Dirk Röse Grafik

Heute.

Tagebuch 2022.

Dirk Röse Leck mich

Russland: Zynische Symbolpolitik.

Samstag, 1. Oktober 2022

 

Sie sehen glücklich aus, die Regionalvasallen aus Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk zusammen mit ihrem Obermufti aus dem Kreml. Sie glauben an das, was getan und gesagt wird. Sie glauben daran, dass aus Gewalt und Lüge etwas Gutes entsteht. Zumindest für sie selbst und ihre Getreuen und den gottgewollten Lauf der Geschichte. Inwieweit die Menschen in der Ukraine und in Russland ebenfalls eine Entwicklung zum Besseren erkennen, spielt keine wesentliche Rolle. Dass ein Flüchtlingsstrom russischer Männer im wehrfähigen Alter ins sichere Ausland einsetzt und die Zustimmung zum Krieg mit der Ukraine zaghaft erodiert, wird keinen Unterschied machen. Das Volk ist nur Statist. Gut ist, was die Mächtigen gut finden.

An einem Punkt muss man Wladimir Putin Recht geben. Als die Ukraine 1991 zum souveränen Staat ausgerufen wurde, fragte niemand nach dem Willen der russischen Bevölkerungsanteile. Er wird nun von sich behaupten, dass er es besser machte und dem Volk in den Beitrittsreferenden eine Stimme gab. Und die ukrainischen Statisten mussten bestätigen, dass sie wollen, was der Kreml will.

Aus russischer Sicht findet der Krieg ab sofort nicht mehr in der Ukraine statt, sondern auf russischem Staatsgebiet. Die Ukraine greift nun Russland an. Westliche Waffen helfen der Ukraine nicht länger bei der Selbstverteidigung, sondern unterstützen die ukrainischen Aggressoren in ihrem unrechtmäßigen Kampf gegen den souveränen Nachbarstaat.

Moskaus Zynismus bleibt märchenhaft, jede Aktion wird einfach umgedeutet. Nicht Russlands Bomben trafen gestern einen zivilen Hilfskonvoi und töteten mehr als zwanzig Menschen, sondern die Ukraine schoss auf ihre eigenen Leute. Und für die Sabotage der Erdgaspipelines in der Ostsee sind natürlich die USA verantwortlich.

Tatsächlich sind die Lecks in NordStream 1 & 2 aber ein symbolischer Warnschuss. Russland kappt weitere Verbindungen zum Westen, Russland dreht den Gashahn endgültig zu, Russland zeigt, an welchen Stellen der Westen mit empfindlichen Schlägen rechnen muss, nämlich bei der kritischen Infrastruktur und womöglich nicht nur auf hoher See, sondern auch im Landesinneren. Wir sind verletzbar und könnten zur Zielscheibe werden.

Der Krieg in der Ukraine ist noch lange nicht vorbei, sondern erweitert dieser Tage seinen Radius. Die Gräuel der militärischen Gewalt gehen unvermindert weiter, die Berichte aus den Lazaretten sind entsetzlich. Und Wladimir Putin ahlt sich in den Blähungen der Ostseepipelines. Böses Leck.

Dirk Röse Unterlassene Hilfeleistung

Theodizee: Leid zwischen Sinn und Unsinn.

Sonntag, 25. September 2022

 

»Warum lässt Gott all das Böse zu?« Angesichts des unermesslichen Leids in dieser Welt wird Gott hinterfragt, angeklagt, abgelehnt, geleugnet. Die Frage nach seinem Anteil am Schlechten in der Welt ist nachvollziehbar. Berechtigt ist sie erst dann, wenn auch die Gegenfrage mitgedacht wird: »Warum lässt Gott all das Gute zu?«

Es kann nicht sein, dass wir Gott willkürlich für die eine Seite verantwortlich machen und für die andere nicht. Zumindest ist mir kein stichhaltiges Argument bekannt, warum er ausgerechnet für das Schlechte in der Welt zuständig sein sollte. Es sei denn, Gott wird als unzuverlässiger Dienstleister für paradiesische Zustände verstanden. Doch selbst dann gebührt ihm Dank, wenn er seinen Job mal ordentlich gemacht hat und etwas Erfreuliches geschieht.

Die Frage hinter der Frage ist: Wie stark ist Gott in die Ereignisse dieser Welt verwickelt? Ist er es, dem man etwas Schönes zu verdanken hat? Ist er es, der jemandem etwas Böses antut? Handelt Gott also in dieser Welt? Oder ist er eher der passive Typ, der die Dinge geschehen lässt? Dann lässt er das Böse tatsächlich zu und dann lässt er auch das Gute lediglich zu, ohne daran beteiligt zu sein. Merkwürdigerweise sind viele Menschen an diesem Punkt plötzlich geneigt, Gott als aktiv Handelnden zu verstehen und ihn als jemanden zu denken, der Gutes tut.

Damit könnte die ursprüngliche Frage nun lauten: »Wie kann Gott, dem wir Gutes zutrauen, trotzdem das Böse zulassen?« Aus der Anklage wird eine Verständnisfrage. Wir verstehen Gott hier nicht.

 

Moralische Ladehemmung im Penis.


Doch unabhängig davon, ob wir Gott etwas Gutes zutrauen oder nicht, müssen wir uns angesichts der Zustände in dieser Welt wohl eingestehen, dass Gott den Dingen weitestgehend ihren Lauf lässt und höchstens punktuell eingreift. Er lässt das Böse tatsächlich geschehen. Er lässt auch das Gute geschehen.

Mindestens die Hälfte des Leides in dieser Welt ist menschengemacht und der Prozentsatz steigt. Für Erdbeben und Vulkanausbrüche kann der Mensch nichts, sie sind Teil der Schöpfung Gottes und damit Teil seiner Verantwortung. Früher war der Mensch auch nicht für Überschwemmungen und Dürren verantwortlich, doch heute geht schon ein Teil der Umweltkatastrophen auf den Klimawandel zurück, den sich der Mensch zuschreiben muss. Vor allem aber leiden die Menschen unter sich selbst, leiden unter dem Elend, das sie sich gegenseitig oder selbst zufügen. Krieg, Misshandlung in jeder Form, Ungerechtigkeit jeder Art, verletzte Gefühle und viele Krankheiten verursacht nicht Gott. Die Verantwortung hierfür liegt beim Menschen. Der Mensch müsste sich selbst anklagen, nicht Gott. Und trotzdem bleibt unverständlich, warum Gott es zulässt, dass wir uns das Leben zur Hölle machen.

Was wäre die Alternative? Wie sehr soll Gott in die Ereignisse dieser Welt eingreifen? Wollen wir das wirklich? Und wo fängt das an und wo hört es auf? Soll er die Kontinentalplatten mit einem Weichmacher behandeln, damit es kein Seebeben gibt, das einen tödlichen Tsunami auslöst? Soll er uns die Stimme verschlagen, wenn wir etwas Verletzendes sagen wollen? Sollen der Penis erschlaffen und die Vagina vertrocknen, wenn zwei Liebende drauf und dran sind, ihre offiziellen Partner zu betrügen? Soll das Gewehr eine Ladehemmung haben, wenn ein russischer Soldat einen ukrainischen Zivilisten erschießen will? Soll das Feuerzeug versagen, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet? Sollen millionenschwere Geldbeträge wie durch Zauberhand zur Welthungerhilfe umgeleitet werden, statt bei einem überbezahlten Fußballspieler zu landen?

Vielleicht lautet die Antwort auf all diese Fragen sogar »Ja«. Ja, vielleicht wäre es besser gewesen, einen Menschen zu erschaffen, der unfähig zum Bösen ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Welt zu erschaffen, die ohne Seuchen, Krebs, Altersschwäche, Vulkane, Erdbeben, Dürren und Fluten funktioniert.

Die monotheistischen Religionen haben solch paradiesische Zustände auf die himmlische Ewigkeit vertagt. Und keinem Menschen ist es bisher gelungen, vorab einen Himmel auf Erden zu schaffen. Offenbar ist dieser zweifelhafte Umweg durch eine unvollkommene, leidvolle Welt unumgänglich. »Augen zu und durch, geht ja nicht anders, aber auf der anderen Seite soll es ja besser werden.«

 

Mach mir den Sinn.


Doch damit kann sich der Mensch offenbar nur schwerlich abfinden. Nicht umsonst haben sich viele eine Antwort auf die Frage nach dem Leid zurechtgelegt:

  • »Es ist unsere Verantwortung, nicht Gottes, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.« Ja, das stimmt, und der Dank gebührt all jenen, die sich unermüdlich dafür einsetzen. Doch das Leid lindern sie nur teilweise, der Schmerz bleibt trotzdem in der Welt.
  • »Lass dich nicht aufs Jenseits vertrösten, lebe heute, lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.« Yep, das sehen die Menschen in der Sahel-Zone genauso.
  • »Gott schickt uns das Leid, um uns zu prüfen und damit wir daran wachsen. Er auferlegt uns nicht mehr, als wir tragen können.« Es stimmt, dass Leid eine Prüfung ist und dass man daran reifen kann. Es stimmt aber auch, dass Menschen am Leid zerbrechen und sich nicht wieder davon erholen.
  • »Dies ist die beste aller möglichen Welten, die Gott hätte erschaffen können.« Das stimmt leider nicht, denn wenn es einen paradiesischen Himmel gibt, dann ist er die beste aller Welten (sorry Clive Staples).


Welche Antwort auch immer auf die Frage nach dem Leid gegeben wird, sie zielt darauf, dem Schmerz einen Sinn abzuringen. Das Leid soll überwunden oder zumindest gelindert werden, indem eine Bedeutung hinter ihm angenommen wird. Der Mensch will sich damit trösten, dass der ganze Mist am Ende für etwas gut ist.

Gott ist in diesem Kontext das Symbol für das höchste, letzte und unverrückbare Sinnangebot. Wer, wenn nicht er, verfügt über den Sinn des Schmerzes. Doch wenn sich dann herausstellt, dass alle Sinnangebote das Leid nicht deutlich lindern und Gott ärgerlich schweigsam bleibt, dann liegt die Frage nahe, warum zum Teufel er den Schmerz denn nun zulässt. Und darüber zerbrechen sich die Gelehrten seit Jahrtausenden vergeblich den Kopf, ohne eine Antwort zu finden, gegen die sich nichts mehr einwenden lässt und die alle Betroffenen ein bisschen glücklicher macht. Selbst der am Kreuz leidende Jesus verstand die Welt nicht mehr und klagte darüber, dass Gott ihn verlassen hat.

Leid ist Unsinn.

Womöglich ist die Frage schon der eigentliche Fehler. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Leiden überhaupt keinen Sinn ergibt. Die Sinnlosigkeit ist ein ureigenster Charakterzug des Leides. Das Leid kann wie der Sturz in ein bodenloses Loch sein, in dem niemand auf rosarote Sinnwölkchen gebettet wird, um den Fall zu bremsen. Es ist die Sinnlosigkeit, die das Leid zu einem furchtbaren, aber in sich schlüssigen Konzept macht. Leid ist ebenso vorfindlicher Bestandteil dieser Welt wie das Gute. Das willkürlich verteilte Gute lässt sich nicht erklären, warum also sollte sich das ungerecht verteilte Schlechte erklären lassen und eine nachvollziehbar sinnstiftende Antwort geben.

Natürlich gibt es Situationen, in denen jemand bewusst Leid auf sich nimmt, weil dadurch an anderer Stelle etwas besser wird oder am Ende der Durststrecke etwas Erstrebenswertes wartet. In solchen Fällen kann Leid durchaus als etwas Sinnvolles erlebt werden. Das Leid hat dann einen klaren, individuellen Deutungsrahmen und gibt die Möglichkeit einer Entscheidung dafür oder dagegen.

Doch auf die umfassendere Frage nach dem ungefragt erlittenen Leid und warum Gott es zulässt, gibt es keine befriedigende Antwort. Die Welt folgt ihren eigenen Regeln und bringt Gutes und Schlechtes hervor, ohne Sinn und Verstand. Womöglich ist die einzig angemessene Reaktion darauf eine innige Bitte: »Mach ein Ende mit dieser Welt, lieber Gott, und schaff uns eine bessere.«

Dirk Röse Biener Busch

Im Biener Busch.

Freitag, 23. September 2022

 

Frühmorgens schiebt sich die Sonne langsam über den Horizont und schickt ihre ersten Strahlen ins Unterholz. Knapp über dem Boden erglüht die Natur, während der Wald noch in Dämmerung verharrt. Zwischen den Ästen hängen Spinnweben und kitzeln im Gesicht. Steiniger Boden wechselt mit weichem Humus. Quer über dem Weg liegt ein Ast, der gestern noch nicht da war. Vögel zwitschern und machen sich auf die Suche nach Nahrung. Zwei Rehe flüchten ins Dickicht. Enger und enger wird es, nurmehr ein schmaler Pfad führt zwischen Bäumen und Büschen hindurch. Dann wieder weiten sich Umgebung und Blick. Stattliche Stämme ragen in den Himmel, tragen das dichte Dach der Wipfel. Sumpfige Mulden, totes Holz, dichte Gräser. Es war zu trocken in diesem Sommer, schon seit Wochen raschelt es beim Gehen. Jetzt werfen die Buchen ihr kräftiges Grün ab, hier und da zeigt sich welker Ahorn. Es beginnt zu regnen. Im Laub über mir prasselt es, um mich herum bleibt es trocken. Als ich zum Ausgangspunkt zurückkehre, ist es hell. Der ältere Herr mit Hund kommt mir entgegen. Man kennt sich. Guten Morgen.

Dirk Röse 300.000

Russland: Teilmobilmachung. 

Mittwoch, 21. September 2022
 
Er hat es wieder getan. Mit einem spektakulären Doppelschlag bekräftigt der GruFaZ seinen bleiernen Willen, die Ost- und Süd-Ukraine heim ins Reich zu holen.

300.000 Reservisten werden in der kommenden Zeit reanimiert, um Wolodymyr Selenskijs lustigen Gefährten zu zeigen, wie man lustlos stirbt. Und prompt sind alle Flüge von Russland in jene Länder ausgebucht, in die Männer im kampffähigen Alter ohne Visum einreisen können. Sehr verständlich, denn die Überlebenschancen sind für russische Deserteure in Ankara tatsächlich größer als für russische Soldaten in Cherson.

Parallel dazu sollen die Menschen im Donbass und im Süden des Landes an einem Referendum teilnehmen, das über den Anschluss der Regionen an Russland entscheidet. Sollte die ukrainische Armee mithilfe westlicher Waffenlieferungen dann trotzdem weiter Krieg in der Region führen, wäre dies ein Angriff auf russische Territorien, auf die der Kreml mit aller Härte antworten würde. Nur um sicher zu gehen, dass es auch wirklich alle verstanden haben, erinnert Wladimir Putin an die SS20-Raketen aus Leonid Breschnews Zeiten, die noch irgendwo rumliegen müssen.

Zum Glück ist ja völlig offen, mit welchem Ergebnis die Referenden ausgehen. Moskau tut jedenfalls alles dafür, dass sich die Bevölkerung rege beteiligt. Da Kugelschreiber in der Region kriegsbedingt knapp geworden sind, werden die Kreuzchen gleich mit auf den Stimmzettel gedruckt. да! Wer hätte gedacht, dass der GruFaZ auch der GruBaZ ist.

Learning: Größter russischer Feldherr aller Zeiten und Genialster russischer Bürokrat aller Zeiten


Dirk Röse Frieren für den Frieden

Wladimir Putins Kuschelkurs.

Montag, 19. September 2022

 

Ich habe jetzt einen Untermieter. Ein unterkühlter Typ, dem man pausenlos auf die Fresse geben möchte. Du-weißt-schon-wer. Über das Wochenende ist es ungemütlich geworden in Deutschland. Regen, Wind, sinkende Temperaturen. Für meine schlecht isolierte Dachwohnung bedeutet es, dass das Wetter von allen Seiten an der Behaglichkeit in den Räumen zehrt. Mir ist kalt. Die Heizung aufzudrehen ist noch keine Option. Also trage ich winterliche Kleidung. Auf meinem Schoss sitzt Wladimir Putin. Das Frieren für den Frieden hat begonnen.

Dirk Röse Narrativ

Ich bin doch nicht blöd.

Samstag, 17. September 2022

 

Es begann mit dem Vorwurf der »Lügenpresse« und »Pegida«, führte zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für lautstarke »Querdenker« und Demonstrationen mit rechtsradikalem Hintergrund, fand seine verstörenden Momente in der Verkündung von »alternativen Fakten« durch die Trump-Regierung, bereitete den fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien und äußerte sich zuletzt in den »Montagsspaziergängen« der Impfgegner:innen mit ihrer Ablehnung der politisch verordneten Corona-Schutzmaßnahmen. In unserer Gesellschaft hat sich eine äußerst kritische Minderheit etabliert, die den Regierungen in Bund und Ländern misstraut, die sich von einer als »Mainstream« abgestempelten Medienlandschaft abkoppelt und die ihr Wissen und ihre Meinung stattdessen aus vorgeblich vertrauenswürdigeren Quellen zieht. Sie nimmt für sich in Anspruch, dass sie die »wahren Hintergründe und Beweggründe« aller wesentlichen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene kennt, und beruft sich auf die »wirklich zuverlässigen Tatsachen«. Sie werfen der breiten Masse der Bevölkerung vor, sich unreflektiert einer zweifelhaften Politik zu beugen und blind den einseitig gesteuerten Medien zu vertrauen. Von sich selbst behaupten sie, diejenigen zu sein, die noch selbst nachdenken, die sich eine unabhängige Meinung bilden und die sich nicht für dumm verkaufen lassen.

Doch das stimmt nicht. Diese kritische Minderheit macht genau den Fehler, den sie der unkritischen Masse vorhält: Sie lässt andere für sich denken. Sie ersetzt das angeblich unreflektierte Vertrauen in die Mainstream-Quellen durch das unreflektierte Vertrauen in alternative Quellen. Auch hier macht sich niemand die Mühe, die Angaben kritisch zu hinterfragen und zu prüfen. Die Mainstream-Meinungsmacher werden durch Underdog-Meinungsbildner ausgetauscht. Deren missionarische Waffe ist der Zweifel, Beweise bleiben sie schuldig, zur Not muss ein Doktortitel als unanfechtbarer Beleg herhalten. Die kritische Minderheit besteht nicht aus »Querdenkern«, sondern aus »Quergelenkten«.

Sorry, Jungs und Mädels, Ihr seid auch nicht besser als die breite Masse. Im günstigsten Fall herrscht eine Pattsituation zwischen unkritischer Mehrheit und unkritischer Minderheit, in der sich keine der beiden Seiten über die andere erheben dürfte.

Ich kannte eine Impfgegnerin, die im vergangenen Winter an den Montagsspaziergängen teilnahm, um gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu protestieren. Der Konsens innerhalb der Beteiligten war groß. Man nutzte dieselben oder ähnliche Medien. Dann begann Russlands Krieg gegen die Ukraine. Plötzlich waren die meisten Protestler:innen unisono »pro Putin« und »anti NATO«. Da wurde sie nachdenklich.

Dirk Röse Vielfältig Altern

Da gehen sie hin …

Freitag, 9. September 2022

 

Zu den unweigerlichen Folgen des Alterns zählt der Augenblick der ernüchternden Erkenntnis, dass man bereits alle Menschen kennengelernt hat, die im eigenen Leben jemals von Bedeutung sein werden. Zumindest bei mir ist es schon Jahre her, dass jemand Bedeutsames neu in mein Dasein trat. Stattdessen lichten sich die Reihen und das Leben wird ärmer an Menschen, die das Leben wirklich reich machen. 

In meiner Verwandtschaft begann dieser Prozess schon 1974 mit dem Tod von Helmut Faust, dann Wilhelm Röse, Hildegard Röse, Ulrich Henneke und Klara Faust, begleitet von den Freund:inn:en Heike Sundmacher, Steven Arendsen Hein und Frank Mars, die viel zu früh gingen. In diesem Jahr starben Heidi Seiferth und dieser Tage auch Dr. Jan Weinreich, die mein Leben tief und dauerhaft prägten. Sogar Elvis Presley, Keith Moon und David Bowie hinterlassen ebenso eine Lücke wie Nelson Mandela, Helmut Schmidt, Michail Gorbatschow und Queen Elizabeth II. 

Das ist der Lauf der Dinge, es wird weniger und oberflächlicher um sich selbst herum. Ich trug Menschen zu Grabe, die so alt waren, dass kaum noch jemand da war, der den letzten Weg begleiten konnte. Nicht nur Armut, sondern auch Einsamkeit im Alter ist eine weitverbreitete Realität, für die sich allerdings kaum jemand interessiert. 

Deshalb machen es die vielen selbstgenügsamen Menschen der heutigen Zeit genau richtig: Sie sorgen dafür, dass sie es möglichst lange nett haben, denn auch jenseits menschlicher Beziehung gibt es bedeutsame Aufgaben und Vorlieben. Es ist klug, sich vielfältig auf das Alter einzustellen, damit das Leben möglichst lange einen tragfähigen Inhalt hat.

Dirk Röse Corona-Schutzimpfung

 

Ladenhüter: Corona-Impfstoffe. 

Montag, 29. August 2022 

 

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister Karl Lauterbach, 

sehr geehrter Herr Bundesjustizminister Marco Buschmann, 

sehr geehrter Herr Prof. Lothar Wieler, 

sehr geehrter Herr Dr. Uğur Şahin, 

 

bislang war ich ein Verfechter der Impfungen gegen COVID-19. Doch meine Überzeugung ist ins Wanken geraten. Von einer Grippeschutzimpfung erwarte ich Schutz vor einer Grippeerkrankung, von einer Tetanusimpfung erwarte ich Schutz vor Tetanus, von einer Coronaimpfung erwarte ich Schutz vor Corona.

Die Impfungen gegen COVID-19 aber 

  • schützen nicht zuverlässig vor COVID-19 
  • schützen nicht vor wiederholter Erkrankung an COVID-19 
  • schützen nicht vor Long Covid 
  • schützen nicht davor, andere anzustecken


Wovor die Impfungen anscheinend schützen, sind schwere und tödliche Krankheitsverläufe. Das zumindest will ich weiterhin annehmen. 

Die Corona-Impfstoffe haben eine limitierte Wirksamkeit. Das wissen auch Sie, denn Ihr Misstrauen in die Vakzine kommt nun auch in den Corona-Schutzregeln für die Zeit ab dem 1. Oktober 2022 zum Ausdruck: Selbst frisch geimpfte Personen müssen negativ getestet sein und eine Maske tragen, bevor sie ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung betreten. Ginge man von einer zuverlässigen Wirksamkeit der Impfstoffe aus, könnte diese zusätzliche Vorsichtsmaßnahme entfallen. Im Grunde sind die Präparate Minimum Viable Products, was wahrscheinlich der drastisch verkürzten Entwicklungszeit geschuldet ist. 

Hinzu kommen die Nebenwirkungen der Vakzine. Ich habe Menschen kennengelernt, die vor Einführung der Impfstoffe an COVID-19 erkrankten und Long Covid entwickelten. Die nachträgliche Impfung führte zu einer dauerhaften Verschlechterung der Symptome. Kennengelernt habe ich auch Menschen, die bislang nicht an Corona erkrankt sind und die seit der dritten oder vierten Impfung anhaltende Erschöpfungssymptome beklagen. Ein Teil von ihnen hat versucht, mit dem Hausarzt und anderen Medizinern darüber zu sprechen, wurde aber nicht gehört. Andere kommen gar nicht auf die Idee, dass die Erschöpfung aus den Impfungen resultieren könnte, und suchen andere Erklärungen. Hier gibt es womöglich unzählige Menschen, die an Nebenwirkungen der Impfungen leiden, ohne jemals in einer Statistik oder im Rahmen ordentlicher Studien erfasst zu werden. Weiterhin zu erklären, dass es sich lediglich um Einzelfälle handelt, ist zumindest voreilig. 

Die große Hoffnung in die Vakzine, die vor einem Jahr Menschen weltweit euphorisierte, wurde enttäuscht, weil die ursprünglichen Versprechungen nicht gehalten werden konnten. Daher muss von einer weiter nachlassenden Impfbereitschaft im bevorstehenden Herbst gerechnet werden. Auch ich werde mir keine weitere Injektion geben lassen. 


Mir ist bewusst, dass der öffentliche Umgang mit diesen Entwicklungen für Sie politisch schwierig ist. Etwas mehr Transparenz und Ausgewogenheit sind dennoch wünschenswert. Die Impfstoffe sind keine Heilsbringer, sie sind lediglich »das, was wir zurzeit haben«. Mit eingeschränkter Wirkung und mit Nebenwirkungen. 

Dirk Röse Altstadtschule Salzgitter Bad 1975

50 Jahre i-Männchen. 

Sonntag, 7. August 2022 

 

Heute vor fünfzig Jahren wurde ich eingeschult. Meine Erinnerungen an die Altstadtschule in Salzgitter Bad sind zwar nur fragmentarisch, aber sehr gut. In Zweierreihen gingen wir nach den Pausen in die nächste Stunde. Im Klassenraum gab es keine Tischreihen mehr, sondern bereits eine Anordnung im Kreis. Wir hatten zunächst einen Mann als Klassenlehrer, der morgens als erstes seine Gitarre nahm und mit uns sang. Ab der zweiten Klasse begleitete uns eine Klassenlehrerin, die uns englische Lieder beibrachte. Die kontroversen Themen im Hintergrund der vier Jahre waren die Einführung des Sexualkundeunterrichts und die Frage, ob auch Jungs am Handarbeitsunterricht teilnehmen sollten. Und so entwickelte ich frühzeitig ein reges Interesse an Mädchen und lernte parallel dazu stricken, häkeln, Makramee, Knöpfe anzunähen und Socken zu stopfen. Der Frontalunterricht war frappierend geradlinig, schlicht und effektiv. Das meiste passierte an der Tafel und in den eigenen Büchern und Heften. Wir lernten auch Gedichte und Lieder auswendig sowie Schreib- und Druckschrift. Die Religionslehrerin las uns mit Inbrunst spannende Geschichten aus der Bibel vor. Allerdings schaffte ein Mitschüler die erste Klasse nicht, weil er Linkshänder war und an der strikten Umerziehung auf die rechte Hand scheiterte. Das war die Schattenseite. Geschlagen wurde natürlich nicht, doch in der fünften Klasse erlebte ich an einer anderen Schule, wie sich ein Mitschüler eine derbe Ohrfeige einfing. Das fand ich erschreckend. Alles in allem ist mir diese Zeit als Oase des schulischen Glücks in Erinnerung geblieben. In der guten alten Zeit war nicht alles schlecht. Natürlich entwickeln sich Schule, Lehrpläne, Pädagogik und Methoden weiter. Doch wenn ich die seit langem anhaltenden Klagen aus Wirtschaft und Hochschule höre, dass Schulabgänger:innen ihr Handwerkszeug nicht beherrschen, dann frage ich mich, ob sich das System in die richtige Richtung bewegt. Vielleicht war in der guten alten Zeit manches tatsächlich besser als heute. 

