler direkt auf den Römer zu. Immer näher kamen sich die Gegner. Kanonenrohre ragten aus dem Rumpf des römischen Schlachtschiffes und glänzten in der Sonne. Plötzlich stand eine Traube von Legionären am Heck und feuerte eine Salve ab. Hastig duckten sich die hibernischen Krieger hinter die Holzaufbauten.

Die Erschütterung riss Rí Vlothus beinahe von den Beinen, als die Schiffe zusammenstießen und der hibernische Segler knirschend am Rumpf des Feindes entlang schleifte. Die Krängung erfasste beide Schiffe und trieb sie wieder ein Stückweit auseinander.

»Enterhaken!«, schrie er und zog sein Schwert.

Die metallenen Krallen schwirrten durch die Luft und verbissen sich im römischen Holz. Aus den Masten und vom Deck schwangen sich die Hibernier auf das gegnerische Schiff. Andere ergriffen die Seile der Enterhaken und hangelten sich hinüber. Salve um Salve schossen die Römer aus ihren Büchsen. Dann krachte eine Breitseite mit voller Wucht in die Rathlín. Holz splitterte, Schreie hallten, Blut und zerfetztes Fleisch mischten sich mit dem Meerwasser.

Rí Vlothus ahnte, dass dies das Ende seines Schiffes war. Er griff nach einem Tau und schwang sich mit wütendem Geschrei hinüber zum Feind. Mit beiden Füßen landete er auf dem gegnerischen Deck und verstummte.

Kaum eine Planke, auf der nicht ein hibernischer Fuß stand. Aber seine Leute kämpften nicht länger. Die Legionäre rotteten sich eilends zusammen und bildeten eine kleine Schildkrötenformation. Zu seinen Füßen entdeckte Rí Vlothus einen römischen Centurio. In seinem Hals klaffte eine tiefe Wunde. Er war tot. 

Es dauerte einen Augenblick, bis Rí Vlothus verstand, warum die Römer nicht kämpfen wollten. »Eterniten«, murmelte er und atmete erleichtert auf. 

Jeschua hatte Friedfertigkeit gepredigt, und Rí Vlothus war seit Tagen bedrückt, weil um des Schreines willen Menschen sterben mussten. Doch nun war der Kampf vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie auf römische Eterniten stoßen konnten, die den Kampf ebenso scheuten wie er. Nun sah er mit eigenen Augen, was er bislang nur als Gerücht gehört hatte. Dass die römische Armee durch die Sekte unterwandert und stark geschwächt war.

Tief in seinem Innern regte sich Misstrauen. »Durchsucht das Schiff!«, befahl er. Es konnte nicht sein, dass die Römer den Schrein diesem laschen Haufen anvertraut hatten. Ruckartig wandte er sich um und hielt Ausschau nach dem zweiten römischen Schlachtschiff. Er stampfte mit dem Fuß, als er sah, dass es abgedreht hatte und gegen den Wind nach Nordwesten kreuzte.

Das Warten zog sich hin, während seine Krieger das Schiff durchsuchten. Die Römer kämpften nicht und hielten ihre Reihen dicht geschlossen. Die Rathlín sank, und die Taue, die sie mit dem Kriegsschiff verbanden, knirschten am Holz. Das römische Schiff hatte bereits leichte Schlagseite, als die hibernischen Krieger schließlich meldeten, dass es keine Spur vom Schrein gab.

Rí Vlothus blickte stumm zum Himmel und sagte dann: »Alle Mann auf die Petraea und zurück nach Hibernia. Man hat uns reingelegt.«

Die Flagge des Überlebenden

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Es war an der Zeit, den Bunker zu verlassen. Das Wasser stand bereits knöcheltief auf dem Betonboden, der sich bei jedem Schritt in eine glitschige Gefahr verwandelte. Gregor fluchte auf den Bauunternehmer, der viel Geld für eine Zuflucht erhalten hatte, aus deren Schleuse es nun seit zwei Tagen tropfte. Er fragte sich, was da oben geschehen war. Es musste sintflutartig geregnet haben, anders war das viele Wasser nicht zu erklären. Die Meeresküste war fast hundert Kilometer entfernt. Beunruhigend war allerdings auch die Tatsache, dass die Armee seit zwei Tagen nicht mehr erreichbar war. In den Wochen zuvor hatte sie wenigstens Durchhalteparolen ausgegeben: »Bleiben Sie in Sicherheit! Wir geben Bescheid, wenn wir wieder zuschlagen.« Seit das Wasser in den Bunker tropfte, schwieg die Armee. Etwas Unvorhergesehenes musste vorgefallen sein. 

Gregor band den Rucksack an ein Seil, denn mit dem wulstigen Gepäck auf dem Rücken würde er nicht durch die Schleuse kommen. Der Rucksack war mit allem vollgestopft, was er in den nächsten Tagen zum Überleben brauchte: Lebensmittel, Wasser, Kleidung, seine Waffen. Er würde ihn hochziehen, wenn er erst einmal draußen stand. 

Der Strahlenschutzanzug, in dem Gregor steckte, war lästig, aber zumindest einigermaßen leicht. Er warf einen letzten Blick auf die Hinterlassenschaften seinerFamilie, die es nun nicht mehr gab, und stieg die Leiter hinauf. Vielleicht würde auch er die nächsten Tage nicht überleben. Er wusste nicht, was ihn dort oben erwartete, er hatte keinen Plan, kein Ziel. 


Das stählerne Rad der Schleusentür ließ sichzuerst kaumbewegen, doch mit jedem Ruck gab es ein wenig leichter nach und der Wasserzufluss von draußen verstärkte sich. Ihm dämmerte, dass der Bunker womöglich in kürzester Zeit volllaufen würde, wenn er die Schleuse erst geöffnet hatte. Dann gab es kein Zurück mehr, und alles Weitere musste wahrscheinlich innerhalb von Sekunden entschieden werden. 


Schließlich fand das Rad keinen Widerstand mehr. Gregor atmete tief durch und drückte den Deckel nach oben. Es war schwerer als gedacht. Sofort strömte Wasser herein und Gregor wäre beinahe von der Leiter gerutscht. Er wandte alle Energie auf und drückte die Schleuse vollends auf. Mit voller Wucht traf ihn eine schiere Flut und er klammerte sich an die Streben. Mühsam kämpfte er sich die letzten Stufen nach oben, überwand die Kraft des Wassers, die ihn zurück in den Bunker zwängen wollte, und stieg aus. Noch auf den Knien stellte er fest, dass er unter Wasser war. Dort, wo er den Anblick seines Hauses und des üppigen Gartens erwartet hatte, umfing ihn ein trüber Strom. Reflexartig erhob er sich und sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche. Als die letzten Tropfen über die Glasscheibe seines Helms rannen, breitete sich Entsetzen wie eine Welle in ihm aus. 


Gregor stand bis zum Kinn im Wasser, das sachte an seinen Helm schwappte. Um ihn herum war nichts mehr, nichts mehr außer Wasser. Sein Haus, der Garten, die Siedlung der Vorstadt und die Stadtselbst mit ihren Hochhäusern, sie alle waren verschwunden. An ihre Stelle war ein See, nein, ein Meer getreten. 


In ihm wurde es still. Andächtig betrachtete er die nahezu spiegelglatte Oberfläche des Wassers, die sich bis zum Horizont erstreckte. Regensatte Wolken zogen langsam über ihn dahin. In der Ferne hatte sich die aufgehende Sonne einen Platz am Firmament erobert und schickte goldene Strahlen auf eine Welt, deren Oberfläche träumerisch glitzerte. Der Anblick war ein Traum, ein apokalyptischer Alptraum, herrlich und erschreckend zugleich. 


Der Wasserspiegel gluckerte vor seinem Gesicht. Ihn erfasste Einsamkeit, als wäre er allein auf der Welt, als schritte er durch ein nasses Grab. Oder warteten unter den Fluten weitere Menschen darauf, die Bunker verlassen zu können und endlich wieder das Tageslicht zu erblicken? 


Gregor zog den Rucksack zu sich hoch, löste das Seil, wickelte es auf und schulterte beide. Wohin sollte er gehen? Er drehte sich um und sein Blick fiel auf den Höhenzug, der sich einst jenseits der Stadt erhoben und weit ins Hinterland erstreckt hatte, nun aber wie eine rettende Insel bis zu hundert Meter aus dem Wasser ragte. Wie grotesk, dies war der einzige Ort, der blieb. Um ihn zu erreichen, musste er etwa zehn Kilometer durch die Flut waten. 


Jetzt fiel ihm auf, dass das Wasser in Bewegung war. Es floss nach Osten, der Sonne entgegen. Die Hügellandschaft aber lag im Westen, so dass er gegen die Strömung gehen musste. Nur mit viel Kraft und viel Glück würde er noch heute dem Wasser entkommen. Das Wasseraber war nur das eine Problem. Das andere war das, was sich unter dem Wasser befand. Die Stadt konnte sich kaum in nichts aufgelöst haben. Überall um ihn herum mussten Trümmer liegen, die seinen Weg nicht nur erschwerten, sondern auch gefährlich machten. Bei jedem Schritt musste er damit rechnen, sich zu verletzen. Unter den gegebenen Umständen wäre das vielleicht sein schnelles Ende. 


Etwas in Gregor setzte sich in Bewegung, beinahe automatisch machte er sich auf den Weg. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und wandte sich der Insel zu.Es lief sich überraschend gut über die Trümmer seines Hauses. Und es lief sich bedrohlich schlecht durch ein Gewässer, das ihm bis zur Nase reichte und nur durch ein Spezialglas ferngehalten wurde. 


Meter um Meter arbeitete er sich vorwärts. Es war ein Glück, dass er über einen gut trainierten Körper verfügte, andernfalls hätte er mit dem schweren Rucksack und dem Strahlenschutzanzug allzu bald schlapp gemacht. So aber kam er vergleichsweise gut voran. Obgleich es erst früher Morgen war, fragte er sich, wie es bei einsetzender Abenddämmerung weitergehen sollte. Er konnte nicht die Nacht hindurch laufen, ohne einen Orientierungspunkt, und außerdem musste auchein Kerl wie er irgendwann eine längere Pause einlegen. Gregor hatte fiel Zeit, dieses Problem zu erörtern und ihm fiel keine Lösung ein, alsostrengte er sich umso mehr an, zügig voran zu kommen. 


Je länger er das schier unendliche Wasser durchpflügte, desto drückender wurde das Wasser vor seinem Gesicht. Und die Einsamkeit. Die Sonne verschwand hinter Wolken, es setzte Nieselregen ein, der sich auf das Glas seines Helms setzte und seine Sicht zusätzlich erschwerte. Die ganze Situation war unwirklich. Eine furchtbare Katastrophe musste über das Land gezogen sein, ohne dass er es mitbekommen hatte. Offenbar war dabei alles vernichtet worden, Mensch, Tier und jegliche Zivilisation. 


War er womöglich der einzige Überlebende, zumindest in diesem Landstrich? Kein Vogel zeigte sich am Himmel, kein Insekt umschwirrte seinen Kopf. Er war das einzig sichtbare Zeichen von Leben. Die absolute Stille wurde nur vom Rauschen und Glucksen seines Anzugs im Wasser unterbrochen. Nicht einmal Wind zerrte an ihm. 


War dies das Ende? Das Ende seines Landes, seines Volkes, seines Krieges? Vielleicht hatte sich sogar die ganze Menschheit einen Schlusspunkt gesetzt. Der Gedanke beunruhigte ihn, denn es blieb eine zentrale Frage offen, und dem Anschein nach war niemand mehr da, den er um Antwort bitten konnte. 


Sein Fuß stieß gegen einen harten Gegenstand und er stolperte, ging unter und strampelte, kam jedoch wieder hoch. Das trübe Wasser ließ keinen Blick auf den Grund zu, aber es schien doch nicht alles pulverisiert zu sein. Irgendwas war da noch. Er nahm sich vor, wieder vorsichtiger zu laufen. 


Schon wenige Meter weiter knickte sein Fuß um, als er auf eine unebene Stelle trat. Es war deutlich zu spüren, dass sich durch die Berührung Gegenstände in Bewegung setzten. Er lief über Trümmer, die Überreste seiner Heimatstadt. Gregor keuchte, spürte einen Hauch von Angst. Zu viel Wasser. Immer noch bis zur Nase. 


Im nächsten Augenblick blubberte es um ihn herum und etwas schoss an die Wasseroberfläche. Es war ein Klumpen Mensch. Die stark verweste Leiche drehte sich um die eigene Achse und trieb dann mit dem Gesicht nach oben an ihm vorbei. Gregor sah das aufgequollene Fleisch und die blinden Augen, nicht aber, woran die Person gestorben war. Er schaute dem Toten nicht hinterher, sondern konzentrierte sich strikt auf seine Schritte. Das Leben machte den Unterschied zwischen ihm und der Leiche. Es gab keinen Grund, den Tod anzustarren, aber es gab einen Grund, am Leben zu bleiben. Er hatte einen Eid auf die Flagge der Allianz geschworen, hatte sich verpflichtet, sein Land vor ihren Feinden zu schützen. Gregor musste herausfinden, ob dieser Schwur noch seinen Einsatz erforderte oder ob bereits alles getan war. Es galt eine Frage zu klären, und von der Antwort hing alles andere ab. 


 

Als sich die Sonne zum zweiten Mal zeigte, stand sie hoch am Himmel. Gregor war seit Stunden ohne eine Pause unterwegs. Die Insel am Horizont war bereits ein gutes Stück näher gekommen, und doch war es fraglich, ob er sie bis zum Abend erreichen würde. 


Er blieb stehen und sah sich um. Das Wasser funkelte im Licht der Sonne, doch der Anblick war erdrückend. Wie ein riesiges Leichentuch hatte sich das Meer über eine zerstörte Stadt gebreitet und alles Leben unter sich begraben. Nicht einmal ein einziger zerfetzter Baumstumpf war auszumachen. Gregor spürte, wie der Drang in ihm aufstieg, sich ebenfalls bestatten zu lassen. Sich einfach fallen zu lassen und zu sterben. 


Schnell wandte er sich wieder der Insel zu, die als Fremdkörper aus dem Reich der Toten ragte. Dort gab es Bäume, dort gab es Wege, dort gab es vielleicht sogar noch Leben. 


Gregor bemerkte, dass es nun zentimeterweise aufwärts ging, und mit einem Mal reichte ihm das Wasser nur noch bis zur Schulter. Er schien auf einen besonders ebenen und festen Untergrund gestoßen zu sein. Das Gehen fiel deutlich leichter. Er kniff die Augen zusammen und versuchte sich anhand des Höhenzuges und seiner Erinnerungen zu orientieren. Es mochte sein, dass er sich auf der ehemaligen Bundesstraße befand, die jenseits der Stadt auf ziemlich gerader Strecke direkt in die Hügelkette geführt hatte. Wenn es so war, dann kam es darauf an, den Weg nicht wieder zu verlieren, denn nun kam er merklich schneller vorwärts. 


Zugleich wurden die Abstände zwischen seinen lebensmüden Gedanken immer kürzer. Er versuchte sich damit zu trösten, dass er vor seinem Tod womöglich noch eine heilige Pflicht zu erfüllen hatte. Ob dem aber wirklich so war, musste er erst herausfinden – und dafür weiterleben. 


Weitere Stunden verstrichen und Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu. Ihr Licht blendete seine Augen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Mittlerweile konnte er seinen eigenen Schweiß riechen, lüften oder sogar ausziehen durfte er den Anzug nicht. Was auch immer geschehen war, er bildete den einzigen Schutz vor einer vielleicht tödlichen Umwelt. 

 

 

Es wurde Abend und die Insel lag als dunkler Schatten vor dem dämmerigen Hintergrund des Himmels. Gregor war eine lange Zeit der Straße gefolgt und hatte ihre Spur erst vor kurzem verloren. Seither schleppte er sich durch kniehohes Wasser und war zum Umfallen müde. Entgegen seiner Annahme würde es ihm doch gelingen, trockenen Boden zu erreichen, bevor es gänzlich dunkel war. 


Er hatte den ganzen Tag weder getrunken noch gegessen und war am Ende seiner Kräfte. Seine Blase war bis zum Rand gefüllt, doch er mochte dem Drang nicht nachgeben und in seinen Anzug nässen. Als er erkannte, dass sich der Boden weiter hob und er nur noch bis zu den Waden durch Wasser lief, mobilisierte er letzte Energiereserven und beschleunigte seine Schritte. 


Da durchfuhr ihn ein dumpfer Schmerz, der im rechten Fuß ansetzte und im Kopf pulsierte. Sein Bein zuckte zurück. Er war in etwas Spitzes getreten, vielleicht in einen Nagel. Mühsam atmete er den Schmerz weg und doch blieb eine Empfindlichkeit gegen jede weitere Berührung, gegen jeden weiteren Schritt, und Gregor wusste, dass mit einer solchen Wunde nicht zu spaßen war. Wasser, Dreck und verseuchte Atmosphäre konnten aus ihr schnell eine tödliche Verletzung machen. Vergeblich versuchte er, sich an seine letzte Tetanusimpfung zu erinnern.Dann spürte er, wie Wasser durch das Loch in der Sohle in seinen Anzug sickerte, und eilte weiter. 


Eine halbe Stunde später hatte er endlich trockenen Boden unter den Füßen und sank auf die Knie.»Geschafft«, murmelte er. 


Vor ihm lagen eine Wiese, die sich sachte aufwärts erstreckte, und dahinter die ersten Bäume. Gregor rappelte sich auf und ging das letzte Stück, bis er Schutz im Wald fand. Vor wem er sich hier geschützt fühlte, vermochte er nicht zu sagen. 


Sein Fuß begann wieder zu schmerzen, zwar nicht übermäßig, aber lästig. Im Augenblick konnte er allerdings nichts dagegen unternehmen. Zuerst musste er den Geigerzähler aus dem Rucksack fischen und einige grobe Strahlungsmessungen durchführen, bevor er es wagen konnte, den Anzug auszuziehen. Womöglich war die Gegend hoffnungslos verstrahlt, und er musste im Anzug bleiben. 


Angesichts des quälenden Harndrangs erledigte er die Messungen sofort. Der Geigerzähler befand sich in einem Seitenfach des Rucksacks. Er schaltete das Gerät an und schritt seine Umgebung ab, den Sensor stets dicht am Boden oder den Bäumen. 


