Dirk Röse Mondpräsidentin

Welten. Schicksale. Abenteuer. Irrwitz.

Liebe. Leben. Tod.
Mut. Hoffnung. Verzweiflung.
Auferstehung.

Der Jeschua-Schrein

Was geschieht, wenn an einer entscheidenden Stelle der Weltgeschichte der Trotz über den Gleichmut siegt? Im Kern und ganz am Rande ist dies eine Geschichte über Pontius Pilatus. Der Jeschua-Schrein entwirft eine alternative Realität, in der das beginnende Mittelalter und der einsetzende Untergang des Römischen Reiches mit dem ausgehenden Mittelalter und dem Umdenken in religiösen Fragen zusammenfallen.


Genre: Alternate History

Lektorat: Jana Hoffhenke, Juliane Stadler, Isabella Benz
Novelle »Der Jeschua-Schrein«

2015, Burgenweltverlag, Bremen
978-3943531329

»Der Jeschua-Schrein«
 

Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt. Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.

Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff. 

»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.

Wuchtbrummi

Die Straße als Symbol des Möglichen und Unmöglichen. Auch ein zufälliges Zusammentreffen birgt die Chance, die Fragmentierung des Daseins zu überwinden. Doch die Begrenztheit des eigenen Denkens und der eigenen Erwartungen ebnet der selbsterfüllenden Prophezeiung einen Weg.

 

Genre: Kurzgeschichte
Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »fraglichtemomente«
2014, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3866854604

»Wuchtbrummi«

 

Juli 2013, es war heiß. Bei Emden hatte Mika wie immer am Autohof angehalten, um sich mit Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Zigaretten zu versorgen. Der Lastzug musste heute noch bis Koblenz runter. Reiseverkehr war in diese Richtung nicht zu erwarten, nur um Düsseldorf und Köln herum würde er in die Rushhour geraten. Aber egal, Zuhause wartete niemand auf ihn und dem Kunden war es ohnehin lieber, wenn er die Ware nach Feierabend lieferte.

Die Straße war wie das Leben, dachte Mika, als er die Tür zum Fahrerhaus öffnete. Überall konnte man links und rechts rausfahren, aber meistens folgte man der vorgegebenen Route. Man war ständig von anderen Autos und Lastwagen umgeben, doch letztendlich saß man allein im Führerhaus, die Zeit und den Chef im Nacken.

Vorgelesen

Z.Z. Voss

Die Unvollkommenheit und Vorläufigkeit des menschlichen Daseins erweisen sich im Gegenüber zum Heiligen als unüberwindbare Last. Religion versucht, diese Last auszuräumen – jedoch ohne dauerhaften oder vollständigen Erfolg, da der Mensch nicht in der Lage ist, sich selbst zu erlösen. Hilfreich wäre es, wenn sich eine andere Möglichkeit eröffnete … Ausgangspunkt für diese Geschichte ist die altgriechische Sage von »Sisyphos«, die hier weitergesponnen wird.

 

Genre: Groteske

Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »... den Worten die Hand hingehalten«

2014, Plaggenborg-Verlag, Vechta

978-3-929358-90-2

Im Schatten

Während eines Fotoshootings beobachtete ich, wie Fotograf und Assistent zwei hübsche junge Frauen umgarnten, die als nicht-professionelle Models vor der Kamera standen. Da hörte ich neben mir eine dritte aus tiefster Seele seufzen. Ich sah sie an und glaubte zu verstehen. Es gibt Menschen, die zeitlebens in der zweiten Reihe stehen, deren Leben spürbar fragmentiert bleibt.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Inge Witzlau

Anthologie »fraglichtemomente«

2014, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3866854604

Herbst

Wie düster darf man die Zukunft Deutschlands und Europas sehen? Dieser Text sorgt für kontroverse Diskussionen. Prophetie bedeutet ja auch, aus den Entwicklungen der Gegenwart Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen, mahnende Worte, die dann hoffentlich nicht Wirklichkeit werden.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Sue Bechert

Anthologie »Und noch immer willst du nicht verweilen«
Herausgegeben von Alfred Büngen und Olaf Bröcker
2018, Geest-Verlag, Vechta-Langförden

978-3-86685-710-0

Night-Flight To The Stars

 