Und immer wieder geht die Sonne auf.

Samstag, 6. August 2022

Die Sonne scheint für alle. Für Mann und Frau, Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Fröhliche und Traurige, Reiche und Arme, Schlaue und Dumme, Gute und Böse, für Euch und uns, für dich und mich. Für die Sonne sind wir alle gleich, sie macht keinen Unterschied. Die ist ganz schön ignorant.

Dirk Röse Sonnenaufgang
Dirk Röse Sonnenaufgang
Dirk Röse Sonnenaufgang
Dirk Röse Worst Case Scenario

Long Covid: Worst-Case-Scenario.

Sonntag, 31. Juli 2022

 

Vierzehn Tage nach der Zweitinfektion mit dem Coronavirus ist der ct-Wert von 10 abgewickelt und ich gelte einmal mehr als genesen. Indes haben sich die längerfristigen Beschwerden wie Schläfrigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche und Kurzatmigkeit verstärkt. Überdies bin ich auf einem Ohr nahezu taub, was nicht nur beim Autofahren zu lustigen Irritationen führt. Inzwischen steht auch die Höhe des Krankengeldes fest. Nach Abzug der familiären Verpflichtungen steht mir nur noch ein Taschengeld zur Verfügung. Für Wohnung, Energie und Nahrung geht es ab sofort an die Ersparnisse und meine Freude an der Inflation bleibt limitiert. Trotzdem ist da noch reichlich Luft nach unten und ich bin gespannt, was sich Corona als Nächstes ausdenkt. Den Bodensatz fest im Blick, arbeiten wir uns umsichtig voran.

Dirk Röse EM 2022 der Frauen

♀EURO 2022.

Donnerstag, 28. Juli 2022

 

Die Europameisterschaft der Frauen zeigt: Fußball kann ein schöner und fesselnder Sport sein. Es macht einfach Spaß, den Spielen zuzusehen, die durch eine unglaubliche Dynamik bestechen. Die gegentorlose Vorrunde des deutschen Teams und seine unverwüstliche Power gestern Abend gegen Frankreich oder Partien wie jene zwischen England und Schweden mit Alessia Russos Hackentor werden lange in Erinnerung bleiben. Der allzu verkopfte, selbstgefällige und überkommerzialisierte Männerfußball kann sich da mittlerweile viel abgucken. Das Fußballjahr 2022 hat sein Highlight gehabt, unabhängig davon, wer am Sonntag den Titel davonträgt. Der Boykott der Fußballweltmeisterschaft im Dezember in Qatar ist damit kein Problem mehr.

Unverständlich bleiben Diskussionen darüber, ob im Frauenfußball mehr Tore fallen als im Männerfußball oder ob die Tore für Torwartinnen kleiner sein müssten als für Torwarte. Da macht sich ein männerdominierter Sport zum Maß aller Dinge. Aber es ist alles gut so, wie es ist. Einzig die Diskussion über einen Verzicht auf den Zusatz »Frauen« bei Begriffen wie »Frauenfußball« oder »Europameisterschaft der Frauen« ist im Sinne der Gleichstellung angemessen. Schon in Qatar sollte es heißen: »Fußballweltmeisterschaft der Männer«. Doch darauf muss die Fußballwelt vermutlich so lange warten, bis FIFA- und UEFA-Gremien zur Hälfte durch Frauen besetzt sind.

Ich freue mich für England, dass sie beim Endspiel am Sonntag auf ihre Wunschgegnerin treffen.

Dirk Röse Verrat

Verrat an der Ukraine.

Dienstag, 19. Juli 2022

 

Wolodymyr Selenskij beginnt, in den eigenen Reihen aufzuräumen, und der Blick richtet sich auf den Feind im Innern. Verräter:innen gibt es in jedem Krieg. Wie eine Regierung sich diesem Phänomen stellt, ist eine heikle Frage. In autokratischen Staaten kommt es in diesem Kontext oft zu manischen Auswüchsen. Man kann nur hoffen, dass es in der Ukraine nicht zu einer Welle bösartiger Denunziationen und zu einer Atmosphäre des Misstrauens gegenüber den eigenen Nachbar:inne:n kommt, die das Volk spalten und in ihrem Freiheitskampf schwächen. Denn es ist relativ sicher, dass es ein Zugehörigkeitsgefühl zu Russland in Teilen der Bevölkerung vor allem im Osten des Landes gibt. Ebenso wie in Litauen, Lettland und Estland leben hier starke russische Minderheiten, deren Loyalität zur Regierung im eigenen Land womöglich begrenzt ist und deren Blick sich heimlich nach Moskau richtet. Die Front in der Ukraine ist sehr viel undurchsichtiger, als manch eine:r wahrhaben möchte.

Dirk Röse Corona

Unzertrennlich.

Sonntag, 17. Juli 2022

Long Covid ist längst noch nicht abgeklungen, da fange ich mir die zweite Infektion ein. Wieder dauert es nur kurze Zeit, bis sich Symptome breitmachen, diesmal Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und taube Finger. Nun bleibt abzuwarten, wie sich die Erkrankung entwickelt: Verstärkt sie Long Covid oder setzt sie dem Elend gar ein Ende? Das Ganze ist jedenfalls ein derber Rückschlag und mir reicht es mit Corona.

Dirk Röse Selbstoptimierung

Suboptimierung des Selbst.

Freitag, 8. Juli 2022

Fünf Uhr morgens.

Musik erfüllt den Raum. Mit verzaubernden Klängen löst das Smartphone mich aus dem Tiefschlaf. Gnadenlos wischt meine Hand über das Display und schnippst das teure Teil quer durch den Raum. Ich höre, wie es über die Fliesen schliddert. Immerhin. Einer ist schon mal aufgestanden. Jetzt ich. Mühsam schäle ich mich aus der Decke, zerre meine Gehhilfen über den Rand der Matratze und strecke mich, bis die Knochen knacken. Irgendwie schaffe ich es bis zur Kaffeemaschine. Der Rest geht wie im Schlaf. Als das Gurgeln einsetzt und der betörende Duft durch den Raum zieht, suche ich mein Handy. Es liegt unter dem Sofa. Die Versuchung ist groß. Aber ich beherrsche mich und werfe stattdessen einen Blick auf den Messenger. War klar. Eine Nachricht meines jungen Kollegen, einer dieser respektlosen Nachwuchskräfte, die keine Achtung vor dem Alter haben. »Na? Schon wach?« Gähnend erinnere ich mich an unser gestriges Gespräch. Um diese Tageszeit joggt er bereits durch die Wälder. »Anschließend bist du fit für den Tag, egal was kommt«, behauptete er mit missionarischem Eifer. Ich nickte. Ich schüttelte den Kopf. »Du könntest auch mit dem Rad zur Arbeit kommen.« Ich nickte. Ich schüttelte den Kopf: »Das ist lieb gemeint, aber ...« Die Botschaft kam trotzdem an. Ich muss mehr Sport treiben. Tue ich aber nicht. Und damit passe ich nicht mehr in diese Zeit.


Acht Uhr vormittags.
Ich sitze in meinem Büro. Alle anderen auf diesem Flur stehen an ihren Tischen. Die Rückkehr zu den Vorzügen des 19. Jahrhunderts. Wenn ich mal länger als eine Stunde vor dem Bildschirm stehe, bekomme ich Rückenschmerzen und beginne mit absonderlichen Verrenkungen, bis ich halbwegs auf dem Tisch liege. Mir wird bewusst, dass ich hier mit Abstand der Älteste bin. Sogar mein Chef nuckelte noch am Fläschchen, als ich längst zur Schule ging und mich auf eine Karriere in seiner Abteilung vorbereitete. Meine weiße Haarpracht veranlasste ihn einmal dazu, mir freundschaftlich auf die Schulter zu klopfen: »Beizeiten müssen wir auch an eine Nachfolgeregelung für Sie denken.« Ich klärte ihn darüber auf, dass ich seine geschätzte Gegenwart noch weitere zwölf Jahre genießen darf. Mir ist bis heute nicht klar, wie persönlich ich seine gekräuselten Lippen nehmen sollte. Die Botschaft kam trotzdem an. Ich muss etwas an meinem Alter ändern – in die eine oder in die andere Richtung. Ganzkörperlifting, Egoimplantate und Seelenstraffung. Kann ich aber nicht. Und deshalb passe ich nicht mehr in diese Zeit.


Acht Uhr fünf vormittags.
Mir schießt die Szene durch den Kopf, als ich meinen Sohn von der Grundschule abholte. Gemeinsam mit einer Schulkameradin sprang er aus dem Gebäude und sie sagte: »Schau mal, dein Opa holt dich ab.« Noch verstörender war die Aussage eines Kleinkindes, das im Supermarkt auf mich zeigte und laut rief: »Oma!« Die Mutter entschuldigte sich und sagte: »Sie hält jeden mit langen Haaren für eine Frau.« Ich sehe mich auf dem Flur um. Die Jungs hier sind sämtlich frisch durchrasiert - wahrscheinlich bis zum Schritt - und bräuchten kein öliges Gel, um ihre Restfrisur gegen die Sturmböen des Erfolgs zu wappnen. Außer mir trägt niemand einen Bart, dafür aber alle dunkle Anzüge. Ich verstehe das. Als Pimpf muss man mangelndes Standing durch eine Uniform wettmachen. Die Botschaft kommt trotzdem an. Ich muss meinen Style ändern – im Büro geschniegelt, im Privaten lässig. Will ich aber nicht. Und somit passe ich nicht mehr in diese Zeit.

Elf Uhr vormittags.
Die Personalabteilung schickt eine Mail und bietet mir eine Fortbildung an: »Komplexe Themen einfach kommunizieren«. Was, bitte schön, soll mir das sagen? »Lieber Herr Röse, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie zu der herausgehobenen Klasse der Belegschaft zählen, denen wir schwer zu verstehende Sachverhalte anvertrauen.« Oder: »Verdammt noch mal, Röse, drücken Sie sich klar aus!« Ich habe schon seit Jahren kein Seminar mehr besucht. Für das lebenslange Lernen sorgt ja die Schule des Lebens. Die jungen Kolleginnen und Kollegen sind ständig auf Fortbildung. Klar, die brauchen das noch. Ich hingegen habe in jahrzehntelangen Überdehnungsübungen meine schnelle Auffassungsgabe, eine nach allen Seiten poröse Offenheit für Neues und einen flotten Schritthalteschritt perfektioniert. Die Botschaft kommt trotzdem an. Das unerschöpfliche Potenzial von TikTok, LinkedIn und PowerPoint erfordert ein Upgrade meiner Arbeitsweise, um die nächste #ExpandYourServility-Challenge zu überstehen. Interessiert mich aber nicht. Und damit passe ich nicht mehr in diese Zeit.

Zwölf Uhr mittags.
Ich stehe in der Schlange am Buffet der Kantine. Die Frauen entscheiden sich für einen Salat, die Männer für das vegetarische Menü und die Jungs aus der IT für Currywurst und Pommes. Damit ist klar, mit wem ich heute meine Mittagspause teile. Mir fällt auf, dass ich der Einzige bin, der nicht nur ein Tablett, sondern auch einen Bauch vor sich herschiebt. Nach Abklingen der Schrecksekunde hebe ich mein greises Haupt und schaue stolz in die Runde. Man muss die Blicke der Menschen vom Makel ablenken. Die Botschaft kommt trotzdem an. Ich muss meine Ernährung umstellen. Mag ich aber nicht und mein quasi embryonaler Heißhunger auf Falafel hat es nie bis zur Zellteilung geschafft. Und deshalb passe ich nicht mehr in diese Zeit.

Sechzehn Uhr dreißig nachmittags.

Mit einem Bekannten aus dem Kulturdezernat treffe ich mich im Café, um eine Veranstaltung zu besprechen. »Zigarettchen im Auto geraucht?«, fragt er und ich halte die Luft an. Nutzt aber nichts. Die Tür öffnet sich und ein junges Pärchen giggelt herein. »Uäh, Rauchercafé.« Und schon sind sie wieder draußen. Die Bedienung schenkt mir einen vernichtenden Blick. Ich nippe an meinem Cappuccino ohne Hafermilch und lächle. »Sehr lecker.« Die Botschaft kommt trotzdem an. Ich muss meine Süchte in den Griff bekommen. Nikotin, Koffein, Sex, Currywurst. Schaffe ich aber nicht, wer will schon ernsthaft auf Currywurst verzichten. Und darum passe ich nicht mehr in diese Zeit.

Zwanzig Uhr abends.

Eine Freundin und ich sind zum Videochat verabredet. Ich erzähle ihr von meinem mental herausfordernden Tag. »Wo immer du kannst, stemmst du dich gegen die Welt«, meint sie entnervt. Ich murmele etwas von Individualität. »Nix da, du bist ein einziger Energiestau, da fließt überhaupt nichts mehr.« Unwillkürlich blicke ich auf meinen gut isolierten Bauch. »Du müsstest dringend an dir arbeiten und deine Defizite angehen.« Ich verweise auf meine fortgeschrittene biologische Uhr. Lässt sie nicht gelten: »Du willst doch nicht den Rest deines Lebens auf der Stelle treten.« Treten klingt gut. »Menschen, die sich nicht mehr weiterentwickeln, verkümmern und altern schnell.« Dann ist es für mich ohnehin zu spät. »Quatsch. Es steckt so viel Potenzial in dir, das freigesetzt werden will.« Ich erinnere an frühere Jahrhunderte, in denen Menschen meines Alters meist schon tot waren. Und ich soll mich weiterhin tagtäglich umkrempeln. Wofür? »Vielleicht läuft es dann in deiner Beziehung endlich besser.« Na toll, ich muss erst ein anderer Mensch werden, um liebenswert zu sein. »Nein, du sollst du selbst werden.« Dann fragt es sich, wer ich heute bin. »Auf halbem Weg stehengeblieben.« Ah, immerhin. Das Glas ist halbvoll. »Erst wenn du dich selbst liebst, kannst du auch andere lieben.« Mit Schaudern denke ich an all jene selbstverliebten DIY-Gurus, die sich und anderen das Leben schwer machen. Aber die Botschaft kommt trotzdem an. Ich sollte mich perfektionieren. Ist mir aber zu mühsam. Diese Zeit passt einfach nicht zu mir.


Zwölf Uhr nachts.

Ich kann nicht schlafen. Die Last des Unvollkommenen liegt schwer auf meiner Seele. In vergangenen Zeiten ging es darum, irgendwie die eigene Existenz zu sichern, um nicht zu verhungern. Der widerborstige Gegenpart war die ungerechte Welt. In den letzten Jahrzehnten ging es darum, Wohlstand anzuhäufen. Der widerborstige Gegenpart waren die Grenzen des eigenen Lebens. Und heute geht es um Selbstoptimierung, gekleidet in das eng anliegende Korsett eines bewussten Lebensstils. Der widerborstige Gegenpart bin nun ich selbst. Offenbar braucht der Mensch irgendeine Aufgabe, um sein Dasein mit Sinn zu erfüllen und das hartnäckige Gefühl von Vorläufigkeit und Unvollkommenheit zu bekämpfen. Die Botschaft ist angekommen. Ich bin ein Dinosaurier, vom Aussterben bedroht und ohne Artenschutz. Es ist mir aber gleichgültig. Und deshalb passe ich nicht mehr in diese Zeit.

Dirk Röse Johnson Abe Lawrow

Bitter im Abgang.

Freitag, 8. Juli 2022

 

Drei Politiker treten ab.

Boris Johnson wird mir fehlen. Seine Stärke bestand darin, britischen Humor in der Politik zu verankern. Die Abkehr von ihm zeigt, dass das nicht genügt.

Shinzo Abe wird auf der politischen Bühne fehlen. Er war weltweit respektiert und fuhr einen klaren Kurs, der in die Zeit passte. Das Attentat auf ihn ist entsetzlich.

Sergej Lawrow fehlte auf der Außenminister:innenkonferenz der G20-Staaten. Er verbreitete seinen politischen Mist und duckte sich vor dem kritischen Dialog weg. Was für eine peinliche Nullnummer.

Dirk Röse Textile Kriegsführung

Mode: Kuschelig für den Frieden.

Freitag, 1. Juli 2022

 

Die Erdgasversorgung in Deutschland und Europa ist nicht mehr gesichert. Schon in wenigen Monaten könnte es in vielen Haushalten bitterkalt werden, vor allem, wenn es ausgerechnet in diesem Jahr einen harten Winter geben sollte. Die Frage ist, ob man sich nicht frühzeitig mit kuscheligen Decken und einer mobilen Elektroheizung versorgen sollte. Manche Güter werden ja unverhofft zur Mangelware.

Wenn die Modebranche es geschickt anstellt, wird sie zu einem systemrelevanten Wirtschaftszweig. Benötigt werden pfiffige Kleidungsstücke, in denen uns warm bleibt, auch wenn wir an einem verregneten Januarsonntag den ganzen Tag auf dem Sofa herumlümmeln. Niemand möchte sich im eigenen Heim in mehrere Schichten aus Wollsocken, Handschuhen, Strickpullis und langen Unterhosen zwängen und wie ein muckeliges Marshmallow auf das Lagerfeuer hoffen. Stattdessen werden flauschige Thermoleggins und Daunenhoodies benötigt, die genügend Bewegungsfreiheit lassen und dennoch hübsch aussehen. Dazu passend werden atmungsaktive Spezialsocken und fingerkuppenfreie Handschuhe gereicht.

Allerdings müssten nun Ernsting’s Family, H&M, Zalando und Co. aktiv werden (wer höherpreisige Kleidung trägt, kann sich auch teures Erdgas leisten und wird im nächsten Winter natürlich voll durchheizen). Gerne darf die NATO dann einen Telegram-Account einrichten und Putins Schergen mit unzähligen Fotos der textilen Kriegsführung nerven.

Dirk Röse Farce

Long-Covid: Nie mehr gesund.

Donnerstag, 30. Juni 2022


Sonntag. Während draußen allmählich die Sonne aufgeht, schreibe ich einen Beitrag für den Blog. Es fällt nicht leicht, doch hin und wieder sollte hier etwas Neues stehen. Frequenz und Eloquenz der Inhalte haben in den vergangenen Monaten ohnehin nachgelassen. Dabei ist so viel los in der Welt, dass ich am liebsten jeden Tag schreiben würde. Als der Beitrag endlich online ist, überrollt mich eine Welle der Schwere, die jeden Rest an Energie aus mir herauspresst. Die kommenden Stunden dämmere ich vor mich hin. Trotzdem gehe ich am Nachmittag zu einer Verabredung, laufe ein wenig durch die Stadt, genieße das Straßencafé und gute Gespräche.

Montag. Nichts geht mehr. Entweder waren die beiden harmlosen Aktionen gestern zu viel oder ich habe einfach einen besonders schlechten Tag. Normalerweise nehme ich mir täglich eine oder zwei Aufgaben vor. Staubsaugen und meine Eltern besuchen oder bügeln und eine Mail beantworten oder kochen und ein Telefonat führen. Doch heute brüte ich ergebnislos vor dem Notebook, versuche vor dem Fernseher meine Gedanken auf den G7-Gipfel in Elmau zu fokussieren, falle mittags in einen komatösen Schlaf, lasse den Tag verstreichen und warte auf den frühest möglichen Zeitpunkt für die Nachtruhe.

Dienstag. Der leere Kühlschrank lässt mir keine Wahl, am Vormittag erledige ich einen Einkauf. Dabei kommen mir erneut Zweifel, wie verkehrstauglich ich zurzeit bin. Längere Autofahrten vermeide ich, die Schmerzgrenze liegt bei maximal einer halben Stunde. Mit einem schweren Einkaufskorb kehre ich heim, schwitze, komme die Treppe aber ganz gut hoch. Die Kurzatmigkeit hält sich in sehr erträglichen Grenzen, solange ich mich moderat bewege. Zum Glück werden die Lebensmittel länger reichen als sonst, da der Appetit spürbar nachgelassen hat. Trotzdem zeigt die Waage beunruhigende Ausschläge. Etwas mehr Bewegung täte mir gut. Angesichts der körperlichen Flaute, die oft schon nach einer simplen Dusche einsetzt, ist das eine lustige Vorstellung.

Nachmittags klingelt ein geschätzter Kollege an der Haustür und bringt einen Präsentkorb der Firma vorbei. Es ist wie der Gruß aus einer vergangenen Welt und ich zeige mich in einem Zustand, der unter den üblichen beruflichen Umständen undenkbar wäre. Trotzdem freue ich mich riesig über den kurzen Besuch und den Gruß der Geschäftsführung. Ein bisschen lebe ich noch, spüre Sehnsucht nach meiner Arbeit. Zurzeit gibt es wichtige Entwicklungen, in die ich mich normalerweise mit Herzblut reingehängt hätte.

Mit meinem Hausarzt habe ich erörtert, wie viel Depression mittlerweile in dieser Erkrankung steckt. Natürlich legt sich Long-Covid auch wie ein Schatten auf die Seele. Man funktioniert plötzlich nicht mehr, ist wochen- und monatelang krankgeschrieben, bangt um die berufliche und private Existenz, kann nur noch eingeschränkt am Alltag und den Freuden des Lebens teilhaben, die Tage ziehen sich sinn- und endlos hin. Bei einer Depression hilft es, Menschen zum Handeln und zur Bewegung zu motivieren. Die Linderung der Symptome kommt aus dem Tun. Bei Long-Covid hingegen führen die gleichen Aktivitäten zu noch mehr Erschöpfung. Das wäre also geklärt, doch es macht keinen nennenswerten Unterschied.

Mittwoch. Neben mir liegt ein Stapel Unterlagen der Krankenkasse, der bearbeitet werden muss. Doch es geht nicht. Im Chat der Selbsthilfegruppe wird ein Videoclip von »Spiegel TV« geteilt. Ein Ärzteteam in Mühlheim führt eine Studie durch, um die positiven Effekte einer Blutwäsche auf Long-Covid-Patienten zu untersuchen. Mich irritiert die Vorstellung, dass diese Krankheit womöglich eine solche Therapie braucht, um geheilt zu werden. Das würde ja bedeuten, dass diese Krankheit wirklich eine Krankheit ist. Mir wird bewusst, dass ich meinen Zustand nicht genügend akzeptieren und ernst nehmen kann. Sicher hat es auch damit zu tun, dass andere Patient:inn:en deutlich schlechter dran sind als ich. Das wird mir am Nachmittag einmal mehr klar, als sich die Selbsthilfegruppe trifft und die neuesten Entwicklungen erzählt werden. Ein Mitglied ist endlich geheilt und hat die Gruppe nach acht Monaten verlassen. Alle anderen sind mittlerweile ein oder zwei Jahre dabei. In der Summe habe ich Glück, denn Long-Covid ist in meinem Fall eine konturlose Farce ohne Dramen. Aber leider auch ohne erkennbaren zeitlichen Horizont.

Ein Referent des »Sozialverbandes VdK« ist zu Gast und informiert über Rehas, Krankengeld, Arbeitslosengeld, Hartz IV, Erwerbsminderungsrente, Schwerbehinderungsgrade und viele weitere erbauliche Details. Ich sage: »Eigentlich wollte ich wieder gesund werden.« Und die Antwort aus der Gruppe lautet: »Das dachten wir auch mal.«

Dirk Röse alles ist realitiv

Deep Fake.

Sonntag, 26. Juni 2022

 

Franziska Giffey hat eine Videokonferenz mit Vitali Klitschko. Viel zu spät bemerkt sie, dass ihr Gegenüber eine Computeranimation ist und dass man sie hereingelegt hat. Natürlich ist die Häme überall groß. Der Vorfall zeigt aber auch, welche unglaublich gut gemachten Fälschungen mittlerweile technisch möglich sind.

Dass man Worten nicht trauen kann, ist lange bekannt und bekommt doch gerade in den letzten Jahren eine erschreckend neue Dimension, weil bewusst Fake News eingesetzt werden, um Lügen zu verbreiten und Aggression zu schüren. Mit Erfolg werden Keile in die Gesellschaft getrieben. Manchmal sind die Opfer von Falschinformation am stärksten davon überzeugt, dass allein sie die Wahrheit kennen und dass alle anderen die Betrogenen sind.

Dass man Bildern nicht trauen kann, ist ebenfalls klar. Retusche ist fast so alt wie die Fotografie. Schon Wladimir Iljitsch Lenin ließ Leo Trotzki aus einem berühmten Bild von 1920 herausretuschieren, nachdem der frühere Weggefährte Ende der 1930er Jahre in Ungnade gefallen war und ermordet wurde.

Dass bewegte Bilder täuschen können, ist eine vergleichsweise neue Entwicklung, ermöglicht durch digitale Technik. Der Film »Forrest Gump« war seinerzeit der Augenöffner. Die jetzt verstärkt aufkommenden »Deep Fake«-Videos spielen wiederum in einer ganz anderen Liga und sind oftmals frappierend gut gemacht. Und nun ist diese Technik so weit, dass sie sogar live funktioniert. Der südkoreanische Samsung-Konzern benötigt anscheinend nur noch ein hochauflösendes Foto einer Person, um daraus eine vollständige Deep-Fake-Identität zu erstellen.

Die Wirklichkeit wird aufgeweicht, die Orientierung in der Welt wird schwieriger, die ohnehin übermächtige Komplexität der Dinge und Ereignisse wird durch Nebelkerzen weiter verschärft. Marc Zuckerberg & Co. arbeiten an einem »Metaversum«, einer digitalen alternativen Realität, in die sich die Menschen eines Tages bewusst hineinbegeben sollen. Ich werde mit Albert Einstein am Tisch sitzen und ihn fragen, wie es denn damals wirklich war in seinem Patentamt in der Schweiz. Und er wird mit einem verschwörerischen Augenzwinkern antworten: »Alles ist relativ, sogar die Wirklichkeit.«

Das alles ist unglaublich spannend und die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Und doch frage ich mich, wie viel Realitätsverlust die menschliche Psyche ertragen kann, ohne zwischen den Welten aufgerieben zu werden.