Zu seiner Überraschung war kaum eine Strahlung feststellbar. Um sicher zu gehen, vergrößerte er den Radius, doch nirgends schlug der Zeiger nennenswert aus. Gregor überlegte, ob der stundenlange Kontakt mit Wasser oder zumindest mit Feuchtigkeit dem Gerät zugesetzt hatte. Die Elektronik des Gerätes schien immerhin einwandfrei zu funktionieren. 


Dies war nun ein Augenblick, der über Leben und Tod entschied. Setzte er sich der Strahlung aus, die der Geigerzähler womöglich nicht mehr korrekt maß, würde er in den kommenden Tagen einen qualvollen Tod sterben. Blieb er im Anzug, konnte er seinen Fuß nicht versorgen, musste bewusst einnässen und würde weiterhin seinen schweißigen Geruch ertragen müssen. Die Antwort kam von seiner Blase, die plötzlich unerträglich puckerte. Gregor öffnete hastig die Schnallen und wasserdichten Membranen, zerrte an Reißverschlüssen sowie Knöpfen und stand alsbald halbnackt vor einem Baum und verrichtete seine Notdurft. Die Erleichterung war unbeschreiblich. Nach einem anstrengenden Tag traf er es besser an, als zu erwarten gewesen war. 


Sein Magen knurrte. Aus den Tiefen seines Rucksacks kramte er ein eingeschweißtes Bohnengericht und eine Flasche Wasser. Beide schmeckten furchtbar, doch sie stillten seine vorrangigen Bedürfnisse. Morgen würde er die Höhenzüge erklimmen und ein Tier schießen. Ihn verlangte nach Fleisch. Abrupt hielt er inne und lauschte. Doch es war kein Geräusch zu vernehmen, das auf Leben schließen ließ. Vielleicht lag es aber auch an der Nacht, dass nicht einmal ein Vogel zu hören war. 


Nach seiner Mahlzeit versorgte er die Wunde im Fuß. Es sah danach aus, als hätte er Glück, sie schien sich nicht zu entzünden. Dennoch musste er insgesamt höchst vorsichtig sein, denn er war allein und konnte sich nicht auf die Hilfe von Sanitätern und Stabsärzten verlassen. 


Schließlich ließ er sich auf den Rücken fallen und genoss die frische Luft. Er würde nun einfach schlafen und morgen weitersehen. Seine Hand tastete nach dem Rucksack und zog ihn heran. Träge zog er eine Decke heraus und legte sie über sich. Den Kopf bettete er auf einige Pullover. Dann löste er sein Maschinengewehr vom Rucksack, nahm ein Magazin und ließ es einrasten. Ein wohliges Gefühl der Sicherheit übermannte ihn. Ganz gleich, ob er am nächsten Tag an Fleisch kam oder nicht, er würde einen Höhenzug der Insel erklimmen und dort die Flagge der Allianz hissen. Und dann würde sich vielleicht auch die Frage klären, die ihm förmlich unter den Nägeln brannte. Es dauerte, bis er einschlafen konnte. 

 

 

Am nächsten Morgen begann Gregor den Aufstieg ins Innere der Insel. Er kannte die Gegend aus unzähligen Ausflügen der Vergangenheit. Für ihn, seine Familie und tausende andere war dieser Höhenzug ein Naherholungsgebiet gewesen. Dass er ihn nun als Insel betrachtete und mit ganz anderen Augen sah, irritierte ihn. Alles schien fremd zu sein, obgleich er bald eine Straße fand, die er früher oft gefahren war. Er folgte ihr und kam immer höher. Schon bald erreichte er einen Parkplatz, der verlassen da lag. Gregor legte den Rucksack auf einer Bank ab und wandte sich um. 


Von hier aus hatte man bis vor kurzem einen wunderbaren Blick auf die Stadt, ihre alten Kirchen und die bescheidene Skyline gehabt. Stattdessen hingen nun dichte, graue Wolken über einer schier unendlichen Wassermasse. Gregor war beeindruckt. Der Mensch hatte das Angesicht der Welt verändert. Blieb die Frage, wie es anderswo aussah. 


Gerade wollte er sich den Rucksack wieder aufbürden, als er das Zwitschern eines Vogels hörte. Dankbar sog er das Geräusch auf. Es gab noch Leben außer ihm. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren, vielleicht hatte der Krieg am Ende einen Sinn gehabt und auch seine Kämpfe waren womöglich wichtig gewesen. 


Sein Magen begann zu knurren. Ihn verlangte nach Fleisch. Den Vogel würde er nicht jagen können, und die Ausbeute wäre auch lächerlich, aber er nahm sein Maschinengewehr zur Hand, entsicherte es, und hoffte auf einen guten Schuss. 


Nach einem längeren Marsch gelangte er an die ersten Kuppen des Höhenzuges und suchte nach einer lichten, möglichst weithin sichtbaren Stelle, um die Flagge zu hissen. Er wollte die Insel für sein Volk in Besitz nehmen und verteidigen, wenn es darauf ankam. 


Schräg links vor ihm schien ein geeigneter Ort zu sein. Offenbar hatte ein Sturm zwischen den Bäumen gewütet und eine Art Lichtung geschaffen. Gregor musste lediglich den Wald durchqueren. 


Die Waffe in beiden Händen machte er sich auf den Weg, schlug sich ins Unterholz und versuchte dabei, möglichst leise zu sein, um das Wild, das hier vielleicht noch lebte, nicht zu verscheuchen.Vorsichtig schob er sich Schritt für Schritt durch Bäume und Büsche, konnte jedoch keinerlei Anzeichen eines Tieres entdeckten. Im Wald war es noch düsterer und Gregor nahm zur Kenntnis, dass die Bäume nach wie vor Laub trugen. Was auch immer geschehen war, es hatte den Wald nicht vernichtet. 


Kurz darauf sah er den Himmel zwischen den Bäumen und wusste, dass er sich der Lichtung näherte. Mit ein wenig Glück aste dort ein Reh. Vorsichtig zwängte er einige tief hängende Äste zur Seite und schob sich ins Freie. Tatsächlich musste hier irgendeine Naturgewalt getobt haben, denn mehrere große Bäume lagen wirr am Boden. Zwischen ihnen gab es einige Stellen, die für die kommende Nacht ein gutes Versteck und Schutz vor Wind boten. 


Gregor suchte den Platz nach einem geeigneten Ort ab, an dem er die Flagge hissen konnte, und erstarrte. 

Auf der anderen Seite stand ein Mensch. 


Gregor ließ sich auf die Knie fallen und hatte sofort das Gewehr im Anschlag. Unter ihm knackte ein Ast und der Mensch fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen erkannte dieser den Ernst der Lage und verschwand hinter einem der umgestürzten Bäume. Sekunden später sah Gregor den Lauf eines Gewehres, das sich über die Stämme schob. Ein Schuss fiel nicht. Tief in seiner Deckung versteckt, suchte Gregor den Waldessaum nach weiteren Personen ab. Doch außer einem Uniformmantel, der an einem Ast hing, war nichts dergleichen zu sehen. Dieser aber ließ keinen Zweifel. 


Der Mann dort drüben war sein Feind. 


Gregor überlegte, wie er ihm möglichst ungefährdet den tödlichen Schuss verpassen konnte. Er war ein gut ausgebildeter Infanterist, eine tödliche Maschine, wenn es darauf ankam. Den Mann dort hinten fürchtete er nicht. 


Doch da überkam ihn ein ungewohnter Gedanke: Was wäre, wenn sie beide die einzigen Menschen auf der Insel wären, die beiden einzigen Überlebenden? Wäre es dann klug, ihn zu erschießen? 


Im selben Augenblick winkte eine Hand von drüben. Das Gewehr bewegte sich. Der Mann stand auf, das Gewehr lässig in der linken Hand. 


Lächle!, dachte Gregor, dann weiß ich, dass du eine Chance hast. 


Der Mann lächelte. 


Gregor erhob sich. 


Beide erkannten sich als Gegner, beide sahen einander unsicher an. 


»You don’t shoot me?«, fragte der Soldat. 


Als Antwort streckte Gregor seine Waffe weit von sich und lehnte sie gegen einen der Baumstämme. 


»You obviously fight for the alliance«, stellte der andere fest. »Where are you from?« 


»I’m German I defend my country.« 


»Ah, du bist ein Deutscher.« Der Mann hatte einen fremden Akzent. »Ich habe früher einige Jahre in Deutschland gearbeitet, in Bremen.« 


»Bremen war eine schöne Stadt. Dein Deutsch ist übrigens gut.« 


»Es fällt mir leichter als Englisch.« 


»Ich heiße Gregor.« 


»Mein Name ist Jyrki.« 


»Was tust du hier?« 


»Überleben. Meine Einheit wurde aufgerieben. Viele sind in der Welle ertrunken. Ich bin der einzige Überlebende.« 


»Ich hatte Zuflucht in einem Bunker gefunden, aber das Wasser drang ein. Also habe ich mich hierher gerettet.« 


Jyrki stopfte sich eine kleine Frucht in den Mund. Beide schwiegen. 


»Was ist geschehen?« Vielleicht war dies die einzige Gelegenheit, eine Antwort auf seine Frage zu bekommen. Gregor nahm sich vor, diplomatisch vorzugehen, denn falls ... Er wollte Jyrki nicht unnötig aufbringen. 


»Ich weiß es auch nicht genau. Aber sie haben die Bomben geworfen. Viele. Nicht alle haben ihr Ziel erreicht. Nicht alle hatten die beabsichtigte Wirkung.« Mit einem süffisanten Grinsen wies Jyrki auf das endlose Wasser am Horizont. »Möchtest du ein paar Beeren?« 


Gregor zögerte. 


»Ich esse das Zeug schon seit Wochen. Sie sind okay. Man wird nicht krank davon.« 


Gregor wagte einen Schritt auf seinen Feind zu, stieg über einen Baum und nahm seine Waffe nicht mit. Jyrki kam ihm entgegen und streckte ihm eine Handvoll Heidelbeeren entgegen. Dann standen sich beide gegenüber. Jyrki war kleiner als Gregor und stämmiger. 


Gregor nahm ein paar der Beeren. »Danke.« Er steckte sie sich in den Mund und genoss den fruchtigen Geschmack. Der gewaltige Hunger auf Fleisch holte ihn wieder ein. »Hast du Tiere hier auf der Insel gesehen?« 


Jyrki lachte. »Du nennst das hier eine Insel? Seltsam, mir kam der gleiche Gedanke. Aber nein, Tiere habe ich nicht gesehen. Du willst doch nicht etwa Fleisch ...?« 


Gregor winkte ab. »Von den Beeren werde ich nicht satt.« 


»Du gewöhnst dich daran.« 


Gregor wollte ja eigentlich seine Frage loswerden. 


»Was wirst du tun?«, fragte Jyrki. 


»Ich suche meine Armee.« 


»Wo willst du suchen? Hier auf der Insel sind deine Leute nicht. Ich habe in den letzten Tagen alles durchforstet. Du bist der erste Mensch, der mir begegnet.« 


Gregors Mimik entgleiste. Das war genau die Nachricht, die er nicht hören wollte. Es sah offenbar schlecht aus für seine Armee. »Und was wirst du tun?« 


»Abwarten. Ich komme hier nicht weg und wüsste auch nicht, wohin ich mich wenden sollte. Also bleibe ich einfach hier und hoffe darauf, dass sich die Dinge wieder zum Guten wenden.« 


Diese Vorstellung machte Gregor nervös. Er wollte handeln. Kämpfen. 


»Schließen wir einen Waffenstillstand für die Übergangszeit?«, fragte Jyrki. 


»Einverstanden.« 


Jyrki machte eine einladende Geste und die beiden Männer nahmen Platz auf dem Boden, lehnten sich gegen einen Baumstamm und aßen Beeren. 


»Hast du Familie?«, fragte Gregor. 


»Ich weiß nicht, vielleicht habe ich noch eine. Und du?« 


»Ich hatte Frau und zwei Kinder.« 


»Was ist aus ihnen geworden?« Jyrki blickte, als wüsste er die Antwort bereits. 


»Mein Bruder hat sie gegessen.« 


Jyrki sah ihn mit großen Augen an. »Und was ist mit deinem Bruder ...?« 


»Ich habe ihn gegessen.« 


Jyrki rückte entsetzt von ihm ab. »Bist du wahnsinnig?« 


Gregor bedauerte plötzlich, dass er seine Waffe dort hinten hatte liegen lassen. 


Jyrki war fassungslos. »Du kannst doch kein Fleisch essen. Wie kannst du nur Fleisch essen! Die Strahlung! Das ganze Gift setzt sich im Gewebe fest. Womöglich wirst du sterben.« 


Gregor machte eine gelassene Handbewegung. »Es ist schon Wochen her. Es hat mir nicht geschadet.« 


Jyrki schien nicht davon überzeugt, dass Gregor überleben würde. Dann zuckte er mit den Schultern. »Na gut, es ist auch dein Problem, nicht meines.« 


»Was ich ... Was ich eigentlich fragen wollte«, setzte Gregor unsicher an. 


Jyrki sah ihn erwartungsvoll an. 


»Versteh mich bitte nicht falsch, ich will dich nicht verletzen.« 


»Nun sag schon.« 


»Haben wir den Krieg gewonnen?« 


Diesmal lachte Jyrki lauthals los. »Du weißt nicht, wer gewonnen hat, aber du gehst insgeheim davon aus, dass wir verloren haben?« Er wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Mal im Ernst, Gregor: Was interessiert dich das noch? Sieh dich um. Es ist vorbei.« 


Ärgerlich schüttelte Gregor den Kopf. »Es muss nicht überall so sein.« 


»Vielleicht. Aber meinst du wirklich, dass es irgendwo noch eine Rolle spielt, wer gewonnen hat? Wir können froh sein, dass wir leben. Wir können froh sein, dass wir anständige, gesunde Männer geblieben sind, keine Schweine, keine Krüppel. Ab sofort gelten wieder andere Maßstäbe.« 


Gregor schüttelte den Kopf. »Du irrst. Ja, wir sind Mensch geblieben. Und umso wichtiger ist es zu wissen, wer gewinnt.« 


Jyrki sah ihm forschend ins Gesicht. »Ich verstehe. Du willst wissen, ob ich vor dir auf die Knie gehen muss, oder du vor mir.« 


 

Es wurde Abend, und Gregor hatte ein Feuer entfacht. Die besten Stücke röstete er zuerst und genoss jeden Bissen. Sorgsam achtete er darauf, dass ihm nichts verbrannte, denn bis auf weitereswürde er davon leben müssen. Er hörte sich selbst genüsslich schnaufen und schmatzen. 


Heute Nacht würde er gut schlafen. Er nagte den Knochen säuberlich ab und warf ihn weg. Neben ihm flatterte die Flagge der Allianz im Wind. Satt und zufrieden. 

Da knackte es hinter ihm und eine Stimme sagte: »Täällä se nuotio on!« 


Gregor warf sich zur Seite und riss die Waffe an sich. 


Aus dem Wald traten Soldaten. Die anderen. 


Gregor ging auf die Knie, doch noch bevor er den ersten Schuss abgeben konnte, traf ihn die Kugel. Sie riss ein Loch in seine Brust und Gregor sackte zu Boden. 


Der Schmerz war ungeheuerlich. Gregor begann zu schreien. Sein ganzer Körper, sein ganzes Sein war plötzlich Schmerz, gellender Schmerz. 


»Tuo on hullu. Se syö sitä lihaa.« 


Gregor wälzte sich im Moos und brüllte. Er wollte nur eins: dass der Schmerz aufhörte. Sofort. 


»Yhden meistä.« 


Dann begann sein Leib zu zittern. Ein heftiges Schütteln entzog ihm die Kontrolle über seinen Körper. Der Schmerz ließ nicht nach. Gregor schrie. 


»Ei tähän voi jäädä. Mennään eteenpäin, ennen kun tulee pimeä.« 


Wie durch einen Schleier sah Gregor, dass sich einer der Soldaten neben ihn kniete und ihm sanft mit der Hand über die Stirn strich: »Lepää rauhassa. Lähdetään. Et tartte meitä enää.« 


Gregor kreischte ihn an und streckte eine blutige Hand nach ihm aus. 


Dann waren die Soldaten weg und Gregor wünschte sich den Tod. 


Er brüllte. 


Er brüllte. 


Er brüllte, bis das Blut seine Stimme erstickte. 


Plötzlich war es vorbei. Er fühlte sich wie im Rausch. Warum nur hatte er den Soldaten nicht gefragt, wer den Krieg gewonnen hatte. Er musste es wissen. Er musste einfach wissen, ob er als Verlierer oder als Sieger starb. 


Da fiel sein Blick auf die Flagge. Der Feind hatte sie offenbar keines Blickes gewürdigt. Friede durchflutete ihn. Er hatte gewonnen. Hier hatte er einen Triumph für die Allianz errungen. Die Insel blieb unter ihrer Flagge. Sieg! 

Groteske

Guten Morgen

Created with Sketch.

An jenem Morgen blieb ich länger im Bett. Obgleich mir bewusst war, dass ich bereits um acht Uhr einen wichtigen Termin hatte, war ich erstaunlich gleichgültig, als wenn Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielte. Ein ungutes Gefühl ganz im Untergrund meiner Seele konnte ich dennoch nicht leugnen. Dass es absolut nichts mit meinem glorreichen Job zu tun hatte, verstärkte es. Ich lag im Bett, regungslos, verwirrt, und beobachtete das Funkeln der Morgensonne in den Jalousien. 


Bis mir bewusst wurde, dass ich über Nacht verstorben war. Plötzlich und unerwartet. Unbemerkt. Schlagartig schrillten in mir alle Alarmglocken. Der unmittelbar folgende Drang, mich zu bewegen, bestätigte die überraschende Erkenntnis. Arme, Beine, Kopf und Rumpf. Da tat sich nichts mehr. Ich war tot. 


Für einen Augenblick war ich perplex. Dann stieg Ärger in mir auf. Ich hatte meinen eigenen Tod verschlafen. Eingemummelt in die Laken, vermutlich schnarchend, hatte ich das Leben lauthals ausgehaucht und nichts mitbekommen. Bescheuert. Dabei hatte ich stets die Ansicht vertreten, dass man bei besonderen und insbesondere bei einmaligen Anlässen möglichst voll präsent sein sollte, um den Augenblick zu zelebrieren. 

