Dirk Röse Geschichten

Welten. Schicksale. Abenteuer. Irrwitz.

Liebe. Leben. Tod.
Mut. Hoffnung. Verzweiflung.
Auferstehung.

Der Inhalt folgt der Idee. Steht das Innere im Vordergrund, bleibt das Äußere zurückhaltend. Geht es um die Handlung, kommt der Effekt. Das Genre bildet die weite Welt der Möglichkeiten. Im Mittelpunkt steht der Menschen mit seiner Haltung. Es geht um die Person und ihre Entscheidungen. Wichtig ist jeder Satz, gerungen wird um Worte.

Wellenschlag

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Die Welle rollt an. Sie reckt sich, prahlt mit ihrer Wucht. Bedrohlich hoch schlägt sie lässig gegen die Bordwand. Das marode Boot erzittert, knirscht. Gischt sprüht über das Deck, auf dem wir zu Dutzenden kauern. Die vor Angst geweiteten Augen, die aufgerissenen Münder, sie alle schreien dieselbe Botschaft in die brüllende Nacht hinaus: »Helft!«

Der Sturm ist laut, man hört sie nicht. Das völlig überladene Boot, rostig und alt und nicht auf die hohe See ausgelegt, schlingert. Ich versuche Halt zu finden und kann nur versuchen, mich an meinem Nachbarn festzukrallen. Einen festen Griff hat allein die Angst. Es geht um mein Leben.

Und es ging immer um mein Leben. Ihr wisst nichts von meinem Dasein, das trostloser nicht sein konnte. Nein, wir sitzen nicht alle im selben Boot.

Ich musste einfach dort weg. Dabei hatte man mich gewarnt. Die Überfahrt sei gefährlich, ein gutes Geschäft für die, die nicht einsteigen mussten, viele Schiffe seien gesunken, unzählige Menschen hätten den Tod gefunden. Ich schob die Warnungen beiseite. Es war genug Unglück über mich gekommen, nun wollte ich auf einer Welle des Glücks reiten.

»Helft!«

Eine Woge peitscht über uns hinweg, mächtig, tyrannisch, vernichtend. Wassermassen erfassen Flüchtlinge, die nicht entfliehen können, manch einer wird gleich ins tosende Meer gerissen und für immer verschlungen. 

Die nächste Welle, gigantisch, zerstörerisch, tödlich, spült meinen Nachbar über Bord. Er reißt mich mit. Ich stürze ins Meer und versinke. Panisch trete ich nach ihm, damit er loslässt, kämpfe mich frei, dränge an die Oberfläche zurück, ringe um Luft, sehe Wellen, Wellen, Wellen, aber kein Boot, kein Land, keine Erlösung. Es ertränkt mich. In den wenigen Augenblicken über Wasser schnappe ich nach Luft, suche Rettung, und jede Faser meines Körpers, jeder Gedanke schreit euch zu: »Helft!«

Dann schlägt das Wasser über mir zusammen und gibt mich nicht wieder frei. Ich atme ein, meine Lunge füllt sich mit eisigem, brennendem Nass. Das ist das Ende. Und ich überlasse dem Sturm meine Not, mein Schicksal, kapere seine Stimme: »Helft!« Ihr Wellen, unnachgiebig und grausam, tragt meinen Hilferuf an die Küste.

Meine Sinne schwinden, ich werde Teil des Meeres, bin eine Welle, sehe den Strand schon vor mir.

Die Sonne scheint, eine wohltuende Brise weht vom Meer ins Landesinnere. Männer und Frauen lieben ihr Leben. Kinder spielen am Strand. Sie bauen Burgen, Burgen aus Sand mit Mauern gegen die Wellen, die über das Meer kommen. Eltern zeigen ihren Kindern, wie die Mauern stark werden, wie sie möglichst lange der aufkommenden Flut standhalten.

Der Wellenschlag meiner Not zieht auf die Küste zu.

Er grollt im Sturm.

Er rollt im aufklarenden Wetter.

Er tollt malerisch in der Flut der Gezeiten.

Und wenn der Wellenschlag auf die Küste trifft, ist seine Kraft längst gebro­chen, platscht er harmlos auf die kindlichen Mauern am Strand, versandet.

Und irgendwo weit draußen auf dem Meer zieht die Marine eine Leiche an Bord. 