Dirk Röse Kalter Winter

Europa: Solidarität mit kalten Füßen.

Montag, 20. Juni 2022

 

Dass Russland die Erdgaslieferungen nach Europa drosselt, ist eine Konsequenz aus dem Angriffskrieg gegen die Ukraine und der daraus resultierenden Sanktionen. Wladimir Putin und sein Regime kämpfen mit militärischer Gewalt gegen die Ukraine, sie tragen bewusst zur Verschlechterung der Energieversorgung in Europa bei, sie unterbinden Getreidelieferungen in die ganze Welt und nehmen Hungersnöte in Kauf.

 

Durch die Sanktionen gegen Russland, die Waffenlieferungen an die Ukraine und die rückläufige Verfügbarkeit von russischem Erdgas ist auch Deutschland Teil dieses Krieges. Die hierzulande deutliche Steigerung der Lebenshaltungskosten ist nicht allein, aber vorrangig eine Folge des Ukrainekrieges. Noch ist es ruhig in Deutschland, aber diese Entwicklung birgt sozialen Sprengstoff. Die Inflation ist für viele eine Armutsfalle, die absehbaren Nachzahlungen für private Energieverbräuche werden manch einen Haushalt in Not bringen, die bereits jetzt einsetzende Notwendigkeit zum Verzicht auf Extras trüben die Stimmung und schaden der Wirtschaft. Sollte die Industrie gezwungen werden, ihre Produktion aufgrund des Mangels an Erdgas zurückzufahren, droht dem Wirtschaftsstandort Deutschland immenser Schaden, der wiederum die Bevölkerung treffen wird.

 

Der Westen will Russland zermürben, jetzt beginnt Russland, den Westen zu zermürben. Es ist sehr fraglich, wie solidarisch Europa mit der Ukraine bleiben wird und wie einig sich die Europäische Union zeigt, wenn Herbst und Winter kommen, wenn tatsächlich für den Frieden gefroren werden muss und es allen insgesamt schlechter geht. Zu rechnen ist damit, dass die geschlossene Front gegen Russland bröckeln wird, dass die Stimmen der sogenannten Vernunft sehr laut werden, die nach einer Verhandlungslösung mit dem Kreml auch auf Kosten der Ukraine verlangen, dass der Unmut in Bevölkerung und Wirtschaft drastisch zunimmt und die Politik auf Wählerstimmen schielt.

 

Nach wie vor ist denkbar, dass Russland den Krieg auf allen Ebenen gewinnt, weil die Welt der Ukraine in den Rücken fällt und vorrangig an sich selbst denkt. Wladimir Putin hat zwei Trümpfe in der Hand: Er hat die Energieträger und er bleibt rücksichtlos gegenüber der Ukraine, der eigenen Bevölkerung und der Welt. Europa hingegen versucht, die Folgen einer betrogenen Russlandpolitik mit der Brechstange auszumerzen, und könnte an den eigenen Interessen scheitern. Solidarität ist eine feine Angelegenheit, solange man keine kalten Füße bekommt.

Dirk Röse Paragraphen-Dschungel

Der Willkür-Paragraph.

Sonntag, 19. Juni 2022

 

Zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft zählt das Rechtssystem. Bürgerinnen und Bürger, Behörden, Polizei, Militär, Wirtschaft, Parteien, Verbände, Vereine usw. agieren in einem Rahmen, der für ein faires und sicheres Miteinander sorgt. Der Gesetzeskanon ist nicht perfekt, aber er ist deutlich besser und menschenfreundlicher als das geltende Recht in vielen anderen Ländern. Auch die Menschen sind nicht perfekt und verstoßen bewusst oder unwissentlich gegen geltendes Recht, doch die Justiz bildet hier das Korrektiv. Auch die Gerichte sind nicht perfekt, aber sie bewegen sich in Grenzen, die weitgehend vor Willkür schützen.

Aus diesem Geflecht resultiert nun ein Problem, das ein effektives Vorgehen gegen Unrecht in vielen Fällen verhindert. Exekutive und Judikative sind an die Vorgaben der Gesetze gebunden und stoßen an ihre Grenzen, wenn verbrecherische Machenschaften Lücken und Unschärfen im Paragraphendschungel nutzen und sich derart organisieren, dass geltendes Recht nicht mehr greift. Insbesondere Clan- und Bandenkriminalität, Drogenkartelle, Prostitution, Kinderpornographie, religiös-fanatische Gefährder, Wirtschaftskriminalität und jede andere Form der organisierten Kriminalität profitieren davon, dass sich unsere Behörden in den Fallstricken der zu berücksichtigenden Vorgaben verheddern und nicht den Handlungsspielraum haben, den sie bräuchten.

Wünschenswert ist daher ein Gesetz, mit dem unter engen Vorgaben »im Einzelfall von besonderer Bedeutung geltendes Recht ausgesetzt werden« darf. Dazu müssten sich »mehrere definierte behördliche Instanzen auf Landes- und Bundesebene« einig sein, dass dieser Schritt notwendig ist, um »offensichtliches Unrecht« zu beenden, das andernfalls aufgrund der komplexen Gesetzeslage nicht eingedämmt werden könnte. Es müsste von Fall zu Fall einzeln festgelegt werden, welche Maßnahmen entgegen dem geltenden Recht zeitlich begrenzt welchen Behörden erlaubt sind. Allein erweiterte Möglichkeiten bei der Beweismittelbeschaffung und bei der Zulassung von Beweisen vor Gericht, der Umkehrung der Beweislast oder einer Anonymisierung von Zeugenaussagen gegenüber den Beklagten und ihren Anwälten wären ein Fortschritt.

Ein solches Gesetzesvorhaben würde zu gewaltigen Widerständen führen und als »Willkür-Paragraph« verunglimpft. Es wäre auch nicht mit europäischem Recht vereinbar. Gleichwohl ist klar, dass diejenigen, die sich tagein tagaus die Zähne an gut organisierter Kriminalität ausbeißen, ein solches Gesetz herbeisehnen. Die Frage sei erlaubt, was unserer Gesellschaft wichtig ist. Steht die Wahrung des Rechts über allem, auch wenn dieser Grundsatz dazu führt, dass Recht nicht gewahrt wird? Oder schaffen wir uns ein Instrument, das in Ausnahmefällen dazu beiträgt, Schaden von der Gesellschaft abzuwenden, parallele Rechtssysteme auszuschalten, Gewalt, Sklaverei, Misshandlung und Mord zu verhindern sowie Verbrechen zu ahnden und zu unterbinden, bei denen Unrecht vom Recht profitiert?

Dirk Röse Storch

Russland: Krieg der Kalorien.

Freitag, 17. Juni 2022

Russland traut sich was. An allen Fronten führt das Land einen Krieg der Kalorien gegen den Rest der Welt. Die Grenzen der Menschlichkeit, der Achtung und des Anstands spielen dabei keine Rolle, und es ist entsetzlich, dass nun auch die Grenzen des guten Geschmacks nicht mehr gelten. Junge Soldaten aus den am meisten vernachlässigten Regionen Russlands werden mit ihrem hageren Fleisch als leckeres Kanonenfutter in den Krieg gegen die Ukraine geschickt. Riesige Getreidereserven verbleiben auf der russischen Schlachtplatte, um zu verhindern, dass in Afrika jemand unnötig Fett ansetzt. Die Zufuhr von Erdgas nach Deutschland und in andere europäische Staaten wird versuchsweise gedrosselt, damit sich die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig mit der Frage auseinandersetzen können, ob ihnen im kommenden Winter eher ein warmes Süppchen am kalten Esstisch behagt oder ob sie ein kaltes Buffet in wohliger Wärme bevorzugen. Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise ist absehbar, dass sie dabei nur noch die Wahl zwischen warmem oder kaltem Borschtsch haben werden.

Derweil wird in Russland geschlemmt, bis sich der Donnerbalken biegt. Dmitri Medwedew bemüht sich darum, die Grenzen des guten Geschmacks neu zu definieren und serviert ein wegweisendes Dreigängemenü: Frosch, Leberwurst und Spaghetti. Das ist neu. Man spürt schon bei der Auswahl der wesentlichen Zutaten, dass er ein wahrer Europäer und unbestechlicher Gourmet ist. Die Aufregung in der internationalen Nouvelle Cuisine ist natürlich groß, zumal Medwedews Kochkünste dem feisten Kreml mit seinen oligarchischen Feinschmeckern vorbehalten bleiben und außerhalb der dicken Mauern niemand weiß, was genau er vorgelegt. Einig ist man sich immerhin, dass der Auswahl der korrekten Leberwurst die zentrale Bedeutung zukommt. Sie sollte besonders fein aus magerem Schweinefleisch und Trüffeln zubereitet sein und lauwarm genossen werden. Nur so entfaltet sie sich als verbindende Delikatesse zwischen Frosch und Spaghetti. Man muss Medwedew neidlos zugestehen, dass die Symbolik seiner Speisen unübertrefflich ist: Die sehr unterschiedlichen Charaktere der regionalen Spezialitäten verbinden sich zu einem harmonischen Genuss, der die unverrück(t)bare Einheit Europas wiederspiegelt.

Dirk Röse Champagner

Kleinkunst: Kreativer Niesreiz.

Donnerstag, 16. Juni 2022
 
Klammheimlich hat sich zum ersten Mal ein eigenes Musikvideo über die Marke von eintausend Klicks gewuchtet. Gebraucht hat es dafür eineinhalb Jahre. Billie Eilish wuppt das in eineinhalb Minuten. Sowohl für das eine als auch für das andere gibt es Gründe. Demut heißt zu wissen, dass man niemals kreativen Staub aufwirbeln wird, sondern aufgewirbelter Staub bleibt, der anderen in der Nase kitzelt und zu einem Gefühl der Befreiung führt, wenn man ihn mit einem herzhaften Schnäuzer ausstößt. Wie hieß es dann früher so schön: Prosit!

Dirk Röse Long Covid

Long Covid: Da war doch noch was.

Mittwoch, 8. Juni 2022

 

Jetzt ist es zwölf Wochen her, dass ich im Büro saß und innerhalb von zwei Stunden die Covid-19-Symptome einsetzten. Irritation war zu diesem Zeitpunkt das stärkste Gefühl – die an mich selbst gerichtete Frage, ob hier etwas Ernstzunehmendes geschah. Erst gegen Mittag fuhr ich nach Hause. Selbst- und Schnelltests blieben negativ, erst der PCR-Test beim völlig überlasteten Arzt in der Woche darauf brachte Gewissheit. Zehn Tage später ging ich wieder ins Büro. Das war vielleicht der Fehler. Ich war noch nicht wieder fit und über die folgenden Wochen wurde es immer schlechter. Als es nicht mehr ging, nahm ich eine Woche Urlaub, seither folgt eine Krankschreibung nach der anderen. Erschöpfung, Schläfrigkeit, innere wie äußere Schwerfälligkeit und Konzentrationsschwierigkeiten machen eine Teilnahme am normalen Leben fast unmöglich. Ärzt:inn:e:n, Apotheken und Krankenkasse wissen keine zuverlässige Therapie und ich bin dankbar, dass sie keine lukrativen Experimente starten. Die Situation ist nicht bedrohlich, da die Erfahrungen anderer stets auf eine Genesung hinauslaufen. Dennoch ist dieser abrupte Kontrollverlust über das eigene Leben eine sehr unliebsame Begleiterscheinung. Die vielen sinnlos verstreichenden Tage nagen an der Lebenslust. Nun ist es also Long Covid und eine echte Geduldsprobe.

Dirk Röse China Sack Reis

Gibt es gute Nachrichten?

Pfingstmontag, 6. Juni 2022

 

Was ist eine gute Nachricht?

Es war einmal ein sehr empfindliches Ökosystem in einer abgelegenen Gegend dieser Welt fernab jeglicher Zivilisation. Eines Tages geschah nichts. Wie schon am Tag zuvor florierte und faunierte es vor sich hin, blieb intakt und erfreute sich seiner Idylle. Wie sehr ist eine Nachricht davon abhängig, dass etwas geschieht? Wenn Dinge lediglich ihren gewohnten und guten Gang nehmen, haben sie dann trotzdem einen Nachrichtenwert, den man sich nur hin und wieder vergegenwärtigen sollte?

Es war einmal der King of Rock ‘n‘ Roll, der sich im Autohaus umsah und einen Cadillac kaufte. Ein Mann stand dabei und beobachtete die Szene. Der King fragte den Mann, ob ihm der Wagen gefiele, und der Mann bejahte. Da sagte der King zu dem Mann, dass er ihm den Cadillac schenke. Wie sehr muss der Inhalt einer Nachricht mit einem selbst verknüpft sein, um innerlich zu berühren? Muss eine Nachricht einen Bezug zum Selbst haben, um das Gute oder Schlechte zu empfinden, oder gibt es auch Nachrichten, die aus sich heraus gut oder schlecht sind, ohne dass sie etwas mit einem selbst zu tun haben?

Es war einmal ein geschätzter Kollege, der sich darüber freute, woanders eine neue Stelle antreten zu können. Ein anderer Kollege bedauerte diese Entwicklung sehr, weil eine erfreuliche Zusammenarbeit endete. Wie gut ist eine Nachricht, wenn sie an anderer Stelle als schlecht empfunden wird? Gibt es überhaupt gute Nachrichten ohne schlechte Kehrseite? Ist dies womöglich das Dilemma der Politik, mit dem sie sich abfinden muss?

Es war einmal Jesus von Nazareth, der als gute Nachricht verbreitete, dass das Himmelreich nahe herbei gekommen sei. Bis heute wird dieses Evangelium gepredigt, doch die Weltbevölkerung ist weit davon entfernt, sich darüber zu freuen. Welchen Charakter muss eine Nachricht haben, damit sie als gut empfunden wird? Wie glaubwürdig und überwältigend muss sie sein? Was geschieht mit guten Nachrichten, die nicht mehr funktionieren? Was bleibt von der Erhöhung des Mindestlohns, wenn die Inflation alles kaputt macht?

Es war einmal ein Mann, der eine Frau liebte. Er hatte recht genaue Vorstellungen von einer guten Nachricht. Doch diese Nachricht kam nicht. Welchen Einfluss haben gute Nachrichten auf das eigene Leben? Wie sehr ist das Leben von guten Nachrichten abhängig? Wie geht man damit um, wenn gute Nachrichten ausbleiben? Besteht die Kunst des Lebens darin, sich gute Nachrichten zu basteln?

Was ist eine gute Nachricht? Es kann so einfach sein, denn manchmal ist ein bestimmter Mensch die gute Nachricht. 

Dirk Röse Winterkrieg

Winterkrieg.

Montag, 30. Mai 2022

 

Am 30. November 1939 überfiel die Sowjetunion ihren westlichen Nachbarstaat Finnland. Was dem sogenannten »Winterkrieg« vorausging und was folgte, zeigt frappierende Parallelen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine.

Die UdSSR erhob seinerzeit territoriale Ansprüche auf einen Landstrich im Nordosten Finnlands und argumentierte, auf diese Weise die Sicherheit für die sowjetische Grenzregion um Leningrad erhöhen zu wollen. Natürlich ließ sich Finnland darauf nicht ein. Daraufhin drang die Sowjetunion mit massiven Streitkräften in das Land ein, stieß aber auf erbitterten Widerstand. Finnland war hinsichtlich der Ausstattung und der Stärke der eigenen Armee den Sowjets deutlich unterlegen, drängte diese dennoch zurück. Die sowjetischen Streitkräfte mussten sich neu formieren. Beim zweiten Vorstoß der Roten Armee unterlag Finnland der Übermacht und musste im März 1940 Teile des Hoheitsgebietes abtreten. Als Nazideutschland 1941 wiederum die Sowjetunion angriff, sah Finnland die Gelegenheit gekommen, die verlorenen Landstriche zurückzuerobern. Tatsächlich wurden die Sowjets zunächst vertrieben, doch als der Zweite Weltkrieg nach Stalingrad die entscheidende Wende nahm, attackierte und besetzte die UdSSR einmal mehr Teile Finnlands. Die 1947 im Nachgang der Pariser Friedenskonferenz gezogenen Grenzen gelten bis heute.

Territoriale Ansprüche, vorgeschobene Sicherheitsinteressen, Einmarsch, erfolgreicher Widerstand, Umstrukturierung der Streitkräfte, massiver zweiter Vorstoß – all das wiederholt sich in der Ukraine. Und es stellt sich die Frage, ob nicht die allmählichen militärischen Erfolge der russischen Armee im Donbass dieser Tage Fakten schaffen, die bei zukünftigen Friedensverhandlungen zulasten der Ukraine gelten gelassen werden.

Der finnische Spielfilm »Winterkrieg« von 1989 zeichnet das Gemetzel 1939/1940 nach. Als am Ende ein Waffenstillstand verkündet wird, offenbart sich die Sinnlosigkeit des Tötens und Sterbens, des Widerstands und sogar des Friedens. Unzählige finnische Soldaten starben umsonst, das Unrecht des Stärkeren setzt sich durch.

Ich hoffe zutiefst, dass der Ukraine dieser Teil der historischen Parallele erspart bleibt.

Dirk Röse Christi Himmelfahrt

Fahr zum Himmel!

Christi Himmelfahrt, 26. Mai 2022


»Und, Jesus, was hast du heute vor?« 

»Ich fahre zum Himmel.« 

»Oh, weiter Weg. Bis zum Abend bist du da nicht zurück.« 

»Ich überlege, ob ich nicht ein paar Tage länger dort bleibe.« 

»Nicht dein Ernst. Du lässt uns schon wieder hängen?« 

»Nach dem ganzen Durcheinander der letzten Wochen müssen Papa und ich dringend überlegen, wie es weitergeht.« 

»Mit anderen Worten: Ihr habt keinen Plan.« 

»Ja, das kann man so sagen.« 

»Versteh mich nicht falsch, das soll jetzt keine Kritik sein. Aber als Messias aufzutreten, sich massakrieren zu lassen, nur um dann aufzuerstehen und jetzt wieder einen Abflug zu machen, das macht keinen guten Eindruck und reizt unsere Schmerzgrenze ziemlich weit aus.« 

»Kann ich gut verstehen. Vielleicht schicke ich Euch etwas Hochprozentiges für die Übergangszeit, etwas Geistiges, das die Distanz zwischen Himmel und Erde überwindet und Nähe schafft.« 

»Ich weiß nicht, überzeugt nicht wirklich. Da hatte ich schon ein bisschen mehr erwartet.« 

»Wir schauen mal, was sich ergibt.« 

»Wir schauen mal, was sich ergibt???« 

»Äh, ja. Aber ich bin natürlich bei Euch. Alle Tage. Bis ans Ende der Welt. Quasi 24/7 erreichbar.«

»Na toll. Wir sind echt gespannt.«

»Also dann, ich mach mich mal auf den Weg. Melde mich bei Euch, wenn ich da bin.«

»Tja, danke. Schöne Himmelfahrt und lass dich mal wieder blicken. Schöne Grüße an deinen alten Herrn.«

Dirk Röse Pflanzen

Frühling: Gras drüber wachsen lassen.

Dienstag, 24. Mai 2022

Es ist schon erstaunlich, wie viel Freude es bereitet, wenn Pflanzen den Winter überstanden haben und sich nun wieder entwickeln. Jeder Fortschritt beim Wachstum wird genau zur Kenntnis genommen und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

Realität: Die einzig wahre Sicht. 

Sonntag, 22. Mai 2022

 

Der Kampf der Realitäten macht unsere Welt immer wieder zu einem lebensfeindlichen Ort.

 

Gemeint ist damit nicht, dass Menschen unterschiedlicher Auffassung über dieses oder jenes sind. Auch das trägt im schlechtesten Fall zu Gewalt und Krieg bei oder im besten Fall zur Meinungsvielfalt und zu mehr Farbe im Leben. Verschiedene Ansichten bewegen sich in derselben Realität, verfügen also trotz der Differenzen über einen gemeinsamen Rahmen.

 

Gemeint ist, wenn Menschen sich denselben Globus teilen und doch in völlig unterschiedlichen Welten zu leben scheinen. Der jeweilige Deutungshorizont ist ein anderer, das Gesamtverständnis für Diesseits und Jenseits, für Gut und Böse, für Liebe und Hass, für Krieg und Frieden, für Akzeptanz und Ablehnung resultiert jeweils aus einem gänzlich anderen Kontext. Trotz gemeinsamer Wurzeln und Übereinstimmungen wie dem Monotheismus leben beispielsweise Christen und Moslems in unterschiedlichen Realitäten, die seit mehr als tausend Jahren immer wieder zu Konflikten wie den Kreuzzügen oder dem Islamismus führen. Der Imperialismus des Römischen Reiches oder der Kolonialismus vergangener Jahrhunderte haben ihren Ursprung in einer überheblichen Sicht auf die Welt, die nichts mit dem Selbstverständnis jener Völker gleich hatte, die brutal unterworfen wurden. Sozialismus und Kapitalismus rühren zunächst aus derselben Realität, können sich aber zu verschiedenen Kosmen entwickeln. Der Nationalsozialismus ist eine der furchtbarsten Realitäten, die die Menschheit erleiden musste.

 

Voraussetzung für die Entstehung einer Realität ist das Maß, mit dem Einzelne oder Gemeinschaften ihre Sichtweise verinnerlichen, sich von anderen abgrenzen und sich gedanklich über andere erheben. Die meisten Menschen werden in eine Realität hineingeboren und verbringen das ganze Leben in ihr, ohne sie jemals hinterfragen zu müssen. Das ändert sich, wenn sich jemand auf eine andere Realität einlässt oder von ihr überrollt wird. Die Hilflosigkeit von Eltern, deren Kinder plötzlich einer Sekte oder einer radikalen politischen Strömung angehören, zeugt von der Macht, die anderen Realitäten innewohnt.

 

Prägend für das Miteinander von Menschen in verschiedenen Realitäten ist der Mangel an einer gemeinsamen Grundlage, einem gemeinsamen Ausgangspunkt für Dialog, Annäherung und Verständnis. In den jüngsten Jahren sind es Verschwörungstheoretiker, Querdenker und Impfgegner, die sich mehr und mehr in eine neue Realität abkapseln und die Brücken einer gemeinsamen Basis abbrechen. Auch der Kreml scheint mittlerweile in einer anderen Realität zu leben, die durch eine Fokussierung auf die historische Mission Russlands und das Feindbild des Nationalsozialismus befeuert wird.

 

Ist es erst einmal so weit gekommen, haben es beide Seiten schwer, miteinander auszukommen, vor allem wenn sich eine der Parteien radikalisiert oder sogar einen Krieg beginnt – und insbesondere wenn man selbst stets davon ausgeht, in der wahren Realität zu leben. Tun wir das?

Dirk Röse Realitäten
Dirk Röse Klopapier

Orbáns und Erdoğans Segen.

Freitag, 20. Mai 2022

 

Victor Orbán blockiert ein Erdölembargo der Europäischen Union gegen Russland und Recep Tayyip Erdoğan blockiert Finnlands und Schwedens Beitritt zur NATO. Großartig. Miesmuschel und Fiesmuschel nutzen die Gelegenheit, um die Weltpolitik aufzumischen, während die Nutznießmuschel im Kreml ein breites Grinsen auf den Genießnuscheln trägt. Natürlich sollte man fairerweise einräumen, dass Deutschland sich beim russischen Erdgas ähnlich wie Ungarn beim russischen Erdöl verhält und auf die Bremse tritt. Deutschland hätte sicher auch erhöhten Diskussionsbedarf, wenn Finnland und Schweden beispielsweise Mitglieder der früheren R.A.F. beherbergten. EU und NATO beherzigen diese Einwände und treten in weitere Verhandlungen mit Ungarn und der Türkei. Dennoch ist es einfach nur ärgerlich, dass zwei Staatschefs mit autokratischer Neigung und ausgeprägter Profilierungssucht wieder einmal die Chance ergreifen, ihre Randerscheinung zu überwinden und sich in den geopolitischen Mittelpunkt zu drängen. EU und NATO werden die zwei ordentlich pampern müssen, damit dort die Schließmuscheln wieder funktionieren.

Dirk Röse Lieblingsfeinde

Jetzt besonders günstig: Corona im Nachteilspack.

Montag, 16. Mai 2022

 

Corona und ich haben ein Thema. Angesichts der Tatsache, dass ich seit zwei Jahren beruflich gegen das Virus vorgehe und den einen oder anderen Erfolg verbuchen konnte, hätte klar sein müssen, dass es mir derbe einen reinwürgt. Corona ist überempfindlich und nachtragend. Auch zwei Monate nach der Infektion ist mein Hirn eine leblose Masse mit dem IQ eines Puddings. Mein Körper pendelt zwischen A und B, wobei B das Bett ist und A der Autopilot mit Wackelkontakt. Die Tage vergehen in einem Dämmerzustand der psychischen Agonie, der physischen Dysfunktion. Jetzt ist es also etwas Persönliches. Zwischen dir und mir. Du bist im Vorteil, aber ich kann auf Zeit spielen.

Dirk Röse Fahren auf Sicht

Unbarmherzig, undurchschaubar, unvorhersehbar.

Freitag, 13. Mai 2022

 

Europa verändert sich in großen, schnellen, bedeutsamen Schritten. Die Ukraine ist im Verteidigungskrieg gegen Russland, sogar Deutschland liefert Waffen, sechs Millionen Flüchtlinge werden insbesondere von Polen und Moldau aufgenommen, die EU agiert in ungewohnter Einigkeit, die Ukraine und Russland drehen am Gashahn und damit an der Grundlage für den Wohlstand nicht nur in Deutschland, Finnland beabsichtigt einen Beitritt zur NATO, Schweden könnte folgen, Russland droht mit ernsten Konsequenzen, enttarnt sich als militärische Nullnummer, flüchtet in Barbarei und sieht sich immer weiter in die Ecke gedrängt. Das war nicht der Plan eines Wladimir Putin, das war niemandes Plan. Es wird eine Spirale komplexer Entwicklungen in Gang gesetzt, die in einer Katastrophe enden kann. Der Westen bleibt umsichtig, doch unklar ist, ob das plötzlich von allen Seiten getriebene Russland nicht noch stärker auf Eskalation setzt.