Dann aber erinnerte ich mich, wie viel Alkohol und Nikotin ich am gestrigen Abend konsumiert hatte, und die Wut verebbte. Ich sollte dem Tod dankbar sein für seinen unspektakulären Auftritt. Das Ganze hätte auch viel unerfreulicher verlaufen können. Es war, als konnte ich noch spüren, wie die L-Organe in einen ungewohnten Entspannungszustand verfielen und jede Sekunde des unerwarteten Friedens vor der einsetzenden Zersetzung genossen. 


Ich jedoch wurde über diese Gedanken zunehmend nervöser. Mich verlangte nach einer Kanne Kaffee und einigen Zigaretten. Ging nicht. Über Nacht hatte ich nicht nur das Leben, sondern auch das Rauchen aufgegeben. Ganz schlechter Einstand, lieber Tod, so würden wir keine Freunde werden. 


Ziemlich genervt blieb ich regungslos liegen und tat gar nichts. Außer den schwirrenden Gedanken in meinem Kopf zu folgen. Wieso dachte mein Hirn noch? Hätte ich nicht längst außer mir sein müssen? Über mir selbst schweben? 


Vorsichtig versuchte ich, jenen Teil der Seele, der im rechten kleinen Zeh verortet war, aus Fleisch und Knorpel zu lösen. Uah, was für gruseliges Gefühl. Ich konnte tatsächlich meinen Körper verlassen. Aber wollte ich das? Und überhaupt: Wohin sollte ich mich wenden? Weder Dämon noch Engel saß über dem Bett, um mich abzuholen. Hatte ich womöglich eine Wahl? Oder würde ich desorientiert durch mein kleines Universum geistern und fiesen Mitmenschen eine Gänsehaut über den Rücken jagen? Womöglich gab es dann kein Zurück mehr ... 

Natürlich gab es kein Zurück mehr, Doofie. 


Ich verschob die Entscheidung und Lösung von meinem Körper auf einen späteren Zeitpunkt, wenn sich hoffentlich neue Erkenntnisse einstellten oder der Engel sich für seine Verspätung entschuldigte, weil er beim Leichentransfer in die Rushhour geraten war. 


Es folgte, was unweigerlich folgen musste. Fragen. Wie lange würde es dauern, bis man mich vermisste? Würde der Zeitpunkt überhaupt jemals kommen? Meine Todesnacht war ausgerechnet auf einen Tag gefallen, an dem meine Freundin und ich getrennt schliefen. Wie würde sie reagieren? Würde ich es jemals erfahren? Wollte ich es wirklich wissen? Würde irgendwer länger als einen Tag trauern? Wer würde zuerst an meinem Bett stehen? Der Arzt, die Polizei, die Putzfrau oder der Hausmeister? Je nach dem, wie lange sich niemand ernsthaft um mich sorgte, würde man mich in bereits unrühmlichem Zustand finden, die Nase rümpfen und eventuell auf mein Bett kotzen. Ich fand den Tod mit einem Mal erniedrigend und wandte mich schmollend anderen Gedanken zu. 


Doch es gab nichts Erheiterndes und nichts Ermutigendes darunter. Ich war weg und nun begann - mit geringfügiger Verzögerung - überall der Prozess, mit mir fertig zu werden. Der Prozess, mich zu vergessen und es sich ohne mich schön zu machen. Ich war enttäuscht, und schon fuhr der zweite Zeh aus der Haut. 


Mein Tod war eine absolute Fehlplanung. Eine schlechte Laune der Ewigkeit. Ein geruchsloser Furz der Menschheitsblähungen. Ich atmete tief durch, also im übertragenen Sinne, und versuchte meditativ in einen schlafähnlichen Dämmerzustand zu verfallen. Die Ewigkeit begann und vermutlich hatte ich fortan wieder mehr Zeit. 


Da wurde ein Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür gesteckt und herumgedreht. Jemand kam ... 

Night-Flight To The Stars

Created with Sketch.

In Erinnerung an Rory Gallagher (1948-1995)

 

Der Wind zog eisig durch die nächtlichen Gassen und wirbelte die Schneeflocken bis in die letzten Straßenwinkel. Ich hatte mein dick gepolstertes Leather-Case bis oben hin zugezogen und hoffte, dass es wenigstens die Feuchtigkeit abhielt. Durchfroren war ich bereits und musste befürchten, dass sich mein Hals verzog. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Schnee liegen blieb und Dublin unter einem zarten, weißen Tuch begrub. Bei dieser Witterung unterwegs zu sein, war ein riskantes Spiel mit meinem historischen Restwert. Ging etwas schief, waren Ahorn und Palisander allenfalls noch Brennholz. Niemand nahm mich zur Kenntnis. Die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, wollten auch nur ins Warme, und stapften mit gesenkten Köpfen an mir vorüber. Nach den vielen einsamen Jahren hätte ich auch blind zu der alten Bar gefunden, die jeden Samstagabend mein Ziel war. Well, it’s Saturday night and I wanna be played. Unwillkürlich entfuhr mir ein Akkord, der zum Glück durch die Polsterung vollständig verschluckt wurde. Well … Niemand hatte es so cool und selbstironisch gesungen wie der King. Rip me up.


Ich bog in eine der Kneipengassen abseits der Touristenmeilen und suchte vergeblich das ausgeblichene Blechschild des ›Old Bartender‹. Es war so verdammt düster hier. Kaum eine Laterne. Und der viele Schnee. Fast wäre ich dran vorbei gelaufen, doch die schiere Gewohnheit stoppte meine Schritte genau vor dem Eingang. Ich klopfte mir den Schnee vom Leder und drückte die schwere Holztür auf. Die Scharniere quietschten. Feuchte, warme Luft schlug mir entgegen. Ich ging hinein, blieb aber erst einmal unweit der Tür stehen und sog den schweren Dunst von Alkohol und Zigaretten ein. Ein Gewirr aus Stimmen und Musik umfing mich. Dazu der Geruch von altem Holz. Das ›Old Bartender‹ hatte mich wieder.


Während ich aus dem Leder stieg, schweifte mein Blick durch den Raum und taxierte die Bar. Es gab noch leere Plätze.


Ganz rechts war ein Hocker frei, aber aus jener Ecke ertönten schon wieder die Klänge von Old Shep-pie – einem schmachtenden Kinderlied, stümperhaft geklimpert von dieser Möchtegerngitarre. Sicher, für die Musikgeschichte war sie von Bedeutung, hatte es aber zu keiner einzigen Aufnahme gebracht. Der King bekam sie an jenem Tag zum Geburtstag, als David Bowie das Licht der Welt erblickte. Und das war einfach zu früh. Als Elvis endlich begann, sich seine Erektion aus der Hüfte zu schütteln, lag sie längst im Kamin. Klar, ich liebte diese Legenden. War ja selbst eine. Trotzdem konnte ich das selbstmitleidige Getue dieser No-Name-Klampfe aus nassem Mississippi-Treibholz keine fünf Minuten ertragen.


An der gegenüberliegenden Seite der Theke war es nicht besser, wenngleich sich auch dort noch ein Platz gefunden hätte. Die Pianos hatten sich da breit gemacht, und es dauerte nur Sekunden, bis ich aus der Geräuschkulisse der Bar das unsägliche Arrangement von Imagine all the people heraushören konnte. Der typische Sound versuchte erneut darüber hinwegzutäuschen, wie einfallslos die Tastenfolge war.


Ich hängte mein Case an den Nagel und suchte mir einen Platz in der Mitte der Theke. Die stickig warme Luft kroch mir über die Saiten und ich spürte, wie verstimmt ich war. Right now the blues want to surround me. Der Old Bartender zwinkerte freundlich und schob mir einen Doppelten hin. Wortlos schwenkte ich das Glas, setzte es an, witterte das heilbringende Karma und nippte bedächtig. Ganz langsam brannte sich das Feuer durch meine Kehle bis ins Svādhisthāna. Den Rest stürzte ich hinunter.


Endlich wurde mir warm und ich entspannte mich, betrachtete die Typen, die links und rechts von mir standen und von den guten alten Zeiten quatschten. Kaum jemand, den ich kannte oder jetzt kennen wollte.


Der Barkeeper tauschte das leere Glas gegen ein volles. »Howdy Cradle, wie geht’s dir?«


Ich zuckte die Schultern und fragte: »Wie sieht’s denn für dich aus?«


»Als bekäme deine Leber heute noch schwer zu tun.«


Ich nickte. »Also?«


Kommentarlos stellte er die volle Flasche vor mich hin. »Sieh zu, dass du rechtzeitig wieder landest. It’s a long lonely highway und der Absturz gefährlich.«


Ich hob beschwichtigend die Hand. Alle waren längst abgestürzt, aber wir hatten überlebt und würden auch den nächsten Crash überstehen. Mit ruhiger Hand goss ich mir einen Dreifachen ein. Der Old Bartender spendierte das Eis. Ich spürte, dass ich schon bald bereit sein würde für den nächsten Flug.


Es war tragisch, dass sich die meisten einen Weltraumbahnhof nur im All vorstellen konnten. Denn er war nicht da draußen. Science Fiction begann in dir. Für den Night-Flight to the Stars, für den Flug zum ewigen Acker der Verblichenen musste das Spaceship in dich hinein, musste es durch den engen Hals kriechen und sich in dir breit machen. Bis der Flug von selbst begann.


Goldgelb sickerte der Shuttle gemächlich in jede Pore und löste mich von der Erdschwere. Weiß der Geier, warum ausgerechnet Dublin. Aber wir kamen alle her, um der Vergangenheit zu huldigen. Auch wenn viele unserer Wurzeln in den sumpfigsten Südstaaten lagen, nur in Dublin konnte die hölzerne Seele ihren Halt verlieren und sich auf eine melancholische Reise begeben.


Als sich hinter mir die Tür öffnete und der kalte Luftzug über meinen Corpus schwappte, ahnte ich sogleich, wer da kam. Mit leicht getrübtem Blick sah ich über die Schulter und erwartete das Schicksal. Ohne Case und schutzlos dem Unbill des Winters ausgeliefert, waren sie hergekommen. Sie traten ein und lächelten mir traurig zu. Little Wing war frisch flambiert, und der Schnee dampfte auf seinem erhitzten Lack. Dezent kokelnd lehnte er sich an den langen Statesboro, der gut betankt und abflugbereit war.


»Hallo Jungs«, sagte ich und winkte sie zu mir.


Sie antworteten nicht, schleppten sich aber rüber zu mir. Träge drängten sie ihre ausladenden Hüften zwischen meine Nachbarn und mich. Little Wing suchte Halt an der Theke. Als er ihn gefunden hatte, klopfte er mir auf die Schulter und ließ ein kehliges Vibrato hören. Statesboro atmete tief ein und gab einen jaulenden Ton von sich. Ich sah, wie der Bartender die Augen zusammenkniff, doch ein hohes ›e‹ meinerseits war unvermeidlich.


»Leute«, brummte der Wirt, »macht bitte langsam. Ich kann hier keinen Rock ‘n‘ Roll Suicide gebrauchen. Nicht schon wieder, nicht heute.«

»Mann ey«, nuschelte Little Wing, »nur keinen Stress.«

Statesboro kam jetzt in hörbar gute Stimmung. Er kicherte leise und jaulte noch höher. »Wir wollen doch nur spielen.«

Little Wing goss ein paar Akkorde aus, die sich über unsere Kehlen legten wie Sirup auf ein Südstaatenfrühstück. Ich setzte mit einem zähen Rhythmus ein, der kaugummigleich unter den Sohlen klebte. Statesboro zerrte an seiner E-Saite und trieb mir die Tränen zwischen die Tonabnehmer. I woke up this evening and had them Statesboro Blues. In irgendeiner gottverlassenen Ecke setzte sich ein völlig zerstörtes Schlagzeug mühsam zusammen. Neben ihm stand stocksteif Boris the Spider und schnarrte einen Basslauf.

Im selben Moment spürte ich die Ekstase, die wie eine Welle durch den Raum zog. Die Luft knisterte. Sekunden später hob der Mystery Spacetrain ab, und wir waren auf dem Weg. Zeit und Raum ließen wir hinter uns und stießen vor in das Paralleluniversum unserer Sehnsüchte. 

Da warst du wieder. Jahrelang hattest du mich am Hals und beklagtest dich nie. Ich war die Last auf deiner Schulter und du hast mich gewiegt. Als wäre ich glühendes Eisen auf einem Amboss, hast du einen wahren Funkenflug auf mir veranstaltet. Und ich wusste, auch heute Abend würdest du gut zu mir sein. Wie sehr hatte ich dich vermisst. Ich spürte deinen festen Griff um meinen Hals, als du mich mit dir zerrtest. Endlich wieder auf der Bühne, glitten deine Finger zärtlich über mich und Tausende sahen begeistert, wie du mich liebtest. Dann schlugst du zu und nahmst mich hart. Deine Hand war so schnell und geschickt, dass ich raste vor Begehren. Und dann, kurz vor dem Höhepunkt, nahmst du das Tempo raus und drehtest mir die Wirbel um. Ich verlor jeden Halt und war ein Teil von dir, verschmolz mit deiner Seele. Langsam, unerträglich langsam wurdest du wieder schneller – und triebst mich zur Klimax.

Irgendetwas stieß hart gegen meinen Kopf und ich fiel zu Boden. Um mich herum johlten und sprangen sie auf ihrem Flug in die Vergangenheit. Doch ich war schon zurück und blinzelte. Mir war nicht übel, der Kopf tat nicht weh. Ich war nur müde. Unendlich müde und traurig.

Mühsam kam ich wieder auf die Beine. Dem Old Bartender legte ich ein paar Scheine auf den Tresen, dann stieg ich in mein Leder und trat hinaus in die Nacht.

Die Kälte ernüchterte mich nicht. Sie verstärkte nur meine Einsamkeit. Ich schlich durch die Straßen, ließ die Saiten hängen und hielt mich im Schatten. 

Mein Weg führte mich direkt zum Hafen. Reglos stand ich da, spürte die Kälte nicht mehr, vergaß die Welt um mich herum. Letzten Endes war auch ich nichts anderes mehr als ein Stück nasses Treibholz, hin und her gestoßen vom Wind auf den Wellen des Schicksals. Lange starrte ich in die dunkle Bucht. Das Schneetreiben verhinderte jeden Blick auf die Sterne. Und ich wusste, dass ich Millionen Meilen von dir entfernt war.

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Olafs Drache

Liebe

Wuchtbrummi

Created with Sketch.

Juli 2018, es war heiß. Bei Emden hatte Mika wie immer am Autohof angehalten, um sich mit Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Zigaretten zu versorgen. Der Lastzug musste heute noch bis Koblenz runter. Reiseverkehr war in diese Richtung nicht zu erwarten, nur um Düsseldorf und Köln herum würde er in die Rushhour geraten. Aber egal, Zuhause wartete niemand auf ihn und dem Kunden war es ohnehin lieber, wenn er die Ware nach Feierabend lieferte. 


Die Straße war wie das Leben, dachte Mika, als er die Tür zum Fahrerhaus öffnete. Überall konnte man links und rechts rausfahren, aber meistens folgte man der vorgegebenen Route. Man war ständig von anderen Autos und Lastwagen umgeben, doch letztendlich saß man allein im Führerhaus, die Zeit und den Chef im Nacken. 


Mika stieg ein, setzte sich und steckte den Kaffeebecher in die Halterung. Alles andere legte er auf den Mittelsitz. Er startete die Maschine und die Klimaautomatik sprang an. Dann schloss er die Tür. Für einen Augenblick war es fast unerträglich heiß auf dem Sitz. Er ließ die Fenster ein Stück herunter. Der Fahrtwind würde die schlimmste Hitze vertreiben, bevor die Klimaautomatik ihre Aufgabe erfüllte.Als er sich anschnallte, schlug etwas gegen die Fahrertür. 


»Hallo! Entschuldigung!« 


Mika blickte aus dem Fenster und sah eine Frau in seinem Alter, etwa Mitte zwanzig.»Was gibt’s?«, fragte er und taxierte sie mit einigen schnellen Blicken, die sie hoffentlich nicht bemerkte. Hübsch war sie. Es sah nett aus, wie sie ihre dunklen Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hatte. 


»Fahren Sie zufällig in Richtung Köln?« 


Sie hatte eine angenehme Stimme und trug eine kurze Hose mit einer lockeren Bluse, die ziemlich weit aufgeknöpft war. Schnell sah er ihr in die Augen. »Ich muss nach Koblenz. Da komme ich an Köln vorbei.« Warum sagte er das? Es war doch klar, was jetzt kam. 


»Würden Sie mich bis Köln mitnehmen?« Sie sah ihn mit kindlichen Augen an. Offenbar machte sie sich keine Gedanken darüber, was sie ausstrahlte. 


Wollte er sie mitnehmen? Oder doch lieber in Ruhe seine Strecke abjuckeln? Er warf einen kurzen Blick aus der Frontscheibe. Vor ihm lagen die übliche Route und die üblichen ungenutzten Möglichkeiten, links oder rechts abzufahren und andere Wege einzuschlagen.»Steig ein«, sagte Mika. Irgendwie konnte er der bezaubernden Kleinen dann doch nicht widerstehen. 


»Danke!«, rief sie erfreut, hüpfte einmal und lief um den Lastzug herum. 


Die Beifahrertür öffnete sich und die junge Frau stieg so behände ein, als würde sie tagtäglich in großen Trucks sitzen. 


»Danke«, wiederholte sie und strahlte ihn an. »Ich heiße Anika.« 


»Mika.« Im selben Augenblick ärgerte er sich, dass er nicht abgelehnt hatte. Sie war so ein hübsches Ding und hatte ganz sicher nichts anderes im Kopf, als möglichst schnell und unbehelligt nach Köln zu kommen. Es war völlig abwegig, dass sie mehr wollte als eine kostenlose Beförderung. Erst recht nicht von irgendeinem Lastwagenfahrer. 


»Wohin?«, fragte sie und zeigte auf ihren Rucksack. 


»Leg ihn nach hinten.« 


Sie wuchtete ihr Gepäck über die Rücklehne, und Mika konnte eindeutig erkennen, dass sie keinen BH trug. 


»Ist das heiß heute«, meinte sie, als sie sich anschnallte. 


»Wird gleich besser.« Mika wies auf die Klimaautomatik und drückte die Fensterheber. 


Sie schwiegen, als der Lastzug vom Parkplatz rollte und sich in den Verkehr einfädelte. 