Hintergrund

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»Wellenschlag« entstand für das Sommerfest des Geest-Verlags im Mai 2015. Der Text handelt von Flüchtlingen, die in völlig unzureichenden Booten über das Mittelmeer nach Italien übersetzen wollen. Noch vor dem Beginn der sogenannten »Flüchtlingskrise« im Herbst 2015 versuchte dieser Beitrag eine Auseinandersetzung mit der Abschottung Europas.

Guten Morgen

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An jenem Morgen blieb ich länger im Bett. Obgleich mir bewusst war, dass ich bereits um acht Uhr einen wichtigen Termin hatte, war ich erstaunlich gleichgültig, als wenn Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielte. Ein ungutes Gefühl ganz im Untergrund meiner Seele konnte ich dennoch nicht leugnen. Dass es absolut nichts mit meinem ruhmreichen Job zu tun hatte, verstärkte es. Ich lag im Bett, regungslos, verwirrt, und beobachtete das Funkeln der Morgensonne in den Jalousien.


Bis mir bewusst wurde, dass ich über Nacht verstorben war. Plötzlich und unerwartet. Und unbemerkt. Schlagartig schrillten in mir alle Alarmglocken. Der unmittelbar folgende Drang, mich zu bewegen, bestätigte die überraschende Erkenntnis. Arme, Beine, Kopf und Rumpf. Da tat sich nichts mehr. Ich war tot. 


Für einen Augenblick war ich perplex. Dann stieg Ärger in mir auf. Ich hatte meinen eigenen Tod verschlafen. Eingemummelt in die Laken, vermutlich schnarchend, hatte ich das Leben lauthals ausgehaucht und nichts mitbekommen. Bescheuert. Dabei hatte ich stets die Ansicht vertreten, dass man bei besonderen und insbesondere bei einmaligen Anlässen möglichst voll präsent sein sollte, um den Augenblick voll auszukosten.


Dann aber erinnerte ich mich, wie viel Alkohol und Nikotin ich am gestrigen Abend konsumiert hatte, und die Wut verebbte. Ich sollte dem Tod dankbar sein für seinen unspektakulären Auftritt. Das Ganze hätte auch viel unerfreulicher verlaufen können. Es war, als konnte ich noch spüren, wie die L-Organe in einen ungewohnten Entspannungszustand verfielen und jede Sekunde des unerwarteten Friedens vor der einsetzenden Zersetzung genossen.


Ich jedoch wurde über diese Gedanken zunehmend nervöser. Mich verlangte nach einer Kanne Kaffee und einigen Zigaretten. Ging nicht. Über Nacht hatte ich nicht nur das Leben, sondern auch das Rauchen aufgegeben. Ganz schlechter Einstand, lieber Tod, so würden wir keine Freunde werden.


Ziemlich genervt blieb ich regungslos liegen und tat gar nichts. Außer den schwirrenden Gedanken in meinem Kopf zu folgen. Wieso dachte mein Hirn noch? Hätte ich nicht längst außer mir sein müssen? Über mir selbst schweben? 


Vorsichtig versuchte ich, jenen Teil der Seele, der im rechten kleinen Zeh verortet war, aus Fleisch und Knorpel zu lösen. Uah, was für gruseliges Gefühl. Ich konnte tatsächlich meinen Körper verlassen. Aber wollte ich das? Und überhaupt: Wohin sollte ich mich wenden? Weder Dämon noch Engel saß über dem Bett, um mich abzuholen. Hatte ich womöglich eine Wahl? Oder würde ich desorientiert durch mein kleines Universum geistern und fiesen Mitmenschen eine Gänsehaut über den Rücken jagen? Womöglich gab es dann kein Zurück mehr ... natürlich gab es kein Zurück mehr, Doofie.


Ich verschob die Entscheidung und Lösung von meinem Körper auf einen späteren Zeitpunkt, wenn sich hoffentlich neue Erkenntnisse einstellten oder der Engel sich für seine Verspätung entschuldigte, weil er beim Leichentransfer in die Rushhour geraten war.


Es folgte, was unweigerlich folgen musste. Fragen. Wie lange würde es dauern, bis man mich vermisste? Würde der Zeitpunkt überhaupt jemals kommen? Meine Todesnacht war ausgerechnet auf einen Tag gefallen, an dem meine Freundin und ich getrennt schliefen. Wie würde sie reagieren? Würde ich es jemals erfahren? Wollte ich es wirklich wissen? Würde irgendwer länger als einen Tag trauern? Wer würde zuerst an meinem Bett stehen? Der Arzt, die Polizei, die Putzfrau oder der Hausmeister? Je nach dem, wie lange sich niemand ernsthaft um mich sorgte, würde man mich in bereits unrühmlichem Zustand finden, die Nase rümpfen und eventuell auf mein Bett kotzen. Ich fand den Tod mit einem Mal erniedrigend und wandte mich schmollend anderen Gedanken zu.


