Chrodigildis

Auszug

Ein laues Lüftchen raschelte in den Baumkronen, Vögel zwitscherten und der Wachposten schnarchte. Davon abgesehen war es still. Edo stand auf dem Wall und sah einem Buchfink nach, der seinen Schiss auf der filzigen Haarpracht des schlafenden Kriegers hinterlassen hatte und jetzt aufgeregt über das Dorf hinweg davonstob.

Harun lag verschlafen in der Morgensonne, die schon zu dieser frühen Stunde Schwüle über das Flachland breitete und den Dunst aus Wiesen und Wäldern trieb. Eine mächtige Eiche stand inmitten des Dorfes und überragte mit prächtigem Grün alle Bauten und Wälder. Östlich der Siedlung zog die Eems vorbei, doch der riesige Baum und zwanzig bis dreißig große, gepflegte Häuser, die sich bis nah ans Ufer erstreckten, verdeckten die Sicht auf den Fluss. Edo war beeindruckt. Die Siedlung schien wohlhabender zu sein, als er zunächst gedacht hatte.

Er drehte sich um. Landeinwärts bot der Wall dem Dorf Schutz. Die Sonne warm im Rücken, blickte er über die Palisaden, hinter denen eine feuchte Wiese lag, an die sich ein Wald anschloss.

Zwischen den Bäumen stand eine Leiche. Sie sah gespenstisch aus, weil der Boden dampfte und den Körper in einen leichten Nebel hüllte. Aber es war eindeutig eine Leiche und sie stand zwischen den Bäumen. Edo sah die hässliche Wunde am Hals. Auch das Gesicht wirkte geschunden. Um alles ganz genau betrachten zu können, hätte er das Dorf verlassen und sich dem Toten nähern müssen. Doch im Unterholz des Waldes lagerten die Verfolger und denen wollte er nicht allein begegnen. Immerhin war ziemlich klar, wer die Leiche an den Waldrand gestellt hatte.

Chlothar und sein Heer waren bekannt dafür, dass sie Gefangenen das zweite Rückgrat gaben. Ein langer, starker Holzpfahl wurde mit kräftigen Schlägen vom Gesäß aus durch den Leib bis in den Kopf getrieben. So konnte man die Gefangenen einfach in die Erde pflocken. Vorausgesetzt, der Boden war nicht zu weich und nicht zu hart. Niemand wusste zu sagen, woher Chlothar diese Angewohnheit hatte, denn kein anderer Frankenfürst und erst recht kein Friesenstamm durchbohrte seine Feinde wie Wild am Feuer. Aber man erzählte sich, dass Chlothar mit seinen Mannen weit herumgekommen war, bevor die angelsächsischen Missionare ihm die Sinne verwirrt hatten.

Onno schien fest zu stehen. Allerdings waren Chlothars Schergen beim Pfählen nicht sorgfältig vorgegangen, denn der Spieß war oberhalb des Brustbeins ausgetreten und hatte dann ein Stück weiter oben den Kiefer durchbohrt. Aber auch so saß der Kopf fest auf dem Pfahl und die Wunde am Hals war gut zu sehen.

Edo kratzte sich die Brust und für einen Augenblick dünstete die Tunika den Geruch von Fett, Bier und Blut aus. Onno war sein Halbbruder und jetzt hatte er das zweite Rückgrat. Chlothar war zwar zum christlichen Glauben konvertiert und die Christen sagten, man dürfe nicht töten, dennoch hatte er Onno pfählen lassen. Edo war bewusst, dass er selbst nicht der Hellste war, und vielleicht verstand er etwas falsch, aber irgendwie passte das nicht zusammen. Es sei denn, dass Chlothar sich bei Kriegszügen doch noch lieber auf die Götter verließ, die auch Edo anrief.

Sein Kopf schmerzte. Die vergangene Nacht war furchtbar gewesen. Mehr als zwei oder drei Stunden hatte er nicht geschlafen. Ein Wunder, dass er überhaupt zur Ruhe gekommen war. Er trat dem Wachposten derbe gegen die Schulter. Dieser kippte auf den Rücken, schrak zusammen und sprang auf die Beine, das Sax schon in der Hand. Als er Edo erkannte, zuckte ein Lächeln um seine Lippen.

Edo durfte seine Leute treten, denn er war der Sohn des Friesenfürsten Affo, der zur selben Zeit weiter im Norden auf seinem Gutshof saß und die Rückkehr seiner Söhne Edo und Onno erwartete.

Mit einer knappen Bewegung des Kopfes wies Edo hinüber zu seinem Halbbruder.