Anika rutschte ungeniert auf ihrem Sitz hin und her, bis sie es bequem fand. »Das ist ja ein richtiger Wuchtbrummi. Da habe ich schon deutlich schlechter gesessen!« 


»Ja, die Zugmaschine ist noch ziemlich neu.« Irgendwie war Mika stolz, dass sie seine Maschine gut fand. Verstohlen betrachtete er ihre Beine, die sie lässig gegen die Ablagefläche stützte. Eine Traumfrau. »Trampst du öfters?«, fragte er unbeholfen, um das Gespräch in Gang zu halten. 


»Nur gelegentlich. Ich war auf Norderney und wollte eigentlich mit der Bahn zurückfahren. Aber in den Zügen soll es ja zurzeit unerträglich heiß sein.« 


Mika lag die Frage auf der Zunge, ob sie keine Angst habe, mit einem fremden Mann zu fahren. Aber er befürchtete zugleich, dass er genau damit bei ihr Befürchtungen schüren würde. Wenn sie sich wohl fühlte, umso besser. Er würde nicht daran rühren. 


»Und du?«, fragte sie. »Fährst du diese Strecke oft?« 


»Ja, ziemlich oft.« Mika wollte es bei schon bei dieser Antwort belassen, doch ein Gespräch würde er so nicht führen können. »Es gibt einige Kunden, die Wert darauf legen, dass ich für sie fahre.« 


»Und das können die bestimmen?« 


»Kommt darauf an, ob es gute Kunden sind. Die Konkurrenz ist hart in der Branche. Und solch ein Entgegenkommen kostet nichts.« 


Darauf sagte sie nichts, als ob sie über seine Worte nachdachte. Dann fragte sie: »Wird es nicht langweilig, immer dieselbe Strecke zu fahren?« 


»Es geht.« Wieder musste er sich zwingen, mehr zu sagen: »Eine gewisse Routine ist nicht schlecht. Man kann einfach drauf los fahren und seinen Gedanken nachhängen.« 


»Ja, du hast sicher viel Zeit zum Nachdenken.« In den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie ihn ansah. »Worüber denkst du denn nach?« 


Mika war unangenehm überrascht. Was sollte er jetzt antworten? Dass er davon träumte, die eingefahrenen Wege zu verlassen und was ganz anderes zu tun? Aber er konnte ihr nicht einmal sagen, was ihm da vorschwebte. Und dass er sich ziemlich häufig fragte, wie es wohl wäre, mal eine Frau wie sie neben sich zu haben, behielt er auch besser für sich. »Na ja, irgendwie ist die Straße wie das Leben. Irgendwer schickt einen los und damit steht alles andere fest.« Er blickte kurz zu ihr hinüber. Sie sah ihn immer noch an. Hielt sie ihn jetzt für dumm? 


»Ich glaube, du bist ein richtig netter Kerl«, sagte sie. 


Mika spürte ein Kribbeln im Nacken. Er fand Anika auch klasse, aber das musste er für sich behalten. Sonst wäre sie vielleicht doch noch auf die Idee gekommen, er könnte sich Freiheiten herausnehmen. Und sie selbst klang so aufrichtig und arglos, dass sich hinter ihrer Aussage ganz sicher nichts verbarg, das diese Freiheiten zuließ. 


»Aber wenn das Leben wie die Straße ist, warum nimmst du nicht mal einen anderen Weg?«, schlug sie vor. 


»Welchen denn?« Sie hatte tatsächlich die Frage gestellt, die ihn auch bewegte. Was würde sie sagen? 


»Ich weiß nicht so recht«, sagte sie. »Aber für mein Leben ist der Weg nicht klar vorgegeben.« 


Sie hatte also auch keine Antwort. Mika blickte versonnen auf die Straße. Dann fiel ihm ein, auf welche Frage sie nun sicher wartete: »Was machst du denn so?« 


»Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Germanistik.« 


Sie hat studiert. Das sah schlecht aus für einen Lastwagenfahrer. 


Anika strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Und da war ich ein paar Tage auf der Insel, um mich zu erholen.« 


»Allein?« Mika hätte sich auf die Zunge beißen können. Hoffentlich dachte sie jetzt nicht, dass er sie nach ihrem Freund befragen wollte. 


»Nein, nicht allein«, sagte sie, ohne dass sich ihre Tonlage änderte. 


Klar. Natürlich war sie nicht allein gewesen. Wie hatte er das auch nur annehmen können. 


»Meine Freundin muss nach Hamburg. Sie hat schon vor einer Stunde eine Mitfahrgelegenheit gefunden.« 


Mika war irritiert. Hatte sie nun einen Freund oder nicht? 


Anika beugte sich vor und zog ihre Schuhe aus. »Es ist immer noch ziemlich warm hier. Kannst du die Klimaanlage nicht noch weiter aufdrehen?« 


»Doch, schon. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht erkältet.« Dennoch stellte er die Automatik zwei Grad tiefer ein. Die Achterbahnfahrt seiner heimlichen Gefühle, Wünsche und Selbstbeschränkungen machte ihm zu schaffen. »Stört es dich, wenn ich rauche?« 


»Ich bin hier nur Gast«, antwortete sie unverbindlich. 


Mika steckte sich eine Zigarette an und ließ das Fenster herunter. Sofort schlug ihm der heiße Fahrtwind ins Gesicht. 


»Gibst du mir auch eine?«, fragte Anika. 


»Du rauchst?« 


»Manchmal. Und jetzt habe ich Lust.« 


Er reichte ihr die Schachtel hinüber und dachte an seine Lust. 


Als sie den Rauch ausblies, ließ sie ihr Fenster ebenfalls herunter. »So heiß war es seit Jahren nicht mehr. Ich schwitze.« Mit der freien Hand fasste sie ihre Bluse und wedelte sich Luft darunter. 


Da! Jetzt hatte er ihren Busen gesehen. Unwillkürlich machte Mika den Rücken krumm und stützte sich auf das Lenkrad. Reiß dich am Riemen. Eine von der Uni will nichts von dir. Er sah die nächste Ausfahrt vor sich und fuhr vorbei. Immer schön gerade aus. 


Kurz darauf warfen sie beide ihre Kippen aus dem Fenster. 


Mika schwieg und auch Anika sagte eine Weile nichts. Er spürte aber, dass sie immer wieder zu ihm herüber sah. 


Dann fragte sie unvermittelt: »Hast du Familie?« 


»Nein.« 


»Hast du eine Freundin?« 


»Zurzeit nicht.« Sie durfte sich diese Fragen erlauben, weil sie eine Frau war und von ihr keine Gefahr ausging. Er sah den Autos nach, die ihn überholten. 


»Mich fragst du aber nicht viel?« 


Mika räusperte sich. »Ich will nicht, dass du dich bedrängt fühlst. Es ist ja nicht ungefährlich für eine junge Frau, bei einem fremden Mann mitzufahren.« 


Sie lachte. »Keine Sorge. Ich habe keine Angst vor dir. Du bist okay.« 


Mika konnte darin kein Kompliment erkennen. »Okay sein« klang wie »harmlos« oder »nichtssagend«. Je länger desto mehr war er frustriert. 


Wieder schwiegen sie und Mika ließ sich und den Lastzug vom Verkehr treiben. 


Irgendwann fiel ihm auf, dass seit der Zigarette die Fenster offen standen. Gerade wollte er fragen, ob er sie nicht schließen sollte, da sah er, dass sie die Augen zu hatte. Ihr Kopf war zur Seite gerutscht und wackelte leicht im Rhythmus der Straße. Ihr Gesicht war wunderschön, wenn sie schlief. Doch dann wurde sein Blick magisch von ihrer Bluse angezogen. Der Fahrtwind zerrte am Stoff und gab immer wieder den Blick auf ihren Busen frei. Ihm schien, dass ein Knopf mehr offen stand als vorher. Der Wind musste ihn gelöst haben. Es war undenkbar, dass sie ihn geöffnet hatte. Er sah sich ihre Beine und ihre Füße an und spürte, dass sie ihn erregte. Immer wieder kehrte sein Blick zurück und heftete sich in den Ausschnitt ihres Hemdes. 


Plötzlich schlug Anika die Augen auf. Mika zuckte zusammen. Sie lächelte ihn an. Er lächelte verkrampft zurück und sah eilends auf die Fahrbahn. 


»Und?«, fragte sie mit verschlafener Stimme. »Gefallen sie dir?« 


Mika lief rot an. »Was meinst du?« Es war ihm unendlich peinlich. 


»Meine Brüste. Weil du sie angesehen hast.« 


»Entschuldige. Tut mir leid.« Hatte sie etwa gar nicht geschlafen? 


»Kein Problem.« 


Mika wunderte sich, dass ihre Stimme immer noch freundlich klang. 


»Was ist nun? Gefallen sie dir?« 


Mika nickte und starrte geradeaus. »Ja.« 


Sie zog ein Bein auf die Sitzfläche und wandte sich ihm zu. Er schaute kurz hinüber. Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn unentwegt an. 


»Du machst mich nervös«, sagte er. 


»Schön!« 


Einmal mehr wurde es still. 


Dann sagte sie: »Vielleicht war es ja Absicht?« 


»Ganz bestimmt.« Mikas Stimmung war plötzlich mies. 


»Warum nicht? Vielleicht wollte ich ja, dass du sie siehst?« 


»Frauen machen so etwas nicht.« Mika glaubte an das, was er sagte. Wieder zog eine Ausfahrt an ihm vorbei, wieder eine verpasste Gelegenheit auf neue Wege. 


»Wenn du meinst.« Anika holte ihren Rucksack hervor und kramte darin herum, bis sie eine Flasche Wasser fand. Sie trank etwas, legte den Rucksack zurück und behielt die Flasche in den Händen. Ihre Bluse schloss sie nicht. 


Erneut stockte das Gespräch. 


Als sie sich dem Ruhrgebiet näherten, meinte Anika. »Irgendwie bist du ein bisschen seltsam.« 


»Ja, kann sein.« Mika dachte, dass der Tag eine ziemlich unangenehme Wendung nahm und fühlte sich noch elender. 


»Vielleicht ist es gar nicht gut, dass du so viel nachdenkst«, mutmaßte sie. 


Mika zuckte die Schultern. »Es ist, wie es ist.« 


»Du musst nicht ärgerlich sein. Es ist wirklich nicht schlimm, dass du mir in die Bluse geguckt hast. Männer interessiert das nun mal. Ich fände es schrecklich, wenn Männer nicht neugierig auf mich wären.« 


»Es kommt immer darauf an, wer es ist.« 


»Genau. Und bei dir fand ich es nicht schlimm. Im Gegenteil.« 


Mika wagte es nicht, sie anzusehen. Der Lastzug rauschte an einem Autobahnkreuz vorbei und er dachte, dass Anika viel zu selbstbewusst für ihn war. Anstatt zu verlangen, dass er an der nächsten Raststätte hielt und sie aussteigen ließ, weil er sich Freiheiten genommen hatte, ließ sie sich einfach weiter von ihm fahren. Sie wusste, dass sie anziehend war, und sie wusste ebenso, dass er sie niemals berühren würde. 


Am späten Nachmittag fuhren sie an Düsseldorf vorbei und näherten sich ohne nennenswerte Staus ihrem Ziel. 


»Gleich kommt Köln«, sagte Mika. »Wo soll ich dich raus lassen?« Er war furchtbar enttäuscht darüber, wie belanglos die Fahrt mit ihr letztendlich geblieben war. 


»Am besten gleich die nächste Raststätte. Ich lass mich abholen.« 


»Von deinem Freund?« Er musste es einfach wissen. 


»Ich habe keinen Freund.« 


Nun wusste er es. Aber machte es einen Unterschied? 


Als Mika auf die Abbiegerspur ausscherte, knöpfte sie ihr Hemd zu und schnappte sich den Rucksack. Er suchte einen Parkplatz und hielt an, ohne den Motor auszuschalten. 


»Vielen Dank, dass du mich mitgenommen hast.« Sie öffnete die Tür. 


»Alles klar«, erwiderte er. »Mach’s gut.« 


Sie stieg aus und zog das Gepäck aus der Kabine. Noch einmal sah er ihren dunklen Schopf, als sie sich den Rucksack aufsetzte, und wurde wehmütig. 


Die Tür war schon fast zu, als sie plötzlich wieder aufschwang. Anikas Gesicht tauchte auf und sie fixierte ihn mit den Augen. »Ich sage so etwas ja normalerweise nicht, aber du bist wie dein Auto: ein echter Wuchtbrummi.« 


Mika war überrascht. 


»Und es war doch Absicht!« Ihre Stimme klang trotzig.»Du solltest sie sehen!« Diesmal war sie es, die errötete. »Ich finde dich nett und ich hätte es schön gefunden, wenn du mich auf irgendeinen verschlafenen Parkplatz entführt hättest.« Sie holte tief Luft. »Und damit du es ganz genau weißt: Ich hätte mich sogar von dir verführen lassen. So richtig schön in deiner großen Kabine. Und wer weiß, was sonst noch alles hätte werden können. Heute, oder vielleicht sogar auf Dauer. Schade.« Schnell schlug sie die Tür zu. 


Für Sekunden saß Mika regungslos hinter dem Steuer. Dann hatte er es plötzlich eilig. Er schaltete den Motor aus und sprang aus dem Führerhaus. Sie war weg. Er lief um den Wagen herum und suchte sie, doch vergeblich. Voller Verzweiflung stampfte er mit dem Fuß auf. Er hatte eindeutig eine Ausfahrt zu viel verpasst. 


Fluchend stieg er wieder ein und fuhr los. Im Rückspiegel sah er sie. Sie telefonierte. Hinter ihm fuhr der nächste LKW an. Mika konnte nicht mehr anhalten. 


Er lenkte den Wagen zurück auf die Autobahn. Das Leben ist wie die Straße, dachte er, du kehrst immer wieder auf die Spur zurück. 

Raubritter

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Manchmal werde ich nachdenklich. Immer dann, wenn ich nicht raus will in die Welt, raus aus diesen Mauern, raus aus dem Schutz dieser Mauern. So wie heute, weil heute eine Entscheidung zu erwarten ist.


Mein Sohn Leonhard kommt in die Küche und murmelt müde: »Guten Morgen«.


Über die Zeitung hinweg erwidere ich seinen Gruß. Ein Gespräch beginnt nicht. Mir ist klar, weswegen auch er in Gedanken ist. Er hat seine neue Freundin im Sinn, sonst nichts und niemanden. Gestern Abend hat er sie getroffen. Um zehn Uhr musste er zu Hause sein. Ganz sicher hat er danach noch mit ihr gechattet. Stundenlang. Das gibt wieder eine schlechte Note in der Schule. Neue Freundin, schlechte Note. Manche Automatismen sind erschreckend einfach.


Während Leonhard versonnen an einem Toast herum kaut, kommt meine Tochter Hellen herein und nimmt mir die Zeitung weg, auf die ich mich ohnehin nicht konzentrieren kann.


»Guten Morgen, Papa.«


»Guten Morgen, Liebes.«


Sie füllt sich die Müslischale und isst schweigend, blättert ziellos in der Zeitung. Demnächst macht sie Abitur. Man merkt ihr die Anspannung an. Sie will es unbedingt gut machen, hat Pläne für die Zukunft.


Vera steht gerade unter der Dusche. Sie findet keinen Job, war zu lange raus aus dem Geschäft. Der Kinder wegen, auf eigenen Wunsch. Ihre Versuche, sich auf das eine oder andere Stellenangebot einzulassen, führten ins Nichts. Nur Langeweile und schlechte Stimmung. Ich darf nicht denken, dass da draußen nichts mehr auf sie wartet. Irgendwo muss noch ein Schatz liegen, der gehoben sein will. Sie darf auf Dauer einfach nicht unterfordert sein.


Die kleinen Probleme, Klagen aus der Sicherheit heraus, dass es uns allen alles in allem gut geht. Wir sind gesund, ich verdiene nicht schlecht, die Kinder kommen in Schule und Freundeskreis klar. Und wir haben diese Mauern, unsere Burg.


Das kleine Haus, das fast schon abbezahlt ist, kommt mir heute Morgen vor wie eine Festung. Es ist wie ein Bollwerk, in das wir immer wieder zurückkehren. Des Morgens ziehen wir los, gehen auf Raubzug, versuchen dem Tag Beute abzujagen. Und am Abend kehren wir heim. Mal haben wir uns bereichert, mal haben wir verloren. Wir sind Raubritter, die Raubritter unserer Zeit.


Rückzug. Wahrscheinlich ist es nicht allein das Haus, das uns Schutz und Geborgenheit bietet. Es ist vielmehr das, was in seinen Mauern stattfindet: wir vier.


Sie ist ein kostbares Gut, unsere Gemeinschaft. Vera liebe ich immer noch wie beim ersten Kuss. Sie liebt mich auch, daran glaube ich. Wir lieben uns alle, selbst wenn es nicht immer danach aussieht. Für Vera und mich bedeuten das Haus und die Kinder ein unschätzbares Glück. Leonhard und Hellen werden allmählich flügge. Hellen wird uns diesen Sommer verlassen, um zu studieren. Leonhard gibt sich des Öfteren genervt wegen dieses Haushalts, wäre gerne schon eigenständig. So ist das Leben. Und dennoch kommen sie wieder. Auch als Studentin wird Hellen zurückkehren, am Wochenende ab und zu oder in den Semesterferien. Und Leonhard bleibt uns ganz sicher noch länger erhalten als nur bis zum achtzehnten Geburtstag, wie er gerne androht. Eben weil hier mehr passiert als Haushalt.


Wir gehen auf Raubzug, Tag für Tag, versuchen, dem Leben etwas abzugewinnen. Doch hier ist der Ort, an dem wir nicht gewinnen müssen. Hier ist die Gemeinschaft, die auch die Verluste trägt und übersteht.


Kurz darauf klingelt das Telefon. Ich sitze im Büro und habe es geahnt. Wir haben den Auftrag nicht erhalten. Die Frage wird kommen, ob unsere Bewerbung an der Ausschreibung gut genug vorbereitet war. Die Frage wird in erster Linie mir gelten, denn dies war mein Projekt. Man kann nicht immer gewinnen, aber es betrübt mich dennoch. Schon ertappe ich mich bei der Sehnsucht nach dem Feierabend. Heute werde ich keine reiche Beute machen. Aber wenn Vera neben mir auf dem Sofa sitzt und sich an mich lehnt, dann spielt das keine Rolle mehr.


Ich ziehe sie noch näher zu mir heran und gebe ihr einen Kuss aufs Ohr. Sie seufzt und nimmt meine Hände. Leonhard kommt vom Sport. Ganz kurz schaut er bei uns im Wohnzimmer vorbei, bevor er auf direktem Weg ins Bad geht.