Doch es gab nichts Erheiterndes und nichts Ermutigendes darunter. Ich war weg und nun begann - mit geringfügiger Verzögerung - überall der Prozess, mit mir fertig zu werden. Der Prozess, mich zu vergessen und es sich ohne mich schön zu machen. Ich war enttäuscht, und schon fuhr der zweite Zeh aus der Haut.


Mein Tod war eine absolute Fehlplanung. Eine schlechte Laune der Ewigkeit. Ein geruchsloser Furz der Menschheitsblähungen. Ich atmete tief durch, also im übertragenen Sinne, und versuchte meditativ in einen schlafähnlichen Dämmerzustand zu verfallen. Die Ewigkeit begann und vermutlich hatte ich fortan wieder mehr Zeit.


Da wurde ein Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür gesteckt und herumgedreht. Jemand kam ...

Hintergrund

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Franz Kafka würde wahrscheinlich nicht einmal mit der Wimper zucken, wenn er erführe, dass diese Momentaufnahme durch ihn inspiriert wurde. An sich war dieser Beitrag humorvoll gemeint. Kam aber nicht so an. Es gibt Dinge, über die man offenbar nicht schreiben sollte.

Chrodigildis

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Ein laues Lüftchen raschelte in den Baumkronen, Vögel zwitscherten und der Wachposten schnarchte. Davon abgesehen war es still. Edo stand auf dem Wall und sah einem Buchfink nach, der seinen Schiss auf der filzigen Haarpracht des schlafenden Kriegers hinterlassen hatte und jetzt aufgeregt über das Dorf hinweg davonstob.

Harun lag verschlafen in der Morgensonne, die schon zu dieser frühen Stunde Schwüle über das Flachland breitete und den Dunst aus Wiesen und Wäldern trieb. Eine mächtige Eiche stand inmitten des Dorfes und überragte mit prächtigem Grün alle Bauten und Wälder. Östlich der Siedlung zog die Eems vorbei, doch der riesige Baum und zwanzig bis dreißig große, gepflegte Häuser, die sich bis nah ans Ufer erstreckten, verdeckten die Sicht auf den Fluss. Edo war beeindruckt. Die Siedlung schien wohlhabender zu sein, als er zunächst gedacht hatte.

Er drehte sich um. Landeinwärts bot der Wall dem Dorf Schutz. Die Sonne warm im Rücken, blickte er über die Palisaden, hinter denen eine feuchte Wiese lag, an die sich ein Wald anschloss.

Zwischen den Bäumen stand eine Leiche. Sie sah gespenstisch aus, weil der Boden dampfte und den Körper in einen leichten Nebel hüllte. Aber es war eindeutig eine Leiche und sie stand zwischen den Bäumen. Edo sah die hässliche Wunde am Hals. Auch das Gesicht wirkte geschunden. Um alles ganz genau betrachten zu können, hätte er das Dorf verlassen und sich dem Toten nähern müssen. Doch im Unterholz des Waldes lagerten die Verfolger ...

Hintergrund

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Im Jahr 714 n. Chr. stirbt der Frankenkönig Pippin. Während der darauffolgenden innenpolitischen Wirren im Frankenreich erobert der Friesenherzog Radbod vormals verlorene Gebiete des südwestlichen Frieslands zurück.

Zur selben Zeit verkündigen angelsächsische Missionare den heidnischen Friesen das Evangelium. Unter ihnen sind Willibrord, der schon seit den 690er Jahren auf dem Kontinent unterwegs ist, und Wynfreth, der später als Bonifatius berühmt wird und erstmals im Jahr 716 n. Chr. zu den Friesen reist. Deren eiserne Resistenz gegen die christliche Botschaft sowie die kriegerischen Erfolge des heidnischen Radbod führen jedoch in den meisten Fällen zu Misserfolgen der Missionare.

Nachfolgende Geschichte spielt im Jahr 715 n. Chr. in der am Fluss Eems (heute: Ems) gelegenen Siedlung Harun (heute: Haren), deren Existenz allerdings erst um das Jahr 800 n. Chr. urkundlich erwähnt wird.

