Der Aufschneider

1. Warum die Marktfrau nicht reich wurde

Dirk Röse Der Aufschneider

Weißt du noch … Damals … Da lebte in der Geest ein nicht übermäßig groß geratener Mensch, der hieß Schneider mit Namen, weil er eben diesen Beruf sehr fleißig ausübte. Sein Handwerk geriet ihm wohl; er stichelte seine Nähte nahezu unsichtbar und war bekannt für seine feine Nadel. Allerdings hatte man ihn selbst dem Anschein nach im Übermut mit ungeübter Lehrlingshand gefertigt: Der kurze Schneider war ein Großmaul, was in seltsamem Gegensatz zu seiner ziselierten Nadelei stand. Und dann entdeckte er den Helden in sich.

Es war an einem Mittwoch. Unter dem im ersten Stock gelegenen Arbeitszimmer des Schneiders fand der Wochenmarkt statt. Gerade führte er Nadel und Zwirn mit ruhiger Hand durch edle Schnitte, als ihm der Duft von Marmelade und Gelee, von Eingekochtem und Gestampftem durch das Fenster in das leckere Näschen kroch. Entzückt lauschte er dem Ruf der Marktfrau, die ihre Ware anpries, und ihn überkam Appetit.

Also lehnte er sich aus dem Fenster und rief: »Hierher, gute Frau, bringt mir das süße Zeug herauf, damit ich die Arbeit nicht unterbrechen muss.«

Die Marktfrau zeigte ihm einen Vogel. »Schieb dich runter, Kerl, wenn du hungrig bist!«

Unbeeindruckt fasste sich der Schneider in die Hosentasche, klimperte laut mit dem edlen Gedöns und trällerte: »Da ist was Goldiges im Sack.«

Da witterte die feiste Frau ein einträg­liches Geschäft, raffte gleichwohl genervt eine Auswahl zusammen und stieg schwit­zend zu ihm empor, ihren Stand alleine lassend. Der Schneider aber ließ sich alle Gefäße öffnen und roch sich satt an all den herrlichen Sorten, die sie mühselig angeschleppt hatte. Käuflich erwerben tat er nur ein kleines Tiegelchen Pflaumenmus und wies ihr dann die Tür. Zeternd kletterte die Marktfrau die Treppe wieder hinab und führte in blumigen Worten aus, welches seiner Körperteile sie am liebsten durch das Nadelöhr ziehen wollte.

2. Sieben Fliegen im Mus

Dirk Röse Der Aufschneider

Der Schneider blieb pfeifend zurück. In der vermessenen Annahme, er habe einen nennenswerten Einkauf getätigt, nahm er einen ganzen Laib knuspriges Brot und zerteilte es in eine obere und eine untere Hälfte, denn – Obacht! – für einen prall gefüllten Tiegel Pflaumenmus bedurfte es großer Brotscheiben, die wiederum dem riesigen Hunger entsprachen, den sich der Schneider einbildete und der sehr gut zu den anderen großen Flausen in seinem Kopf passte.

Tatsächlich aber langte das Pflaumenmus gerade eben, um die eine Hälfte zur Hälfte zu bestreichen, und selbst hier stand zu befürchten, dass die deftige Teigware dem angenehmen Aroma des knapp bemessenen Muses den Garaus machen würde. Der Schneider schien etwas zu ahnen, denn er legte das Musbrot beiseite und nahm die Arbeit wieder auf, wollte sie nun doch lieber erst beenden. Mit scheelen Seitenblicken seine Mahlzeit beäugend, verließ ihn die Lust auf diese und er wurde brummig.

Zu seinem Glück teilte eine Reihe von Fliegen seine Meinung zu dem Musbrote nicht, sondern kam zügig dahergeflogen, um sich diese unverhoffte Mahlzeit aus nächster Nähe zu betrachten. Glück war es insofern, als dass der Schneider seinen Unmut nun an dem Geschmeiß auslassen konnte, was er auch tat. Doch war er darin etwas voreilig, denn ohne die Folgen be­dacht zu haben, schlug er mit seiner noch nicht vollendeten Handarbeit kräftig und schnell nach dem Brote, traf aber zuoberst das gute Mus und, darin gemächlich schmausend, sieben Fliegen.

Verdutzt seinen klebrigen, schon nach einem Jäckchen aussehenden Stoff betrachtend, gewahrte er in dem ihm anhaftenden Mus ebenso anhaftende tote Fliegen – sieben an der Zahl, wie schon erwähnt.

Man sollte meinen, dem Schneider bliebe hier nichts anderes übrig, als über den Unfug den Kopf zu schütteln. Aber da kannte man ihn schlecht – so viel Selbsterkenntnis lag nicht in seiner Natur. Er sah nur sieben Fliegen regungslos im Musjäckchen kleben und begann sich zu plustern.