»Wie war die Klassenarbeit?«


»Ging so. War beim Training schneller als Jens! Der hat vielleicht Augen gemacht!«


»Glückwunsch! Das Essen steht in der Küche.«


»Später.«


»Heute gehst du früher schlafen.«


Hellen sitzt oben mit ihrer Freundin und büffelt für die Matheklausur. Nicht ihr stärkstes Fach. Aber sie will ihm einen Achtungserfolg abringen. Ich traue ihr das zu.

Was ist die Beute dieses Tages? 


Einmal schneller sein als der härteste Konkurrent. Imagegewinn. Ein Kuss von seiner Flamme.


Ein bisschen mehr Verständnis für einen Wust an Formeln und Zahlen.


Vera erzählt mir von Schnäppchen und der Schlange an der Kasse.


Und ich? Habe einen Auftrag verloren. Aber trotz alledem habe ich gerade heute die Erkenntnis gewonnen, dass diese Burg die fetteste Beute ist, die ich jemals machen werde. Die fetteste Beute, weil sie dich reich macht, auch wenn dein Raubzug erfolglos blieb. Als Ausbeute eines Lebens ist das vielleicht bescheiden, aber ich bin Realist. Es ist gut, ein Raubritter zu sein, solange deine Burg steht.

Der letzte Raub

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Der Schuh flog quer durch den Raum direkt auf ihn zu. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, so sehr die Fassung zu verlieren. Aber er trieb mich zur Weißglut, wie er da stand. Packpapier in der Hand. Den Fuß linkisch auf einer Plastiktüte. Mit dem unsicheren Blick des Ertappten.


Der Absatz traf ihn unter dem linken Auge. Erschrocken sah er mich an, der Schuh purzelte zu Boden, reflexartig fasste er sich ins Gesicht.


»Was tust du?«, fragte er perplex. Damit hatte er nicht gerechnet. Ebenso wenig wie ich.


»Was ich tue?«, keifte ich. »Ich verliere die Nerven!« Wutentbrannt stampfte ich mit dem Fuß auf und zuckte vor Schmerz zusammen.


Kaum zu glauben, dass ich in diesen Mann verliebt war. Mein Herz. Das war das erste, was er mir stahl. Er war anders als die anderen Männer, deren ich mich ständig erwehren musste. Ich wurde im Sturm erobert, weil er einfühlsam, bescheiden und unaufgeregt war.


»Es tut mir leid«, flüsterte er. »Ich hatte dich nicht …«


»Nein, das hast du nie«, fauchte ich. »Du hast mich nie im Blick, erwartest mich nicht. Du tust und machst, was immer dir in den Sinn kommt. Und du tust und machst es immer falsch. Immer auf meine Kosten. Du bist eine Zumutung für jede Frau!«


Was nicht hundertprozentig stimmte. Ich fühlte mich lange Zeit wohl in seinen Armen. Er war zärtlich. Auch fordernd, für meinen Geschmack manchmal über die Grenzen des Anstands hinaus, aber immer zärtlich. Das war sein zweiter Raub. Meine Unschuld.


»Ich wollte …«, begann er.


Ein wütender Schrei von mir unterbrach ihn. »Ich weiß sehr wohl, was du wolltest, du Dieb.«


Ich hätte nicht mit ihm zusammenziehen sollen. Die Einrichtung unserer gemeinsamen Wohnung kostete mich damals meine gesamten Ersparnisse. Er hatte keine und steuerte kaum etwas bei. Zum Dritten nahm er also mein Geld. Auch weil er weiterhin ohne Beschäftigung blieb und angeblich fleißig studierte. Während ich im Büro Überstunden schob, um wenigstens zum Jahresende eine Sonderzahlung rauszuschlagen.


Aber ich hörte nie auf zu träumen, dass es eines Tages besser würde. Wie blind ich war! Es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Als ich verstand, dass Wertgegenstände spurlos verschwanden und manchmal fremde Düfte in der Luft hingen, verflog mein Vertrauen in ihn. Er versprach mir, mich nie wieder zu hintergehen. Aber ich wurde das Misstrauen nicht los.


Eines Tages war es dann soweit. Ich suchte meine Uhr und fand ein schlüpfriges Spielzeug. Es gab keine Ausflüchte mehr. Ich gestand mir ein, dass meine Träume geplatzt waren. Die Träume von einer kleinen, heilen Welt.


Der Kassensturz meiner Beziehung mit ihm wies ein fettes, rotes Minus aus. Ich stellte ihn zur Rede und warnte ihn eindringlich. Vor dem inneren Auge tanzte wütend die kleine Liste seiner Raubzüge in meinem Leben. Das Herz, die Unschuld. Das Geld, die Dinge, die Treue. Ganz zu schweigen von Vertrauen und Träumen. Das war mehr als genug. Ich stellte ihm in Aussicht, dass er gehen würde, wenn sich nicht sofort grundlegend etwas änderte. Er sah mich forschend an, als wollte er herausfinden, wie ernst es mir war.


Ich sagte: »Du hast dich frei an mir und meinem Leben bedient. Und jetzt fühle ich mich bestohlen, ausgenutzt, innerlich verarmt. Aber du wirst nicht länger rauben, sondern einzahlen, ab jetzt.«


Eine Woche war das her. Dass ich trotz alledem bei ihm blieb und ihm diese letzte Chance einräumte, kostete mich meine Selbstachtung. Zugegeben, er gab sich Mühe seitdem. Jedoch nagte der Zweifel an mir, ob dieser Zustand von Dauer sein würde.


Und heute Abend kam ich von der Arbeit, schloss die Wohnung auf und öffnete die Tür. Sie stieß gegen ihn, ein furchtbares Klirren ertönte, Glas spritzte mir entgegen. Ich prallte zurück in den Flur, knickte mit dem Fuß um und landete auf dem Hosenboden. Ein stechender Schmerz durchfuhr mich, als ich aufstand und erkannte, dass die kostbare Vase meiner Großmutter in Scherben vor mir lag.


Rasend vor Wut humpelte ich in die Wohnung, setzte mich auf einen Stuhl und zog den Schuh vom malträtierten Fuß.


»Mist«, sagte er, »das tut mir leid.«


Da warf ich ihm den Schuh an den Kopf.


»Geh«, sagte ich und wies ins Schlafzimmer. »Pack deine Sachen und komm nur noch einmal wieder, um den Rest zu holen.«


»Aber wieso?«, fragte er. »Habe ich mich nicht gebessert?«


»Vielleicht, aber du hast dennoch einen Raub zu viel begangen.«


»Welchen denn?« Das Packpapier raschelte in seinen Händen.


»Du raubst mir den letzten Nerv.«

Ein Morgen mit Nofretete

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Fünf Uhr morgens. Feiertag. Ich habe vergessen, den Wecker auszustellen, und ärgere mich. Einschlafen kann ich nicht mehr. Die Unruhe des Lebens setzt ein, sobald ich die Augen öffne.

Du schläfst. Meine Augen verfangen sich in deinem Antlitz. Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe. Ich hauche dir einen Kuss auf die Wange und fahre zärtlich über deinen Arm. Dann stehe ich auf.

Vogelgezwitscher, Kaffeemaschine. Die ersten Geräusche des Tages sind vielversprechend. Sonnenaufgang, Zigarettenrauch. Ich ziehe die Beine aufs Sofa, das Leder quietscht. Zu viel Liebe, zu wenig Schlaf. Überdehnung der Sinne. In mir wird es mulmig.

Ich hänge zwischen Himmel und Hölle. Der Krater in meiner Seele ist riesig. Zu groß, um sich jemals wieder zu schließen. Du aber hast einfach angefangen, ihn zuzuschütten. Ohne zu eilen und ohne zu zögern. Jede Geste von dir schafft neue Substanz, wo zuvor gähnendes Nichts war. Gesten sind deine Stärke, eine von überraschend vielen. Du kannst das richtig gut und merkst es nicht einmal. Du bringst neue Horizonte in mein Leben, öffnest den Blick auf die schöne, verheißungsvolle Weite der Welt.

Es ist jedoch nicht gut, wenn ein Mensch zu wichtig wird. Du bist mir jetzt schon viel zu wichtig. Die Erfahrung meiner Jahrzehnte lehrt, dass man sich nicht allzu sehr auf Menschen einlassen darf, sich nicht auf sie verlassen sollte. Du hörst dir an, wie mein Leben war. Doch du scherst dich nicht darum, welche Schlüsse ich aus der Vergangenheit ziehe. Du bist einfach da und schaffst Perspektiven, schaffst einen Neuanfang.

Als wir zusammensaßen und vor der Frage standen, ob wir es miteinander versuchen wollen, hatte ich mir einen Kompromiss zurechtgelegt. Er lautete: Wir haben keine Zukunft, aber wir haben eine Gegenwart. Vielleicht. Wenn wir es wagen. Du hörtest dir geduldig an, was ich grob gezimmert hatte, um deiner und meiner Situation gerecht zu werden. Und dann wischtest du mit einem Satz alles vom Tisch. Ich sehe eine Zukunft für uns, sagtest du, für dich und mich.

Seither wage ich wieder einen Blick nach vorne, nehme das Leben als Chance wahr, lasse etwas Gutes zu. Und das Loch in mir füllt sich mit deinen Gesten.

Darüber ist Zeit vergangen, die Sonne steht am Himmel, der Kaffee ist kalt, ich habe mich gefangen. Vorsichtig schleiche ich ins Schlafzimmer und versuche dich zu wecken.

Es vergehen Minuten, bis du meine Nähe wahrnimmst. Du öffnest die Augen, dein Blick bleibt verschwommen. Gestern noch schmiegtest du dich an mich, heute bleibt jede Regung aus. Mir tut unendlich weh, was mit dir geschieht. Wehe, du wirst nicht gesund. Einen Augenblick noch halte ich dich in den Armen. Dann stehe ich auf. Vogelgezwitscher, Kaffeemaschine.

Auftritt Ihrer Majestät. Wie eine Göttin schreitest du an mir vorüber, erhaben, wunderschön, unnahbar. Die Sonne erstrahlt in deinem Haar, der Rauch verhüllt deine Züge. Den ersten gemeinsamen Kaffee genießen wir in abgrundtiefer Stille. Du blickst in die Leere, ich ringe um Fassung.

Und dann, plötzlich, ein Lächeln. Ich fixiere deine Lippen, schaue in deine Augen. In mir löst sich ein Knoten. Es ist wahrhaftig ein Lächeln, liebevoll, offen, es ist dein Lächeln. Die Tiefe der Nacht entlässt dich in den Tag. Du bist noch da. Dank sei Koffein, Dank sei Nikotin.

Als du eine Viertelstunde später aus dem Bad kommst, legt sich das Handtuch wie ein Turm um dein Haar. Nofretete ist auferstanden und lässt sich zur Audienz herab. In deinen Augen glitzert es. Und dann höre ich Worte aus deinem Mund, dass mir der Atem stockt, dass sich der Krater zum Berg erhebt, dass der Horizont sich schier in die Unendlichkeit weitet. Du lächelst. Eine gemeinsame Wohnung?

Du manipulierst mich und sagst mir die Dinge, die ich gerne höre. Ich lasse es zu, bis ich verstehe, welche Absicht du verfolgst. Du hast zwei Gesichter, bist uneins mit dir selbst, du starke, kämpferische, lebenshungrige Frau. Was ist wahr? Was ist vorübergehende Gnade im Zwiespalt?

Die Zeit mit dir ist wunderschön. Die Impulse, die du in mein Leben bringst, sind unschätzbar wertvoll. Deine Gegenwart ist Reichtum. Nofretete, die Göttliche, hat entschieden, das Leben möge heute gnädig sein. Ihre Hände legen sich segnend über unser kleines Universum.

Vogelgezwitscher, Kaffeemaschine. Die Geräusche des hohen Tages sind verheißungsvoll.

Hyänen

Hamster

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Das Telefon klingelte und Bergmann sah auf das Display. Der Vorstand. Mit dem zweiten Klingeln kam schlagartig das mulmige Gefühl. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest.

     
»Ins Konferenzzimmer.« Keine unnötigen Floskeln. In sieben Jahren kaum ein persönliches Wort, aber im Jahresgespräch die wiederkehrende Aner­kennung, wie zufrieden der Vorstand mit Bergmanns Arbeit sei.

     
»Gleich«, sagte Bergmann.

      
»Nicht gleich. Sofort!« Reine Funktionalität, hochdosierter Druck.

     
»Das meine ich ja.« Bergmann legte auf, schnappte sich das Notizbuch und eilte aus dem Büro. Während er dem Vorstandszimmer näher kam, fragte er sich, was schief gegangen war. Er hatte die Sitzung akribisch vorbereitet und mit dem Vorstandsvorsitzenden abgestimmt. Mit ein bisschen Glück kam er glimpflich davon. Im Innersten wusste er aber, dass es nicht so laufen würde.

     
Er klopfte an die Tür und trat ein.

     
»Der Bremen-3-Vorgang fehlt in der Sitzungsvorlage.« Der Vorsitzende sah ihn mit starrem Gesichtsausdruck an. Auch die Blicke der anderen Vorstände und Bereichsleiter waren auf ihn geheftet.

     
Bergmann spürte, dass seine Augen flackerten und ihn dieses völlig hilflose Gefühl übermannte. Ein ertapptes Kind. »Bremen 3 stand nicht auf der Tagesordnung«, entschuldigte er sich.

    
»So was muss man immer in der Hinterhand haben«, entgegnete der Vorsitzende.

    
»Geben Sie mir eine Minute, ich organisiere ein Handout.«

    
»Ich habe die Unterlage zufällig auf dem Stick.« Eine Hand erhob sich über die Köpfe der Männerriege, ein kleines Stück Plastik zwischen Daumen und Zeigefinger.

     
Czerkowicz, natürlich. Bergmann fing einen blitzschnellen Seitenblick seines Kollegen auf. Sein kleiner Triumph. Wahrscheinlich hatte der verdammte Kerl das Gespräch absichtlich auf Bremen 3 gelenkt, um punkten zu können.


»Gut«, meinte der Vorsitzende. »Bergmann, Sie sind raus. Danke.«

 

     

Bergmann schloss die schwere Tür hinter sich und schlich zurück über den Flur. Am Automaten zog er sich einen Kaffee, holte seinen Mantel aus dem Büro und begab sich auf eine Zigarette nach draußen. Der Anspruch auf Perfektion und die Erfahrung, sie nie zu erreichen, waren erdrückend.


Unter dem Abdach stand bereits ein Kollege. Mist, ausgerechnet der Lücke. Bergmann spürte, wie sich seine Lust auf Koffein und Nikotin eintrübte. Lücke war keiner mehr, mit dem man sich unterhalten musste. Er war vor zwei Jahren hart ausgebremst worden, hatte sich in eine psychosomatische Klinik verdrückt und arbeitete seit seiner Rückkehr deutlich weniger, spielte im Aufstiegskampf aber auch keine Rolle mehr.


»Hallo Bergmann.« Lücke nippte am Kaffee und sog an seiner Zigarette.


»Hallo Lücke.« Bergmann zündete sich auch eine an und testete seinen Kaffee. Schon trinkbar, nicht zu heiß.


»Wer hat Ihnen diesmal das Bein gestellt?«


»Woher …« Wieso wusste der Kerl Bescheid? Nach nur fünf Minuten? Der Flurfunk funktionierte beängstigend gut. Immerhin: In Lückes Gesicht war keine Gehässigkeit auszumachen, eher Interesse.


»Czerkowicz oder Westerhoff?«, hakte Lücke nach.


»Czerkowicz.« Bergmann blies den Dampf über seinem Becher sachte weg und nahm den nächsten Schluck.


»Der ist scharf zurzeit«, bestätigte Lücke.


»Und wie läuft’s bei Ihnen?«, fragte Bergmann.


»Ich habe einen autoritären Chef und eine tyrannische Frau.« Lücke zuckte die Schultern. »Wie soll’s mir da gehen?«


Bergmann sah seinen Kollegen befremdet an. Auf keinen Fall wollte er sich mit Lücke auf persönlicher Ebene austauschen.


»Nun gucken Sie nicht so, als würde ich Ihnen etwas völlig Abwegiges kundtun.« Lücke lächelte milde. »Ihnen geht’s doch ähnlich.«


Bergmann spürte, wie das Nikotin ihn übermannte. Eine bleierne Schwere legte sich auf seine Schultern. Er war hart am Limit. Lücke konnte sich sein deprimierendes Resümee sparen.


»Wissen Sie, warum so viele Menschen einen Burnout erleiden?« Gelassen schlürfte Lücke seinen Kaffee.


Bergmann reagierte nicht.


»Weil es nicht aufwärts geht.« Lücke nahm einen tiefen Lungenzug. »Nur für wenige geht es aufwärts. Den meisten aber wird schnell klar, dass sie nicht zu den Auserwählten zählen. Sie wissen, dass es für den Rest ihres Lebens nur darum gehen wird, nicht abzusteigen.«


Bergmann nippte am Kaffee und schwieg.


Lücke hustete. »Bis zur Rente werden wir uns tagtäglich mörderisch ab­strampeln, nur um den Status Quo zu erhalten. Wir zahlen die Raten für unser Haus, fahren zweimal im Jahr in Urlaub, bringen unsere Kinder auf dieselbe miese Spur und verrecken eines Tages in irgendeinem personell unterbesetzten Seniorenheim. Oder kippen tot vom Bürostuhl und jeder sagt, dass es am Rauchen lag. Das ist nicht gerade eine lebensfreundliche Perspektive. Wir sind wie die Hamster im Rad.«


Bergmann zog an der Zigarette.


»Gilt auch für gescheiterte Ehen«, ergänzte Lücke. »Burnout der Partnerschaft. Keine Liebe, kein Sex, keine emotionale Perspektive.«


Bergmann war jetzt genervt und sah ihm direkt in die Augen. »Warum tun Sie es sich dann an? Diesen ganzen beschissenen Dreck?«


Lücke drückte seine Zigarette aus und zündete sich noch eine an.


Es klingelte. Bergmann fingerte nach seinem Smartphone und sah auf das Display. Der Vorstand. Plötzlich sackte sein Kreislauf weg. Stehen bleiben, ganz ruhig, einfach nur stehen bleiben. Er nahm das Gespräch an. »Bergmann?« Seine Stimme zitterte.


»Wo stecken Sie denn, Bergmann? Ins Konferenzzimmer.«


Bergmann schob das Telefon ins Jackett, schnipste die Kippe weg und lief zurück ins Gebäude.