Der Wachposten sah die Leiche im Wald stehen und murmelte: »Bei Wotan.«

»Weck die Leute«, befahl Edo.

Die Wache sprang vom Wall und eilte in das große Gästehaus. Edo wusste, dass er zunächst Luebbo wecken würde, den obersten der Krieger. Im Wald regte sich nichts. Waren Chlothar und seine Männer noch dort? Vielleicht hatte ihnen der tote Onno gereicht und sie waren abgezogen. Siedend heiß fiel Edo die Geisel ein und er schalt sich einen Dummkopf. Onno, Luebbo und er hatten Chrodigildis geraubt. Beim Gedanken an sie fing Edos Herz an zu pochen. Chlothar würde niemals ohne seine Tochter heimkehren. Die Verfolger waren ganz sicher noch im Wald und harrten der Dinge, die nun kommen mussten. Edos Blick suchte das Haus, in dem sie Chrodigildis eingesperrt hatten. Auch dort schien es ruhig zu sein.

Doch dann stürmte Luebbo aus dem Gästehaus und rannte zum Wall, gefolgt von einigen seiner Leute. Schwer atmend spähte er über die Palisaden und schwieg. Erst nach wenigen Augenblicken schien er Edo wahrzunehmen und sagte achtlos: »Sei gegrüßt.«

»Ich grüße dich auch«, antwortete Edo und wartete ab.

»Verfluchte Tat.« Luebbo starrte wie gebannt auf Onnos Leiche. Sein üppiger Schnauzbart bewegte sich in kleinen Wellen, und Edo wusste, dass Luebbo auf seiner Unterlippe kaute. »Und duck dich!«

Sofort ging Edo ein wenig in die Knie. Wieder hatte er vergessen, wie groß er war, ein Baum von einem Mann mit Muskeln wie ein Pferd. Sein Oberkörper ragte deutlich über die Palisaden hinaus und gab ein leichtes Ziel für Chlothars Pfeile ab. Er wusste, dass Frauen seine Gestalt und sein klares Gesicht liebten, aber nicht jede kam mit seinem Verstand zurecht, der manchmal zu wünschen übrig ließ. Edo kam sich blöde vor, wie er da so krumm hinter der Palisade stand, und richtete sich wieder auf. Chlothars Schützen würden ihn auf diese Distanz nicht treffen.

Links und rechts von ihnen stiegen immer mehr Männer auf den Wall und blickten zum Wald hinüber. Das blanke Entsetzen und unterdrückte Wut waren ihnen deutlich anzusehen.

Dann schnellte Luebbo herum. »Was ist geschehen?« Als Edo nicht sofort antwortete, verdrehte Luebbo die Augen und fragte: »Wo ist die Wache?«

»Hier«, sagte einer der Männer und schaute betreten zu Boden.

»Also?« Luebbo war gereizt. »Was hast du gesehen?«

»Nichts. Es war dunkel.«


»Du hast geschlafen.«


»Nein«, log die Wache trotzig.


Edo spürte, dass seine Anwesenheit wie so oft keine Rolle spielte und dass der Mann die Unwahrheit sagte, obwohl Edo dabei stand und es besser wusste.


»Die Nacht war sternenklar.«


»Ich habe weder etwas gesehen noch etwas gehört.«


Nach und nach trauten sich auch die Dorfbewohner näher zu kommen, um einen Blick nach draußen zu werfen.


»Verschwindet!«, schrie Luebbo sie an. »Oder ich lasse euch alle einen Kopf kürzer machen.«


Die Haruner Dörfler rotteten sich zusammen und begannen zu tuscheln, zogen sich aber nicht zurück.


»Störrisches Volk«, grummelte Luebbo. »Du und du.« Seine Pranken zeigten auf zwei der Krieger. »Ihr geht da raus und schaut euch um. Und wenn möglich: Holt Onno da weg, ohne euch abstechen zu lassen.«


Da regte sich Edos Widerstand. »Warte.«


Luebbo sah ihn fragend an.


»Onno ist tot. Jetzt folgen die Männer meinem Befehl.«


Luebbo war sichtlich überrascht. 


Sämtliche Krieger richteten ihre Augen auf die beiden Männer.


Edo ergänzte: »Und auch du folgst mir.«


»Dir?« Luebbo schien fassungslos.


Die Krieger wurden unruhig.


Edo schwieg und sah sich unter den Seinen um. Es war nur recht, was er vorbrachte. Lediglich ein kleiner Hinweis, um allen die neue Rangordnung zu verdeutlichen. Er wusste, dass er einen schweren Stand hatte und musste wenigstens dieses eine Mal alles richtig machen.