3. Gürtel, Käse und Vogel

Dirk Röse Der Aufschneider

Ein jeder, der dies liest, hat längst erkannt, dass der Schneider sich ungeheuer belügen musste, wollte er das Eingeständnis umgehen, dass er ein Windei war, sei’s auch ein begabtes Windei.

Die Frechheit, eine unschuldige Markt­frau zu piesacken, überdeckte er mit der Einbildung, sehr zu ihren Gunsten viel vom Eingestampften erworben zu haben, eine Dummheit, die wiederum nach einer üppigen Mahlzeit verlangte – viel Mus, viel Brot –, zu der er sich einen ent­sprechenden Hunger einbildete, aber nicht wirklich verspürte – zumal die Stulle schlecht belegt war, wovor er, sich in Arbeit flüchtend, die Augen verschloss – vor allem die inneren, weshalb es an jenem Tage schließlich dazu kam, dass er mit dem teuren Jäckchen, das so kurz vor der Vollendung stand, dem Brot eins auswischte.

Genau zu diesem Zeitpunkt rumorte sein geistiger Wurmfortsatz und er musste eine gewaltige Anstrengung unternehmen, um der intellektuellen Perforation in letzter Sekunde von der Schippe zu springen. Nur darum sah er die sieben Fliegen, mit einem Streich erlegt, als Heldentat an – was blieb ihm anderes übrig? Allerdings war ihm unterschwellig klar, dass er von daheim baldigst fliehen musste, denn hier in seinem Hause würde er diese maßlose Übertreibung und Verdrehung der Tatsachen nicht lange durchhalten können.

Umso sinniger der Beschluss, wenn man bedenkt, dass sich auf der musigen Brothälfte exakt dreiundfünfzig Fliegen niedergelassen hatten. Von diesen hatte der Schneider sieben erwischt, während die übrigen sechsundvierzig nach allen Seiten flohen.

Sieben von dreiundfünfzig mit einem Schlag – wahrlich eine Heldentat!

»Sieben mit einem Schlag« war denn auch der Schlachtruf, den er sich flugs und in großen Stichen, was gar nicht zu ihm passen wollte, in seinen Gürtel stickte. Dann machte er, dass er verschwand, packte auf die Schnelle einen müffeligen Käse und die saubere Hälfte Brot in seinen Säckel und nahm die Beine unter den Arm. Wie er so nach draußen über die Schwelle sprang, schiss ihm ein Vögelchen auf den linken Schuh. Er bekam es zu packen, als es sich flüchtend im Gestrüpp verfing, und steckte es zu dem Käse, um später in Ruhe mit ihm abzurechnen.

4. Das Säckel

Dirk Röse Der Aufschneider

Was Erdenbürgern wie dem Schneider im Weiteren half, war, dass es Menschen gab, die noch blöder waren als er. Ein geistverminderter Menschen­schlag waren die Riesen, weshalb sie auch bald ausstarben; und wir kommen nun an die Reihe zu berichten, wie der Schneider dazu beitrug.

Zunächst begegnete er nur einem von beiden und zwar auf dem Wege in die Marsch, deren Herrscher ein gewaltiger Kriegsherr sein sollte. Der Riese sonnte sich in der strahlenden Mittagshitze, wie es auch die Eidechsen tun. Der Schneider, den Koloss erblickend, stieg gleich den Hang, an dessen Gefälle jener lag, hinan, schlug den Mantel provozierend zurück, um freien Blick auf den Prahlgürtel zu gewähren, und rief: »Kuckuck!«

Der Kuckuck schrak auf Normalgröße zusammen, blinzelte und drehte den Kopf aus der stechenden Sonne, wobei sein Blick auf den Schneider fiel. Dieser blähte das Bäuchlein, um welches sich der Heldengürtel wand, hielt es dem Riesen vor die Nase und hatte Glück: Dieser konnte lesen.

Übermut tut bekanntlich selten gut. Dies war einer der seltenen Fälle. Der Riese zeigte sich beeindruckt, weil »Sieben mit einem Schlag« annähernd seiner eigenen Durchschnittsleistung entsprach, konnte es aber nur schwer glauben: »Du hast sieben auf einmal erlegt?«

»Wohl wahr!«, näselte der Schneider und stellte sich auf die Zehenspitzen, während er die Daumen hinter die Hosenträger klemmte.