»Warum tun Sie sich das an?«, rief Lücke ihm nach.


Bergmann nahm den Aufzug, schmiss den Mantel in sein Büro und den halbleeren Kaffeebecher in einen Papierkorb am Kopierer. Warum tun Sie sich das an? Die Frage hallte in seinem Kopf, während er zum Vorstandszimmer hetzte. Warum tun Sie sich das an? Ja, warum? Vor der Tür blieb Bergmann stehen und atmete durch.


Bietet denn irgendwer eine Alternative? Eine wirkliche Alternative und nicht nur so ein ökogesülztes Aussteigerblabla mit veganen Werkverträgen aus freiberuflicher Magerkost? Gibt es irgendwo einen garantiert heilbringenden Masterplan für ein wohlstandsgetriebenes Leben?


Bergmann öffnete die Tür zum Vorstandszimmer und fand die hohen Herren in muntere Konversation vertieft.


»Kommen Sie rein, Bergmann, nehmen Sie Platz.« Der Vorsitzende war sichtlich guter Laune. »Kaffee?«


»Danke, gerne.« Bergmann setzte sich.


»Wir sind ein gutes Stück voran gekommen«, meinte der Vorsitzende. »Ihre Ausarbeitung zu Bremen 3 war eine geeignete Entscheidungshilfe. Zum Glück hatte Czerkowicz sie griffbereit.«


Bergmann fing ein säuerliches Lächeln seitens des Kollegen auf.


»Gute Arbeit, Bergmann.« Der Vorsitzende zeigte sein wohlwollendes Lächeln und schob ihm einen prall gefüllten Ordner zu. »Morgen früh um acht brauche ich dann eine Vertragsvorlage für unsere Juristen.«


Bergmann nickte. Er klemmte sich den Ordner unter den Arm, ließ den Kaffee stehen und machte sich auf den Weg ins Büro. Das drohende Gewitter war einem vereinzelten Sonnenstrahl gewichen. Motivation genug für einen langen, innigen Abend mit Bremen 3.


Warum tue ich mir das an?


Das Hamsterrad dreht sich weiter. Wer bei dem Tempo aussteigt, landet auf der Nase. Ich habe keine Wahl.

Lemminge

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Der Schreck saß tief. Früher oder später hatte so etwas ja passieren müssen. Vielleicht war es eine Zäsur. Nicht nur für ihn. Für das ganze Unternehmen. Wenn es denn überhaupt etwas Sinnvolles gab, das daraus entstand. 


Bergmann riss die Tür auf und trat nach draußen. Noch immer regnete es in Strömen. Zum Glück waren es nur wenige Schritte. Er marschierte los. Der Kaffee schwappte über den Rand des Bechers und der Regen füllte ihn wieder auf. Ein Schirm wäre hilfreich gewesen. 


Gleichzeitig musste er sich der Situation stellen. Jetzt. Womöglich gab es kurzfristig eine Entscheidung zu treffen. Die freie Stelle. Seine Chance zum Aufstieg. Bergmann konnte es schon spüren. Noch mehr Stress, noch mehr Verantwortung, aber auch mehr Geld und Ansehen. Wie viel konnte er tragen und wann war besser Schluss für ihn? 


Die Schultern hochgezogen erkannte Bergmann über den Brillenrand hinweg, dass Kollege Lücke unter dem Abdach stand und rauchte. War klar. Nicht mal zehn Minuten hatte man hier Ruhe. 


Und noch jemand stand dort. Bergmann kniff die Augen zusammen und erkannte Czerkowicz, ebenfalls in Rauch gehüllt. Seit wann ...? Hatte die Nachricht sogar diesen geölten Karrieremasturbanden getroffen? Dann wurde ihm bewusst, dass auch Czerkowicz sich für die Stelle interessieren könnte. Für ihn wäre sie kein Aufstieg, aber eine willkommene Abwechslung und ein Ausgangspunkt für weitere Karrierestufen. 

Bergmann rettete sich ins Trockene und fegte die Wasserperlen vom Jackett. Für Regenbeulen war der Anzug einfach zu teuer gewesen. 


»Eigentlich stehe ich ja nicht so auf materialermüdete Brüste«, sagte Lücke und wandte den Kopf. »Ach. Hallo Bergmann.« 


»Hallo Lücke. Czerkowicz ...« Bergmann deutete ein Nicken an. 


Czerkowicz erwiderte das Nicken und schwieg. 


»Wir sprechen gerade über ...« Lücke warf Bergmann einen bedeutungs­vollen Blick zu. 


»Natürlich«, antwortete Bergmann. Frauen. Unmerklich schüttelte er den Kopf und nahm den ersten Schluck Kaffee. 


»Aber sie hatte natürlich viel erotische Nutzfläche.« Lücke zwinkerte Czerkowicz zu. 


Bergmann verzog die Lippen. Er zündete sich eine Zigarette an und zog tief durch. Lücke war ein kaputter Typ. Vor seinem Absturz hatte der Kerl selbst einen derart kalorienkathedralen Wanst gehabt, dass sein Schwanz in der Sonne ein einsames Schattendasein führte. Seither war er ausgemergelt und bestimmt kein Aufreißer. 


»Und Frauen in ihrem Alter wollen es unbedingt, weil sie denken, es könnte das letzte Mal sein.« Lücke schnipste die Asche weg. »Da wäre ich ja gerne noch zum Zug gekommen. Aber leider ...« 


Schlagartig wurde Bergmann bewusst, um wen es ging. »Sagt mal, spinnt Ihr?« Sein Puls ging durch die Decke. »Sie ist noch nicht mal vierundzwanzig Stunden tot und Ihr redet über sie, als wäre sie Freiwild gewesen?« 


Czerkowicz nahm einen Zug und hielt den Atem an. 


Lücke zuckte die Schultern. »Reg dich ab, Bergmann. Ihr tut’s nicht mehr weh. Aber uns entgeht was.« 


Bergmann machte eine ungehaltene Bewegung und wieder schwappte der Kaffee aus dem Becher. »Ach Scheiße.« 


Für einen Augenblick schwiegen sie und zogen an ihren Zigaretten. 


Bergmann räusperte sich. »Was ist eigentlich passiert? Weiß das schon jemand?« 


»Angeblich mit Vollgas gegen einen Baum«, sagte Lücke. »Mehr Alkohol als Blut im Körper. Dafür kein Sicherheitsgurt. ‘n Freund von mir ist Chirurg in der Ambulanz. Sagte, es hätte ausgesehen, als wäre ein Panzer drüber gefahren.« 


Czerkowicz trat seinen Stummel aus und zündete sich die nächste Zigarette an. Lücke ließ die Kippe fallen und nahm auch noch eine. Der Regen pladderte vor sich hin. Autos zogen einen Nebel aus Gischt hinter sich her. 


»Oh Mann.« Bergmann seufzte. »Sie war so ein netter Mensch. Freundlich. Gut gelaunt. Ich glaube, alle mochten sie irgendwie. Wisst Ihr noch, wie sie den Bremen-3-Auftrag an Land gezogen hat? Sie hatte es drauf und saß so fest im Sattel. Ich hätte das nie von ihr gedacht.« 


»Ts«, machte Lücke. »Man muss sich ja nicht gleich umbringen. Sie hätte nur mal etwas sagen müssen.« 


»Was denn?« Czerkowicz‘ Stimme war leise und rau. 


Bergmann verkniff sich eine voreilige Antwort. 


»Was soll man in ihrer Situation sagen?«, fragte Czerkowicz. »In einem Unternehmen wie diesem? In einer Gesellschaft wie dieser?« Er sah erst Lücke, dann Bergmann an. »Mir geht’s nicht gut? Mir wächst der Job über den Kopf und mein Privatleben ist auch am Ende?« 


Bergmann spürte seine Eingeweide. »Klar, das geht nicht, nicht hier. Du kommst sofort auf die Streichliste, wenn du Schwäche zeigst.« 


»Und hinterher sind alle entsetzt.« Czerkowicz sah hilflos aus. »Tun so, als gäbe es unter Kollegen Raum für persönliche Befindlichkeiten, als hätte jeder Verständnis für ihre Sorgen aufgebracht, wenn sie nur etwas gesagt hätte. Aber Ihr wisst selbst, wie das läuft. Ist die Seele angeschlagen, will niemand mit dir zu tun haben. Deshalb schweigen Menschen wie sie und deshalb wird es wieder passieren. Es gibt keinen Ausweg aus solch einer Falle.« 


Bergmann sah ihn verwundert an. Czerkowicz hatte nur seine Karriere im Blick. Menschliche Regungen traute er ihm nicht zu. 


»Trotzdem.« Lücke blieb stur. »Dann sucht man Hilfe bei Freunden, in der Familie, geht zum Arzt. Oder lässt sich vögeln.« 


Czerkowicz atmete tief durch. Es klang gereizt. »Als wenn all das immer verfügbar, hilfreich und ausreichend wäre. Glaubt Ihr wirklich, dass wir die Hoheit über unser Leben haben? Dass es einem nie entgleiten kann?« 


Bergmann fixierte Czerkowicz. »Wieso nimmst du das ...?« 


»Ich hatte was mit ihr.« 


Bergmann starrte ihn an. 


»Was?« Lücke war perplex. »Du hast es mit meiner Chefin getrieben?« 


»Ist schon länger her. Es ging ihr nicht gut und es war nicht leicht mit ihr. Ich weiß also, wovon ich rede.« 


»Erzähl!« 


»Mensch, Lücke, jetzt ist aber gut.« Bergmann wandte sich an Czerkowicz: »Wie kommst du damit klar?« 


»Lücke ist mir völlig egal, soll er reden.« 


»Autsch.« Doch Lücke war nicht verletzt. 


»Heute sind alle geschockt«, meinte Czerkowicz. »Sie nehmen Anteil und wissen genau, dass es ihnen lästig gewesen wäre, solange sie noch da war. Wer hätte freiwillig Rücksicht auf eine verstörte Kollegin genommen? Der Vorstand etwa? Oder du, Lücke?« 

Lücke setzte zu einer Antwort an, doch Czerkowicz ließ ihn nicht. 


»Bereits morgen, spätestens übermorgen wird es heißen, dass sie ja schon ein bisschen merkwürdig war, irgendwie schräg und immer ein wenig abseits. Dann beginnt der Zersetzungsprozess. Mitgefühl hat eine kurze Halbwertzeit.« Czerkowicz zog an der Zigarette und atmete geräuschvoll aus. »Jetzt schaut mich nicht so an. Ich habe sie nicht geliebt. Es tut mir nur leid um sie.« 


Bergmann stellte fest, dass seine Zigarette ausgegangen war, und zündete sich eine neue an. Der Kaffee war nurmehr lauwarm, er setzte den Becher am Boden ab. 


»Was soll’s. Irgendwie stehen wir alle am Abgrund und werden gefickt.« Lücke blieb bissig. »Nur leider von hinten. Wir stehen mit dem Rücken zur Klippe. Sobald wir anfangen, uns zurückzuziehen, kann es ein Schritt zu viel sein.« 


»Für die meisten geht es zum Glück gut«, konterte Bergmann. 


Czerkowicz sah ihn spöttisch an. 


Bergmann war verwirrt. Er spürte selbst, wie nah er an die Klippe gedrängt wurde. Sogar Czerkowicz hatte den Abgrund gesehen, auch wenn es nicht sein eigener war. 


»So, Ihr Lemminge«, sagte Lücke. »Ich gehe wieder rein. Da wartet noch Arbeit auf mich.« Lücke schlug den Kragen hoch und zuckelte zurück ins Gebäude. 


Czerkowicz nickte Bergmann zu. »Du kannst ihren Job haben. Kein Interesse.« Dann schloss er sich Lücke an. 


Bergmann blieb zurück. Ein Mann zerrte einen Hund hinter sich her, ein Kind plärrte, irgendwo war ein Krankenwagen zu hören. 


Hatte es nichts zu bedeuten? War nur wichtig, dass man die Sonnenseite erwischte? Am Ende kam niemand lebend hier raus. Aber vielleicht fröhlicher. 


Das Handy summte. Bergmann sah auf das Display und sein Bauch schmerzte. Der Vorstand. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest. 


»Wo sind Sie, Bergmann? Sie verpassen unser Meeting.« Der Vorsitzende klang verärgert. »Der Vertrag wartet. Wir sind nicht zum Spaß hier.« 

Frösche

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»Nein, danke. Ich weiß, wie man hier ‘rauskommt.« 

Bergmann verstand den doppelten Sinn ihrer Aussage, blieb stehen und sah seiner Kollegin nach. Ihr hektischer Gang verriet, wie verletzt und aufgebracht sie war. Mit Recht. Für einen Augenblick bekam er Angst, sie könne etwas Unüberlegtes tun. Er hatte keine Lust darauf, am Abend einen langen Kratzer an seinem Wagen zu entdecken. Doch dann sah er ihren kugelrunden Bauch und beruhigte sich. 

»Sie ist schwanger.« Zwei Tage zuvor hatte er in der Chefetage gesessen. 

Die Aussage perlte am Vorstand ab. »Bergmann, unser Unternehmen hat nach wie vor eine kritische Größe. Es ist unabdingbar, dass wir eine schlanke, schlagkräftige Truppe bleiben. Da brauchen wir Vollzeitkräfte mit vollem Einsatz für unser Wachstum und keine halbtagstätigen Mütter, die mit einem Ohr bei den Kindern zuhause sind.« 

»Ich verstehe, was Sie meinen«, wandte Bergmann ein und spürte seinen inneren Widerstand. »Doch als Schwangere genießt sie einen besonders hohen Kündigungsschutz.« 


»Regeln Sie das.« 


Czerkowicz begleitete ihn zu dem Gespräch am späten Nachmittag. 


»Ich mach das«, sagte Bergmann. »Sie können sich ja im weiteren Verlauf einschalten, falls es zu juristischen Fragen kommt.« 


Czerkowicz nickte. 


Dann saß sie da, seine Mitarbeiterin. Er hatte sie selbst eingestellt und ihre Arbeit geschätzt. Sie war sichtlich verwundert, dass Czerkowicz ebenfalls am Tisch saß, und rutschte unruhig im Sessel hin und her. Bergmann ertappte sich dabei, dass er mit höflichem Geschwafel über ihre Schwangerschaft, ihren Mann und den Kauf einer Eigentumswohnung begann. Doch dann ließ sich der Augenblick der Wahrheit nicht mehr herauszögern, ohne dass Czerkowicz ihn spöttisch angesehen hätte. 


Das zurückliegende Wochenende war furchtbar gewesen. Bergmann hatte versucht, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Einige Formulierungen hatte er sich zwar zurechtgelegt, doch seine Seele signalisierte, dass er in keiner Weise bereit war. Er hasste sich für das, was er tun musste. Ihm war, als verkaufte er seine Seele dem Vorstand, der ihn starr angesehen hatte wie die Schlange den Frosch. 


»Also. Worüber wir eigentlich mit dir sprechen wollten …« Bergmann war überrascht, wie fest seine Stimme klang. 


Seine Kollegin legte den Kopf leicht zur Seite und zeigte ein gewinnendes Lächeln. Nur ihre Finger spielten nervös weiter. 


»Du weißt ja, dass wir zwei Jahre hinter uns haben, in denen wir unsere Ziele nur teilweise erreicht haben. Wenn uns der Durchbruch in China nicht gelingt, werden wir längerfristig auf der Stelle treten.« 


Sie nickte. 


»Um zu gewährleisten, dass unser Unternehmen auf jeden Fall profitabel bleibt, müssen wir in jeder Hinsicht unsere Strukturkosten im Griff behalten.« 


Ihr Blick ging ins Leere, als versuchte sie, auf die Schnelle alle weiteren Schlüsse vorauszudenken. 


Jetzt. 


»Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dir zu beenden.« 


Das Lächeln blieb. Schwebezustand. 


Bergmann hatte es getan, er hatte es tatsächlich gesagt. Ihn durchlief es eiskalt. Das war also der Moment, in dem auch er zur Schlange mutierte und seinen ersten Frosch verschlang. 


Dann sank sie in sich zusammen. »Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.« 


»Es tut mir leid.« Bergmann meinte es aufrichtig und dennoch war jede weitere Aussage von ihm nun blanke Heuchelei. 


Ihr Mund verzog sich. »Einfach so?« 


Bergmann sah ihr in die Augen und schwieg. 


»Und es gibt keine andere Möglichkeit?« Für ein paar Sekunden kämpfte sie mit den Tränen, behielt sich aber unter Kontrolle. 


»Das Unternehmen hat sich für diesen Weg entschieden.« Bergmann hielt den Blickkontakt. 


»Ich meine, ich gehe sowieso bald in Mutterschutz und Elternzeit und komme danach nur in Teilzeit wieder.« 


Bergmann nickte. »Wir haben diese Kriterien berücksichtigt.« 


»Das wirft unsere ganze Finanzplanung über den Haufen.« Sie blinzelte. 


Bergmann biss sich auf die Lippe, andernfalls hätte er nur wieder »Tut mir leid« gesagt. 


»Warum ich? Warum nicht ein anderer aus dem Team?« 


»Wir brauchen auch weiterhin Leute, die hier jeden Tag Vollgas geben.« 


Sie versteifte sich. »Das ist ein bisschen frech, findest du nicht?« 


Im Augenwinkel sah Bergmann, dass Czerkowicz sich im Sessel aufrichtete und mit einer unschönen Auseinandersetzung rechnete. 


Sie beugte sich vor. »Du hast aber schon im Blick, dass ich schwanger bin und Ihr mir nicht einfach so kündigen dürft?« 


»Wir finden eine Lösung.« 


»Eine andere Lösung als Kündigung.« 


»Es tut mir leid. Ich habe da keinen Verhandlungsspielraum.« 


An diesem Punkt schaltete sich Czerkowicz ein und für Bergmann versank die kommende Viertelstunde im Nebel. 


Und jetzt eilte sie mit übergroßen Schritten dem Ausgang zu. Bergmann mochte sie und sie hätte ihren Weg im Unternehmen gemacht. Dummerweise war sie zum falschen Zeitpunkt schwanger geworden. Manchmal fragte er sich, warum Frauen um jeden Preis berufstätig sein wollten und wie die Rolle als Hausfrau und Mutter derart in Verruf geraten konnte. War das hier wirklich besser? 


Eine Bürotür öffnete sich. Kollege Lücke eilte mit der Zigarette im Mund auf den Ausgang zu, durch den die Kollegin gerade verschwand. 