Edos Mutter hatte seine Geburt nicht überlebt. Affo, sein Vater, war trotzdem über alle Maße stolz auf seinen Erben gewesen. Doch kurze Zeit später brachte Affo eine schöne Fremde heim, die er auf einem Kriegszug in die heißen Länder erbeutet hatte, und zeugte mit ihr Onno. Es stellte sich schnell heraus, dass Onno stark und schlau und einfach der Bessere von beiden Söhnen war. Schon bald sah Affo in Onno seinen Nachfolger und bevorzugte ihn in jeder Hinsicht. Auch die Krieger liebten Onno und behandelten ihn wie den künftigen Fürsten. Edo aber musste sich damit abfinden, dass er seinem Bruder unterlegen war und fortan das Nachsehen hatte.


Doch jetzt stand Onno zwischen den Bäumen und hatte das zweite Rückgrat. Das änderte schlagartig alles, vor allem aber die Rangordnung.


»Ja.« Luebbo atmete tief durch. »Ja, natürlich. Und was schlägst du vor?«


»Wir schicken zwei Haruner raus.«


Die Krieger murmelten zustimmende Worte.


Luebbo gab sich geschlagen. »Gut.« Er nickte seinen Leuten zu.


Drei der Männer gingen auf die Dorfbewohner zu, schnappten sich einen jungen Mann sowie einen buckligen Alten und zerrten sie zum Tor. 


Sofort regte sich Widerstand. Männer und Frauen des Dorfes eilten den friesischen Kriegern hinterher, zerrten an ihren Armen und versuchten, die beiden Haruner zu befreien. 


Luebbo fluchte, sprang vom Wall und preschte mitten in das Handgemenge. »Schluss jetzt!«, schrie er und gab einem der Haruner eine derart gepfefferte Ohrfeige, dass dieser rücklings zu Boden fiel. »Es sei denn, Ihr wollt unsere Franziska im Schädel haben.« Drohend wie ein Gewitter stand er unter den Einheimischen und wirbelte spielerisch die Axt herum.


Die Haruner verstummten. Sie waren unbewaffnet und hatten keine Aussicht auf erfolgreiche Gegenwehr.


Einer der friesischen Krieger zog das hölzerne Tor auf und stieß die beiden Dörfler hinaus. Dort blieben sie stehen und sahen sich hilflos um.


»Vorwärts!« Luebbo war richtig böse und Edo fragte sich, ob das wohl auch an der geänderten Rangordnung lag.


Langsam und in gebückter Haltung schritten die zwei Männer über die Wiese auf den Wald zu. Edo fand den Anblick des gebeugt gehenden Buckligen grotesk. Sein runder Rücken ragte in die Luft wie der fette Wanst eines alten Weibes auf dem Lager. Doch niemand lachte. Stattdessen stellten sich die Haruner hinter das Tor und beobachteten von dort ängstlich das Geschehen. Die friesischen Krieger hingegen starrten gebannt über die Palisade.


»Schneller!«, drängte Luebbo.


In diesem Augenblick sirrte der erste Pfeil durch die Luft und bohrte sich in den Buckel. Der Mann fiel vornüber und rollte zur Seite. Hinter Edo setzte lautes Geschrei ein. Der junge Haruner ließ sich zu Boden fallen und verschwand halbwegs im hohen Gras. Dann begann der Bucklige zu stöhnen und sich zu wälzen. Der Pfeil in seinem Rücken wippte hin und her. Ein zweiter Pfeil verfehlte den Buckel, war aber tödlich. Der Mann zuckte noch einmal und blieb dann still liegen.


Die Dorfbewohner setzten sich aufgebracht in Bewegung, vergaßen offenbar die Besatzer ihres Dorfes und wollten den Ihrigen zur Hilfe eilen. Doch die friesischen Krieger bedrohten sie erneut mit ihren Waffen und geboten ihnen Einhalt.


Da löste sich Heriman, der Dorfälteste, aus der kleinen Menge. »Holt wenigstens den Jungen zurück.«


Die Friesen grinsten und bildeten eine Mauer zwischen den Dörflern und dem Tor.


»Dann wollen wir selbst gehen und unsere Männer holen«, bot Heriman an.