»Wohlan«, sprach der Riese, erhob sich schwerfällig, dabei einen hand­großen Stein erfassend und diesen eine ordentliche Flugbahn in die Gegend werfend. »Mach’ das nach!«

Der Schneider sah einen Moment lang ratlos aus, griff dann hastig in sein Säckel, nahm das Vögelchen, warf es in die Luft und sprach: »Dein Stein kam zur Erde zu­rück, meiner aber nicht – mach’ das nach!«

Doch soweit war der Riese nicht. Der rätselte nämlich noch, warum der Sieben­schläger ausgerechnet in seinem Säckel nach einem Stein gesucht hatte. Während er sich so wunderte, konnte er gerade noch einen Blick auf den Piepmatz werfen und hielt dessen Flügelschlag für das Schwirren des Steines um die eigene Achse.

Irgendwie schien ihm die Angelegenheit allerdings verdächtig. Eine zweite Probe sollte darum unmittelbar vor seinen Augen stattfinden: Er nahm einen weiteren Stein auf, drückte ihn mit aller Kraft seiner rechten Hand und hervor traten drei Tropfen Wasser. Zufrieden war der Riese, beeindruckt wieder der Schneider, der sogleich des Käses gedachte, ihn aus dem Säckel nahm und kurzerhand zerquetschte, so dass auch hier Wasser hervortroff. Der Riese, dem das wieder zu fix gegangen war, schaute erst den Schneider und dann das Säckel misstrauisch an, nahm letzteres, sah hinein und fand ein halbiertes Brot, das nach Vogelmist und faulem Käse roch.

5. Getragen und geworfen

Dirk Röse Der Aufschneider

Angewidert warf der Riese das gammelige Brot samt dem Säckel hinter sich, stemmte die Hände zu einer Drohgebärde in die Seite und versuchte sich Klarheit über den vor ihm stehenden Schneider zu verschaffen. Seinerseits konnte der Schneider eine Triumphgebärde nur mühsam durchhalten, denn der Riese war doch recht groß und beängstigend.

»Was soll’s«, sprach der Riese resigniert, »komm du mit mir heim und sei mein ebenbürtiger Gast.«

»Gerne!«, sagte der Schneider angesichts des akuten Mangels an Heim und Mahlzeit.

»Wir könnten etwas Brennholz mitnehmen«, sinnierte der Riese und riss einen Baum aus.

»Abgemacht«, stimmte der Schneider zu, »nimm du den Stamm, ich selbst werde das schwere Geäst tragen.«

Ein weiteres Mal beeindruckt tat der Riese, wie ihn der Schneider geheißen hatte, nahm den Stamm und mühte sich, diesen schulternd, mit ihm ab, wähnend, der Schneider trüge das schwere Geäst. Der aber setzte sich gemütlich zwischen die Zweige, so dass der Riese in Wirk­lichkeit den ganzen Baum trug und alsbald ermüdete.

»Ich muss absetzen, Totschläger!«, rief er, und der Baum knallte zu Boden.

Der Schneider machte eine Rolle vorwärts, kam rechtzeitig auf die Füße und stand frisch und vorwurfsvoll vor dem Riesen, der sich blöde vorkam, was er ja auch war.

»Du machst schon schlapp?«, spottete der Schneider.

»Ich brauche eine Stärkung.«

Es stand dort ein Kirschbaum, dessen Spitzen bereits reife Früchte trugen. Der Riese bog die Krone zu Boden und sagte zum Schneider: »Halt das mal, während ich pflücke«, was der Schneider schon gar nicht mehr hörte. Er hatte gedankenlos die Krone des Baumes ergriffen, sie aber natürlich nicht halten können, und schnellte mit ihr in die Höhe.

Netterweise fing ihn der Riese auf: »Nanu, du kannst nicht einmal die Baumkrone halten?«, fragte der Große grinsend.

Noch nicht ganz fertig mit den Höhen und Tiefen in seinem Leben krächzte der Schneider: »Doch doch, aber ich sprang vor Schreck über den Baum, weil unten wohl die Jäger schossen.«

Der Riese sah an sich herab, stellte den Schneider beiseite und wunderte sich über die Dummheit des Siebenschlägers. »Das sind doch nur Blähungen.«

»Spring du doch mal so hoch«, sagte der Schneider einladend und unterdrückte ein Würgen.
Ersparen wir uns aber die Beschreibung der nun folgenden Riesenszene und vermerken wahrheitsgemäß, dass es der Kirschpflücker nicht vermochte.

6. Von Gelächter, Erschlagen und Verwundern

Dirk Röse Der Aufschneider

Auf die weiter oben beschriebene Weise kamen schließlich ein erschöpfter Riese, ein fideler Schneider sowie ein sterbender Baum im Gehäuse des Hochgeschossenen und seines Gesellen an.

Beide luden den Schneider zum Essen ein und wiesen ihm später auch ein Riesenbett an, als man sich zum Schlafen anschickte. Der Schneider stieg hinein, hatte sich aber bald selbst darin verloren und zog es darum vor, in einer warmen Ecke nahe beim Feuer zu nächtigen. 