 

Politiker:innen aus vielen Ländern reisen hin und her, reden, verhandeln, suchen nach Lösungen, steigen in Flugzeuge, nächtigen in teuren Hotels, tragen Anzüge oder Kleider. Schwer verwundete Soldaten aus den Kellern in Asovstal lächeln in die Kamera, blutverschmierte Verbände, amputierte Arme, dreckige Uniformen. Die Augen der Kinder flackern hin und her. Immer wieder Videos ukrainischer Verbände, die russische Panzer zerstören, und im Innern verbrennen junge Männer.

 

Das Gesicht des Krieges ist unbarmherzig, undurchschaubar und unvorhersehbar.

Dirk Röse Auto

Vom Navi leben lernen.

Donnerstag, 12. Mai 2022
 
Das Navigationssystem ist eine esoterische Errungenschaft. Man gibt ein Ziel ein, bekommt den Weg gewiesen und weiß auch schon, wann man ankommt. Ziel, Weg, Ankunft. Herrlich. Klar, man muss das eigene Ziel kennen und sich auf den Weg machen. Das ist manchmal eine Herausforderung. Aber wenn man das für sich geklärt hat, kann man sich treiben lassen. Kommt es zum Stau, werden sogar Ausweichrouten vorgeschlagen. Nahezu zwecklos ist es allerdings, die Reise zu verkürzen. Auf Deutschlands belebten Straßen muss man schon richtig Gas geben, wenn man geringfügig eher ankommen möchte. Doch meistens landet man dann in einer Baustelle und verliert sekündlich Minuten, die jeden Vorsprung wieder aufheben. Das Leben ist eine Straße und das Navi zeigt, wie es geht.

Dirk Röse Autokratie Demokratie

Autokratische Wurzeln

Mittwoch, 11. Mai 2022

 

Wie schwer ist es, ein politisches System zu verlassen, das nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist und den Menschen schadet. Die Philippinen wechseln vom Blutrausch eines Rodrigo Duterte zum ebenfalls nichts Gutes verheißenden Kurs des Diktator-Sohnes Ferdinand Marcos. In Myanmar führt wieder das militärische Regime einen furchtbaren Kampf gegen das eigene Volk. Die Machtmaschinerie in China – und auch in Russland – nimmt weiter zu, Nordkorea ist zu eisiger Kälte erstarrt. Das politische Spektrum in vielen Ländern lässt einen grundlegenden Wandel nicht zu. Eine Demokratie nach westlichem Vorbild würde vielerorts nur Irritation auslösen. 

Wie tief verwurzelt gelernte Strukturen sind, zeigte im vergangenen Jahr der blamable Machtwechsel in Afghanistan. Deutschland musste zweimal mit äußerster Gewalt zu Boden gezwungen werden, bevor drei Siegermächte darüber wachen konnten, dass es ab 1945 zumindest in Westdeutschland besser läuft. Selbst die bis heute glorifizierte Französische Revolution zerrte tausende Menschen unter das Fallbeil und landete bald darauf bei Napoleon Bonaparte. Es verwundert, dass es in so vielen Ländern der Welt tatsächlich stabile Demokratien gibt. Das ist ein wahrer Segen und mir fehlt jedes Verständnis dafür, mit welcher Geringschätzung mehr und mehr Menschen über sie denken.

Er, ich und wir.

Dienstag, 10. Mai 2022

 

Immer weniger überzeugt mich das weitverbreitete Credo, dass ein »Ich« das einzig wesentliche Gegenüber zum »Du« Gottes ist. Natürlich bleibt ein »Ich glaube« von zentraler Bedeutung. Zugleich aber beziehen sich viele Aussagen der Bibel auf die Gemeinschaft, sie sind an ein »Wir« adressiert. »Ihr seid das Salz der Erde«, und es ist womöglich nicht angemessen, solche Aussagen allzu sehr auf die:den einzelne:n Gläubige:n oder sogar auf sich selbst zu deuten. Gemeint ist vielmehr die Gemeinschaft der Glaubenden. »Ihr seid das Licht der Welt«, allein habe ich nicht genügend Strahlkraft. »Gebt ihr ihnen zu essen«, ich allein schaffe nicht, was möglich ist. »Gehet hin, lehret sie, taufet sie«, aber bitte nicht allein, sondern aus einer gemeinschaftlichen Bewegung heraus. »Siehe, ich bin bei euch alle Tage«, und vielleicht entfaltet sich Gottes Segen erst dann vollständig, wenn er auch auf das »Wir« der Gemeinschaft trifft. 

Dirk Röse Deportiert

Deportiert: Russland wird zum Grab.

Sonntag, 8. Mai 2022

 

Da war mal ein Leben in Frieden und Heimat, mit Familie, Freunden und Alltag. Dann kam der Krieg. Die ersten Bomben und Raketen schlugen ein. Menschen starben, Häuser fielen in sich zusammen, das Leben wurde zur Hölle. Schließlich kamen die Soldaten, beanspruchten die Stadt für sich und erhoben sich über Frauen, Männer, Kinder. Es gab kein Entkommen. Am nächsten Tag schon wurden sie deportiert, Busse brachten sie tief in das weite Land des Feindes. Da sind sie nun, nicht länger Ukrainer:innen, sondern Russ:inn:en, irgendwo in der Fremde. Zuhause geht der Krieg weiter, doch hört man kaum ein brauchbares Wort darüber. Wird in Kiew noch gekämpft, ist Mariupol gefallen? Was ist aus Angehörigen und Nachbarn geworden? Denkt noch wer an mich oder sind auch sie längst verstreut in diesem riesigen Land, in dem man sich niemals begegnen wird? Nicht erschossen, nicht verstümmelt, mitten aus dem Leben gerissen, heimatlos und keine Aussicht auf Rückkehr. Einsam, ohne Hoffnung. Alles verloren, bald vergessen, lebendig begraben.

Dirk Röse USA

USA: Unbegrenzt verschroben.

Donnerstag, 5. Mai 2022

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika machen mich ratlos. Vielleicht bin ich nur Teil einer amerikakritischen Generation oder auch nur Teil einer amerikakritischen Nische meiner Generation. Aber mich wundert, wie sich ein Land »Amerika« nennen kann, obwohl es nur die »USA« ist. Reist jemand nach »Amerika«, so frage ich: »Wohin denn? Nach Rio de Janeiro oder Montreal?« Mich wundert auch, dass sich das Gerücht eines »Landes der unbegrenzten Möglichkeiten« so hartnäckig hält. Bei Gelegenheit sollte man dazu die ursprüngliche Bevölkerung in ihren Reservaten befragen oder die Menschen mit dunkler Hautfarbe während der Festnahme durch einen weißen Cop in ein Gespräch verwickeln, sofern sie atmen können. »Unbegrenzte Möglichkeiten« könnten sich aber auch auf den Abwurf zweier Atombomben, das Recht zur privaten Militarisierung und zum Amoklauf, den Einmarsch in den Irak aufgrund gefälschter Gefährdungspotenziale und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten beziehen. Unbegrenzt sind die Möglichkeiten in jedem Fall, wenn es darum geht, wunderschöne Bücher wie »Wer die Nachtigall stört« aus Schulbibliotheken zu entfernen oder das Recht auf Abtreibung drastisch einzuschränken. Schier unbegrenzt sind die Möglichkeiten eines verschrobenen Konservatismus, die eigenen Möglichkeiten mit verschrobenen Gesetzen zu begrenzen. Gäbe es nicht Elvis Presley, Bob Dylan und Spongebob Schwammkopf, so käme ich zu dem Schluss, diese Nation sei unbegrenzt selbstüberheblich.

Handzahme Politik.

Montag, 2. Mai 2022


Heute bin ich zur Öffentlichen Anhörung in den Umweltausschuss des Niedersächsischen Landtags eingeladen, um zu einer geplanten Gesetzesänderung Stellung zu nehmen. Es geht um Erdöl- und Erdgasbohrungen in Naturschutzgebieten, insbesondere im Wattenmeer, es geht um Torfgewinnung, es geht um die Nutzung von Grünland, es geht um Luftverschmutzung und Artenschutz, es geht um Genehmigungsverfahren, es geht um die entsprechenden Positionierungen von Verbänden und Unternehmen. Ich bin richtig nervös und ich werde ziemlich enttäuscht. Ein Teil der Abgeordneten ist per Video zugeschaltet, es wird gegähnt, in der Nase gebohrt und stummgeschaltet mit anderen Menschen im Raum gesprochen. Auch im Sitzungssaal ist die Aufmerksamkeit geteilt, Notebook und Smartphone sind eine echte Alternative. Die meisten Geladenen tragen ihr Statement vor und gehen, ohne dass ihnen weitere Rückfragen gestellt werden, wieder vom Podium zurück auf ihren Platz. Lediglich ein Lokalpolitiker und ich bekommen handzahme Nachfragen. Eingestellt war ich auf eine Kontroverse, doch diese Anhörung hinterlässt den Eindruck einer Alibi-Veranstaltung. Nach zwei Stunden sitze ich schon wieder im Auto und fahre heim. Politik ist ein irritierendes Geschäft. 

Ukraine: Richtig und falsch.

Sonntag, 1. Mai 2022

 

Deutschland entzweit sich über die Frage, wie schwer die Waffen für die Ukraine sein dürfen. Manch ein:e Politiker:in sähe sie längst gerne vor Ort. Manch ein:e Intellektuelle:r warnt vor dem Dritten Weltkrieg mit Atomwaffen. Und stets steht im Hintergrund die Frage danach, was in dieser Situation richtig und falsch ist.

 

Doch es ist schon die Frage, die falsch ist. Im Krieg gibt es kein »richtig«. Alles, was im Krieg geschieht, ist falsch. Es geht immer ums Zerstören und Töten. Es ist völlig gleich, ob und welche Waffen Deutschland an die Ukraine liefert, denn mit und ohne sie wird weiter geschossen und gelitten.

 

Die richtige Frage lautet, was den Krieg beendet. Der Kreml könnte es, wenn er seine Pläne aufgäbe. Die Ukraine könnte es, wenn sie sich selbst aufgäbe. Unsere Waffen beenden den Krieg nicht, unsere Verweigerung beendet den Krieg auch nicht. Die ernüchternde Antwort auf die Frage danach, was den Krieg beendet, lautet zurzeit: Nichts.

 

Der Einwand wird erhoben, ob nicht eine europaweite oder weltweite Eskalation droht, wenn weiter Waffen geliefert werden. Wenn Deutschland keine Waffen liefert, verhindern wir womöglich, dass der Krieg auf unser Land übergreift. Wenn Deutschland keine Waffen liefert, nehmen wir aber auch in Kauf, dass Russland die Ukraine noch fürchterlicher attackiert. Die Gegenfrage auf den Einwand heißt, welche Eskalation man verhindern will. Die egoistische Antwort lautet dann: Die Eskalation im eigenen Land muss verhindert werden.

 

Die Atombombenkuppel in Hiroshima oder die Gedächtniskirche in Berlin zeugen davon, wie Kriege beendet werden. Wer António Guterres in Moskau empfängt und im Anschluss Kiew bombardiert, während António Guterres dort zu Gast ist, signalisiert unmissverständlich, dass eine friedliche Lösung nicht zur Debatte steht. Kommt runter vom moralischen Ross. Es sind nicht »richtig« und »falsch«, die hier regieren. Es regiert falscher russischer Irrsinn, und dem muss und kann nur falsch widerstanden werden.

Dirk Röse Atompilz

Kreml winkt mit Atomkrieg.

Dienstag, 26. April 2022

 

Da ist sie wieder, die Drohung mit dem Atomkrieg, diesmal geäußert von Sergej Lawrow. Der Westen pumpt Waffen und Geld in die Ukraine. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Russland öffentlich fragt, wer jetzt eigentlich Kriegspartei ist. Olaf Scholz zögert mit der Lieferung schwerer Waffen, weil er weiß, wie nervös Russland angesichts der eigenen Misserfolge ist und wie leicht die Dinge dann eskalieren können. Je niedriger die russische Erfolgsquote in der Ukraine ist, desto höher ist die Gefahr eines Weltkriegs. Es geht aber nicht anders. Russland muss aus der Ukraine geworfen werden. Das Kriegsgeschehen muss sich weiter zuspitzen. Und dann muss die letzte Bastion der Vernunft halten. Es bleibt ein existenzbedrohliches Spiel mit dem Feuer. Aber es ist Russland, das diesen Brand entfacht hat. Und es liegt an Russland, dass es kein Flächenbrand wird.

Dirk Röse was heute richtig ist

Diplomatischer Ringtausch. 

Freitag, 21. April 2022

 

Deutschland hat sich in eine Diskussion von hoher Komplexität verstricken lassen. Sie ist zum einen angemessen, zum anderen ist sie es nicht. In jedem Fall tut sie der deutschen Politik zu diesem Zeitpunkt nicht gut, bindet Kräfte an der falschen Stelle und treibt Gräben in die Regierungskoalition.

 

Es ist nicht angemessen, dass Wolodymyr Selenskyj und Andrij Melnyk die deutsche Politik immer wieder mit Forderungen und Vorwürfen angehen. Diplomatie funktioniert so nicht und ein solches Vorgehen kostet Sympathien. Selbst Frank-Walter Steinmeier wurde attackiert, und nachdem er sich für die Fehler der Vergangenheit entschuldigt hatte, lud man ihn trotzdem von einem Solidaritätsbesuch in Kiew aus. Übersehen wird dort der breite Konsens in der deutschen Politik, dass man Wladimir Putin überschätzte, an vielen Punkten zu optimistisch handelte und immer wieder falsche Entscheidungen traf. Doch die Diskussion ist nicht mehr aufzuhalten, Manuela Schwesig ist die neueste Zielscheibe, die CDU zieht sich aus der jahrelangen Verantwortung und manch ein:e prominente:r Politiker:in übt sich in markigen Worten. Auch Olaf Scholz ist angeschlagen, wird von den eigenen Koalitionspartnern kritisiert und soll ukrainische Wünsche erfüllen, denen das deutsche Militär offenbar nicht gerecht werden kann. Wolodymyr Selenskyj und Andrij Melnyk haben nicht mehr erreicht, als dass Deutschland jetzt mit sich selbst beschäftigt ist. Das kann man kaum einen großen diplomatischen Erfolg nennen.

 

Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Deutschland so stark im Fokus der ukrainischen Außenpolitik steht. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien tragen in ganz anderen Dimensionen militärisch und finanziell dazu bei, dass die Ukraine bestehen kann. Polen punktet mit hohem humanitären Einsatz bei der Aufnahme von Flüchtlingen und mit umfangreichen Waffenlieferungen. Dahinter fällt Deutschland deutlich zurück und im militärischen Bereich zeigt sich nun, dass in den letzten Jahrzehnten zu stark abgerüstet wurde und man angesichts dieser unerwarteten Entwicklung nicht hilfreich sein kann. Mit Vorwürfen und Forderungen lässt sich diese Situation allerdings nicht ändern.

 

Aus dem Blick gerät dabei, dass Frankreich, Spanien, Italien und andere EU-Staaten auch nicht besser dastehen und sich wegducken. Kiew sollte sich nicht explizit an Deutschland wenden, sondern an die Europäische Union, um konzertierte Waffenlieferungen und andere Hilfspakete zu erhalten. Tatsächlich laufen auf dieser Ebene Gespräche und Maßnahmen, und doch bleibt auch Brüssel merkwürdig unsichtbar. Es scheint allen recht zu sein, dass es Deutschland trifft. Man kann nur hoffen, dass der geplante europäische Ringtausch von Waffen Ruhe in diesen Disput bringt.

 

Auf der anderen Seite ist es allzu angemessen und verständlich, wenn sich die ukrainische Politik an andere Staaten wendet und um jede mögliche Hilfe bittet – und auch um die Hilfe, die nicht möglich scheint. Sei es humanitäre Hilfe, sei es die Aufnahme von Flüchtlingen, sei es ein umfassendes Embargo, sei es militärische Unterstützung. Aus Kiew spricht ein Volk in höchster Not, im Angesicht des Todes und der Vernichtung der Heimat. Jedes Zaudern und jede zurückgehaltene Unterstützung kostet Menschenleben. Die Ukraine braucht jetzt deutlich mehr Waffen.

 

Die westliche Politik steht vor der schweren Einschätzung, wie umfassend sie sich militärisch einbringen muss, um einen Sieg gegen Russland herbeizuführen. Jeder weiß, dass jetzt die Gelegenheit ist, um den Kreml zu schlagen und auf lange Zeit in seine Schranken zu weisen. Vielleicht stehen manche Staaten - wie Deutschland - angesichts der atomaren und energiepolitischen Drohkulisse aber immer noch vor der Frage, wie wichtig ihr ein gezähmtes Russland und eine siegreiche Ukraine sind. Sollte jedoch Russland siegen und die Ukraine fallen, wäre das Jammern groß und Europas Sicherheit ungewiss. Wie so oft klärt sich erst im Nachhinein, was richtig und was falsch gewesen wäre. Wehe, es heißt dann wieder, man habe die Situation unterschätzt und Fehler gemacht, wie schon bei der Abhängigkeit von russischen Energieträgern, wie bei NordStream 2, wie bei der Annexion der Krim, wie bei tausend anderen Gelegenheiten.

Dirk Röse Lange schlafen

Überfällige Korrektur: Black Friday ersetzt Karfreitag.

Ostermontag, 18. April 2022

 

Nur am Rande findet die Nachricht Beachtung, dass erstmalig weniger als fünfzig Prozent der Bevölkerung in einer der großen Kirchen organisiert sind. Damit sind Kirchenmitglieder noch lange keine Minderheit, denn sie stellen hierzulande nach wie vor die mit Abstand größte Gruppe. Der Vergleichswert sind nämlich die »nicht Organisierten« und die »in deutlich kleineren Gruppen Organisierten«. Trotzdem müssen sich Deutschland und die Kirchen klar darüber sein, dass hier ein Bedeutungsverlust in großen Schritten voranschreitet. 

In der Vergangenheit wurde bei solchen Nachrichten gerne über die Abschaffung der Kirchensteuer diskutiert. Zurzeit haben andere Themen berechtigterweise absoluten Vorrang und Kirche fällt in der öffentlichen Wahrnehmung hinten runter. Aber selbst das ist ein Zeichen.

Spaßeshalber könnte man ja mal fordern, dass die christlichen Feiertage abgeschafft werden. Auch die unterliegen dem Bedeutungsverlust. Lediglich beim Weihnachtsfest ist die Umdeutung in ein »Fest der Liebe« gelungen. Karfreitag, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und der Reformationstag hingegen sind ebenso verzichtbar wie Heilige Drei Könige, Fronleichnam, Mariä Empfängnis, Allerheiligen und der Buß- und Bettag. Das gäbe einen lustigen Aufschrei.

Doch Sorge um zu wenige zusätzliche freie Tage muss eigentlich niemand haben. Als Ersatz stehen bereits viele unterbewertete Feiertage in den Startlöchern: Halloween, Black Friday, der Weltfriedenstag, der Welttag der Frauen und das »Hochamt der Langschläfer:innen«. Für die Jugend und das Emsland sollte zusätzlich der Sonntag vom Feiertag in einen »Reiertag«* umdeklariert werden (offiziell: »Tag des ausgeprägten Unwohlseins«). Und natürlich darf der jährliche »Lauterbach Day« zur Beendigung der allwinterlichen Coronabeschränkungen nicht fehlen. Zusammen mit dem Ersten Mai, dem Tag der Deutschen Einheit und Silvester/Neujahr hätten wir damit ein hübsches Abbild unserer Gesellschaft.

*reiern: Emsländisch für »nicht verwertbare Mageninhalte ausstoßen«

Dirk Röse Karfreitag

Der letzte Versuch.

Karfreitag, 15. April 2022

 

Er setzt eine Grenze im Garten.

Und der Mensch überschreitet sie.

Er schickt eine Flut über die Welt.

Und das Übel ertrinkt nicht.

Er schafft Gesetze zu aller Wohl.

Und sie werden missachtet.
Er schenkt ihnen das gelobte Land.
Und sie murren.

Er ruft auf zur Umkehr.

Und die Boten verhallen.

Er sendet seinen Sohn.

Und man schlägt ihn ans Kreuz.

Er sucht nach einer Lösung.

Work-Life-Balance in der Politik.

Mittwoch, 13. April 2022

 

Bundesfamilienministerin Anne Spiegel ist zurückgetreten, genau genommen trat sie aus familiären Gründen zurück. Die Grünen suchen nun nach einer Nachfolgerin. Und manch ein:e Politiker:in denkt laut darüber nach, dass auch in der Spitzenpolitik Amt und Familie besser vereinbar sein müssen. Aber ich bezweifle, dass wir das wirklich wollen. Ein Land muss regiert werden. Wer persönlich anstrebt, Minister:in zu werden, muss sich im Vorfeld darüber klar sein, dass alles hinter die Politik zurückweichen muss. In der Wirtschaft und in Verbänden ist es ebenso: Je höher der Posten, desto schwerer wiegt die Verantwortung und desto mehr schwindet das Privatleben. Es geht nicht, dass ein:e hohe:r Politiker:in vorzeitig aus einer Krisensitzung aussteigt, weil das eigene Kind wegen plötzlichen Fiebers aus der Schule abgeholt werden will. Außenministerin Annalena Baerbock hat recht mit ihrer Aussage, wie brutal Politik sein kann. Und deshalb wird die Diskussion um die Work-Life-Balance in der Politik versanden.

Frankreich am Scheideweg: Macron oder Le Pen?

Montag, 11. April 2022

 

Demokratische Parteien geben Sicherheit, sie sind das Organ, dem ein:e Wähler:in den eigenen politischen Willen zur Umsetzung überträgt. Große demokratische Parteien geben einem ganzen Land Sicherheit, die eigenen Interessen und Verantwortungen innenpolitisch und außenpolitisch mit großer Unterstützung voranzubringen. In Deutschland wird gerne über die großen Parteien genörgelt und tatsächlich haben sie insgesamt an Zustimmung verloren. Trotzdem gelingt es ihnen seit Jahrzehnten, das geopolitische Schwergewicht der Bundesrepublik Deutschland überaus gut in Gang zu halten – wenn man zugesteht, dass es auch in der Politik keine Perfektion gibt.

 

Dass es schwieriger wird, wenn Mehrheiten sich breiter verteilen, sieht man derzeit an der Gesundheitspolitik der Ampelkoalition. Karl Lauterbach muss wirre Coronamaßnahmen vertreten, deren Stringenz von der FDP zerschossen wurde.

 

Zu welchen ernsthaften Risiken es führt, wenn alteingesessene demokratische Kräfte zusammenbrechen, sieht man dieser Tage wieder in Frankreich. Plötzlich hat ein für die Europäische Union bedeutsames Land nicht mehr die Wahl zwischen zwei demokratischen Lagern, sondern zwischen einer realistischen, politisch gemäßigten und europafreundlichen Partei und einer radikalen, ausländerfeindlichen und europakritischen Partei. Donald Trump und der Brexit haben bewiesen, wie schnell eine Abstimmung in die verkehrte Richtung ausfallen kann. Sollte Marine Le Pens Partei in Frankreich die Regierungsämter übernehmen, hätte das Land und hätte ganz Europa ein echtes Problem. Schnell wäre es vorbei mit der Geschlossenheit Russland gegenüber, vorbei wäre es mit der deutsch-französischen Achse als integrativer Treiber der EU und in Frankreich selbst würden sich die Fronten weiter verhärten und radikalisieren.

 

Starke demokratische Parteien sind ein Gewinn mit einer hohen Verantwortung. Wir sollten sie bitte nicht gering schätzen.

Dirk Röse Spieglein Spieglein

Deutschland: Dein wohltuender Zynismus.

Sonntag, 10. April 2022

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist Russland. Das Leben, das du hierzulande führst, ist russisch. Es ist russisches Erdgas, das dich wärmt und das die Wirtschaft in Gang hält, damit du weiterhin alles kaufen kannst, was dir das Leben angenehm macht, auch die Medikamente, die du brauchst. Russisches Gas ist für dein Leben unverzichtbar, wenn du nicht verzichten möchtest. Dasselbe gilt für russisches Erdöl. Dein Leben wird ohne russisches Öl ärmer, weil es dein Auto und die Produktion deines Arbeitgebers am Laufen hält. Bereits jetzt ist dein Leben ärmer, weil du sehr viel mehr Geld für Öl und Gas zahlst. Du spürst es an der Zapfsäule, du wirst es bei den nächsten Nebenkostenabrechnungen merken. Und das alles würde noch sehr viel schlimmer für dich kommen, wenn du auf Öl und Gas aus Russland verzichten müsstest. Sei deiner Regierung dankbar, dass sie sich nicht dazu drängen lässt, fossile Brennstoffe aus Russland zu boykottieren.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist die Ukraine. Du deckst dich mit Sonnenblumenöl und Mehl ein, weil du nun endlich gelernt hast, woher sie kommen. Weil sie aus einem Land kommen, in dem Krieg herrscht, ist unsicher, ob sie dir auch weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Also denkst du erst einmal an dich selbst, bunkerst Grundnahrungsmittel und wirfst sie anschließend massenhaft weg, wenn das Verfallsdatum erreicht ist und du sie gar nicht gebraucht hast. Auch die Menschen, die dir jetzt im Nahverkehr und im Supermarkt begegnen, kommen aus dem Land, das dich nicht mehr zuverlässig beliefern kann. Es ist aber gut für das eigene Gewissen, dass wir sie hier jetzt verlässlich versorgen können. Hier gibt es ja genug für alle und du hast lieber osteuropäische als afrikanische Flüchtlinge um dich, solange dir die Ukrainerinnen im deutschen Supermarkt nicht das ukrainische Sonnenblumenöl vor der Nase wegschnappen. Sei deiner Regierung und den vielen Freiwilligen dankbar, die auch dein reines Gewissen organisieren.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist der Krieg. Du spürst es im Geldbeutel und siehst es im Fernsehen, dass etwas aus den Fugen gerät, das deinem Leben bislang Sicherheit gab. Dein Öl und Gas waren bislang ein Klimaschutzthema, um das sich deine Regierung kümmern musste. Jetzt sind dein Öl und Gas tödlich, weil du damit Russland und Russlands Krieg gegen die Menschen in Mariupol und Butscha finanzierst, um keine Engpässe in deinem Lebensstil zu erleben. Sei deiner Regierung dankbar, die Waffen in die Ukraine schickt, damit die Männer dort kämpfen und sterben, um bald wieder Sonnenblumenöl und Mehl für dich produzieren zu können.