»Auf keinen Fall«, erwiderte Luebbo. »Sonst nutzt Chlothar das Durcheinander und stürmt das Dorf.«


»Wehe Euch, denn Ihr habt einen der Dorfältesten auf dem Gewissen.« Heriman zog ein düsteres Gesicht. »Aber tausendmal wehe Euch, wenn dem Jungen ein Leid geschieht, denn der Junge ist Berohart, mein Sohn.«


»Er kommt zurück!«, rief eine Frau.


Alle Blicke wandten sich der Wiese vor dem Dorf zu. Der Jüngling kroch eng am Boden liegend langsam zum Tor zurück. Der eine oder andere Pfeil schwirrte über Berohart hinweg und sorgte für angsterfülltes Klagen unter den Frauen, aber Edo schien es, als ob Chlothars Mannen sich nur einen Spaß erlaubten.


»Lasst ihn herein«, sagte er. »Onnos Leiche wird er nicht bergen können.«


Als Berohart schließlich innerhalb des Walles angelangt war, schloss einer der Krieger hinter ihm das Tor. Heriman und eine junge Frau hasteten auf ihn zu und richteten ihn auf. Zu dritt suchten sie eilig Schutz in den Reihen der Ihrigen.


Luebbo sah provozierend zu Edo herauf: »Was machen wir nun?«


»Komm mit. Wir beraten uns in deiner Hütte.« Edo wartete keine Reaktion ab, sondern stieg vom Wall und ging durch die Einheimischen hindurch, die ihn hasserfüllt ansahen. Er betrat das Haus, in dem Luebbo letzte Nacht geschlafen hatte. Es roch nach geräuchertem Fisch. Und obwohl Edos Halbbruder gepfählt im Wald stand, knurrte sein Magen. Manchmal hasste er sich für seine Einfalt.


Hinter ihm kam Luebbo herein. Beide setzten sich zu Boden und schwiegen.


Edo hoffte, dass sein Bauch keine allzu lauten Geräusche von sich gab, denn er befürchtete, dass ihm das als Gleichgültigkeit gegenüber dem toten Onno ausgelegt würde. Heimlich sah er sich nach Vorräten um, die womöglich von der Decke hingen, konnte jedoch keine entdecken. Also konzentrierte er sich auf sein Gegenüber.


Luebbo war ein guter Mann. Man sah sein Gesicht mit den hellen, blauen Augen, der prachtvollen Haarmähne und schenkte ihm sogleich Vertrauen. Er war nicht übermäßig groß, aber sehr gewandt, schnell und durchaus kräftig. Affo schätzte seinen klaren Verstand und seine Treue.


Edo wollte das Gespräch auf Onno lenken, musste aber feststellen, dass sein Kopf leer war. Er suchte nach einem Gedanken, den er äußern konnte, doch außer »Fisch« fiel ihm nichts ein.


Schließlich sagte Luebbo sanft: »Du hättest die beiden Haruner nicht da ‘raus schicken dürfen.«


»Ich wollte unsere Männer nicht gefährden.«


»Unsere Männer sind Krieger. Sie sind bewaffnet und haben große, feste Schilde. Sie wissen sich zu schützen. Sie wissen, wie man so etwas macht. Und sie hätten sich rechtzeitig zurückgezogen.«


Edo wusste, dass Luebbo recht hatte, aber er wusste auch, dass sein Befehl die Zustimmung seiner Leute gefunden hatte. Und ihre Zustimmung war genau das, was er jetzt brauchte.


Als hätte er seine Gedanken gelesen, sagte Luebbo: »Mir ist bewusst, dass du die Männer für dich gewinnen willst, aber sei vorsichtig, dass du die Haruner nicht allzu sehr gegen dich aufbringst. Sie sind Sachsen, abergläubisch und versoffen, aber auch aufsässig und kriegerisch und sie werden sich wehren, wenn wir es zu weit treiben.«


»Die Haruner sind Fischer. Sie bauen gute Boote, aber sie sind keine Krieger. Wir haben hier nichts zu befürchten.«


Luebbo seufzte. »Gut, wie du meinst. Aber wir haben immer noch Chlothar im Nacken. Und von ihm droht Gefahr. Vielleicht halten die Dörfler zu ihm.«


»Chlothars Mannen haben den Buckligen getötet. Die Haruner wissen, dass sie zwischen verfeindete Stämme geraten sind. Sie werden still halten.«


»Womöglich haben sich die Dorfbewohner längst auf Chlothars Seite geschlagen. Hast du noch nicht darüber nachgedacht, wer Onno verraten und ausgeliefert hat?«


Edo brach der Schweiß aus. In seinem Kopf begann ein Drunter und Drüber. »Du meinst, es könnte einer aus Harun gewesen sein?«