Eines Tages kramte ich mein Exemplar der »Irish Tour« aus dem CD-Regal und versank in »A Million Miles Away«. Einem inneren Impuls folgend suchte ich im Internet, was es dort über den Sänger und Gitarristen Rory Gallagher zu lesen gab. Es war wie ein Schock, als ich erfuhr, dass er bereits seit fünfzehn Jahren tot war. Alkohol, neue Leber, Komplikationen, vorbei. Ich hatte das einfach nicht gewusst. Und verstehe nicht, wie ich das so lange Zeit übersehen konnte. Das Foto seiner legendären, völlig zerkratzten »Stratocaster« führte mich direkt zum »Night-Flight to the Stars.

 

Genre: Groteske

Lektorat: Jan-Eike Hornauer

Anthologie »Grotesk!«,  herausgegeben von Jan-Eike Hornauer 

2011, Candela-Verlag, Korb

978-3942635226

»Night-Flight To The Stars«

 

Der Wind zog eisig durch die nächtlichen Gassen und wirbelte die Schneeflocken bis in die letzten Straßenwinkel. Ich hatte mein dick gepolstertes Leather-Case bis oben hin zugezogen und hoffte, dass es wenigstens die Feuchtigkeit abhielt. Durchfroren war ich bereits und musste befürchten, dass sich mein Hals verzog. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Schnee liegen blieb und Dublin unter einem zarten, weißen Tuch begrub. Bei dieser Witterung unterwegs zu sein, war ein riskantes Spiel mit meinem historischen Restwert. Ging etwas schief, waren Ahorn und Palisander allenfalls noch Brennholz. Niemand nahm mich zur Kenntnis. Die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, wollten auch nur ins Warme, und stapften mit gesenkten Köpfen an mir vorüber. Nach den vielen einsamen Jahren hätte ich auch blind zu der alten Bar gefunden, die jeden Samstagabend mein Ziel war. Well, it’s Saturday night and I wanna be played. Unwillkürlich entfuhr mir ein Akkord, der zum Glück durch die Polsterung vollständig verschluckt wurde. Well …

Ich bog in eine der Kneipengassen abseits der Touristenmeilen und suchte vergeblich das ausgeblichene Blechschild des ›Old Bartender‹. Es war so verdammt düster hier. 

Dirk Röse Ostsee Gewitter

Hamster

Der Preis für den Erhalt der angeblichen Freiheit und des Wohlstands ist für viele hoch. Statt die Lebensumstände weiter zu verbessern, lebt manch einer über die eigenen Verhältnisse. Es geht auch nicht anders, wenn die einzige Alternative der Abstieg ist.

 

Genre: Kurzgeschichte

Lektorat: Sue Bechert
Anthologie »Untertan«, herausgegeben von Reinhard Rakow
2015, Geest-Verlag, Vechta Langförden
978-3866855281

»Hamster«

 

Das Telefon klingelte und Bergmann sah auf das Display. Der Vorstand. Mit dem zweiten Klingeln kam schlagartig das mulmige Gefühl. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest.

»Ins Konferenzzimmer.« Keine unnötigen Floskeln. In sieben Jahren kaum ein persönliches Wort, aber im Jahresgespräch die wiederkehrende Anerkennung, wie zufrieden der Vorstand mit Bergmanns Arbeit sei.

»Gleich«, sagte Bergmann.

»Nicht gleich. Sofort!« Reine Funktionalität, hochdosierter Druck.

»Das meine ich ja.« Bergmann legte auf, schnappte sich das Notizbuch und eilte aus dem Büro. Während er dem Vorstandszimmer näher kam, fragte er sich, was schief gegangen war. 

That's All Right

Ab 1953 versuchte der junge Elvis Presley, einen Schallplattenvertrag bei Sun Records in Memphis/Tennessee zu bekommen. Es gelang ihm, und eine außergewöhnliche Karriere nahm ihren Lauf. Die Geschichte aus der Anfangszeit eines Weltstars ist überaus faszinierend.