 

Liebe Leserin, lieber Leser aus Deutschland. Auch du bist zynisch. Du bist Teil einer globalisierten Welt, in der alle voneinander abhängen. Es ist Wladimir Putin, der dir dein gutes Leben ermöglicht. Und du kannst ihm nicht entkommen, weil du es weiterhin bequem haben möchtest. Damit du weiterhin unbeschwert lebst, verzichtest du auf Moral und Idealismus und Gradlinigkeit. Du verachtest Russland und stehst morgens behaglich unter der russisch beheizten Warmwasserdusche. Sollen sie sich da hinten gegenseitig verstümmeln, solange du warme Füße hast und es nicht dein Sohn ist, der an die Front muss. Und du weißt genau, dass Wladimir Putin erst dann die Atombombe zündet, wenn du sein Gas nicht mehr willst. Solange du es dir aber gut gehen lässt, trägst du aktiv zum Gleichgewicht der Mächte und zum Frieden in der Welt bei. Sei deiner Regierung dankbar und klopf dir selbst auf die Schulter, denn das ganze Gehampel dient ja doch einem guten Zweck und ergibt wirklich Sinn. Im Grunde ist die Ukraine nur ein Kollateralschaden für die Stabilität unserer heiligen Ordnung, der dort begrenzt werden muss, wo er dir nicht weh tut.

Dirk Röse Macht dient dem Menschen

Kreml: Wirre Träume.

Donnerstag, 7. April 2022

 

Was in der Ukraine geschieht, treibt mir die Tränen in die Augen und macht mich sprachlos. Was im Kreml geschieht, ist abscheulich und zynisch und macht mich wütend. Ein paar alte Männer haben einen wirren Traum und ein ganzes Land leidet und die Welt beginnt die Folgen zu spüren. Mein Verständnis ist, dass Macht den Menschen dient. Das tut sie auch, allerdings dient sie wenigen und nicht allen. Macht dient den Mächtigen. Offenbar bin ich derjenige mit dem wirren Traum.

Dirk Röse Corona lieben lernen

Corona: Virtuose Nummer.

Mittwoch, 6. April 2022

 

Vier Wochen nach den ersten Symptomen endet auch bei mir die akute Phase der Corona-Infektion und die subakute Wegstrecke beginnt. Nahezu alle Beschwerden sind abgeklungen, Konzentrationsschwäche und Erschöpfung bleiben. Im Büro kommt die Arbeit langsamer voran, privat braucht es Überwindung, um noch etwas mehr oder minder Sinnvolles zustande zu bekommen. Yep, es bleibt ein milder Verlauf, aber: Respekt, Respekt, wie virtuos das Virus diese harmlose Nummer spielt. 

COVID-19 ist ja doch ein Tausendsassa: Atemnot und Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Geschmacksverlust, Müdigkeit und Vergesslichkeit, ja, sogar eingewachsene Fußnägel, erotische Desaster, explosive Blähungen, Popickel und schwer zu bändigende Bewegungslegasthenie soll Corona verursachen. Sorry SARS-CoV-2, wer sich so penetrant in den Vordergrund spielt, dem wird am Ende alles in die Schuhe geschoben. Wenn du so weiter machst, schadest du deinem guten Ruf.

Dirk Röse Besucher Website

Statistik.

Dienstag, 5. April 2022

Es ist durchaus interessant zu sehen, aus welchen Teilen der Welt die Besucher:innen dieser Website kommen, zumal die Inhalte ausschließlich auf Deutsch bereit gestellt werden. Vielleicht ist es aber auch nur ein VPN-Streich.

Dirk Röse Bucha

Ukraine: Unser Krieg oder Euer Krieg?

Montag, 4. April 2022

 

Der Nebel lichtet sich an wenigen Orten und legt das Grauen offen, das Menschen in der Ukraine erlitten. Erst Mariupol, jetzt Butscha. Jeder Krieg schafft sich seine Symbole. Massala. Stalingrad. Hiroshima. Srebrenica. Grosny. Aleppo. Mariupol reichte nicht, es brauchte Butscha.

Und insbesondere Europa steht nun völlig unvorbereitet vor der Frage: Ist dies unser Krieg oder ist dies Euer Krieg? Die Frage stellt sich nicht mehr nur der Politik, sondern tatsächlich jedem einzelnen Menschen auf diesem Kontinent. Wenn es unser Krieg ist, dann ist die Folge auch ein Importstopp von Erdöl und Erdgas aus Russland, dann gibt es negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand, dann wird für den Frieden gefroren. Im Grunde aber stellt sich diese Frage schon nicht mehr, da die Konsequenzen längst die Wirtschaft treffen und jede:n Bürger:in an der Zapfsäule oder beim Kauf von Sonnenblumenöl einholen. Es ist bereits unser Krieg, nur sträuben wir uns noch mit Händen und Füßen dagegen. Sind wir bereit dazu, diesen Krieg als unseren Krieg zu verstehen und die Folgen zu tragen? Oder betreiben wir weiterhin Schadensbegrenzung, leben über einen langen Zeitraum mit überhöhten Kosten, nehmen Hunger in Afrika in Kauf und verdrängen bei allen weiteren Kriegsgräueln die einfache Erkenntnis: Die Opfer in Butscha sind auch unsere Opfer.

Ukraine: Neue Fronten

Sonntag, 3. April 2022

 

Die russische Armee zieht sich tatsächlich aus dem Raum Kiew zurück, hinterlässt vermintes Gelände, zerstörte Wohngebiete und traumatisierte Menschen. Nach Mariupol erhält der Krieg in der Ukraine ein zweites Mahnmal: In Butscha kam es zu Erschießungen von Zivilisten, deren Leichen auf den Straßen liegen oder notdürftig verscharrt wurden. Der Krieg in der Ukraine nimmt einen Verlauf wie jeder andere Krieg: Die Schranken der Menschlichkeit fallen und jedes einzelne Opfer der russischen Armee durchleidet einen unvorstellbaren Horror. Außenministerin Annalena Baerbock kündigt daraufhin eine weitere Verschärfung der Sanktionen an. Es ist das Mindeste, das wir tun können.

Wladimir Putins Plan, die ganze Ukraine zu erobern und ihre Bevölkerung zu befreien, ist damit in jeder Hinsicht gescheitert und ad absurdum geführt. Zu erwarten ist nun, dass er sich den Osten und den Süden des Landes dauerhaft einverleiben will, dort, wo derzeit bereits weite Gebiete russisch besetzt sind. Sollte es gelingen, auch Odessa einzunehmen, hätte Russland zukünftig deutlich stärkeren Einfluss auf das Asowsche Meer und das Schwarze Meer und hätte der Ukraine außerdem ein lebenswichtiges wirtschaftliches Drehkreuz genommen. Die Ukraine müsste auf einen Zugang zur Küstenregion verzichten und Russland wäre fortan direkter Nachbar zu Rumänien. Die Ukraine wird einen solchen Landverlust nicht hinnehmen und Russland wird sich nicht ohne nennenswerten Landgewinn zufrieden geben. Daher ist mit weiteren furchtbaren Kämpfen zu rechnen. Der Krieg um die Ukraine ist noch lange nicht beendet. Unverständlich bleiben in diesem Zusammenhang die Nachrichten über Fortschritte bei den Friedensverhandlungen, nach denen ein Großteil der Probleme bereits geklärt sei und es allein noch über den Status der Krim zu verhandeln gelte. Möge es so sein, dass die Wahrheit der Verhandlungen die richtige ist und die Wahrheit des Krieges ein Irrtum.

Die Unterstützung des Westens wird in jedem Fall weiter gebraucht. Im besten Fall, um das Land wieder aufzubauen, im schlechtesten Fall, um die ukrainische Armee militärisch weiter zu stärken. Dass die Regierung nicht alles bekommt, was sie sich in diesem Kontext wünscht, ist aus ihrer Sicht natürlich bitter. Und die Diskussion um die Fehler der Vergangenheit und die zukünftige Ausrichtung seitens Deutschland und EU ist wichtig und angemessen. Trotzdem schießt Botschafter Andrij Melnyk über das Ziel hinaus, wenn er deutsche Politiker und nun auch Bundespräsident Walter Steinmeier verbal attackiert. Der Botschafter ist Diplomat und lässt jede Diplomatie vermissen. Zum Glück spielt sein Vorgehen in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle – denn andernfalls wäre es seine Verantwortung, wenn sich in der hiesigen Bevölkerung Unmut breitmacht über den großspurigen Ton eines Landes, dem viele Menschen in Deutschland zurzeit mit großem Engagement helfen. Es geht nicht darum, die Ukraine in eine unwürdige Rolle der Bittstellerin zu drängen, aber es geht um gegenseitigen Respekt in einer Situation, mit der faktisch alle Seiten überfordert sind. Niemand braucht über die militärischen Fronten hinaus auch noch eine diplomatische Front.

Dirk Röse Genesis

Exit Genesis.

Samstag, 2. April 2022

 

Da gehen sie hin und kommen nicht wieder. In London gab Genesis das allerletzte Konzert. Dass es diesmal kein weiteres Comeback geben wird, ist ersichtlich. Sänger und Schlagzeuger Phil Collins ist gesundheitlich angeschlagen, absolvierte die Konzerte sitzend, musste sich durch zwei Background-Sänger unterstützen lassen und nahm nicht einmal die Drumsticks in die Hände. Es tut weh zu sehen, wenn Helden altern und abtreten. Einschließlich der holprigen Anfänge und der großen Pausen war die Band um die Gründungsmitglieder Tony Banks (Keyboards) und Michael Rutherford (Gitarre, Bass) fünfundfünfzig Jahre aktiv. Musikalisch wird nun endgültig eine weitere Lücke gerissen, die niemand füllen kann, da die Formation einzigartig war. Genesis war die Band, die vielleicht den größten Wandlungsprozess vollzog, sehr viel mehr noch als die Beatles - allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Stärke waren die epischen ProgRock-Nummern der 1970er Jahre, teilweise äußerst sperrig, teilweise von hoher Eleganz, immer kreativ, immer auf hohem künstlerischen Niveau. Der Allgemeinheit bleiben sie mit den Popsongs der 1980er und frühen 1990er Jahre in Erinnerung.

Meine lebenslange Vorliebe gilt den Aufnahmen von 1970 bis 1978. »And Then There Were Three« war das letzte Studioalbum, mit dem ich mich dauerhaft anfreunden konnte, obwohl der oft untertourige Gitarrist Steve Hackett sich verabschiedet hatte. Meine Einstiegsdroge war »Three Sides Live« mit Konzertmitschnitten der frühen 1980er Jahre, eine Doppel-LP mit langfristigem Suchtfaktor. Danach erschien die geniale Single »Mama«, doch die damit verbundene LP und nachfolgende Alben verstauben mittlerweile im Regal. 1987 erlebte ich Genesis mit einem atemberaubenden Konzert in Hannover, bei dem der arme Paul Young als Warm-up auftrat und zu Unrecht ausgebuht wurde und bei dem an einer Getränkestation ein Bierfass explodierte und eine zehn Meter hohe Fontäne in den Himmel schoss. Das alles war große Klasse und bleibt unvergesslich, doch je länger desto mehr kehrten die Sinne zu den alten Sounds zurück.

Mit »Selling England By The Pound« (1973), »The Lamb Lies Down On Broadway« (1974) und »Seconds Out« (1977) hinterlässt Genesis drei Alben für die Ewigkeit. Ja, man muss sich darauf einlassen können und dem musikalischen Feuerwerk eine echte Chance gewähren, sich in der eigenen DNA breit zu machen. Die filigrane Studioaufnahme der »Cinema Show«, die wuchtig-apokalyptische Liveaufnahme von »Supper’s Ready« und die grandiose Rockoper rund um den Protagonisten »Rael« und seine »Carpet Crawlers« wollen kommen, um zu bleiben.

Ich konnte mich nie der Diskussion anschließen, ob Genesis auch nach dem Ausstieg von Sänger Peter Gabriel im Jahre 1975 noch eine erwähnenswerte Band blieb, weil auch Phil Collins als Frontman einen fantastischen Job machte und es nicht darauf anlegte, seinen Vorgänger zu kopieren. Hier hatten sich einfach hervorragende Musiker zusammengetan, die in unterschiedlichen Besetzungen ein unvergleichliches Werk schufen und die nun auf immer fehlen werden.

Foto: Paris, 1973, wie bescheiden alles begann. Steve Hackett (Gitarre), Peter Gabriel (Gesang), Mike Rutherford (Bass), Phil Collins (Schlagzeug), Tony Banks (Synthesizer).

Dirk Röse Toxische Beziehung

Toxische Beziehung.

Dienstag, 29. März 2022

 

Sieh dir die Zwei an. Beide verhalten sich zueinander. Es scheint eine eindeutige Bewegung zu sein. Der Eine tut etwas und der Andere reagiert. Schau noch einmal hin. Es könnte auch genau das Gegenteil der Fall sein. Der Andere tut etwas und der Eine reagiert. Möglich ist sogar, dass Beide miteinander handeln und in ein wiederkehrendes Spiel verwickelt sind. Aufgelöst werden kann die Situation, wenn zumindest einer der Zwei die eigene Bewegung unterbricht und sich stellt.

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Desorientiert: Russische Armee in Berlin.

Samstag, 26. März 2022

Wie uns Windischeschenbach, Bad Gottleuba-Berggießhübel, Süderschmedebyfeld und Oer-Erkenschwick vor den Russen retten. 

Dirk Röse politisch korrekt

Fridays For Future: Kulturelle Aneignung.

Freitag, 25. März 2022

Ursprünglich sollte die Musikerin Ronja Maltzahn heute bei einer Demonstration in der Innenstadt von Hannover auftreten. Doch dann lud die verantwortliche Umweltorganisation »Fridays For Future« die Sängerin wieder aus, weil sie »Dreadlocks« trägt und damit unter dem Verdacht der »kulturellen Aneignung« steht bzw. weil sich die NGO nicht dem Verdacht aussetzen möchte, kulturelle Aneignung durch diesen Auftritt zu unterstützen.

 

Unwillkürlich verdrehte ich die Augen und hielt diese Entscheidung mit der ihr zugrundeliegenden Denkweise für kleinkariert. Doch so einfach ist es nicht.

 

Wenn Dreadlocks, wie von Fridays For Future angeführt, ein Symbol der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen die Unterdrückung der Schwarzen durch die Weißen sind, dann kann es von den Betreffenden als Affront verstanden werden, wenn jemand diese Frisur trägt, ohne ihren sozialen Hintergrund zu teilen und zu erleiden. In diesem Sinne hätte sich Ronja Maltzahn das »kulturelle« Symbol einer unterdrückten Bevölkerungsgruppe »angeeignet«, ohne ihrerseits die biografischen Voraussetzungen dafür mitzubringen. Die Dreadlocks als symbolträchtige Frisur stünden ihr damit nicht zu oder aber wären eine überhebliche Rosinenpickerei: »Deinen Style übernehme ich, deine Benachteiligung kannst du behalten.«

 

Den Vorwurf der kulturellen Aneignung gibt es in unterschiedlichen Facetten schon seit Jahrzehnten. Die schwarze Rock-and-Roll-Legende Little Richard beklagte sich einst darüber, dass es der weiße Elvis Presley war, der die Schwarzen ihrer Musik beraubte. Derselbe Vorwurf dürfte beispielsweise auch für Jazz und Rap gelten. »Deine Musik mag ich, deine Hautfarbe will ich nicht.«

 

Als vor wenigen Jahren islamistischer Terror für viele Länder zum Problem wurde, kursierte die Idee, den Hijab als starkes Symbol des islamischen Frauenbildes zum nicht-religiösen Allgemeingut zu degradieren, indem man ihn in die westliche Modewelt integriert und als Accessoire für alle etabliert. Kulturelle Aneignung sollte hier bewusst als Mittel gegen eine unerwünschte Entwicklung eingesetzt werden. Durchgesetzt hat es sich nicht, aber es zeugt vom Bewusstsein für die symbolische Kraft kultureller Eigenheiten und ihre Zersetzung durch kulturelle Aneignung.

 

Es gibt unter benachteiligten bzw. unterdrückten Bevölkerungsgruppen eine verständliche Empfindlichkeit, wenn eine vorherrschende und besser gestellte Bevölkerungsgruppe ihnen die identitätsstiftenden Eigenarten oder Symbole durch kulturelle Aneignung nimmt. Was vorher wie ein exklusives Markenzeichen funktionierte, wird plötzlich zum Allgemeingut und taugt damit nicht mehr als Bild des eigenen Markenkerns.

 

Die Frage lautet nun: Wem gehört welches kulturelle Gut, wer darf bestimmte sozio-kulturelle Phänomene für sich als identitätsstiftend beanspruchen, wer besitzt Exklusivrechte? Dürfen ausschließlich muslimische Frauen den Hijab tragen? Dürfen nur Christ:inn:en ein Kreuz tragen? Dürfen die Kirchen Weihnachten als religiöses Fest exklusiv für sich reklamieren und der Wirtschaft kulturelle Aneignung vorhalten? Dürfen ausschließlich schwarze Bürgerrechtler:innen Dreadlocks tragen? Und um die Fragestellung auszuweiten: Dürfen im Film ausschließlich Homosexuelle die Rolle Homosexueller spielen? Kann ein Mann ein authentisches Buch über die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft schreiben? Was ist legitim, was ist Anmaßung?

 

Kulturellen Austausch, kulturelle Vermischung und kulturelle Verwässerung hat es immer schon gegeben, sie sind Teil der Weltgeschichte. Vor allem im 20. Jahrhundert sind die Berührungspunkte zwischen den Kulturen und Bevölkerungsgruppen noch vielfältiger geworden. In einer globalisierten Welt lässt sich diese Entwicklung nicht aufhalten. Exklusivrechte gibt es nicht mehr. Wer kultureller Aneignung gegensteuern möchte, müsste sich die eigenen Symbole, Rituale oder Eigenarten als Marke schützen lassen und bekäme bei der Registrierung arge Schwierigkeiten. Dass sich insbesondere benachteiligte und unterdrückte Bevölkerungsgruppen dadurch missverstanden, verletzt und erneut beraubt fühlen, ist verständlich, lässt sich aber im globalen Kontext nicht ändern. Insofern verdient die Argumentation seitens Fridays For Future Respekt, die angesichts einer einseitigen Vermischung einen »geschützten Raum« anbieten möchte, in dem die betroffenen Gruppen ernst genommen werden, keine Übergriffe auf ihre Identität stattfinden und eine gemeinsame Plattform geschaffen wird.

 

Mit Blick auf die fortschreitende Individualisierung in vielen Gesellschaften vor allem in den letzten fünfzig Jahren wirkt der auf Minderheiten, Benachteiligte und Unterdrückte bezogene Ruf nach Gleichberechtigung, Rücksicht und Exklusivität wie ein Fremdkörper. Der individuellen Freiheit sind im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt. Es funktioniert nicht, wenn jemand sagt: »Meinen Style darfst du nicht tragen, deine Individualität endet hier.« Eine Breitenwirkung gegen Ichbezogenheit, Gedankenlosigkeit, kulturelle Aneignung und Kommerzialisierung wird ein Weckruf nicht haben. Wichtig bleibt daher, dass er bei den richtigen Personen ankommt, die im Kleinen und Großen für geschützte Räume sorgen können, so z.B. Politik, Kirchen oder NGOs wie Friday For Future.

 

Bei allem Verständnis für das Problem der kulturellen Aneignung mache ich mir jedoch Gedanken darüber, wer das Recht hat, die Regeln zu bestimmen, welche Erwartungen an die Einhaltung dieser Regeln gestellt werden und auf welche Weise den Regeln Nachdruck verliehen wird. Dass Fridays For Future die in der eigenen Organisation geltenden Spielregeln bestimmt, ist angemessen. Man muss halt damit rechnen, dass nicht jede:r dafür Verständnis hat, wenn eine Künstlerin wegen ihrer Frisur ausgeladen wird. Wer aber als Einzelne:r oder als Organisation nennenswerten Einfluss auf eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit hat, muss aufpassen, in welche Richtung die eigene Political Correctness gesteuert wird. Steht die eigene Wahrnehmung der Welt auf einem höheren Niveau als andere Sichtweisen? Erhebt man sich über andere und versucht auf diese Weise, unerwünschte Machtverhältnisse umzudrehen? Wird man dogmatisch oder sogar militant? Schafft man Grenzen oder überwindet man Grenzen? Ist man exklusiv oder inklusiv? Setzt man weiter auf Dialog und Einsicht oder schafft man eine Atmosphäre des Schweigens und der Angst?

 

Die Hannoveraner Sektion von Fridays For Future schrieb zunächst, dass Ronja Maltzahn auftreten dürfe, wenn sie sich die Dreadlocks abschneidet, und entschuldigte sich kurz darauf für diesen Eingriff in ihre Freiheit. Es bleibt bei der Absage des Konzertes. Fridays For Future bleibt sich treu und nimmt in Kauf, dass hier eine junge Sängerin in die Schranken gewiesen wird. Die Organisation wäre mit der Absage des Konzerts beinahe über die eigenen Füße gestolpert. Political Correctness kann zu einem engmaschigen Netz werden, dem kaum noch jemand entkommt, dem kaum noch jemand entsprechen kann und in dem man sich nicht mehr bewegen kann.

 

Mehr Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen, ist ein hehres Ziel und oftmals leider eine echte Gratwanderung. Ich möchte mich weder von Bürgerrechtler:inne:n noch von Fridays For Future noch von sonst irgendwem einschränken lassen. Ich möchte mich aber sehr wohl in notwendige Diskussionen verwickeln lassen, mir eine Meinung bilden und gegebenenfalls meine Verhaltensweisen ändern. Vielleicht spricht aus mir aber auch nur der typische weiße Mann, der kein Empfinden für die Not anderer hat.

Dirk Röse Afghanistan

Afghanistan: Vergessen.

Donnerstag, 24. März 2022

Vergessen. Neue Krisen verdrängen alte Krisen, selbst wenn wir diese seit Jahrzehnten kennen. Immer mehr Menschen an der Armutsgrenze, immer weniger zu essen, die Entwicklungshilfe ausgesetzt, Vermögenswerte eingefroren, die Wirtschaft implodiert, die Menschenrechte prekär, Schule für Mädchen untersagt, Übersetzer in Todesangst, die Schutzmächte verschwunden, die Regierung nicht anerkannt. Die Taliban übernehmen die Herrschaft und sind dann nicht fähig, das Land vor dem Abgrund zu bewahren. Afghanistan verschwindet von der Landkarte, ist nurmehr ein blinder Fleck, ein weiterer blinder Fleck unter vielen. Das geschieht auch anderen Ländern, wenn Konflikte nicht enden wollen oder Macht nicht-demokratisch an sich gerissen wird ...

Dirk Röse Z

Russischer Psalter Z.

Mittwoch, 23. März 2022

(1) Nun danket alle Wladimir Wladimirowitsch, dem starken Führer unserer großen Nation. Dein ist das Z und das Zepter des Zorns. (2) Unserem Denken und Fühlen, Bangen und Hoffen, Streben und Werk, Leben und Sterben schenkst du einen Sinn. (3) Unwissendes Fragen zerstreust du mit Weisheit. Z ist die Antwort, Z formt die Zunge des Zuspruchs. Unter Z finden wir Ziel, Zukunft und Zucker, die unser Dasein versüßen. (4) O slawische Völker, lasst Euch vereinen unter dem Zeichen der Zierde, dem Sakrament zärtlicher Zuwendung. (5) Zerbombt, zerstört, zerfetzt und zunichte wird alles, das zaghaft zögert. (6) Der Zopf zerrütteter Töchter, das Zucken zerstückelter Söhne, das Zetern in der Zange, der zermürbende Zahn der Zeit. Zahm endet zähes Zaudern. (7) Zuletzt aber zusammen zum zarischen Z. Dank sei dir, Wladimir Wladimirowitsch.

Dirk Röse Corona

Abwechslung mit Corona.

Dienstag, 22. März 2022

COVID-19 ist eine abwechslungsreiche Krankheit. Seit Tagen kneten die sogenannten milden Symptome meinen Körper gründlich durch. Am Wochenende ging es zunächst bergauf, dann wieder bergab. Morgens gibt es eine oder zwei Stunden, in denen der Verstand sich zurückmeldet, dann verabschiedet er sich schon wieder und überlässt der Ermüdung das Spielfeld. Mein Hausarzt ist kaum noch zu erreichen, offenbar weil da irgendwelche nervigen Corona-Patient:inn:en einen Rat oder einen gelben Schein brauchen. Mehr kann er sowieso nicht machen. COVID-19 ist eine Krankheit, bei der die ärztliche Funktion auf die Bestätigung einer ohnehin offensichtlichen Diagnose reduziert wird. Danach heißt es: Tschüss, auf Wiedersehen, gute Besserung, Augen zu und durch.

Dirk Röse Hampelkoalition

Hampelkoalition.

Samstag, 19. März 2022

Kann eine frisch gewählte Regierungskoalition unter diesen Umständen einen guten Start haben? Geplant war die Entwicklung hin zu einer wirtschaftsstarken, klimaneutralen, digitalisierten und respektvollen Gesellschaft. Doch dann kam die tödliche Delta-Variante, dann die hochansteckende Omikron-Variante, dann die hochansteckend tödliche Putin-Variante. Die Ampelkoalition wurde zum Krisenmanagement gezwungen und musste ihre Politik in kurzer Zeit an völlig neue Gegebenheiten anpassen.

Karl Lauterbach als nüchterne und mahnende Stimme in der Pandemie muss im Angesicht der rollenden Omikronlawine ein Infektionsschutzgesetz gut finden, das der Bevölkerung eine von den Liberalen verordnete Eigenverantwortung im Umgang mit dem Coronavirus zumutet. Das bekommen wir Deutschen aber nicht hin. Die FDP überfordert die:den beschränkungsgesättigte:n Bundesbürger:in.

Robert Habeck reist ins FIFA- und menschenfreundliche Qatar, um Erdgasreserven anzuzapfen, die man von Russland nicht mehr haben möchte und die man eigentlich überhaupt nicht mehr nutzen möchte. Sollte er in der Halbzeit eine ruhige Minute haben, wird er sich fragen, in welchen klimapolitischen Alptraum er verwickelt wurde. Die EU-Taxonomie erklärt Erdgas zur nachhaltigen Übergangsenergie, die weiterhin aus russischen Pipelines durch die Ukraine in die Bundesrepublik fließt, damit Deutschland nicht auf die fürchterlichste aller Waffen zurückgreifen muss: Frieren für den Frieden. Zum Glück gibt’s noch Kohle und Atomkraft.