»Na, Bergmann, wirklich großer Wurf!«, rief Lücke quer durchs Foyer. »Du bist Gesprächsthema Nr. 1. Hast es dir mit allen jungen Frauen verdorben. Gratuliere!« 


Bergmann atmete tief durch und beachtete ihn nicht. Czerkowicz würde jetzt dafür sorgen, dass seine Mitarbeiterin keinen unnötigen Lärm schlug und der Betriebsrat die Füße stillhielt. Wir sind eine große Familie und regeln auch solche Angelegenheiten unaufgeregt auf unsere Weise. Der Frosch wurde bereits verdaut und für den Augenblick war die Schlange satt. 

Hasen

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Fünfzehn Uhr. In einer Stunde wollte Bergmann den PC ausschalten und nach Hause fahren. Die Kernarbeitszeit von acht bis sechzehn Uhr gab den Rahmen vor, für wie lange er sich heute mit unterschwelliger Vorfreude in die Arbeit stürzte und ab wann er endlich den Abend einläuten konnte. Seine Frau und er hatten Karten für ein besonderes Konzert und da sollte alles möglichst perfekt sein und ohne Hektik laufen. 


Bergmann wandte sich dem Bremen-3-Vorgang zu, der nur zäh vorankam und allmählich nervte. Immerhin würde die Feasibility Study bis morgen Mittag vorliegen, er selbst war mit seinem Part gut vorangekommen und konnte den Rest morgen Vormittag erledigen, bevor ab zwölf Uhr die letzte Abstimmung erfolgte und das Gesamtpaket an den Vorstand ging. 


Eine E-Mail ploppte auf. Betreff »Bremen 3«. Absender Czerkowicz. Bergmann verdrehte die Augen und öffnete sie. 


»Hallo zusammen, dringende Änderung im Ablauf: Die Unterlagen für Bremen 3 müssen heute schon fertig gestellt und dem Vorstand übergeben werden. Wir treffen uns um 18:00 Uhr im großen Sitzungssaal. Es wird also wieder mal später.« 


Bergmann starrte auf die Nachricht, klickte auf »Antworten« und schrieb: »Hallo Czerkowicz, ist nicht dein Ernst. Muss um 4h weg.« 


Drei Minuten später kam die nächste Mail, wieder an den großen Verteiler: »Sorry Leute, es geht nicht anders. Anscheinend droht Ärger mit dem Umweltschutz und der Vorstand trifft morgen früh den Bürgermeister. Da müssen wir zeigen, dass wir an alles gedacht haben.« 


Bergmann verstand. Nicht nur er, sondern auch weitere Kolleginnen und Kollegen hatten sich beschwert. Wahrscheinlich brauchte der eine oder die andere noch dringend Zeit und hatte den Abend bereits eingeplant. Jetzt machte sich Panik in den Köpfen breit. 


Bergmann schüttelte den Kopf. Seine Frau würde ihm den Kopf abreißen, wenn er das Konzert ausfallen ließ. Beide freuten sich seit Tagen auf diesen Abend. 


Kurz darauf kam die nächste Nachricht an alle. »Es reicht, Leute. Der neue Terminplan für heute und morgen früh ist fix. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir dieses Projekt wirklich wollen und können. Gebt Gas, dann sind wir um 20:00 Uhr durch.« 


Bergmann sah auf die Uhr. Fünfzehn Uhr dreißig. Zweieinhalb Stunden bis zur Abgabe und zur Konferenz. Das war machbar, wenn er sich jetzt richtig ranhielt und sich nicht mit den Details der Nebenschauplätze aufhielt. Danach zwei Stunden Meeting mit dem Vorstand, bei dem allerdings nichts schief gehen durfte, sonst saß er im Anschluss noch stundenlang an Nacharbeiten. 


Doch die Luft war raus, komplett. Gleich als erstes musste er seine Frau anrufen und absagen. Ihm graute vor dem Gespräch. Einmal mehr war es sein Job, der einen gemeinsamen Abend vermasselte und diesmal sogar das Konzert. Bei dem Gedanken begann sein Herz zu pochen. War er bereit, das hinzunehmen? Dass der Job sein Leben diktierte? Dass die Arbeit an seiner Ehe nagte? Dass er im Büro immer bis ans Limit ging? 


Ja. Es ging nicht anders. Er hatte einen Vertrag unterschrieben. Sollte er sich jetzt über die Anweisung hinwegsetzen, gäbe es morgen früh ein feines Wiedersehen in der Eingangshalle – der Vorstand auf dem Weg zum Bürgermeister, er selbst mit dem Karton unter dem Arm auf dem Weg zum Jobcenter und Czerkowicz auf dem Weg zu Bergmanns Nachfolger. 


Mit klammen Fingern drückte Bergmann die Telefontaste, die ihn direkt mit seiner Frau verband. 


»Hallo Schatz, schön, dass du noch anrufst.« Sie klang entspannt. »Wie läuft es denn?« 


»Hallo mein Liebling, nicht gut.« Bergmanns Stimme war unsicher. 


Ihre Tonlage verdüsterte sich sofort. »Was ist los? Sag nicht, dass etwas dazwischen kommt.« 


»Doch.« Bergmann rang nach Worten. »Der Vorstand hat den Terminplan für Bremen 3 abgekürzt. Die Konferenz findet gleich um sechs statt.« 


Für Sekunden herrschte Schweigen am anderen Ende. »Das kannst du nicht machen. Das Konzert ist …« 


»Ich weiß es doch«, unterbrach er sie. »Meinst du, mir passt das? Ich habe mich mindestens genauso wie du auf den Abend gefreut.« 


»Du sagst tatsächlich ab …«, murmelte sie. 


»Was soll ich denn machen?« Bergmann war verzweifelt, weil er wusste, dass sie jedes Recht hatte, um verärgert zu sein. 


»Ts, lass es einen deiner Jungs machen. Oder die Neue, die könnte mal zeigen, was sie drauf hat.« 


»Die haben alle ihren Teil erledigt. Jetzt muss ich noch mal ran.« 


»Klar, der Chef ist gefragt. Sehr wichtig. Das alte Spiel: Arbeit vor Liebe.« 


»Jetzt komm mir bitte nicht so!« 


»Ich bin so froh, dass ich meinen Job nicht für ein Kind auf halbe Tage reduziert habe. Da wären zwei oder irgendwann sogar drei Familienmitglieder ziemlich oft enttäuscht von dir gewesen.« 


»Das ist unfair. Du weißt doch gar nicht, wie das ist.« 


»Stimmt. Ich arbeite nämlich nicht für solch einen patriarchalischen Haufen, wie Ihr einer seid.« 


»Der zahlt aber gut, der Männerhaufen.« 


»Das hatte ich tatsächlich vergessen. Arbeit und Geld vor Liebe.« 


»Tu nicht so. Du warst doch auch irre stolz, als du Teamleiterin wurdest.« 


»Arbeit, Geld und Karriere vor Liebe«, sinnierte sie. »Nein, bei mir nicht. Hier ist man ein bisschen fortschrittlicher und legt Wert darauf, dass Arbeit und Privates im Gleichgewicht bleiben. Kompromisse beim Gehalt nehmen wir in Kauf. Das nennt man Lebensqualität. Auch im Job.« 


Bergmann zwang sich zur Ruhe. »Wie wäre es, wenn du schon mal allein vorgehst und ich komme nach?« 


»Hat noch nie geklappt.« 


»Herrgott! Ich muss mich jetzt wirklich ranhalten, sonst schaffe ich das nicht bis um sechs. Geh doch mit deiner Freundin, die war sowieso neidisch auf die Karten.« 


»Okay, mach ich.« Sie legte auf. 


Bergmann knallte den Hörer hin. 


Die Tür öffnete sich und Lücke sah neugierig um die Ecke. »Ah! Auch hier gibt‘s dicke Luft. Seit Czerkowicz‘ Mail herrscht überall Bombenstimmung.« 


»Zisch ab.« 


»Wer musste dran glauben?« Lücke warf sich in Denkerpose. »Fußball? Pokern? Kinder? Frau?« Lücke grinste schäbig. »Die Frau mal wieder.« 


Bergmann öffnete die Dokumentation am Bildschirm und rief sich zur Ordnung. »Ich hab‘ zu tun, wir seh’n uns.« 


»Klare Prioritäten. Der Vorstand darf alles mit dir machen und du denkst, dass du mit deiner Frau auch alles machen kannst. Aber Respekt: Dass du dich heute Abend nach Hause traust, ist nichts für Angsthasen.« 


Bergmann sah zu, wie Lücke leise die Tür schloss. Die Symbolik war unverkennbar. Seine Frau würde sich einen schönen Abend mit ihrer Freundin machen und ihn tagelang gleichgültig behandeln. Wie weit hatte sich ihre Tür schon geschlossen? Keine Ahnung, aber für Bremen 3 war es jetzt höchste Zeit. 

Sauropoden

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Fünf Uhr morgens.

Musik erfüllte den Raum. Mit verzaubernden Klängen löste das Smartphone Bergmann aus dem Tiefschlaf. Gnadenlos wischte seine Hand über das Display und schnippste das teure Teil quer durch den Raum. Er hörte, wie es über die Fliesen schlidderte. Immerhin. Einer war schon mal aufgestanden. Jetzt er. Mühsam schälte Bergmann sich aus der Decke, zerrte seine lahmen Gehhilfen über den Rand der Matratze und streckte sich, bis die Knochen knackten. Irgendwie schaffte er es bis zur Kaffeemaschine. Der Rest ging wie im Schlaf. Als das Gurgeln einsetzte und der betörende Duft durch den Raum zog, suchte er das Handy. Es lag unter dem Sofa. Die Versuchung war groß. Aber er beherrschte sich und warf stattdessen einen Blick auf den Messenger. War klar. Eine Nachricht des jungen Kollegen, einer dieser respektlosen Nachwuchskräfte, die keine Achtung vor dem Alter haben.


»Na? Schon wach?« Gähnend erinnerte Bergmann sich an das gestrige Gespräch. Um diese Tageszeit joggte der Jungspund bereits durch die Wälder. »Anschließend bist du fit für den Tag, egal was kommt«, behauptete er mit missionarischem Eifer. Bergmann nickte. Bergmann schüttelte den Kopf. »Du könntest auch mit dem Rad zur Arbeit kommen.« Bergmann nickte. Bergmann schüttelte den Kopf: »Das ist lieb gemeint, aber ...«


Die Botschaft kam trotzdem an. Bergmann musste mehr Sport treiben. Tat er aber nicht. Und damit passte er nicht mehr in diese Zeit.

Acht Uhr vormittags.

Bergmann saß in seinem Einzelbüro. Alle anderen auf diesem Flur standen an ihren Tischen. Die Rückkehr zu den Vorzügen des 19. Jahrhunderts. Wenn er mal länger als eine Stunde vor dem Bildschirm stand, bekam er Rückenschmerzen und begann mit absonderlichen Verrenkungen, bis er halbwegs auf dem Tisch lag. Ihm war bewusst, dass er hier mit Abstand der Älteste war. Sogar der Vorstand nuckelte noch am Fläschchen, als Bergmann längst zur Schule ging und sich auf eine Karriere in seinem Unternehmen vorbereitete. Bergmanns weiße Haarpracht veranlasste den Vorsitzenden einmal dazu, ihm freundschaftlich auf die Schulter zu klopfen: »Beizeiten müssen wir auch an eine Nachfolgeregelung für Sie denken.« Bergmann klärte ihn darüber auf, dass die Firma noch weitere zwölf Jahre auf seine geschätzte Gegenwart zählen durfte. Der Vorstand kräuselte die Lippen.


Die Botschaft kam trotzdem an. Bergmann musste etwas an meinem Alter ändern – in die eine oder in die andere Richtung. Ganzkörperlifting, Egoimplantate und Seelenstraffung. Konnte er aber nicht. Und deshalb passte er nicht mehr in diese Zeit.

Acht Uhr fünf vormittags.

Bergmann schoss die Szene durch den Kopf, als er seinen Sohn von der Grundschule abholte. Gemeinsam mit einer Schulkameradin sprang der Lütte aus dem Gebäude und sie sagte: »Schau mal, dein Opa holt dich ab.« Noch verstörender war die Aussage eines Kleinkindes, das im Supermarkt auf ihn zeigte und laut rief: »Oma!« Die Mutter entschuldigte sich und sagte: »Sie hält jeden mit langen Haaren für eine Frau.« 

Bergmann sah sich auf dem Flur um. Die Jungs hier waren sämtlich frisch durchrasiert – wahrscheinlich bis zum Schritt – und brauchten eigentlich kein öliges Gel, um ihre Restfrisur gegen die Sturmböen des Erfolgs zu wappnen. Außer Bergmann trug auch niemand einen Bart, dafür aber alle dunkle Anzüge. Bergmann verstand das. Als Pimpf musste man mangelndes Standing durch eine Uniform wettmachen.


Die Botschaft kam trotzdem an. Bergmann musste seinen Style ändern – im Büro geschniegelt, im Privaten lässig. Wollte er aber nicht. Und somit passte er nicht mehr in diese Zeit.

Elf Uhr vormittags.

Czerkowicz schickte eine Mail und bot ihm eine Fortbildung an: »Komplexe Themen einfach kommunizieren«. Bergmann starrte auf den Bildschirm. Was, bitte schön, sollte ihm das sagen? »Lieber Herr Bergmann, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie zu der herausgehobenen Klasse der Belegschaft zählen, denen wir schwer zu verstehende Sachverhalte anvertrauen.« Oder: »Verdammt noch mal, Bergmann, drücken Sie sich klar aus!«


Er hatte schon seit Jahren kein Seminar mehr besucht. Für das lebenslange Lernen sorgte ja die Schule des Lebens. Die jungen Kolleginnen und Kollegen aber waren ständig auf Fortbildung. Klar, die brauchten das noch. Er hingegen hatte in jahrzehntelangen Überdehnungsübungen seine schnelle Auffassungsgabe, eine nach allen Seiten poröse Offenheit für Neues und einen flotten Schritthalteschritt perfektioniert.


Die Botschaft kam trotzdem an. Das unerschöpfliche Potenzial von TikTok, LinkedIn und PowerPoint erforderte ein Upgrade seiner Arbeitsweise, um die nächste #ExpandYourServility-Challenge zu überstehen. Interessierte ihn aber nicht. Und damit passte er nicht mehr in diese Zeit.

Zwölf Uhr mittags.

Bergmann stand in der Schlange am Buffet der Kantine. Die Frauen entschieden sich für einen Salat, die Männer für das vegetarische Menü und die Jungs aus der IT für Currywurst und Pommes. Damit war klar, mit wem er heute die Mittagspause teilen würde. Ihm fiel auf, dass er der Einzige war, der nicht nur ein Tablett, sondern auch einen Bauch vor sich herschob. Nach Abklingen der Schrecksekunde hob er sein greises Haupt und schaute stolz in die Runde. Man musste die Blicke der Menschen vom Makel ablenken.


Die Botschaft kam trotzdem an. Er musste seine Ernährung umstellen. Mochte er aber nicht und sein quasi embryonaler Heißhunger auf Falafel hatte es nie bis zur Zellteilung geschafft. Und deshalb passte er nicht mehr in diese Zeit.

Sechzehn Uhr dreißig nachmittags.

Mit einem Bekannten aus dem Kulturdezernat traf sich Bergmann im Café, um eine Veranstaltung zu besprechen. »Zigarettchen im Auto geraucht?«, fragte sein Gegenüber und Bergmann hielt die Luft an. Nutzte aber nichts. Die Tür öffnete sich und ein junges Pärchen giggelte herein. »Uäh, Rauchercafé.« Und schon waren sie wieder draußen. Die Bedienung schenkte ihm einen vernichtenden Blick. Bergmann nippte an seinem Cappuccino ohne Hafermilch und lächelte. »Sehr lecker.«


Die Botschaft kam trotzdem an. Bergmann musste seine Süchte in den Griff bekommen. Nikotin, Koffein, Sex, Currywurst. Schaffte er aber nicht, wer wollte schon ernsthaft auf Currywurst verzichten. Und darum passte er nicht mehr in diese Zeit.

Zwanzig Uhr abends.

Bergmann und eine alte Freundin trafen sich zum Videochat. Er erzählte ihr von seinem mental herausfordernden Tag.


»Wo immer du kannst, stemmst du dich gegen die Welt«, meinte sie entnervt.


Bergmann murmelte etwas von Individualität.


»Nix da, du bist ein einziger Energiestau, da fließt überhaupt nichts mehr.« 


Unwillkürlich blickte Bergmann auf seinen gut isolierten Bauch.


»Du müsstest dringend an dir arbeiten und deine Defizite angehen.«


Bergmann verwies auf seine fortgeschrittene biologische Uhr.


Ließ sie nicht gelten: »Du willst doch nicht den Rest deines Lebens auf der Stelle treten.«


Treten klang gut.


»Menschen, die sich nicht mehr weiterentwickeln, verkümmern und altern schnell.«


Dann war es für ihn ohnehin zu spät.


»Quatsch. Es steckt so viel Potenzial in dir, das freigesetzt werden will.«


Bergmann erinnerte sie an frühere Jahrhunderte, in denen Menschen seines Alters meist schon tot waren. Und er sollte sich weiterhin tagtäglich umkrempeln. Wofür?


»Vielleicht läuft es dann in deiner Ehe endlich besser.«


Na toll, er musste erst ein anderer Mensch werden, um liebenswert zu sein.


»Nein, du sollst du selbst werden.«


Dann fragte sich, wer er heute war.


»Auf halbem Weg stehengeblieben.«


Ah, immerhin. Das Glas war halbvoll.


»Erst wenn du dich selbst liebst, kannst du auch andere lieben.«


Mit Schaudern dachte Bergmann an all jene selbstverliebten DIY-Gurus, die sich und anderen das Leben schwer machten.


Aber die Botschaft kam trotzdem an. Er sollte sich perfektionieren. War ihm aber zu mühsam. Diese Zeit passte einfach nicht zu ihm.

Zwölf Uhr nachts.

Bergmann konnte nicht schlafen. Die Last des Unvollkommenen lag ihm schwer auf der Seele. In vergangenen Zeiten ging es darum, irgendwie die eigene Existenz zu sichern, um nicht zu verhungern. Der widerborstige Gegenpart war die ungerechte Welt. In den letzten Jahrzehnten ging es darum, Wohlstand anzuhäufen. Der widerborstige Gegenpart waren die Grenzen des eigenen Lebens. Und heute ging es um Selbstoptimierung, gekleidet in das eng anliegende Korsett eines bewussten Lebensstils. Der widerborstige Gegenpart war nun er selbst. Offenbar brauchte der Mensch irgendeine Aufgabe, um sein Dasein mit Sinn zu erfüllen und das hartnäckige Gefühl von Vorläufigkeit und Unvollkommenheit zu bekämpfen.