»Selbstverständlich.«


»Und du willst den Schuldigen finden und vor den Thing bringen.«


»Wie sollten wir das wohl anstellen?«


»Wir befragen unsere Leute und die Dörfler.«


»Die Dörfler werden schweigen.«


Edo wollte entgegnen, dass man die Haruner unter Gewalt befragen könnte. Doch dann wurde ihm bewusst, dass dies wahrscheinlich zu nichts führen würde, außer dass er selbst am Ende bloßgestellt war. Also versagte er sich die Bemerkung und meinte stattdessen: »Der Raubzug hat seinen Sinn verloren. Wir sollten Onnos Leiche bergen und schleunigst heimkehren.«


Luebbo wurde ungeduldig. »Wir können Onnos Leiche nicht bergen. Chlothar wird jeden abstechen, der sich dem Toten nähert. Er lässt es auf einen Kampf ankommen. Er fordert uns heraus.«


»Wir haben seine Tochter. Er kann uns nicht herausfordern, solange Chrodigildis in unserer Gewalt ist.«


Luebbo sah ihn überrascht an. »Da hast du allerdings recht. Wir werden einen Tausch anbieten. Onnos Leiche gegen Chrodigildis.«


Edo machte ein enttäuschtes Gesicht. »Du willst ohne sie heimkehren?«


»Onno wollte sie zum Weib. Er hat ihren Raub durchgesetzt, obwohl Affo dagegen war. Jetzt ist er tot. Es gibt keinen Grund mehr, Chrodigildis bei uns zu behalten.« Luebbo kniff die Augen zusammen. »Oder habe ich etwas Wichtiges übersehen?«


Wieder wurde Edo heiß. Merkte man es ihm an, dass er die junge Frau verehrte? Er räusperte sich und sagte: »Gut, wir bieten Chlothar den Tausch an und kehren heim, um Onno nach alter Sitte zu bestatten. Stellt Chlothar sich quer, bleibt Chrodigildis unsere Geisel und wir kehren ohne Onno heim. Affo wird das verstehen müssen. Nicht jeder Gefallene findet zuhause seine letzte Ruhe.«


»Affo würde das nie verstehen!«, ereiferte sich Luebbo und hob die Stimme. »Er würde verlangen, dass wir um den Leichnam seines Sohnes kämpfen.« Und dann ergänzte er: »Bei aller Demut, die ich Affos verbliebenem Sohn schuldig bin: Mir scheint, dass dir weniger an Onnos Leiche als an Chrodigildis‘ Gegenwart gelegen ist.«


Edo sprang auf und zog sein Sax. »Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen!«


Auch Luebbo erhob sich, ließ das Sax jedoch im Gürtel. »Verzeih, wenn ich mich irre.«

Edo gestand sich ein, dass Luebbo ins Schwarze getroffen hatte, und es hätte ihm auch wenig ausgemacht, es zuzugeben. Aber auf keinen Fall durfte er so mit sich reden lassen. Die vielen Jahre der Demütigung fanden an diesem Tag ein Ende. All die Jahre, in denen sein Vater den Bastard bevorzugt hatte. Die Jahre, in denen ihn jeder spüren lassen durfte, dass er ein Dummkopf war.


»Sieh dich vor, Luebbo! Das Blatt wendet sich. Besser, du erkennst, wer nun dein Herr ist. Wage es nicht, die Hand gegen mich zu erheben. Affo wird dich vierteilen, wenn du ihm die Leichen beider Söhne heimbringst. Sterbe auch ich, wirst du flüchten müssen und auf immer ein Heimatloser sein.« Edo steckte das Sax zurück, klopfte Luebbo auf die Schulter und sagte: »Komm.«


»Warte, Edo. Ich habe Affo die Treue geschworen und bin deshalb seinem Befehl gefolgt, Onno bei diesem unsinnigen Raubzug zu begleiten. Du hast recht, Affo wird wollen, dass ich dich heil nach Hause bringe. Lass uns diesen Raubzug gemeinsam zu einem guten Ende bringen. Und dann soll Affo entscheiden, wie es weitergehen soll.«


Edo gefielen Luebbos Worte und er wiederholte: »Komm.«


Doch Luebbo hielt ihn erneut zurück. »Bitte erweise Onno die Ehrerbietung, die er verdient. Sein Leichnam ist wichtiger als Chrodigildis.«


Edo wurde ungeduldig. »Erzürne mich nicht noch einmal.«


Ungerührt fuhr Luebbo fort: »Und bitte erweise Onno die Ehre, indem du seinen Verräter und Mörder stellst.«