Christian Lindner mutiert zum finanziellen Füllhorn, muss der Rüstungsindustrie satte Milliarden zuschustern und duckt sich als rethorikstärkstes Kabinettsmitglied möglichst weg, damit niemand sieht, wie ihm Theo Waigels Augenbrauen wachsen.

Der große Wurf der neuen Regierung bleibt Bundeskanzler Olaf Scholz vorbehalten, der der Welt verkünden durfte, dass Deutschland mit der wohlbegründeten Tradition bricht, keine Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete zu liefern, und dass die Bundesrepublik umfassende Sanktionen gegen Russland mitträgt. Innerhalb von Minuten katapultierte er Deutschland endlich als angesehenen Player ins Zentrum des Weltgeschehens. Damit knüpft die neue Regierung nahtlos an die bewährte merkelsche Tradition der Fukushima- und Wir-schaffen-das-Politik an.

Annalena Baerbock ist in diesem Zusammenhang das Wunder der neuen Regierung. Inmitten einer globalen Krise beweist sie sich als Idealbesetzung für Weltpolitik. Erst wenn der Krieg in der Ukraine zu einem hoffentlich baldigen und guten Ende kommt, wird sie sich mit der politisch interessierten Öffentlichkeit der Frage stellen, welche Wendung die angestrebte werteorientierte Außenpolitik genommen hat. Fest steht, dass Deutschlands Gesicht in der Welt auch nach Angela Merkel angesehen weiblich bleibt.

Die weiteren Gesichter der Ministerialriege sind in Anbetracht der aktuellen Entwicklung weitgehend unsichtbar und nutzen hoffentlich zu einem späteren Zeitpunkt ihre Chance.

Katrin Göring-Eckardt als Bundestagsvizepräsidentin bleibt leider nur der Schwarze Peter. Nach der eindringlichen Rede des ukrainischen Regierungschefs zur parlamentarischen Tagesordnung zurückzukehren, war ein absoluter Missgriff. Der Bundestag präsentierte sich als kaltherzige Institution, die Wolodymyr Selenskyj klare Antworten auf klare Fragen schuldig blieb.


Manches läuft also gut, anderes läuft weniger gut, alles läuft anders als erwartet. Es täte dem Regierungsbündnis unrecht, von einer Hampelkoalition zu reden. In einer auf den Kopf gestellten Welt mit besorgniserregenden Unbekannten schlägt sie sich ganz wacker. Bessere Strategien und Antworten hat zurzeit auch kein anderes Land auf der Welt.

Deutscher Bundestag: Keine Lust auf Krieg.

Freitag, 18. März 2022

Der ukrainische Regierungschef Wolodymyr Selenskyj spricht vor dem EU-Parlament, vor dem US-Kongress und vor dem Deutschen Bundestag. Er erntet stehende Ovationen, Solidaritätsbekundungen, zusätzliche Waffenlieferungen, humanitäre Hilfe und Sanktionen gegen Russland. Das ist sehr viel und viel mehr, als die westlichen Bündnisse von sich selbst erwarteten. Was Waffen und Sanktionen betrifft, muss nach wie vor abgewartet werden, zu welchen Effekten sie führen. Die humanitäre Hilfe insbesondere für die ukrainischen Flüchtlinge ist bereits ein großer Segen.

Zentrale Forderungen der Regierung in Kiew werden jedoch konsequent verneint. Die Ukraine will schwere Waffen, sie braucht zerstörerische, todbringende Waffen für ihren einsamen Kampf gegen russische Invasoren. Die Ukraine will Luftunterstützung, sie braucht die von Piloten der Nato geflogene Kampfjets, um russische Flugzeuge, Raketen und Drohnen abzuschießen und um den Bombenhagel auf Mariupol, Charkiw und Kiew zu stoppen. Die Ukraine will unsere aktive Beteiligung am Krieg gegen Russland, sie will, dass auch Deutschland Krieg gegen Russland führt. Die Ukraine will der Nato und der EU beitreten, sie braucht die Rückendeckung starker Bündnispartner und sie braucht eine Perspektive für die Zukunft, um ihren dauerhaften Platz in der Welt zu finden. Diese Forderungen werden oft nur verklausuliert gestellt und erörtert. Es ist aber wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen.

Was zwischen Russland und der Ukraine geschieht, rüttelt am tiefverwurzelten Selbstverständnis des Westens. Nato und EU wollen zu Recht ihren Frieden bewahren, denn dafür sind sie angetreten. Sie scheuen vor einer Realität zurück, die Russland ihnen aufzwängt und die mit allen weltpolitischen Balanceakten der Jahrzehnte nach 1945 bricht. Damit geben sie Wladimir Putin freie Hand und überlassen das Schicksal der Ukraine einem blutigen Verteidigungskampf.

Das im Kalten Krieg geübte »Gleichgewicht des Schreckens« funktioniert nicht mehr, weil Russland sich darüber hinwegsetzt. In der Kuba-Krise reagierte die USA, die Welt stand vor einem Nuklearkrieg, aber Russland gab nach. Darauf vertraut man sechzig Jahre später offensichtlich nicht mehr. Es herrscht ein Ungleichgewicht des Schreckens zugunsten der Russischen Föderation.

Deshalb hat Wolodymyr Selenskyj Recht mit seiner Aussage im Deutschen Bundestag, dass diese weltpolitische Entwicklung für den Westen beschämend ist. Im Raum steht die Frage, wie wichtig uns die Ukraine wirklich ist und ob wir bereit sind, unsere Söhne und Töchter in den Krieg gegen Russland zu schicken und zu riskieren, dass uns eine Atombombe auf den Kopf fällt. Die Antwort lautet »Nein«. Die Ukraine ist uns bis zu einem gewissen Grad wichtig, aber unseren Frieden und unser Leben geben wir für sie nicht auf. Daher bleiben die Menschen in Mariupol weiterhin den russischen Bomben ausgesetzt. Daher hat Wladimir Putin weiterhin das Zepter der Welt in der Hand.

Dirk Röse Corona positiv

Habe jetzt auch Corona.

Donnerstag, 17. März 2022


2020

»Ich habe Corona.«

»Oh Gott, wir werden alle sterben!«

2021

»Ich habe Corona.«

»Selbst schuld, wenn du dich nicht impfen lässt.«

2022

»Ich habe Corona.«

»Alles klar. Dann Bierchen online?«

 

Ich habe jetzt auch Corona. Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Schnupfen, dicker Kopf, innere Kälte und kein Geschmack. Vor zwei Jahren wäre das eine große Sache gewesen. Nach drei Impfungen und angesichts der Omikronvariante muss ich mich dafür rechtfertigen, überhaupt krank zu sein. Corona ist auch nur ein Männerschnupfen.

Dirk Röse And The Winner Is

Krieg in der Ukraine: Behagliche Arroganz.

Mittwoch, 16. März 2022 

Mir geht meine eigene Arroganz auf die Nerven. Warm, wohlgenährt und fern jeder existenziellen Bedrohung verfolge ich die Ereignisse in der Ukraine, versuche mich an Meinungsbildung und bleibe bei jeder Deutung am behaglichen grünen Tisch. Derweil wird in Mariupol gehungert, gedürstet, gelitten, verletzt und gestorben. Ich verliere mich in sinnlosen Worten, die Ukraine verliert sinnlos ihr Leben. 

Etwas Ähnliches gilt für die Solidarität mit der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland. Die internationale Unterstützung bleibt überraschend massiv und zeigt erste Wirkung. Doch an der Front, im U-Bahnschacht und im Angesicht des eigenen Todes steht die Ukraine allein. Noch hat der friedliche Wirtschaftsboykott nicht zum Frieden geführt. Der Oligarch muss auf seine Yacht verzichten, die Ukraine auf ihre Heimat. 

Die westlichen Bündnisse sind gefangen in der Drohkulisse eines mit Atomwaffen geführten Dritten Weltkriegs. Die früher effektiven Gleichgewichtskräfte des Kalten Krieges haben in eine Sackgasse geführt, die der Kreml nutzt. Es ist ein Dilemma, das die Ukraine in Schutt und Asche legt, das Menschen in die Flucht treibt, das aufgrund ausbleibender Ernteerträge der Ukraine schon im kommenden Jahr zu noch mehr Hunger in den ärmsten Regionen der Welt führen kann, das internationale Wertschöpfungsketten aushebelt und das hierzulande viele Bürger:innen vor echte finanzielle Engpässe stellt, weil die Preise steigen. Dem Westen sind die Hände gebunden, den Ukrainer:inne:n ein Strick um den Hals. 

So bleiben Grundelemente eines altbekannten Dramas erhalten und jede Partei dient ihrem eigenen Interesse. Russland folgt feuchten Träumen von der Auferstehung als Weltmacht. Der Westen will einen wildgewordenen Despoten kaltstellen und sich den Krieg vom Leib halten. Ich versuche Sinn und Verstand in einer Welt wiederzufinden, die sich einmal mehr ad absurdum führt. Die Ukraine aber kämpft um ihre Eigenständigkeit und ums Überleben. Morgens schauen wir in den Spiegel und die Ukraine in die Gewehrmündung. 

Es lohnt eine Vorschau auf das Winterhalbjahr 2022/2023. Für den Friedensnobelpreis nominiert werden die westlichen Bündnisse für das umsetzungsstarke Maßnahmenpaket zur Wahrung von Wohlstand und Frieden in den eigenen Reihen (plus eine Nominierung für den Nobelpreis für Wirtschaft aufgrund der wegweisenden Einsichten in den Zusammenhang von Finanzen, Rüstung und Politik). Den Oskar für das beste Drehbuch erhält Wladimir Putin, der damit die Grundlage für einen weltweit erfolgreichen Blockbuster mit unerwarteten Spannungsmomenten bei gleichzeitiger Wahrung einer gewissen Realitätsnähe schuf (plus eine gesonderte Dankesnote der vielbeschäftigten internationalen Medien). Der Grammy für den besten Soundtrack geht an die russische Armee, die mit einem zackigen Trommelfeuerwirbel für eine furiose Renaissance der Marschmusik sorgte (mit freundlicher Unterstützung der Donezker Schützengilde Blasmyrdenarsch sowie KMW). Mir selbst wird die Goldene Himbeere für die Darstellung eines Influencers zuteil (gefördert durch Produktplatzierungen der Zellstoffproduzenten). Die Ukraine geht leider leer aus. 

Russlanddeutsche: Zwischen den Welten.

Dienstag, 15. März 2022

Hier und da liest man nun, dass russischsprachige Menschen in Deutschland angefeindet und verprügelt werden. Das ist nicht akzeptabel. Ich sorge mich dabei auch um unsere russlanddeutschen Landsleute, von denen längst nicht jede/r ein klares Verhältnis zu den eigenen Wurzeln in Russland oder Kasachstan entwickelt hat und für die deshalb ebenso wenig klar ist, wie tief die Wurzeln in Deutschland schon greifen. Vielleicht aus sprachlicher Bequemlichkeit, vielleicht aus alter Verbundenheit zur früheren Heimat gehören die russischen Propagandakanäle immer noch zu den gängigen Informationsquellen. Sympathie für Wladimir Putin ist kein Einzelfall. Vermutlich gilt das insbesondere für die Menschen im mittleren und fortgeschrittenen Alter, repräsentativ erhoben wurde es nicht. Unter uns leben hunderttausende Bürger:innen, für die der Krieg in der Ukraine auch eine ungeklärte Identitätsfrage aufleben lässt. Die alte Redensart bekommt eine neue Dimension: »In Russland waren wir die Deutschen und in Deutschland sind wir die Russen.«

Dirk Röse Puzzle

Ukraine: Kein EU-Kandidat.

Montag, 14. März 2022

Vor einigen Tagen äußerte Wolodymyr Selenskyj den Wunsch nach einem schnellen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union. Nur allzu gerne würde man dem geschundenen Land die Hand entgegenstrecken. Leider ist das nicht realistisch.

Zum jetzigen Zeitpunkt würde der Status einer Beitrittskandidatin als massive Provokation der russischen Föderation durch die EU eingestuft. Europa scheut die Folgen, eine militärische Verwicklung in den Krieg soll vermieden werden. Diese Haltung bleibt eine moralische Gratwanderung und ist nicht unanfechtbar.

Außerdem – und das zu schreiben fällt in dieser Zeit schwer – ist die Ukraine an einigen Punkten noch nicht so weit. Innen- wie außenpolitisch bleibt sie seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 zwischen West und Ost hin- und hergerissen und hat sich bislang nicht stabilisieren können. Die Entwicklung von Wirtschaft und Lebensstandard haben nicht genug Fahrt aufgenommen. Korruption und Armut konnten nur teilweise überwunden werden. Rechtstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte werden von internationalen Organisationen kritisch beurteilt. Unabhängig vom Krieg hätte die Ukraine erst weitere Fortschritte erzielen müssen, um EU-Kandidatin zu werden. Inwieweit der Westen einen hilfreichen Einfluss auf das Land ausweiten kann, um bestimmte Entwicklungen zu vertiefen und zu beschleunigen, hängt nun vom Ausgang des Krieges ab.


  • Entweder Russland gewinnt den Krieg und erobert die Ukraine. Dann hätte sich die Diskussion um eine EU-Integration erledigt. Das wäre schlimm. 
  • Oder die Ukraine gewinnt den Krieg und zwingt die Russen zum Rückzug. Dann würde es vor allem um Wiederaufbauhilfe gehen, eine EU- und Nato-Kandidatur perspektivisch nicht ausgeschlossen. Das wäre gut, aber ich kann mir derzeit kein Szenario ausmalen, bei dem Russland dies zuließe, außer man setzte Putin und sein Regime ab und ein zweiter Gorbatschow träte an.
  • Oder die Ukraine versinkt in einem nicht enden wollenden Gemetzel. Das wäre das schlimmste Szenario, bei dem die Frage nach einer militärischen Intervention des Westens drängend würde und eine Ausweitung des Krieges nach Europa denkbar wäre.
  • Oder es gibt ein Friedensabkommen, bei dem die Ukraine doch noch Donbass und Krim als Pufferregionen zum Westen an Russland abtritt und dafür EU und Nato beitreten darf. Ich verabscheue solche mit Menschenblut errungenen Kompromisse, aber – zumindest in der Theorie – gäbe es dann die gen Russland orientierten Staaten Luhansk und Donezk und eine freie, gen Europa orientierte Ukraine. Die innere Zerrissenheit des Landes könnte damit überwunden werden.


Auch für die EU ist dies eine schwierige Situation. Der Green Deal einschließlich der Klimaneutralität bis 2050 ist ein derart ambitioniertes und in eine starke Zukunft gerichtetes Vorhaben. Und plötzlich wirbeln ewig gestrige Machthaber alles durcheinander und man steht vor der Frage, wie man der Ukraine das Blut aus dem Gesicht wischt. Es klingt angesichts des Krieges zynisch, aber die EU tut gut daran, ihre eigenen inneren Ansprüche zu wahren. Das ist schwer genug, allein wenn man sich die Auseinandersetzungen mit Polen und Ungarn ansieht. Für die Ukraine müssen erst Wege in einen selbstbestimmten Frieden gefunden werden, danach können alle Optionen wieder hervorgeholt werden. Hoffen wir, dass die Ukraine nicht am ausgestreckten Arm verhungert.

Dirk Röse Pinkeln

Russische Mimose.

Sonntag, 13. März 2022

Ich musste lachen. Russland droht Schweden und Finnland mit militärischen Konsequenzen und Vergeltung, sollten sie einen Beitritt zur Nato anstreben. Russland droht der Nato mit erhöhtem Konfliktpotenzial, sollte sie ihre militärische Präsenz im Baltikum weiter verstärken und verstetigen. Russland droht damit, ausländische Waffenlieferungen für die Ukraine anzugreifen. Russland macht Mariupol dem Erdboden gleich und tötet Kinder, Frauen und Männer. Russland bombardiert verstärkt Ziele im Westen des Landes. Russland hat jedes Maß verloren. Russland hat nur noch Putin, Lawrow, Beljajew, Schoigu, Peskow und Nebensja. Glauben diese Männer an das, was sie sagen und tun, oder ist ihnen längst bewusst, welche Scheiße sie da veranstalten? Sind sie das Gesicht einer verblendeten Nation mit imperialem Habitus oder sind sie das Gesicht eines gekränkten und in die Enge getriebenen Landes, das sich behaupten muss? So verrückt es auch scheinen mag, aber hier wird ein Krieg der Realitäten geführt. Es gibt sie nicht, die singuläre vernünftige Sicht auf diese Welt. Im russischen Krieg gegen die Ukraine setzen sich Muster durch, die seit Jahrtausenden die Geschichte prägen und stets mit dem Tod vieler Menschen verbunden waren. Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Nation führt zu dem Anspruch auf die Herrschaft über andere Völker. Und niemand darf dieses Selbstverständnis auch nur im Geringsten anzweifeln. Nicht Schweden und Finnland, nicht das Baltikum, nicht die Nato, nicht die Familien in Mariupol. Russland ist völlig aus der Zeit gefallen und macht sich lächerlich, nur dass einem das Lachen beim Anblick der Opfer im Hals stecken bleibt.

200 Tote täglich sind okay.

Samstag, 12. März 2022

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Infektionen erreicht einen neuen Höchststand. Dem Anschein nach gibt es aber nicht mehr viele Menschen, die sich dafür interessieren. Auch in den Medien ist die Pandemie angesichts des furchtbaren Krieges in der Ukraine in den Hintergrund gerückt. In einer Woche laufen die meisten Maßnahmen zum persönlichen und gemeinschaftlichen Schutz vor dem Virus aus. Bereits jetzt kann sich die Bevölkerung freier bewegen. Und prompt steigen die Infektionszahlen wieder an. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte gestern endlich, was andere schon sehr viel länger beschäftigt: Es ist nicht okay, dass jeden Tag mehr als zweihundert Menschen an/mit einer COVID-19-Erkrankung sterben. Würde jeden Tag ein Flugzeug mit so vielen Menschen abstürzen, hätten wir eine derbe Debatte über den Flugverkehr. Aber nach zwei Jahren Pandemie, nach Millionen von Impfungen und in Anbetracht der weniger tödlichen Omikron-Variante kehrt Gleichgültigkeit ein. Vielleicht darf man es auch Leichtsinn nennen, wenn man sich daran erinnert, dass erst drei Viertel der Bevölkerung zweifach geimpft sind und weniger als sechzig Prozent eine Auffrischung erhalten haben. Die Einsicht lautet: Corona ist tatsächlich Teil unseres Alltags geworden und wir akzeptieren eine hohe Sterblichkeit. Niemand spricht mehr von AIDS, solange es andere trifft. Tagsüber die Maske und abends das Kondom, was soll da noch passieren.

Dirk Röse Menschenopfer

Kreml: Die Seele verloren.

Dienstag, 8. März 2022

Wie viele Menschen lassen nun alles Liebgewonnene und Wichtige hinter sich und flüchten aus ihrer Heimat. Zurück bleiben Hab und Gut, Familie, Ehemänner, Freunde, Tiere, Arbeit, der Lebensmittelpunkt und die Hoffnung auf ein ganz normales Leben. Den Nachbarstaaten der Ukraine gebührt großer Dank, dass sie nun für Leib und Leben sorgen.

Die meisten Menschen aber bleiben da. Das ist das Tragische am Krieg, wenn man nicht gehen kann. Oder nicht gehen will, weil man das eigene Land nicht hergibt. Mariupol ist das erste große Menschenopfer, das durch die Medien zieht. Charkiv folgt. Und um Kiev zieht sich die Schlinge immer enger. Die vielen kleinen Tragödien in Dörfern und Städtchen nimmt kaum jemand wahr.

Welch ein Zynismus auf russischer Seite, Evakuierungskorridore vorzugeben, die direkt nach Russland und Belarus führen. Die Menschen haben Angst um ihr Leben, wollen vor den Invasoren flüchten und sollen direkt in ihre Arme getrieben werden.

Russland verheizt derweil die eigene Jugend, die nicht wusste, dass sie in den Krieg zieht und nicht ins Manöver. Auch die Meinungsfreiheit und das Recht auf unabhängige Information sind endgültig dahin. Tausende werden festgenommen, weil sie gegen diesen Krieg protestieren. Ich sehe ein Russland, das moralisch marode ist und sich bereits von innen zersetzt. Der Kreml hat seine Seele verloren und wird sie in der Ukraine nicht finden.

Dirk Röse Erfolgsdruck

Sanktionen gegen Russland.

Samstag, 5. März 2022

Wolodymyr Selenskyj macht der Nato Vorwürfe, weil sie keine Flugverbotszone über der Ukraine einrichten will. Die Argumentation der Nato ist nachvollziehbar, dass man auf diese Weise direkt in den Krieg eingreifen und sich zur Kriegspartei machen würde. Die Gefahr einer europa- oder weltweiten Eskalation stiege damit deutlich an. Aber auch die ukrainischen Hilferufe sind verständlich, da das Land einer Übermacht ausgeliefert ist und in den kommenden Wochen und Monaten eine Katastrophe erleben wird, deren Vorboten sich dieser Tage furchtbar zeigen. Es bleibt trotz aller humanitären Hilfe, trotz aller Waffenlieferungen und trotz aller Sanktionen dabei, dass die Ukraine diesen Krieg alleine ausfechten muss.

Deshalb steht das Sanktionspaket des Westens unter einem ungeheuren Erfolgsdruck. Es muss gelingen, auf diese Weise die bislang eiserne innere Geschlossenheit der Machthaber im Kreml bzw. in dessen Dunstkreis zu zermürben. Ziel ist es, Wladimir Putin auszuhebeln und ohne ihn die Kriegsmaschinerie zu stoppen. Andernfalls wird entweder die Ukraine vernichtet oder der Westen muss doch noch in den Konflikt eingreifen.

Und auch mit Blick auf weitere Risikogebiete ist ein Erfolg der Sanktionen unabdingbar. Insbesondere China wird die Entwicklung genau beobachten und die eigene Haltung Taiwan gegenüber danach bewerten. Nur ein friedlicher Erfolg der westlichen Sanktionen verschafft dem Inselstaat zusätzliche Sicherheit. Es darf niemals dazu kommen, dass China eine Unterwerfung der Ukraine durch Russland als Vorbild nimmt und in Taiwan einmarschiert, denn – das muss man leider nüchtern feststellen – eine ähnliche geschlossene Weltpolitik wie jetzt im Falle der Ukraine wird es für Taiwan nicht geben.

Rechnen müssen wir dennoch damit, dass der Westen bei einer fortgesetzten Zerstörung der Ukraine seine militärische Drohkulisse verschärft und auch mit konventionellen Waffen eingreift. Der Zeitpunkt ist aber erst dann gekommen, wenn die russische Führung genügend Risse zeigt, um Wladimir Putin zu stürzen und um ohne ihn eine weitere Eskalation zu verhindern. Ganz sicher hat auch der Westen schon den Finger am Abzug.

Dirk Röse Russia Blushia

Ukrainische Helden.

Freitag, 4. März 2022

Litauen verpasst der russischen Botschaft in Vilnius eine neue Adresse: »Straße der ukrainischen Helden«. Sollten die Diplomaten und Beschäftigten dort korrekt sein, müsste jeder Briefbogen, jede E-Mail, jede offizielle Verlautbarung zukünftig diesen Absender beinhalten, der jene ehrt, die Russland furchtbar bekämpft. Die Welt ist plötzlich voller Symbolik und gibt Russ:inn:en überall auf der Welt das ungute Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen.

Dirk Röse Unbegrenzte Möglichkeiten

Schöne neue Weltordnung. 

Montag, 28. Februar 2022

Weite Teile der Welt hatten einen Traum, den Traum von Frieden, Freiheit, Gleichheit, Grenzenlosigkeit, Nachhaltigkeit und Wohlstand. Zu lange wollten wir nicht wahrhaben, dass unsere Wunschvorstellungen an diese Welt längst gefährdet sind und nicht den realisierbaren Möglichkeiten entsprechen.

Die Einsicht kam zögerlich und war unbequem. Nun wurden uns die Fakten mit voller Härte vor Augen geführt, die Scham ist groß und die Sicht auf unsere Welt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Wir erleben eine Zäsur und können uns nur wünschen, dass wir sie ernst nehmen und nicht bei nächster Gelegenheit wieder verwässern. 

Es geht nicht mehr anders, als dass wir uns neu sortieren und orientieren. Nicht alle unsere Träume können verwirklicht werden. Es wird uns nicht gelingen, alle Machthaber, Völker und Menschen auf den einen großen Pfad zum möglichst großen Glück mitzunehmen. Wir müssen einsehen, dass andere tatsächlich andere Vorstellungen haben und dass wir nicht für alle die Verantwortung übernehmen können, geschweige denn sie für unseren Weg gewinnen können.

Es verlaufen Grenzen auf dieser Welt und wir sind gut beraten, diese Grenzen endlich ernst zu nehmen und anzuerkennen. Der Fall des Eisernen Vorhangs und die zunehmende Globalisierung führten zu dem Irrtum, dass wir in jedem Sinne eine verschworene, einheitliche Schicksalsgemeinschaft sein müssen. Es ist nicht so.

Der Zeitpunkt ist gekommen, um durch andere gesetzte Grenzen beim Namen zu nennen und eigene Grenzen zu ziehen. Wer nicht auf demselben Wege ist wie wir, der braucht nicht überredet zu werden, es dürfen vielmehr getrennte Wege gegangen werden. Wer nicht unser Freund ist, muss nicht unser Feind sein, er darf einfach depriorisiert werden. Aber wer unser Feind ist, den darf man auch Feind nennen und den darf man auch entsprechend behandeln. Und wenn Freunde bedroht werden, dürfen Freunde mit unserer Hilfe rechnen.

Wir werden unsere Prioritäten neu setzen, nur für uns, nicht für alle. Wir werden eindeutiger werden müssen in dem, was wir tun. Wenn wir Frieden, Freiheit und Gleichheit wollen, dann sorgen wir dafür und lassen jene außen vor, die eine andere Vorstellung verfolgen. Wenn wir das Klima auf dieser Welt retten wollen, dann tun wir das unsere dafür und lassen uns nicht von jenen abhalten, die zögern. Wir werden die Welt zum Teil wieder entglobalisieren, wir werden für mehr innovative, klimafreundliche, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit in den eigenen Regionen sorgen. Wir werden damit aufhören, jene stark zu machen, die uns am Ende nur fesseln und verstricken. Nicht nur wir brauchen jene, jene brauchen auch uns. Mehr Eigenständigkeit, mehr Selbstbewusstsein und gegebenenfalls mehr Grenzen und Abkehr tun uns gut und setzen ein starkes Zeichen bei anderen.