Eine aus historischer Sicht belastbare politische Zuordnung des Gebietes ist kaum möglich, da sich die Grenzen zwischen Friesland im Norden, Franken im Süden sowie Sachsen im Osten in jener Zeit immer wieder verschieben und hilfreiche Quellen fehlen. Nachfolgende Erzählung geht davon aus, dass Harun eine Grenzsiedlung im äußersten Westen des Sachsenreiches ist.

Heute verbindet eine Brücke jene beiden Uferstellen in Haren, von denen hier die Rede ist. Und auf dem Gebiet des hier auf fiktive Weise gegründeten Dankern befindet sich ein altes Schloss mit einem modernen Ferienzentrum.

Genre: Mittelalterliche Krimi-Novelle
Lektorat: Jana Hoffhenke, Bernd Tessmann

Novelle »Chrodigildis«
2013, Burgenweltverlag, Bremen

978-3-943531-05-3

Hamster

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Das Telefon klingelte und Bergmann sah auf das Display. Der Vorstand. Mit dem zweiten Klingeln kam schlagartig das mulmige Gefühl. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest.

»Ins Konferenzzimmer.« Keine unnötigen Floskeln. In sieben Jahren kaum ein persönliches Wort, aber im Jahresgespräch die wiederkehrende Anerkennung, wie zufrieden der Vorstand mit Bergmanns Arbeit sei.

»Gleich«, sagte Bergmann.

»Nicht gleich. Sofort!« Reine Funktionalität, hochdosierter Druck.

»Das meine ich ja.« Bergmann legte auf, schnappte sich das Notizbuch und eilte aus dem Büro. Während er dem Vorstandszimmer näher kam, fragte er sich, was schief gegangen war. 

Hintergrund

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Der Preis für den Erhalt der angeblichen Freiheit und des Wohlstands ist für viele hoch. Statt die Lebensumstände weiter zu verbessern, lebt manch einer über die eigenen Verhältnisse. Es geht auch nicht anders, wenn die einzige Alternative der Abstieg ist.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Sue Bechert
Anthologie »Untertan«, herausgegeben von Reinhard Rakow
2015, Geest-Verlag, Vechta Langförden
978-3866855281

Der Jeschua-Schrein

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Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt. Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.

Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff. 

»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.

Hintergrund

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Was geschieht, wenn an einer entscheidenden Stelle der Weltgeschichte der Trotz über den Gleichmut siegt? Im Kern und ganz am Rande ist dies eine Geschichte über Pontius Pilatus. Der Jeschua-Schrein entwirft eine alternative Realität, in der das beginnende Mittelalter und der einsetzende Untergang des Römischen Reiches mit dem ausgehenden Mittelalter und dem Umdenken in religiösen Fragen zusammenfallen.


Genre: Alternate History

Lektorat: Jana Hoffhenke, Juliane Stadler, Isabella Benz
Novelle »Der Jeschua-Schrein«

2015, Burgenweltverlag, Bremen
978-3943531329

Dirk Röse Sturm Meer

Night-Flight To The Stars

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Der Wind zog eisig durch die nächtlichen Gassen und wirbelte die Schneeflocken bis in die letzten Straßenwinkel. Ich hatte mein dick gepolstertes Leather-Case bis oben hin zugezogen und hoffte, dass es wenigstens die Feuchtigkeit abhielt. Durchfroren war ich bereits und musste befürchten, dass sich mein Hals verzog. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Schnee liegen blieb und Dublin unter einem zarten, weißen Tuch begrub. Bei dieser Witterung unterwegs zu sein, war ein riskantes Spiel mit meinem historischen Restwert. Ging etwas schief, waren Ahorn und Palisander allenfalls noch Brennholz. Niemand nahm mich zur Kenntnis. Die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, wollten auch nur ins Warme, und stapften mit gesenkten Köpfen an mir vorüber. Nach den vielen einsamen Jahren hätte ich auch blind zu der alten Bar gefunden, die jeden Samstagabend mein Ziel war. Well, it’s Saturday night and I wanna be played. Unwillkürlich entfuhr mir ein Akkord, der zum Glück durch die Polsterung vollständig verschluckt wurde. Well …

Ich bog in eine der Kneipengassen abseits der Touristenmeilen und suchte vergeblich das ausgeblichene Blechschild des ›Old Bartender‹. Es war so verdammt düster hier. 