Genre: Essay

Lektorat: Annette Königsmann
Beitrag in »50 Years Of Good Rockin'«, Graceland Nr. 157 
Mai/Juni 2004, 26. Jahrgang
2004, Elvis-Presley-Gesellschaft e.V., Bonn

»That's All Right«


»Und welche Schule besuchst du?« DJ Dewey Phillips, dessen Radio­programme wegen der unkonventionellen Musikauswahl große Popularität genießen, fixiert den nervösen jungen Mann, der nicht weiß, dass er auf Sendung ist und Tausende seine Stimme hören können. Im Juli 1954 lastet brütende Hitze auf den Straßen der Heimatstadt des Blues, Memphis, Tennessee. Der Ventilator weht eine kühle Brise über die schweißnasse Stirn des 19-jährigen Teenagers, der an Akne leidet und gerade seine erste Schallplatte aufgenommen hat. Sein Produzent Sam Phillips, Besitzer des kleinen Labels »Sun Records« und nicht verwandt mit Dewey Phillips, hat seinem Namensvetter eine Probepressung zugespielt; über eventuelle Reak­tionen auf ihre Sendung im Radio will er Rückschlüsse auf den Erfolg einer Veröffent­lichung als Single ziehen. Beide, Sam und Dewey sind angetan von der Coverversion des Rhythm ’n’ Blues-Klassikers »That’s All Right«, und die Hörerschaft auch. Seit der Titel über den Äther ging, laufen im Studio die Telefone heiß, und der DJ muss ihn wieder und wieder spielen. Brennend interessiert auch, wer der unbekannte Sänger ist, und Dewey Phillips drängt dessen Eltern, ihren Sprössling möglichst schnell ins Studio zu bringen. Der schlaksige Kerl soll ein Interview geben. Doch als Phillips das Nervenbündel neben sich sitzen sieht, zweifelt er daran, ob der Junge dazu in der Lage ist. Phillips entscheidet sich dafür, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das ohne sein Wissen gesendet wird.

Der Aufschneider

 

Während des Studiums an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg nahm ich für ein Semester an einem Ästhetik- und Kreativworkshop teil. Als Leistungsnachweis sollten alle Teilnehmenden ein Märchen schreiben, es illustrieren und das Ergebnis in Handarbeit zu einem Buch binden. Meine Wahl fiel auf »Das tapfere Schneiderlein«. Zuvor hatte ich Thomas Manns »Josef und seine Brüder« gelesen, was sich erzählerisch und sprachlich niederschlug. Allerdings auf einem nicht sehr hohen Niveau, so dass in einer späteren Bearbeitung zumindest einige Formulierungen geglättet werden mussten.


Genre: Märchen

Geschrieben & korrigiert 1992, 2006, 2014

»Der Aufschneider«

Weißt du noch … Damals … Da lebte in der Geest ein nicht übermäßig groß geratener Mensch, der hieß Schneider mit Namen, weil er eben diesen Beruf sehr fleißig ausübte. Sein Handwerk geriet ihm wohl; er stichelte seine Nähte nahezu unsichtbar und war bekannt für seine feine Nadel. Allerdings hatte man ihn selbst dem Anschein nach im Übermut mit ungeübter Lehrlingshand gefertigt: Der kurze Schneider war ein Großmaul, was in seltsamem Gegensatz zu seiner ziselierten Nadelei stand. Und dann entdeckte er den Helden in sich.

Es war an einem Mittwoch. Unter dem im ersten Stock gelegenen Arbeitszimmer des Schneiders fand der Wochenmarkt statt. Gerade führte er Nadel und Zwirn mit ruhiger Hand durch edle Schnitte, als ihm der Duft von Marmelade und Gelee, von Eingekochtem und Gestampftem durch das Fenster in das leckere Näschen kroch. Entzückt lauschte er dem Ruf der Marktfrau, die ihre Ware anpries, und ihn überkam Appetit.

Also lehnte er sich aus dem Fenster und rief: »Hierher, gute Frau, bringt mir das süße Zeug herauf, damit ich die Arbeit nicht unterbrechen muss.«

Die Marktfrau zeigte ihm einen Vogel. »Schieb dich runter, Kerl, wenn du hungrig bist!«

Unbeeindruckt fasste sich der Schneider in die Hosentasche, klimperte laut mit dem edlen Gedöns und trällerte: »Da ist was Goldiges im Sack.«

Da witterte die feiste Frau ein einträg­liches Geschäft ...