Vielleicht war diese Welt in zurückliegender Zeit einmal schwarzweiß. Es war gut, dass wir diese Sichtweise hinter uns ließen. Doch setzten wir an ihre Stelle zu viele Lichtschattierungen, die nur blendeten. Es bleibt genug zu tun, wenn wir wollen, dass es in unseren Bündnissen der Gleichgesinnten bunt wird. Für die weltpolitischen Fragen ist es besser, wieder nüchterner, klarer und weniger inklusiv zu sein. Vor uns liegt ein langer, steiniger Weg und jetzt ist die Zeit, aus den Fehlern der Gegenwart zu lernen.

Tony Banks One For The Vine

Krieg in der Ukraine: Anders als gedacht.

Sonntag, 27. Februar 2022

Bis gestern befürchtete ich, dass der Westen die Ukraine verloren gibt. Nun wird Russland aus Swift ausgeschlossen und sogar Berlin gestattet die Lieferung von Verteidigungswaffen. Elon Musk steuert eine Privat-Initiative bei und sichert die ukrainische Kommunikation durch die Aktivierung von Starlink. Aus den unübersichtlichen Nachrichten geht in keiner Weise hervor, dass die russischen Streitkräfte nennenswerte Fortschritte erzielen. Vielleicht gibt es doch noch eine realistische Aussicht darauf, dass die Ukraine als eigenständiger Staat erhalten bleibt und Russland eine deutliche Niederlage erfährt.

Es irritiert mich, dass Russland die Ukraine nicht einfach militärisch überrollt. Das war für mich das einleuchtende Schreckensszenario. Wurde die ukrainische Armee unterschätzt? Sind die russischen Streitkräfte womöglich eher eine Drohkulisse denn die übermächtige Armee einer früheren Weltmacht? Dezimiert Omikron die Zahl der einsatzfähigen Soldat:inn:en? Will man möglichst wenig Schaden anrichten, um das Land nicht unnötig zu zerstören? Soll der Westen von noch stärkeren Sanktionen abgehalten werden? Oder hatte man ernsthaft damit gerechnet, dass Russland als Heilsbringer herzlich willkommen geheißen wird und alle Ukrainer:innen die Waffen fallen lassen? Dass Wladimir Putin nun die Abschreckungskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt und damit schon einmal den Roten Knopf entstauben lässt, zeugt von einer gewissen Nervosität - denn nicht allein die Ukraine erweist sich als sehr widerstandsfähig, auch der Westen zeigt sich ungewohnt einig und bissig. Hier steigt zu Recht die Nervosität, da im Kreml offenbar jemand jedes Maß verloren hat.

Als Außenstehender in friedlicher Geborgenheit stehe ich nun vor der seltsamen Frage, was ich der Ukraine in diesen Tagen wünsche. Denn natürlich wünsche ich dem Land, dass es Russland dauerhaft zurückdrängt und nach Möglichkeit sogar in die Grenzen von vor 2014 zurückkehren kann. Doch das heißt leider auch, den ukrainischen Streitkräften zu wünschen, erfolgreicher bei der Zerstörung des feindlichen Waffenarsenals zu sein als Russland, mehr gegnerische Soldat:inn:en zu verletzen und zu töten, siegreicher Gewalt auszuüben. Der Wunsch nach Frieden ist manchmal zynisch, solange die Despoten auf Gewalt bestehen.

Dirk Röse wenn zwei sich streiten

Solidarische Wucht.

Samstag, 26. Februar 2022

Stehen drei zusammen.

Schaut der Erste den Zweiten böse an.

Sagt der Erste zum Zweiten: »Ich mag dich nicht.«

Sagt der Zweite: »Lass das bitte.«

Sagt der Dritte: »Der ist einfach so.«

Ballt der Erste die Fäuste.

Sagt der Erste: »Du bist mir zu eng mit dem Dritten.«

Sagt der Zweite: »Zum Glück sind wir Freunde.«

Sagt der Erste: »Nichts bist du ohne mich.«

Sagt der Dritte: »Gut, dass wir miteinander reden.«

Fletscht der Erste die Zähne.

Sagt der Zweite: »Lass mich in Ruhe.«

Sagt der Dritte: »Sorge dich nicht.«

Baut sich der Erste drohend vor dem Zweiten auf.

Sagt der Zweite: »Ich brauche Hilfe.«

Sagt der Dritte: »Ich stehe an deiner Seite.«

Schlägt der Erste den Zweiten.

Sagt der Zweite: »Hilfe!«

Sagt der Dritte zum Ersten: »Sowas tut man nicht.«

Verprügelt der Erste den Zweiten.

Sagt der Zweite zum Dritten: »Jetzt hilf mir doch.«

Gibt der Dritte dem Zweiten eine Mütze.

Sagt der Dritte zum Zweiten: »Das mildert die Schläge.«

Schlägt der Erste noch stärker zu.

Sagt der Dritte zum Ersten: »Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben.«

Blutet der Zweite.

Sagt der Zweite: »Ich werde sterben.«

Sagt der Dritte: »Wehtun will ich mir nicht.«

Verliert der Zweite das Bewusstsein.

Blickt der Dritte auf den Ersten herab.

Sagt der Dritte zum Ersten: »Du hast eine rote Linie überschritten.«

Zerrt der Erste den Zweiten weg.

Sagt der Dritte zum Dritten: »Volle solidarische Wucht.«

Steht einer zusammen.

Dirk Röse Plumpsack

Russischer Angriffskrieg.

Donnerstag, 24. Februar 2022

Wladimir Putin hat seinen persönlichen Feldzug gegen den Westen begonnen. Die Ukraine ist das Opfer, mit dem die Geschichte auf die Zeit vor 1991 zurückgedreht werden soll. Es ist ein Kampf der Systeme, mäßig erfolgreiche Autokratie gegen erfolgreiche Demokratie.

Damit enden gut zwanzig Jahre Frieden in Europa. Anders als bei den furchtbaren Konflikten im früheren Jugoslawien handelt es sich hier nicht um einen Bürgerkrieg, auch wenn die Inszenierung um Luhansk und Donezk diesen Anschein erwecken soll. Doch dies ist kein Plumpsackspiel. Es ist ein Angriffskrieg gegen einen autonomen Staat, der durch nichts gerechtfertigt ist, sofern sich Krieg überhaupt rechtfertigen lässt.

Fast möchte man sich wünschen, dass die Ukraine schnell überrollt und eine Waffenruhe erzielt wird, nur um Leid, Tod und Zerstörung zu verhindern. Doch unser Nachbarstaat darf nicht aufgegeben werden. Die friedliche Antwort der Weltgemeinschaft muss jetzt jegliches Kalkül fallen lassen und Russland in jeder Hinsicht und mit langem Atem isolieren.

Den Menschen in der Ukraine steht eine lebensbedrohliche Zeit bevor. Wladimir Putin, das kann nicht Ihr Ernst sein.

Dirk Röse Free Ukraine

Keinen Krieg in der Ukraine.

Dienstag, 22. Februar 2022

Die Finte war durchschaubar, aber gut gespielt. Donezk und Luhansk bitten Russland um staatliche Anerkennung und Russland gewährt sie. Beide Regionen sind für die Ukraine verloren, Moskau hat Fakten geschaffen, die sich nur noch durch einen entsetzlichen Krieg rückgängig machen lassen. Stück für Stück wird die Ukraine filetiert und einverleibt. Das darf nicht sein. Die Welt darf nicht zulassen, dass dieses Land erobert wird. Im besten Fall ist jetzt noch denkbar, dass es keine weiteren Grenzverschiebungen gibt und dass Donezk und Luhansk ihr Dasein fortan als perspektivlose Fleischlappen am russischen Körper fristen.

Die vom Westen angekündigten Sanktionen können Russland wehtun und sie werden auch der westlichen Wirtschaft wehtun, aber sie werden das Rad nicht zurückschrauben. Auf Sanktionen folgen Gegensanktionen, und wenn es hart kommt, wird Deutschland im nächsten Winter frieren, weil das von der EU-Taxonomie als nachhaltiger Übergangsenergieträger eingestufte Erdgas knapp und teuer ist. Die Geschichte lehrt, dass nun eine Eiszeit folgt, auf die eines Tages wieder eine Entspannung folgt. Auch China hat das Massaker vom Tiananmen-Platz schadlos überstanden.

Die Frage ist nur, was in der Zeit dazwischen parallel zu den Sanktionen geschieht. Die Ukraine muss ohne weitere Gebietsverluste ein selbständiger Staat bleiben. Es darf keinen Krieg geben. Ob das so sein wird, hängt von Wladimir Putin ab. Doch was sein UN-Botschafter Wassili Nebensja in New York äußert, ist erschreckend verdreht und lässt nichts Gutes erwarten.

Dirk Röse Frieden

Russland: Keine andere Wahl.

Samstag, 19. Februar 2022

Die nicht legitimierten Machthaber in Donezk rufen die Generalmobilmachung aus. Eine Eskalation des militärischen Konflikts im Grenzgebiet zu Russland bis hin zum Krieg in der ganzen Ukraine wird immer wahrscheinlicher. Es war absehbar und die russische Politik bleibt vordergründig und scheinheilig. Der massive Aufmarsch von Streitkräften hat die Grundlage für alle weiteren Aktionen seitens Moskau gelegt. In den letzten Tagen wurde in Donezk und Luhansk verstärkt gefährlich gezündelt. Beide Seiten werfen einander die Missachtung der Waffenruhe vor. Diese Nebelkerze soll wieder einmal vertuschen, von welcher Seite die Aggression ausgeht. Die heutige Generalmobilmachung bestätigt den Willen zu weiterer militärischer Gewalt, und schon bald wird Russland »leider nichts anderes übrig bleiben, als den eigenen Brüdern und Schwestern zur Hilfe zu eilen«. Welch ein Glück, dass zufällig schon umfassende Streitkräfte vor Ort sind.

Dabei gab es kein ernsthaftes Problem in der Region, bis Wladimir Putin die Krim annektierte. Doch seit dieser völkerrechtswidrigen Aktion gibt es einen sehr ernst zu nehmenden Konflikt und es ist eindeutig, dass Russland der Verursacher ist. Die Nato-Osterweiterung als Drohkulisse zu nutzen, erschließt sich nicht. Wenn Nato und Russland keine direkten Nachbarn werden sollen, dann macht eine Eroberung der Ukraine durch Russland keinen Sinn, denn dann sorgt Russland faktisch selbst dafür, dass die direkte Nachbarschaft hergestellt wird. Aber vielleicht wäre es ein beruhigendes Gefühl, wenn Vasallenstaaten wie Weißrussland und - in einer hoffentlich nicht eintretenden Zukunft - auch die Ukraine eine gut kontrollierbare Pufferzone zwischen dem Westen und Mütterchen Russland bilden.

Entweder es ist ein narzisstisches oder ein mimosenhaftes Gehabe, das Moskau hier antreibt. Aber Russland als Nation noch weiter zu vergrößern, widerspricht jeder Vernunft. Das Land war immer schon viel zu groß, als dass man es ordentlich regieren und voranbringen könnte. Um der Menschen willen sollte Russland geteilt und demokratisiert werden. Aber angeblich muss ja das russische Volk in allen Randregionen wieder zusammengeführt werden.

Dirk Röse Über Gott lachen

Über Gott lachen.

Donnerstag, 17. Februar 2022

Sarah und ihr Mann Abraham sind längst über das Alter hinaus, in dem Eheleute Eltern werden. Beide sind bis jetzt kinderlos geblieben, und das dürfte sich auch nicht mehr ändern. Doch dann tritt Gott in ihr Leben und verspricht, Abraham werde noch Stammvater eines ganzen Volkes werden. Und als Gott eines Tages zu Besuch ist, wird auch deutlich: Abraham wird einen Sohn zeugen und die Mutter des Kindes soll die alte Sarah werden. Sarah hört es und muss lachen. Sie weiß vielleicht gar nicht genau, warum. Aus Unglaube, aus Verbitterung, aus Freude, oder weil sie es für einen Witz hält, was Gott verspricht? Gott jedenfalls hakt nach und fragt, warum Sarah lacht. Da bekommt sie es mit der Angst zu tun und leugnet, dass sie gelacht hat. Doch wovor hat sie plötzlich Angst? Dass Gott ihr Unglauben vorwerfen könnte? Oder dass Gott zornig werden könnte über ihr Lachen? Vielleicht bringt Sarah beides nicht zusammen: »Gott« und »Lachen«. Darf man über Gott lachen? Versteht er einen Spaß? Versteht er diese und andere echt menschliche Regungen? Die Bibel lässt der Geschichte ein offenes Ende. Und so ist das auch bis heute eine offene Frage: Über Gott lachen - ja oder nein?


1. Mose 18,1-15

Dirk Röse Demokratie

Steinmeier: Eine gute Wahl.

Sonntag, 13. Februar 2022

Danke, liebe Delegierte der Bundesversammlung, dass Sie unseren Bundespräsidenten in eine zweite Amtszeit gewählt haben. Mich irritieren 86 Enthaltungen aus Ihren Reihen. In dieser herausfordernden Zeit brauchen gewählte Politiker:innen eine entschiedene Meinung.

 

Danke, lieber Frank-Walter Steinmeier, für diese überzeugende Antrittsrede. Es war vielleicht Ihre einzige Gelegenheit, im Rahmen der präsidialen Gepflogenheiten Stellung zur Ukraine-Krise zu beziehen. Ihre Worte hatten die nötige Klarheit und Sie haben die Verantwortung für diese Entwicklung in aller Deutlichkeit benannt.

 

Danke auch für einige Worte, an die ich mich erinnern werde.

  • »Überparteilich, ja – aber ich bin nicht neutral, wenn es um die Sache der Demokratie geht.«
  • »Ohne Kontroverse keine Demokratie. Aber es gibt eine rote Linie und die verläuft bei Hass und Gewalt.«
  • »Zeit. Die müssen wir uns nehmen, wenn wir nicht dauerhaft aneinander vorbeireden, wenn wir uns nicht in falschen Konflikten verlieren wollen.«
  • »In unserem Grundgesetz steht […] nicht: ›Alles Gute kommt von oben‹, sondern da steht: ›Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus‹.«

 

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche zweite Amtszeit, in der die Demokratie in Deutschland gefestigt wird und die durch Frieden innerhalb und außerhalb Europas geprägt ist. Ich wünsche Ihnen nicht die große Rede und das überdauernde Wort, sondern das richtige Wort zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Umsetzung Ihrer »Zeitreise« wird dafür reichlich Gelegenheit bieten – und dann werden Menschen Worte hören, die für sie groß sind und überdauern. 

Dirk Röse Mord

Mordsspaß in Deutschland.

Mittwoch, 9. Februar 2022

Das deutsche Fernsehen wird seit Jahren von Kriminalfilmen und -serien geflutet. Immer muss es ein Mord sein, der die polizeiliche Arbeit in Gang setzt. Als ob es keine anderen Verbrechen gibt, zu denen man ermitteln könnte. Dabei spielt der Mord im Film zumeist nur eine Statistenrolle. Es sind die zu lösenden Rätsel, die Suche nach den Schuldigen, die Charaktere und vielleicht sogar Spannung oder Humor, die den Großteil der Handlung tragen. Es würde keinen Unterschied machen, wenn es sich um Kunstraub, Steuerhinterziehung, Diebstahl, Sachbeschädigung oder Bestechung handelte. Entführung, Bandenkriminalität, Drogendelikte und vieles mehr werden bereits ausgiebig thematisiert – und sie bräuchten nicht zusätzlich einen Mord, um die Ermittlungen zu rechtfertigen. Doch anders scheint es nicht zu gehen. Deutschland will den Mord.

Trübe Aussichten.

Montag, 7. Februar 2022

Sturm ist, wenn dir der Rückenwind ins Gesicht bläst.

Dauerregen ist, wenn dein Körper seinen Wasserbedarf über die Haut deckt.

Was für ein grauer Winter.

Mein Bedarf an »Fifty Shades Of Grey« ist gedeckt.

Dirk Röse Corona

Corona-Breitensport: 80 Millionen Bundestrainer.

Freitag, 4. Februar 2022

COVID-19 ist zum Breitensport mutiert. Die Zuschauerinzidenz toppt alle Einschaltquoten, während die Mannschaften der Corona-Liga um eine möglichst gute Platzierung kämpfen. Die Ampelkoalition unter Kapitän Lauterbach ist derzeit im Ballbesitz, kann jedoch keine echten Torchancen rausspielen. Mit der miesepetrigen Impfpflicht gilt er vielen als Spielverderber. Und seit die schwarz-blaue Union von der Tabellenspitze vertrieben wurde, muss sogar Stürmer Söder mit Fehlpässen ins Abseits klarkommen. Gleichzeitig spielt die Fraktion der Querdenker weiter auf Risiko, wirft robuste Dreierketten mit einem ausgeprägten Hang zum Foul nach vorne, erzielt aber nur Eigentore. Die Institutsmannschaften RKI und PEI hingegen überraschten zuletzt mit fiesen Angriffen auf das Tor der Langzeitgenesenen und Ungünstiggeimpften. Auch das Team der unparteiischen Medien macht keine gute Figur, eiert den Fakten hinterher und verliert angesichts des hohen Spieltempos immer wieder die Meinung. Oder umgekehrt, selbst das ist kaum noch zu unterscheiden. Dem Schiedsrichter ist jedenfalls deutlich anzumerken, dass er überhaupt keine Lust mehr auf die Kontrollen nach DIN 2G+ hat. Doch zum Glück gibt es inzwischen mehr als achtzig Millionen superinformierte Bundestrainer:innen, die alle aus dem Internet wissen, wie die Mannschaft aufgestellt sein muss und mit welcher Strategie das Spiel zu gewinnen ist. Ein Schlaumeier klüger als die andere. Das kommt dem Coronavirus sehr entgegen, denn angesichts der immer neuen Spielvarianten und Spieluntervarianten bekommt ohnehin bald jede:r ein individuelles Virus. Und deshalb macht das Covid-Chaos keinen Spaß mehr, das Spielfeld ist abgegrast, die Spielzüge sind beliebig, das Virus bleibt mit seinen Spikes im Rasen stecken, hier rollt nichts mehr außer dem Pharmarubel. Und wenn jetzt noch die Viertimpfung kommt, ist absehbar, dass zahllose Spieler:innen mit einem erhärteten Dopingverdacht auf die Bank verbannt werden. Es muss doch noch etwas anderes geben im Leben, etwas Reines, Intelligentes und Unbestechliches. Fußball zum Beispiel.

Elvis Presley und der Jazz.

Mittwoch, 2. Februar 2022

Kommt Elvis Presley in das Jazz-Café.
Sagt der Barkeeper: »Zutritt nur mit Rollkragen.«
Antwortet Elvis Presley: »Bleib locker, Mann, ich suche nur‘n bisschen ›Harmonie‹.«
Guckt der Barkeeper.
Fortfährt Elvis Presley: »Aber Ihr seid echt ›schräg‹.«
Entgegnet der Barkeeper: »‘nen ›Dreiklang‹ bekommst du im ›Herzschmerz-Hotel‹.«
Meint Elvis Presley: »Und hier gibt’s ein Blutgerinnsel im Innenohr.«
Feststellt der Barkeeper: »Hier gibt‘s gar nichts für Halbstarke. Primitivo.«
Bekräftigt Elvis Presley: »Lieber ‘ne Coke.«
Guckt der Barkeeper.
Verlässt Elvis Presley das Jazz-Café.


Das Jazzlexikon.

 

Im Jahr 1957 erscheint »Knaurs Jazzlexikon«. Maßgeblicher Autor des Buches ist Dr. Alfons M. Dauer, offenbar eine Kapazität in Sachen Jazz. Studiert hat er Musikwissenschaft, Völkerkunde, Afrikanistik und Anglistik. Entsprechend weit ist der Horizont dieses Nachschlagewerkes gespannt. Unter dem Buchstaben »P« findet sich sogar ein kurzer Beitrag über Elvis Presley, der seine Weltkarriere gerade erst beginnt und dessen spätere Bedeutung für die populäre Musik noch keineswegs absehbar ist. Alfons Dauers Abhandlung über ihn bleibt knapp. Elvis Presleys Musik habe nichts mit Jazz zu tun und verwende »aufs primitivste vereinfachte Elemente« des Rhythm ’n’ Blues.

 

Der Jazz und seine Nebensachen.

 

Das Lexikon zeichnet die Entwicklung des Jazz aus seinen afrikanisch-folkloristischen Wurzeln bis hin zu den verschiedenen Strömungen im Jazz der 1950er Jahre nach. Dargestellt wird Jazz als Prozess des Kulturaustausches zwischen schwarzer und weißer Musik in Nordamerika. Der »archaische Jazz« entsteht im 19. Jahrhundert, als schwarze Musiker Elemente weißer Blasmusik übernehmen. Der »moderne Jazz« wiederum entwickelt sich aus der entgegengesetzten Bewegung: Weiße Musiker verleiben sich Elemente der schwarzen Musik ein. Berücksichtigt wird, dass sich sowohl Blues als auch Rhythm ’n’ Blues parallel zum Jazz aus den gleichen afrikanisch-folkloristischen Wurzeln bilden. Gegenseitige Berührungspunkte werden aufgezeigt. In diesem Zusammenhang finden auch Blues- und Rhythm ’n’ Blues-Legenden wie Muddy Waters und Bo Diddley ihren Weg in das Jazzlexikon, obwohl sie mit dem Jazz fast nur noch den gemeinsamen Ursprung gemein haben. Sind Blues und Rhythm ’n’ Blues für den Jazz also Nebensache, so ist Elvis Presley darüber hinaus nurmehr eine Randerscheinung des Rhythm ’n’ Blues.

 

Es fragt sich, warum Elvis Presley dann im Jazz-Lexikon erwähnt wird. Denkbar sind einerseits Vorgaben des Verlages, der das Lexikon möglichst »up to date« anlegen will. Mit der Erwähnung Elvis Presleys greift das Buch eine Entwicklung auf, von der bei Drucklegung weder sicher ist, wohin sie führt, noch wie sie sich in Zukunft zum Jazz verhalten wird. Elvis Presley würde heutzutage in keinem Jazzlexikon mehr auftauchen, weil man weiß, wie sich die Dinge weiterentwickelt haben: Mit ihm etabliert sich die eigenständige Musikform der Rockmusik, die in den dann folgenden 30 Jahren eine gewichtige Rolle spielt. Denkbar ist andererseits, dass am Beispiel Elvis Presleys aufgezeigt werden soll, wo die Grenzen des Jazz und des guten Geschmacks endgültig verlassen werden. Er wird damit stellvertretend für den gesamten Boom des Rock ’n’ Roll in das Lexikon aufgenommen und abgeurteilt.

 

Erster Einwand: Ziel und Wirkung primitiv.

 

Der Einwand gegen Elvis Presley und seine Musik richtet sich gegen die »neurotische und massenhysterische Wirkung«, die gezielt und profitabel eingesetzt wird. Diese Kritik ist verständlicher, wenn man den »sozialen Aspekt« des Jazz berücksichtigt: Der Jazz begann einst als private Form der Musik. Es kamen Leute aus Freude am Musizieren zusammen, Leute, die sich darin selbst genügten. Ein Publikum gab es nicht. Später wandelte sich der Jazz zu einer Musikform, deren Anliegen es war, ein Publikum in Bewegung zu setzen, z. B. bei der tanzbaren Jazzvariante »Swing«. Laut Lexikon kann der Jazz dabei auch eine »Ekstasis« hervorrufen; eine »beschwingende, erhebende Wirkung, die einer richtigen Ergriffenheit entspricht.« Dem Jazz ist es fremd, neurotisch und massenhysterisch zu wirken. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Jazz und Rock ’n’ Roll liegt also im jeweils angestrebten Ziel und der tatsächlichen Wirkung: erhebende Ergriffenheit beim Jazz, neurotische Massenhysterie beim Rock ’n’ Roll. Deshalb erhält Elvis Presley das Prädikat »primitiv«. Es bezeichnet nicht allein seine Musik, sondern auch worauf sie abzielt und was sie bewirkt.

 

Zweiter Einwand: Musikalisch primitiv.

 

Zweifellos ist der Rock ’n’ Roll musikalisch einfacher als der Jazz. Jedoch sind die ursprünglichen Formen der schwarzen Musik, z. B. der Blues, ebenso wenig anspruchsvoll. Im Jazzlexikon gelten diese aber nicht als »primitiv«, sondern z. B. als »folkloristisch«. Die schwarze Musik wird durchweg besser beurteilt, vermutlich weil sie originell, fremd und exotisch ist und sich aufwärts entwickelt hat. Der Rock ’n’ Roll hingegen ist, musikalisch gesehen, eine Vereinfachung und ein Rückschritt in der weißen Musik, die bis dato ja schon jede denkbare Höhe erklommen hatte. Auch deshalb erhält Elvis Presley das Prädikat »primitiv«. Es beklagt die falsche Richtung der musikalischen Entwicklung.

 

Körperbetonte Musik.

 

Nicht eingewendet wird gegen Elvis Presley, was Mitte der 1950er Jahre für einen Skandal sorgt: sein körperbetontes und damit unmoralisches Auftreten. Die Autoren des Lexikons sind sich bewusst, dass auch der Jazz – ähnlich wie der Rock ’n’ Roll – »enthemmend« auf Körper und Geist wirkt. Sie sehen darin auch »die eigentliche Problematik des Jazz für den ›weißen‹ Menschen: den Einbruch einer Sphäre körperlich-vitaler Musik in den Bereich stark vergeistigter, emotioneller Musizierpraxis«. Was die Körperlichkeit anbelangt, stehen beide Musikrichtungen ausnahmsweise auf einer Seite.

 

Primitiv?

 

Die Sicht auf die Dinge hat sich seitdem geändert. An der »neurotischen und massenhysterischen Wirkung« der Popstars stört sich niemand mehr. Sie ist ein Stück Kultur geworden und nicht mehr Gegenstand öffentlicher Debatten. Zu Elvis Presleys Anfangszeit jedoch ist das neu und verstörend. Noch erkennt kaum jemand, dass in Elvis Presley ebenfalls ein Kulturaustausch wie beim Jazz vollendet wird: Der Rock ’n’ Roll verbindet schwarzen Rhythm ’n’ Blues und weiße, folkloristische Musik, z. B. Country. Und sowohl der Jazz als auch der Rock ’n’ Roll arbeiten letztlich an derselben Sache: einer zugeknöpften Gesellschaft aus den zu eng gewordenen Klamotten zu helfen. Der Jazz ist in der Wahl seiner Mittel dezent, der Rock ’n’ Roll massiv.