Hintergrund

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Eines Tages kramte ich mein Exemplar der »Irish Tour« aus dem CD-Regal und versank in »A Million Miles Away«. Einem inneren Impuls folgend suchte ich im Internet, was es dort über den Sänger und Gitarristen Rory Gallagher zu lesen gab. Es war wie ein Schock, als ich erfuhr, dass er bereits seit fünfzehn Jahren tot war. Alkohol, neue Leber, Komplikationen, vorbei. Ich hatte das einfach nicht gewusst. Und verstehe nicht, wie ich das so lange Zeit übersehen konnte. Das Foto seiner legendären, völlig zerkratzten »Stratocaster« führte mich direkt zum »Night-Flight to the Stars.

 

Genre: Groteske

Lektorat: Jan-Eike Hornauer

Anthologie »Grotesk!«,  herausgegeben von Jan-Eike Hornauer 

2011, Candela-Verlag, Korb

978-3942635226

Vorgelesen

Z.Z. Voss

Die Unvollkommenheit und Vorläufigkeit des menschlichen Daseins erweisen sich im Gegenüber zum Heiligen als unüberwindbare Last. Religion versucht, diese Last auszuräumen – jedoch ohne dauerhaften oder vollständigen Erfolg, da der Mensch nicht in der Lage ist, sich selbst zu erlösen. Hilfreich wäre es, wenn sich eine andere Möglichkeit eröffnete … Ausgangspunkt für diese Geschichte ist die altgriechische Sage von »Sisyphos«, die hier weitergesponnen wird.

 

Genre: Groteske

Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »... den Worten die Hand hingehalten«

2014, Plaggenborg-Verlag, Vechta

978-3-929358-90-2

Im Schatten

Während eines Fotoshootings beobachtete ich, wie Fotograf und Assistent zwei hübsche junge Frauen umgarnten, die als nicht-professionelle Models vor der Kamera standen. Da hörte ich neben mir eine dritte aus tiefster Seele seufzen. Ich sah sie an und glaubte zu verstehen. Es gibt Menschen, die zeitlebens in der zweiten Reihe stehen, deren Leben spürbar fragmentiert bleibt.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »fraglichtemomente«

2014, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3866854604

Herbst

Wie düster darf man die Zukunft Deutschlands und Europas sehen? Dieser Text sorgt für kontroverse Diskussionen. Prophetie bedeutet ja auch, aus den Entwicklungen der Gegenwart Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen, mahnende Worte, die dann hoffentlich nicht Wirklichkeit werden.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Sue Bechert

Anthologie »Und noch immer willst du nicht verweilen«
Herausgegeben von Alfred Büngen und Olaf Bröcker
2018, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3-86685-710-0

Wuchtbrummi

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Juli 2013, es war heiß. Bei Emden hatte Mika wie immer am Autohof angehalten, um sich mit Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Zigaretten zu versorgen. Der Lastzug musste heute noch bis Koblenz runter. Reiseverkehr war in diese Richtung nicht zu erwarten, nur um Düsseldorf und Köln herum würde er in die Rushhour geraten. Aber egal, Zuhause wartete niemand auf ihn und dem Kunden war es ohnehin lieber, wenn er die Ware nach Feierabend lieferte.

Die Straße war wie das Leben, dachte Mika, als er die Tür zum Fahrerhaus öffnete. Überall konnte man links und rechts rausfahren, aber meistens folgte man der vorgegebenen Route. Man war ständig von anderen Autos und Lastwagen umgeben, doch letztendlich saß man allein im Führerhaus, die Zeit und den Chef im Nacken.

Hintergrund

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Die Straße als Symbol des Möglichen und Unmöglichen. Auch ein zufälliges Zusammentreffen birgt die Chance, die Fragmentierung des Daseins zu überwinden. Doch die Begrenztheit des eigenen Denkens und der eigenen Erwartungen ebnet der selbsterfüllenden Prophezeiung einen Weg.