Die Botschaft war angekommen. Er war ein Dinosaurier, ein tonnenschwerer Sauropode, vom Aussterben bedroht und ohne Artenschutz. Es war ihm aber gleichgültig. Und deshalb passte er nicht mehr in diese Zeit.

2015-2017

Wellenschlag

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Die Welle rollt an. Sie reckt sich, prahlt mit ihrer Wucht. Bedrohlich hoch schlägt sie lässig gegen die Bordwand. Das marode Boot erzittert, knirscht. Gischt sprüht über das Deck, auf dem wir zu Dutzenden kauern. Die vor Angst geweiteten Augen, die aufgerissenen Münder, sie alle schreien dieselbe Botschaft in die brüllende Nacht hinaus: »Helft!«

Der Sturm ist laut, man hört sie nicht. Das völlig überladene Boot, rostig und alt und nicht auf die hohe See ausgelegt, schlingert. Ich versuche Halt zu finden und kann nur versuchen, mich an meinem Nachbarn festzukrallen. Einen festen Griff hat allein die Angst. Es geht um mein Leben.


Und es ging immer um mein Leben. Ihr wisst nichts von meinem Dasein, das trostloser nicht sein konnte. Nein, wir sitzen nicht alle im selben Boot.


Ich musste einfach dort weg. Dabei hatte man mich gewarnt. Die Überfahrt sei gefährlich, ein gutes Geschäft für die, die nicht einsteigen mussten, viele Schiffe seien gesunken, unzählige Menschen hätten den Tod gefunden. Ich schob die Warnungen beiseite. Es war genug Unglück über mich gekommen, nun wollte ich auf einer Welle des Glücks reiten.


»Helft!«


Eine Woge peitscht über uns hinweg, mächtig, tyrannisch, vernichtend. Wassermassen erfassen Flüchtlinge, die nicht entfliehen können, manch einer wird gleich ins tosende Meer gerissen und für immer verschlungen. 


Die nächste Welle, gigantisch, zerstörerisch, tödlich, spült meinen Nachbar über Bord. Er reißt mich mit. Ich stürze ins Meer und versinke. Panisch trete ich nach ihm, damit er loslässt, kämpfe mich frei, dränge an die Oberfläche zurück, ringe um Luft, sehe Wellen, Wellen, Wellen, aber kein Boot, kein Land, keine Erlösung. Es ertränkt mich. In den wenigen Augenblicken über Wasser schnappe ich nach Luft, suche Rettung, und jede Faser meines Körpers, jeder Gedanke schreit euch zu: »Helft!«


Dann schlägt das Wasser über mir zusammen und gibt mich nicht wieder frei. Ich atme ein, meine Lunge füllt sich mit eisigem, brennendem Nass. Das ist das Ende. Und ich überlasse dem Sturm meine Not, mein Schicksal, kapere seine Stimme: »Helft!« Ihr Wellen, unnachgiebig und grausam, tragt meinen Hilferuf an die Küste.


Meine Sinne schwinden, ich werde Teil des Meeres, bin eine Welle, sehe den Strand schon vor mir.


Die Sonne scheint, eine wohltuende Brise weht vom Meer ins Landesinnere. Männer und Frauen lieben ihr Leben. Kinder spielen am Strand. Sie bauen Burgen, Burgen aus Sand mit Mauern gegen die Wellen, die über das Meer kommen. Eltern zeigen ihren Kindern, wie die Mauern stark werden, wie sie möglichst lange der aufkommenden Flut standhalten.


Der Wellenschlag meiner Not zieht auf die Küste zu.


Er grollt im Sturm.


Er rollt im aufklarenden Wetter.


Er tollt malerisch in der Flut der Gezeiten.


Und wenn der Wellenschlag auf die Küste trifft, ist seine Kraft längst gebro­chen, platscht er harmlos auf die kindlichen Mauern am Strand, versandet.


Und irgendwo weit draußen auf dem Meer zieht die Marine eine Leiche an Bord.

Herbst

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Das Wetter war herrlich. Der Sommer legte sich noch einmal ins Zeug, prahlte mit Sonnenschein, angenehm warmen Temperaturen und einer milden Brise. Dass die ersten Blätter verblassten und die Tage schon deutlich kürzer geworden waren, störte nicht. 

Schröder schlenderte durch den Stadtpark und atmete die Luft ein, die nach Freiheit schmeckte. Für ihn zumindest. Er fragte sich, wonach sie für all die anderen Menschen schmeckte, die ebenfalls hier unterwegs waren. 

Stets zum späten Vormittag füllte sich der Park. Er selbst war auf dem Weg ins Café. Dort traf er sich mit Dorothee, einer sehr geschätzten Freundin aus Studienzeiten. Es war schön, dass es auch in seinem Alter eine Art von Liebe gab, die das Leben bereicherte. Da verlor der Gehstock den Beigeschmack von Krücke, wurde wieder zum Accessoire. 

Wohin die anderen wollten, konnte er nur erahnen. Bald würden die jungen Geschäftsleute in ihren dunklen Anzügen auftauchen und zu den Imbisswagen am gegenüberliegenden Ende des Parks eilen. Mütter mit Kinderwagen waren bereits jetzt auf dem Heimweg, um das Mittagessen vorzubereiten. Da vorne ging – wie erwartet und wohltuend verlässlich – der alte Westenberg, mit dem war Schröder zur Grundschule gegangen. Sie grüßten sich immer noch, tauschten hin und wieder ein paar Höflichkeiten aus, mehr nicht. Ihre Biografien waren in unterschiedlichen Bahnen verlaufen. Westenbergs Schulabschluss hatte zu einem bescheidenen Leben geführt, er war der kleine Mann geblieben, ein Stammwähler der SPD. Schröder selbst war bis zur Pension Studienrat gewesen, Konrektor eines Gymnasiums, das einst in einem der besseren Stadtteile gelegen hatte und nun genauso verfiel wie das Bildungsniveau der Schüler. 

Ihm kam ein Obdachloser entgegen, der sein vollbepacktes Fahrrad tunlichst auf Nebenwege lenkte, um nicht allzu vielen Menschen zu begegnen. Eine Gruppe Männer mit eindeutig afrikanischer Herkunft unterhielt sich lautstark auf Französisch, sicher Asylanten. Dazwischen ein Gewusel aus Kindern, Studenten, Erwachsenen, Säufern, Touristen, Müllmännern, schrägen Typen, Müßiggängern. Und Senioren wie er. 

Der Park war ein Abbild der Stadt, ein Abbild der Gesellschaft. Und der Park steuerte auf den Herbst zu. 

Schröder seufzte. Für ihn hatte der Herbst des Lebens längst begonnen. Geboren in den letzten Monaten des Krieges, hatte er nur wenige undeutliche Erinnerungen an die schweren Jahre danach. Er war im Wirtschaftswunder groß geworden, geprägt durch das Gefühl, dass es immer weiter aufwärtsging. Als Heranwachsender hatte sich seine Identitätsfindung zwischen Miles Davis und Elvis Presley aufgerieben. Und er war noch jung genug gewesen, um die 68er Jahre als weiteren wichtigen Wendepunkt in der innerdeutschen Geschichte zu begreifen und die Vorteile der Antibabypille auszukosten. 


Jetzt war er ein rüstiger Rentner, innerlich und äußerlich beweglich, und genoss einen Lebensabend, der vermutlich die absolute Spitze dessen war, was die deutsche Rentenkasse jemals würden aufbieten können. 


Auch seine Tochter und ihr Mann konnten es noch einigermaßen gut treffen, wenn sie eines Tages in den Ruhestand traten. Aber sein Enkel? Hineingeboren in den anbrechenden Herbst einer Gesellschaft. Welche Zukunft erwartete ihn? Schröder blieb stehen. Gestern noch hatte er mit David telefoniert. 


Er spürte einen Stich im Herzen, denn er wusste, die Enkelgeneration würde es schwer haben. Die Probleme waren schon heute präsent und vielen bewusst, wurden jedoch nicht mit Ernst angegangen. Der Leidensdruck war noch nicht groß genug, das Land genoss den gesellschaftlichen Sommer. Nur wenige Blätter zeigten Spuren von Welke und konnten leichthin übersehen werden. Sein Enkel würde es ausbaden müssen. 


Spätestens wenn David mitten im Berufsleben und in der Blüte seines Lebens stand, wenn die Welt mit ihren Möglichkeiten lockte, würden die Sozialsysteme kollabieren. In Deutschland und woanders auch. Zu viele Alte für zu wenige Junge. Zu viele Kranke für zu wenige Gesunde. Zu viele Opfer der Industrie 4.0 für zu wenige Geldverdiener. Den damit verbundenen Sprengstoff mochte sich Schröder nicht ausmalen. Mit Blick auf sein eigenes politisches Engagement fragte er sich, ob die Parteien im Bundestag den Frieden wirklich mehr liebten als gute Wahlergebnisse. 


Die Europäische Union bröckelte bereits. Großbritannien stieg aus, der Unmut anderer Mitgliedsstaaten wuchs, die zwar den europäischen Goldesel schätzten, nicht aber ein System aus Frieden und Freiheit, Solidarität und Toleranz aufbauen, tragen und verteidigen wollten. Schröder fragte sich, ob er seinen Schülern mit genügend Nachdruck vermittelt hatte, was für ein großartiges, unverzichtbares Projekt diese Staatengemeinschaft war. 


Und dann der religiöse Terrorismus. Der Islam zerfleischte sich selbst und exportierte seinen Unfrieden hierher. Linke, rechte und organisierte Kriminalität bekam man schon nicht in den Griff. Und dies hier war weitaus furchtbarer. Europa wurde schleichend, Bombe um Bombe, zermürbt. Schröder war gewiss, dass der Westen erst am Anfang einer Entwicklung stand, die den Grundfesten des in Jahrhunderten gewachsenen Selbstverständnisses massiv zusetzen würde. Und die Religionsgemeinschaften taten nicht genug, um einen Gegenpol zu schaffen. Jetzt war die Zeit, um allen deutlich zu machen, dass auch der Friede, der aus dem Glauben kam, einen Wert bildete, von dem die Gesellschaft profitierte und auf den sie nicht verzichten konnte. 


Nicht zuletzt angesichts der vielen Flüchtlinge. Und das war erst der Anfang. Der Anfang einer Völkerwanderung. Eine Völkerwanderung der Hungrigen, der Durstigen, der Hoffnungslosen, der Verstümmelten, der Aidskranken, der Kriegsmüden, der Terrorismusgeschädigten, der Klimawandelentwurzelten. Es kam ein Stein ins Rollen, der als Lawine über Europa enden würde. 


In nur wenigen Jahrzehnten, wenn David ein gestandener Mann war, würde ein Winter über ihn und alle anderen hereinbrechen und Europa im Chaos versinken. 


Liebte diese Gesellschaft den Frieden und tat sie alles dafür, um ihn zu erhalten? Langfristig, für die eigenen Kinder und Enkel, für sich selbst. Oder schätzte sie den Frieden nicht, weil sie den Krieg nicht kannte? Vielleicht wiegte sie sich in einer falschen Sicherheit, weil sie die Zerbrechlichkeit dieser Welt nicht durchschaute. Konnte Frieden als solcher überhaupt erkannt und geliebt werden, wenn man sein Gegenteil nicht ermaß? 


Gedankenverloren ging Schröder weiter, stützte sich schwer auf seinen Stock, grüßte Westenberg mit einem halbherzig-freundlichen Nicken. 


Womöglich war das Ganze noch komplizierter. Mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher, ob Europa wirklich ein Problem hatte, das erschreckende Ausmaße annehmen würde. Es mochte ebenso gut sein, dass einfach nur der Herbst dieser Gesellschaft bevorstand. Schröder hoffte inständig, dass es ein Problem war, denn gegen Probleme konnte etwas unternommen werden. Gegen den Herbst aber konnte niemand etwas tun. 


Der Blick in die Geschichtsbücher seiner Schulklassen hatte ihn gelehrt, dass es ein ständiges Auf und Ab, ein Werden und Vergehen gab. Nichts war von Ewigkeit. Es war vielleicht von Dauer, mal mehr, mal weniger, aber eines Tages verging alles. Auch Europa würde vergehen und etwas Neues würde entstehen. Die ganze Weltordnung würde eines Tages eine andere sein. Daran war nichts zu ändern. Schröder fröstelte es mit einem Mal, denn der Weg zum Neuen, zu einer neuen stabilen Ordnung, zum neuen Guten, dieser Weg war stets mit dunklen, schrecklichen Zeiten verbunden. 


Deshalb würde er darauf pochen, dass es noch nicht so weit war. Dass Europas Herbst noch nicht bevorstand, sondern nur eine regnerisch-kühle Phase im Sommer. Europa hatte ein Problem, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Er würde mit Dorothee darüber sprechen. Und er freute sich darauf, mit ihr gemeinsam ein Thesenpapier zu verfassen, ganz im Stil der 68er, und sie würden es als Leserbrief an die Tageszeitung schicken, sie würden es in den Gesprächskreis ihrer Kirchengemeinde einbringen, und er persönlich würde es bei der nächsten Kreistagssitzung auf die Tagesordnung schmuggeln. 


Es gab immer Möglichkeiten, die richtigen Fragen zu stellen. Lieben wir den Frieden in dieser Stadt, in diesem Land, in Europa? Was wollen wir heute dafür tun, dass er auch morgen und übermorgen noch hält? Denn so unterschiedlich die Menschen im Park auch waren, so fremd sie sich vermutlich für immer blieben, sie konnten immerhin nebeneinander her leben. Das war nicht das Paradies, aber für einen Frieden war es schon sehr liebenswert. 

Der Koran im Supermarkt 

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»Hast du schon gehört, was im Supermarkt los war?«


Nein, das hatte ich natürlich nicht. Ich kam gerade aus Köln zurück. Der Geschäftstermin war zeitiger zu Ende gegangen als erwartet und ich hatte mir die Zeit genommen, ein Straßencafé in der City zu besuchen und in Ruhe Kaffee zu trinken. Die Vielfalt der Menschen dort war faszinierend. Seither hing ich der Frage nach, wie viele verschiedene Sprachen ich in der kurzen Zeit gehört hatte.


Daheim in der Provinz aber war etwas im Supermarkt passiert. Ich spürte, wie aufgebracht meine Frau war.


»Was gab es denn?«, fragte ich.


»Regina erzählte es mir«, begann meine Frau. »Eine Bekannte war einkaufen und stand in der Schlange an der Kasse. Vor ihr hatte eine andere Frau bereits ihre Einkäufe auf das Band gelegt. Da kam ein Ausländer, schob sich an den Wartenden vorbei und drängelte sich vor die Frau, die eigentlich als nächstes dran war. So ein Dunkelhäutiger in diesen komischen Klamotten und mit schwarzem Vollbart. Der legte seine Sachen einfach dahin, als wäre er schon an der Reihe.«


Ich wurde unruhig. Solche Geschichten gingen nicht gut aus.


»Was fällt Ihnen ein!«, beschwerte sich die Frau hinter dem fremden Mann.


Auch unter den wartenden Kunden setzte ein unwilliges Getuschel ein.


»Schweig, Frau!«, fuhr er sie an und wandte sich der Kassiererin zu.


Und tatsächlich hörte das Gemurmel auf.


Die Kassiererin rutschte sichtlich nervös auf ihrem Stuhl hin und her. »Na ja«, sagte sie zögernd. »Sie müssten sich schon hinten anstellen.«


»Bin ich Muslim«, sagte der Mann mit einem drohenden Unterton.


Sichtlich irritiert sah die Kassiererin ihn an. »Aber das gibt Ihnen hier nicht das Recht …«


Da schob der Mann langsam seine Hand in die Jacke, und für einen Augenblick herrschte tödliche Stille. Er zog ein Buch aus der Innentasche und knallte es auf das Band. »Der Koran« prangte in goldenen Lettern auf dem Einband. »Bin ich Muslim, bin ich also zuerst dran.«


Der Widerstand versiegte und die Kassiererin rechnete seine Waren ab.


»Das ist doch unglaublich, oder?«, fragte meine Frau.


Ich war fassungslos und spürte Wut in mir aufsteigen. Das Vorgehen des Mannes im Supermarkt war eine unverschämte Dreistigkeit. Ich fragte: »Und Regina war dabei?«


Meine Frau verdrehte die Augen. »Du hörst auch nicht zu. Regina hat es von einer Bekannten und die kennt die Frau, die da in der Schlange stand.«


Ich horchte auf und erwiderte etwas vorschnell: »Das Ganze klingt aber schon wie ein Gerücht.«


Dafür fing ich mir einen bösen Blick ein. »Wenn das hier die Zukunft ist … Dann können sie die allesamt wieder nach Hause schicken.« Grollend ließ mich meine Frau stehen.


In den Stunden danach ging mir die Geschichte nicht aus dem Kopf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs der Verdacht, dass dies tatsächlich kein Gerücht war, das sich über mehrere Instanzen aufgebauscht hatte. Der dunkelhäutige Muslim mit Vollbart – wie die TV-Ikone des typisch radikalen Muslims. Die in der Jacke verschwindende Hand – als Inbegriff des islamistischen Terroristen, der seine Waffe zückt. Der Koran in der Westentasche – als Symbol der aggressiven Macht, die das Abendland verschlingt. Und demgegenüber die arme deutsche Hausfrau – bei einer alltäglichen Handlung gedemütigt und unterworfen.


Nein, das war zu perfekt für ein Gerücht, es klang nach einer Inszenierung, einer gut durchdachten Lügengeschichte, gezielt gestreut, um Ängste und Hass zu schüren. In den Tagen darauf wartete ich, welche Kreise die Geschichte zog. Ob die Lokalpresse sie aufgriff. Ob meiner Frau irgendwelche weiteren Entwicklungen zu Ohren kamen. Ob der Mann erneut im Supermarkt auftrat, womöglich einen Nachschlag gab. Oder ob die Geschichte auch an ganz anderen Stellen auftauchte. Nichts davon passierte. 


Und deshalb kenne ich die Wahrheit nicht. Aber dass ich die Geschichte auch nach zwei Jahren nicht vergessen habe, zeigt, dass sie ihr Ziel erreicht hat.