 

Es gibt Liveaufnahmen von Ella Fitzgerald aus dem Jahre 1958, in denen sie »I Can’t Give You Anything But Love« singt. Sie nutzt die Gelegenheit, um humorvoll Louis Armstrong und Elvis Presley zu imitieren. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass man die Dinge durchaus unterschiedlich bewertet: Knaurs Jazzlexikon weist Elvis Presley die Tür, Jazz-Queen Ella Fitzgerald hingegen bittet ihn hinein.

Dirk Röse Bäckerei

Armes Monatsende.

Sonntag, 30. Januar 2022

Früh am Morgen mache ich mich auf den Weg zu einer Veranstaltung. Es ist noch dunkel und ich habe eine längere Autofahrt vor mir. Eine Bäckerei hat bereits geöffnet und ich steige aus, um mir Kaffee und etwas zu essen zu holen. Außer der Verkäuferin ist noch niemand zu sehen.

»Guten Morgen, hier ist ja noch nicht viel los.«

»Es ist ja auch noch früh.«

»Aber es wird sicher noch trubelig heute. Schließlich ist Wochenende und viele wollen schön frühstücken.«

»Nein, das glaube ich nicht. Am Monatsende haben die Leute wenig Geld. Da ist hier nie viel los. Und jetzt ist auch noch Januar und zum Jahreswechsel mussten viele Rechnungen bezahlt werden.«

»Und das spüren Sie hier in der Bäckerei?«

»Deutlich sogar. Heute wird nur das Notwendigste besorgt. Aber kommen Sie gerne nächstes Wochenende vorbei. Dann sind die Portemonnaies wieder voll und alle kaufen groß ein.«

Ich schnappe mir Kaffee und Gebäck, wünsche ihr ein ruhiges Wochenende, steige wieder in den Wagen und frage mich, wie wohlhabend Deutschland wirklich ist.

Das Alter: Getrübte Talfahrt ins Jenseits.

Freitag, 28. Januar 2022

Woah, wir alle wussten, dass Älterwerden nicht die lustigste Zeit im Leben ist. Dabei sollte sie es sein. Wir haben unsere sozialen Pflichten brav erfüllt, haben tatenlos zugesehen, wie die Kinder groß werden, haben die Rentenkasse für jene gefüllt, die vor uns durch die biologische Abbauphase gegangen sind, und nun könnte die Evolution unser Engagement mit einem erhöhten Spaßfaktor danken. Stattdessen tragen wir ambitionierte Bierbäuche und resignierte Brüste vor uns her oder versuchen, dem Alter verbissen davon zu joggen. Wir wissen endlich, was gut ist, aber haben immer mehr Mühe, Körper und Geist auf ihrer Talfahrt ins Jenseits zu bremsen und zu einem lohnenden Sprint bergauf zu bewegen. Unsere mentalen Räder haben jetzt 24 Gänge und trotzdem schieben wir sie zum nächsten Glücksmoment. Selbst die psychologisch wertvollen E(rtüchtigung)-Bikes gleichen den inneren Rollator nur teilweise aus und führen nicht selten zum unbeholfenen Crash im Graben des Lebens.

 

Jedoch sollten wir das Ganze nicht unnötig negativ sehen. Es gibt auch gute Nachrichten. Beispielsweise wachsen unsere Ohren unaufhörlich weiter. Je weniger wir mit zunehmendem Alter hören, desto größer werden die Ohren. Eigentlich eine griffige Idee. Doof ist nur, dass der Empfang nachlässt. Selbst zu Zeiten rückläufiger Geisteskraft wuchern zwei Satellitenschüsseln links und rechts unserer Denkfabrik, verfeinern unser faltiges Äußeres und verfehlen ihren Dienst. Es ist eine kleine gehässige Fußnote im Schwarzbuch der Evolution, dass sie uns zwei Bauruinen am greisen Haupt verpasst. Ganz anders bei der Nase. Auch die hört einfach nicht auf zu wachsen, funktioniert aber, und als Bonus rundet sie das Gesamtbild mit einer üppigen Vokuhila ab, die je länger desto unverfrorener aus dem Tunnel drängt. Der Sinn des Ganzen erschließt sich mir zwar nicht, aber wahrscheinlich schiebe ich gerade nur wieder mein Rad den Hang hinauf, im vierundzwanzigsten Gang. Es scheint unausweichlich, dass unsere Mega-Zinken eines Tages mit dem Deckel der Schnabeltasse in Konflikt geraten und die Nasenhaare sich in den Bandnudeln unserer weichgekochten Mittagsmahlzeit verheddern.

 

Aber, und hier wird das Leben zum Schelm, wie die Nase des Mannes, so sein … Wenn es nur wahr wäre. Dann könnten wir Männer jubeln, weil die Nase sich weiter und weiter wie eine Sonnenuhr im Antlitz ausbreitet, und deutlich lichtempfindlichere Körperregionen es ihr gleich tun und ebenfalls bis ans Ende unserer Tage größer und größer werden. Doch leider, leider ist das Gegenteil der Fall. Mit zunehmendem Alter schrumpft der kleine Schattenmolch. In einer fatalen Abwärtsspirale verzichtet er auf überschüssige Schwellkörper, weil er ohnehin weniger durchblutet und seltener gebraucht wird, und weil er dann aus nachvollziehbaren Pietätsgründen noch seltener gebraucht wird, lässt die Durchblutung weiter nach und er kann auf noch mehr Schwellkörper verzichten. Stattdessen entwickelt er sinnlose Muskelmasse. Ein Sixpack am Sexpack. Liebling, schau mal, ich habe eine gefühlsechte Muckibude. Das macht Eindruck. Nein, so weh es auch tut, die Fakten müssen auf den Tisch, vielleicht reicht auch ein Tischchen. Aus dem Spaß-Organ wird ein Das-wars-Organ.

 

Bei nächster Gelegenheit werde ich mir den Evolutionator Charles Darwin schnappen und zur Rede stellen. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass der Bauch zum Schwellkörper wird, während besser geeignete Stellen an der Schwelle zum Wurmfortsatz stehen, und sich an völlig verfehlten Stellen unnötige Muskeln aufbauen, die am Bizeps einen schlanken Fuß gemacht hätten. Doch ich ahne, was er sagen wird: Wir alle wussten, dass Älterwerden nicht die lustigste Zeit im Leben ist, weil wir unsere sozialen Pflichten erfüllt, den Kindern einen guten Start verpasst und die Rentenkasse für andere gefüllt haben. Ja doch! Mann, gib einfach zu, dass die Evolution nicht zu Ende gedacht ist und sich wie das verkorkste Minimum Viable Product eines Start-Ups anfühlt. Irgendwie bin ich enttäuscht, aber füge mich natürlich in das mir zugedachte Schicksal. Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem ich endlich an meinen Ohrläppchen kaue, meine Polypen sich über die stattlich ausgebaute Villa freuen und Johannes die Hanteln schwingt.

Dirk Röse Doppelt verlieren

Effizient verlieren.

Montag, 24. Januar 2022

Einmal handeln, doppelt verlieren? Man gehe abends deutlich später ins Bett als sonst und stehe morgens ebenso früh auf wie sonst. Der gestrige Tag verbraucht durchs längere Wachsein zusätzliche Energie. Und durch die verkürzte Nachtruhe fehlt dem heutigen Tag zusätzlich jene Energie, die in der verpassten Schlafphase gewonnen worden wäre.

Wechselkurz 7 zu 1.

Samstag, 22. Januar 2022

Wenn es stimmt,

dass wir über sieben Brücken gehen

und sieben Mal die Asche sind,

um einmal der helle Schein zu sein,

dann stimmt etwas nicht

mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Dirk Röse Schwarz Entdunkelt

Schicksale.

Freitag, 21. Januar 2022

Ich dachte die Menschen zu kennen, mit denen ich seit langer Zeit durchs Leben gehe, mit denen ich eine Geschichte habe, die mir ans Herz gewachsen sind, mit denen ich Höhen und Tiefen erlebe. Und dann erzählt mir einer dieser Menschen sein abgrundtiefes Geheimnis. Das krempelt mich um. Es sind seltene Momente, in denen ein Glimmen die schwärzesten Zeiten ins kaum konturierte Grau entdunkelt. Das Leben kann ganz schön scheiße sein.

Dirk Röse Promille

Schwerer Corona-Kater.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Deutlich mehr als 100.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Damit hat Deutschlands Bevölkerung zum zweiten Mal die Promillegrenze gerissen und ist nicht mehr verkehrstauglich. Omikron schenkt fleißig nach und arbeitet daran, dass in den nächsten Monaten jede/r ein Pintchen COVID-19 abbekommt. Gleichzeitig sinkt die Anzahl derer, die mit einem Corona-Vollrausch auf der Intensivstation landen. Das Virus mutiert zu einer geselligen Volkskrankheit, die seltener für komatöse Zustände sorgt, aber durch den kollektiven Schwips zu beschwingter Heiterkeit im ganzen Land führt. Nur nicht in jenen Landkreisen im Osten, die kürzlich einen tiefen Zug aus der Delta-Pulle genommen haben. Die liegen noch im Salz und brauchen keine Omikron-Auffrischung. Dafür werden die Sittenwächter der wohlbekannten Institute immer lustiger und treiben Schildbürgereien. Diejenigen, die ihren Corona-Kater schon überwunden hatten, wachten dieser Tage morgens auf und stellten fest, dass sie bereits nach drei Monaten wieder als rauschgefährdet gelten und einen hochkarätigen Shot von Moderna oder BioNTech brauchen. Und wer sich auf das Clomethiazol von Johnson & Johnson verlassen hatte, erfuhr diese Woche ganz nebenbei, dass er/sie rückfallgefährdet ist und ab sofort ohne Vorwarnung oder Übergangsfrist bei allen möglichen Gelegenheiten wieder ins Teströhrchen pusten muss, bis auch hier nach einem Vierteljahr das umsatzstarke Alka-Covid-Seltzer verabreicht werden darf. Nur einer spielt nicht mehr mit: Astra-Zeneca. Gibt's das noch? War vor einem Jahr ein echt nettes Gesprächsthema. Apropos. Seit fast zwei Jahren koordiniere ich einen Corona-Krisenstab und wieder muss ausgiebig über Risikobegegnungen, Verdachtsfälle und frische Infektionen geplauscht werden, um Belegschaft und Unternehmen vor zu viel virustrunkener Partystimmung zu schützen. Zum ersten Mal werde ich porös, weil mir SARS-CoV-2 erneut eine lange Nase dreht. Sei’s drum. Zum Wohl. Jetzt wird gefeiert.

Zwischen Borke und Rinde.

Montag, 17. Januar 2022

Am Wochenende war ich in Nordrhein-Westfalen unterwegs und sah zum ersten Mal, was der Borkenkäfer in den heimischen Wäldern anrichtet. Immer wieder stehen ganze Hänge kahl. Übrig bleiben einzelne Skelette einst stolzer Bäume. Die Forstwirtschaft und -ämter kommen mit dem Roden und Abtransport der Gehölze offenbar nicht hinterher. Ein Großteil wird verladen und direkt in die USA und nach China verschifft, um den dortigen Hunger nach Bauholz zu stillen. 

Bewusst geschaffene Fichtenreinbestände und natürliche Fichtenwälder sind das bevorzugte Opfer des hierzulande grassierenden Buchdruckers, unterstützt durch die heißen Sommer der letzten Jahre und die nasse Witterung im Winter. Wieder stehen wir vor der Herausforderung, angesichts dieser bedrückenden Entwicklung aufzuforsten und robustere Wälder zu schaffen. Drei Milliarden Bäume will die Europäische Union in dieser Dekade pflanzen. Es ist klar, wo diese Bäume benötigt werden.

Territoriale Integrität.

Samstag, 15. Januar 2022

Die nicht endgültig und einvernehmlich geklärte territoriale Zugehörigkeit zu einem Staatsgebilde bleibt ein Ausgangspunkt für schmerzhafte Konflikte.

 

Die Westsahara, von Marokko gleichermaßen wie von Unabhängigkeitskämpfern beansprucht, wird in vielen Landkarten als weißer Fleck ausgewiesen. Wer hat nun das Recht, über die Zugehörigkeit zu entscheiden? Soll die Bevölkerung das letzte Wort haben, wie die UNO es vorschlägt?

 

Russland annektiert die Krim und beruft sich vordergründig auf den Schutz der dort lebenden russischen Bevölkerungsanteile. Stehen die Rechte dieser Menschen über den Rechten der ukrainischen Bürgerinnen und Bürger? Darf man einfach so in ein anderes Land einmarschieren und ganze Landstriche übernehmen?

 

Für China ist Taiwan ohne jeden Zweifel Teil der eigenen Nation und des eigenen Territoriums. Taiwan versteht sich als unabhängiges Land. Wer hat das Recht, darüber abschließend zu befinden? Welche Rolle spielt dabei die Geschichte und wer darf sie deuten? Litauen geht einen Schritt in Richtung Anerkennung Taiwans. China reagiert mit Handelssanktionen. Aber was für einen Einfluss kann es haben, wenn ein Land ein anderes Land anerkennt?

 

Im Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlieren viele Menschen ihre Heimat im Osten des damaligen Deutschen Reiches. Vertriebenenverbände finden sich über Jahrzehnte nicht damit ab. Schaffen Grenzverschiebungen durch Krieg, Revanche und Ausgleich neue Fakten, die aus sich heraus unanfechtbare Geltung haben? Schafft Geschichte Tatsachen?

 

Katalonien versteht sich als eigenständiges Land und strebt die Unabhängigkeit von Spanien an. Was ist mit jenen Menschen vor Ort, die dazu eine andere Meinung haben und Katalonien als Teil Spaniens sehen? Haben separatistische Bewegungen eine Berechtigung und dürfen sie die nationale Einheit auflösen? Hat das entgegengesetzte Bestreben einer Nation nach unauflösbarer Einheit ein Vorrecht?

 

Israel gründet einen eigenen Staat und stützt sich auf die alte Prophezeiung vom Gelobten Land. Viele Staaten anerkennen Israel. Andere Staaten anerkennen Israel nicht. Ist Israel damit ein anerkannter Staat oder nicht? Das diffizile Geflecht aus Anerkennung und Nicht-Anerkennung macht regionale und globale Politik kompliziert. Darf man ein Land bedrohen und boykottieren, das man selbst nicht anerkennt?

 

Immer noch erstaunt blicke ich auf die friedliche Revolution in der früheren DDR, bei der das Volk lautstark äußerte, wohin die Grenze weichen soll. Einflussmächte, Schutzmächte, Großmächte, Siegermächte ließen sich auf diese Entwicklung ein und befürworteten nicht nur die Wiedervereinigung eines zerrissenen Volkes, sondern lösten auch die Ketten des Eisernen Vorhangs.

 

Wer gehört zu wem und wer darf darüber bestimmen? Die Frage kann offenbar nie zu aller Zufriedenheit beantwortet werden. Es sei denn, dass sich alle an einen Tisch setzen und die Chancen größer bewerten als die Risiken und Verluste.

Keine Vegetarier mehr.

Donnerstag, 13. Januar 2022

»Entschuldigen Sie bitte! Haben Sie meinen Vegetarier gesehen?«

»Ihren was?«

»Meinen Vegetarier.«

»Wer soll das sein?«

»Er isst kein Fleisch.«

»Sie meinen Ihren Veganer?«

»Nein, er isst kein Fleisch, aber Eier.«

»Ach die … Uäh. Ich dachte, die sind ausgestorben.«

»Oh nein!«

»Ts. Wer fremder Hühner Eier pellt, wird spüren, wie Schalen pieken.«

»Dabei war er lange Zeit das schlechte Gewissen aller Dönerjuppies.«

»Halbgares Gehabe.«

»Aber …«

»Tut mir leid, ich muss los. Bei Edeka sind Veggie-Kutteln im Angebot.«

Nachtrag am Freitag, 14. Januar 2022

Vielen Dank für Eure Anteilnahme. Zwischen Ruhr und Hanse hat Jürgen offenbar eine ambitionierte Reisetätigkeit entwickelt und entzieht sich weiterhin jedem gut gemeinten Zugriff. Wir bleiben am Ball und fragen uns, warum es keine Vegetarier mehr gibt.

Olympia und Fußball: Boykott am Bildschirm.

Sonntag, 9. Januar 2022

Das Jahr 2022 steht auch ganz im Zeichen großer sportlicher Ereignisse. Ich werde daran nicht teilhaben. Mir sind die Verbände viel zu korrupt. Es mag ja noch als richtig durchgehen, dass auch Länder wie China und Qatar Austragungsorte der Olympischen Spiele und der Fußballweltmeisterschaft sein können. Für die jeweilige Bevölkerung ist das sicher ein Highlight. Jedoch sind die Kollateralschäden für Umwelt, Wirtschaft und/oder Beschäftigte oftmals zu hoch. Vor allem aber sind diese Spiele Deals zwischen hungrigen Mächtigen, die auf Seiten der Länder gleichzeitig ihre zweifelhafte Politik fortsetzen und auf Seiten der Verbände die bodenlosen Taschen aufhalten. Leid tut es mir um jene Athlet:inn:en und Mannschaften, die einfach nur sauberen Sport wollen, aber das ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Es bleibt abzuwarten, wie weit es nun zunächst einen politischen Boykott der Olympischen Winterspiele geben wird. Ich werde die Großereignisse dieses Jahr nicht verfolgen. Boykott beginnt vor dem Fernseher.

Dirk Röse Sport ist Mord
Dirk Röse Telefon

Telefon tolle Technik.

Samstag, 8. Januar 2022

In meiner frühen Kindheit war das bürokratiegraue Telefon mit Wählscheibe ein begehrtes Objekt. Nicht jeder Haushalt hatte eines, Familien mussten sich die Anschlüsse teilen. Wer für ein Gespräch Privatsphäre suchte, musste auf die Rücksicht der anderen hoffen oder mit dem langen Kabel ins Nachbarzimmer wechseln. Wie gerne wollten wir alle ein eigenes Telefon besitzen.

 

Dann kam der große Innovationsschub der Deutschen Post und die Telefone wurden dezent farbig und erhielten Druckknöpfe. Wie schön war das, zwischen verschämtem Deflorationsrot und gutbürgerlichem Eicherustikalgrün sowie auf einer hochmodernen Tastatur wählen zu können.

 

Mein erstes eigenes Telefon war dann schon richtig stylisch: schwarz, schlank und mit Zusatzfunktionen wie dem eingebauten Lautsprecher. Wer nun an der Tür lauschte, konnte sogar die ganze Unterhaltung mithören. Die Deutsche Post punktete mit eigenen Telefonläden. Anders als in der Politik konnten wir nicht nur wählen, sondern hatten auch eine Wahl.

Irgendwann kamen die ersten drahtlosen Telefone, um unliebsamen Zuhörer:inne:n wiederum geschmeidig zu entfliehen, und bald auch die Möglichkeit, mehrere Endgeräte zu nutzen, um trotzdem wieder mithören zu können. Das Telefon verselbständigte sich und wurde zum Marktsegment wie Fernseher, Stereoanlagen und Autos. Wie gut fühlte sich das an, am technischen Fortschritt mit immer mehr Komfort und den witzigsten Anrufbeantworteransagen teilzuhaben. Der Dialog mit anderen fand nun auch beim Abwasch, im Bett und bei längeren Gesprächen zwischendurch auf dem Klo statt.

 

Zu dieser Zeit erlebten Handys ihren rasanten Durchbruch. Wer zuhause partout keine Privatsphäre bekam, konnte nun auch auf der Autobahn telefonieren - bis das nächste Funkloch kam. Von Anfang an gingen Funktionalität und Design Hand in Hand. Abfällige oder neidische Blicke auf das Modell des/der anderen gehörten fortan zum Alltag. 13-jährige Konfirmand:inn:en lachten mich aus, weil ich ein Motorola hatte und sie ein Siemens. Die Welt war um ein Statussymbol reicher. Ich erinnere mich an den Tag, als eine Kollegin das erste Handy mit Kamera dabei hatte und eine Traube von Menschen um sie herum stand, um über die pixeligen Fotos zu staunen. Wir konnten zwar nicht identifizieren, was sie da im Mund hatte, doch der Strand drumherum war erkennbar. Bald konnte man die Geräte auch klappen oder slidern, die Klingeltöne wurden mehrstimmig, man konnte Musik laden und irgendwann landete man sogar irgendwie ein bisschen im Internet, um Websites umständlich auf winzigen Displays zu betrachten. Wie scharf, stolz und angeberisch waren wir, getrieben von immer mehr Funktionen in immer kleineren Modellen im Tarifdschungel der sich ständig unterbietenden Anbieter.

 

Eines Tages zeigte mir ein Geschäftspartner sein frisches Mobiltelefon mit Touch-Display. Ich war irritiert und erkannte den Zusatznutzen des iPhones noch nicht. Doch innerhalb kürzester Zeit wurde der gesamte Markt umgekrempelt. Wo es gerade gestern noch darum ging, ein möglichst kleines Handy zu besitzen, begann nun der Run auf ein möglichst großes Smartphone mit möglichst wenig Tastatur. Wie unersättlich wurde plötzlich der Hunger nach immer mehr Leistung und immer diagonalstärkeren Displays. Die Inflation der Krimiserien bekam eine völlig neue Logik des überraschenden Anrufs, der Einwahl in Funknetze und der Bewegungsmuster, die ohne Handys nicht funktioniert hätte. Das Handy schuf den/die gläserne/n Bürger:in.

 

Dass das Wachstum der Modelle eine natürliche Grenze in der Größe unserer Hände haben würde, war absehbar. Niemand möchte sich ein Tablet ans Ohr halten. Doch auch hier erweist die Industrie ihre Findigkeit und führt die Klapp-Handys wieder ein. Das möglichst große Smartphone soll durchs Zuklappen wieder handlicher werden. Je nach Geschmack und Geldbeutel kann man mit einem anderen Modell auch das Gegenteil erzielen und das möglichst große Display durchs Aufklappen noch einmal verdoppeln. Es kommt also doch noch so weit: Wie gerne werden wir uns bald ein faltbares Tablet ans Ohr halten.

Dirk Röse E-Auto

Funktion vor Design.

Mittwoch, 5. Januar 2022

Auch das schnittigste E-Auto wirkt nicht mehr sexy, wenn es an der elektrischen Nabelschnur hängt. Früher oder später wird die Industrie das erkennen und sich attraktivere Lösungen überlegen. Bis dahin dürfen wir darüber staunen, dass bei diesem Detail der Mobiliätsrevolution Funktionalität vor Design geht.

Dirk Röse China

We're made in China.

Montag, 3. Januar 2022

China ist die eigentliche Großmacht der Gegenwart. Dass diese Aussage oftmals mit unterschwelligem Vorbehalt getroffen wird, liegt auch daran, dass wir uns immer noch nicht vom Weltbild des Kalten Krieges gelöst haben. Gerade in diesen Wochen zeigt Russland an der Grenze zur Ukraine wieder das altbekannte plump-martialische Säbelrasseln, das wir von der Sowjetunion kennen. Und die Vereinigten Staaten spielen ihre Rolle als moralisch überlegene Schutzmacht der gerechten Nationen. China hingegen tritt – zum Glück – selten als Militärmacht auf, sondern als unanfechtbarer Wirtschaftsgigant. Wir haben es über Jahrzehnte zugelassen, dass sich die ganze Welt in eine umfassende Abhängigkeit begibt – zunächst unbemerkt, später mit einem abfälligen Lächeln über das Label »Made in China« und heute mit dem vollen Bewusstsein, dass ohne die dortige Wirtschaftskraft nichts mehr geht. Viel zu viele Produktionskapazitäten wurden nach China verlagert, weil sich dort alles billig und ohne lästige Umweltauflagen oder Berücksichtigung von Arbeitnehmerinteressen herstellen lässt. Gleichzeitig hat China seinen Einfluss auf zahlreiche Länder beständig ausgeweitet und ganz im Sinne eines wirtschaftlichen Kolonialismus‘ vielerorts in ärmere Länder investiert, die nun in besonderer Weise abhängig sind und sich dem Willen des starken Freundes beugen. Große Teile der Welt sind längst vom chinesischen Einfluss unterwandert und wir wollen das volle Ausmaß nicht wahrhaben. Deshalb kann das Regime in Peking tun und lassen, was es will, kann weiterhin ungestraft gegen das Volk der Uiguren vorgehen, kann in Hongkong gemächlich alle politischen Zusagen brechen, kann seine Präsenz im südchinesischen Meer ausbauen und kann jenen Ländern den wirtschaftlichen Hahn zudrehen, die Taiwan auch nur ansatzweise als eigenständige Nation ansehen. Es ist völlig klar, dass China seine Macht auch weiterhin ausspielen kann, weil sogar eine »wertebasierte Außenpolitik« niemals den konsequenten Affront riskieren kann. China profitiert von dem ungeheuren zeitlichen Vorsprung, denn um sich wirtschaftlich wieder unabhängiger zu machen, müsste der Rest der Welt viele Jahre, riesige Investitionen und eine Verteuerung zahlloser Waren in Kauf nehmen. Kurzfristig kann sich also nichts ändern. Stattdessen müsste mit langfristiger Perspektive und dem Willen zur Veränderung agiert werden. Doch dazu gibt es nicht einmal den Wunsch. Wir haben uns der neuen Weltordnung unterworfen.

Dirk Röse Amaryllis

Frohes neues Jahr.

Samstag, 1. Januar 2022

Liebes neues Jahr, schön, dass du da bist. Viele sind neugierig darauf, was du bringst, und manche setzen große Hoffnungen auf dich. Deine Zeit ist begrenzt und es liegt nun an dir, ob wir uns gerne an dich erinnern. Da du nicht überraschend kommst, bist du sicher gut vorbereitet. Gerne unterstützen wir dich und haben schon viele gute Ideen. Wir wünschen dir Umsicht, Milde und Großzügigkeit mit allem Guten, wann immer du Welt und Mensch mit deinen Ereignissen bedenkst. Denn genau genommen wollen wir dasselbe: ein glückliches Jahr 2022.