 

Genre: Kurzgeschichte
Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »fraglichtemomente«
2014, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3866854604

That's All Right

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»Und welche Schule besuchst du?« DJ Dewey Phillips, dessen Radio­programme wegen der unkonventionellen Musikauswahl große Popularität genießen, fixiert den nervösen jungen Mann, der nicht weiß, dass er auf Sendung ist und Tausende seine Stimme hören können. Im Juli 1954 lastet brütende Hitze auf den Straßen der Heimatstadt des Blues, Memphis, Tennessee. Der Ventilator weht eine kühle Brise über die schweißnasse Stirn des 19-jährigen Teenagers, der an Akne leidet und gerade seine erste Schallplatte aufgenommen hat. Sein Produzent Sam Phillips, Besitzer des kleinen Labels »Sun Records« und nicht verwandt mit Dewey Phillips, hat seinem Namensvetter eine Probepressung zugespielt; über eventuelle Reak­tionen auf ihre Sendung im Radio will er Rückschlüsse auf den Erfolg einer Veröffent­lichung als Single ziehen. Beide, Sam und Dewey sind angetan von der Coverversion des Rhythm ’n’ Blues-Klassikers »That’s All Right«, und die Hörerschaft auch. Seit der Titel über den Äther ging, laufen im Studio die Telefone heiß, und der DJ muss ihn wieder und wieder spielen. Brennend interessiert auch, wer der unbekannte Sänger ist, und Dewey Phillips drängt dessen Eltern, ihren Sprössling möglichst schnell ins Studio zu bringen. Der schlaksige Kerl soll ein Interview geben. Doch als Phillips das Nervenbündel neben sich sitzen sieht, zweifelt er daran, ob der Junge dazu in der Lage ist. Phillips entscheidet sich dafür, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das ohne sein Wissen gesendet wird.

Hintergrund

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Ab 1953 versuchte der junge Elvis Presley, einen Schallplattenvertrag bei Sun Records in Memphis/Tennessee zu bekommen. Es gelang ihm, und eine außergewöhnliche Karriere nahm ihren Lauf. Die Geschichte aus der Anfangszeit eines Weltstars ist überaus faszinierend.

Genre: Essay

Lektorat: Annette Königsmann
Beitrag in »50 Years Of Good Rockin'«, Graceland Nr. 157 
Mai/Juni 2004, 26. Jahrgang
2004, Elvis-Presley-Gesellschaft e.V., Bonn

Der Aufschneider

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Weißt du noch … Damals … Da lebte in der Geest ein nicht übermäßig groß geratener Mensch, der hieß Schneider mit Namen, weil er eben diesen Beruf sehr fleißig ausübte. Sein Handwerk geriet ihm wohl; er stichelte seine Nähte nahezu unsichtbar und war bekannt für seine feine Nadel. Allerdings hatte man ihn selbst dem Anschein nach im Übermut mit ungeübter Lehrlingshand gefertigt: Der kurze Schneider war ein Großmaul, was in seltsamem Gegensatz zu seiner ziselierten Nadelei stand. Und dann entdeckte er den Helden in sich.

Es war an einem Mittwoch. Unter dem im ersten Stock gelegenen Arbeitszimmer des Schneiders fand der Wochenmarkt statt. Gerade führte er Nadel und Zwirn mit ruhiger Hand durch edle Schnitte, als ihm der Duft von Marmelade und Gelee, von Eingekochtem und Gestampftem durch das Fenster in das leckere Näschen kroch. Entzückt lauschte er dem Ruf der Marktfrau, die ihre Ware anpries, und ihn überkam Appetit.

Also lehnte er sich aus dem Fenster und rief: »Hierher, gute Frau, bringt mir das süße Zeug herauf, damit ich die Arbeit nicht unterbrechen muss.«

Die Marktfrau zeigte ihm einen Vogel. »Schieb dich runter, Kerl, wenn du hungrig bist!«

Unbeeindruckt fasste sich der Schneider in die Hosentasche, klimperte laut mit dem edlen Gedöns und trällerte: »Da ist was Goldiges im Sack.«

Da witterte die feiste Frau ein einträg­liches Geschäft ...

Hintergrund

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Während des Studiums an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg nahm ich für ein Semester an einem Ästhetik- und Kreativworkshop teil. Als Leistungsnachweis sollten alle Teilnehmenden ein Märchen schreiben, es illustrieren und das Ergebnis in Handarbeit zu einem Buch binden. Meine Wahl fiel auf »Das tapfere Schneiderlein«. Zuvor hatte ich Thomas Manns »Josef und seine Brüder« gelesen, was sich erzählerisch und sprachlich niederschlug. Allerdings auf einem nicht sehr hohen Niveau, so dass in einer späteren Bearbeitung zumindest einige Formulierungen geglättet werden mussten.


Genre: Märchen

Geschrieben & korrigiert 1992, 2006, 2014