Das war sein Glück, denn der gefoppte Riese hatte seinem Freund alles erzählt, was geschehen war, und dafür viel Gelächter geerntet. Darüber erbost, suchte er den Schneider loszuwerden. Hierbei bevorzugte er die Methode »Einen mit einem Schlag«, und so geschah es auch. Als der Kollege und der Schneider ganz sicher eingeschlafen waren, schnappte sich der Henker einen beachtlichen Kirschbaumast ohne Kirschen und führte einen gewaltigen und gewalttätigen Schlag gegen das Bett, in dem vermeintlich der Schneider lag, so dass dieses zerbarst. Der andere Riese erwachte halbwegs und verlangte zu wissen, was geschehen sei.

»Ich habe den Helden erschlagen«, sprach der erste.

Woraufhin der zweite ein »Soso« nuschelte und weiterschlief.

Am nächsten Morgen war’s bereits vergeben und vergessen und die zwei Freunde gingen, sich ein Frühstück zu besorgen.

Währenddessen erwachte der Schnei­der aus tiefem Schlaf und wunderte sich über die nicht anwesenden Riesen und das kaputte Bett. Er zuckte aber bald die Achseln und zog seines Weges, froh, dass er um ein Dankeswort an die Riesen herumgekommen war.

Und wie er so daher ging, fiel sein Blick plötzlich doch noch auf die zwei Großen und der beiden Großen Blicke fielen auf den Kleinen. Da erfasste sie ein Riesenschrecken, denn wer konnte noch an der Macht des Schneiders zweifeln, da er einem solchen Mordanschlag unbe­schadet entronnen war!

Und sie stürzten hechelnd davon.

Verwirrt sah der Schneider ihnen nach und verstand ihren Hasenfuß nicht. Dann aber hielt er es sich und seiner schrecklichen Tat »Sieben mit einem Schlag« zugute und schritt gewaltig seines Weges.

7. Angeworben und verworfen

Dirk Röse Der Aufschneider

Ein paar Tage später nahte der Schneider der Marsch. Bevor er jedoch triumphalen Einzug halten wollte, beschloss er ein paar Stunden zu schlafen, um zu Kräften zu kommen. Dachte es und legte sich ins weiche Gras und war alsbald in süße Träume versunken.

Just in diesem Augenblick ruckelte eine Kutsche über das Kopfsteinpflaster, und die Insassen bemerkten die Person im Grase. Der Kutscher wurde angehalten anzuhalten und nachzusehen. Er ging und kam mit großen, ehrfurchtsvollen Augen zurück. Ein Ritter oder berühmter Feldherr müsse es sein, der dort liege, sagte er, denn sein Wappen besage, er habe »Sieben mit einem Schlag« erschlagen. Tief beeindruckt fuhr man eilends zum Marschener König.

Dieser genoss in jenen Tagen den Landesfrieden, und als man ihm von dem gewaltigen Krieger sagte, befand er, es wäre doch angenehm, mit diesem den Frieden zu teilen und ihn in kriegerischen Tagen auf der rechten Seite zu wissen. Die Angelegenheit sollte sogleich geklärt werden und man sandte einen Boten auf das Feld zum »Ritter von der flinken Nadel«. Selbstverständlich ließ der Laufbursche den großwürdigen Schlächter erst bis zur Neige ruhen. 

Bei dessen spätem Erwachen jedoch erbot ihm der Bote den Friedensgruß und einen Becher Wein und außerdem die Werbung des Marschener Königs um des werten Unbekannten Kriegsdienste im ansässigen Heer und Friedens­dienste im hiesigen Schlosse. Dieser erklärte gähnend, dass er just deshalb gekommen und somit natürlich bereit sei, ihm ins Schloss zu folgen. Der Bote lud den Schneider ein, in eine königliche Karosse zu steigen, was der Held für einen angemessenen Anfang einer für ihn vorteilhaften Beziehung hielt.

Ebenso angemessen war der Empfang im Schloss, an dem auch der gesamte Paderborner Generalstab teilnahm, und sowohl der Herrscher des Landes als auch der Schneider fühlten sich sehr geehrt. Der König, vermutlich auch schlicht von Gemüt, bemerkte zwar das prahlerische Gehabe des Recken aus noch nicht benannten deutschen Landen, dachte aber, dies als Zeichen seiner militärischen Größe werten zu dürfen.

Der Generalstab beurteilte diese Ent­wicklung anders. Der überstürzte Ent­schluss seiner Majestät, einen weiteren Feldherrn in ihre Reihe zu stellen, erfüllte sie mit Groll, und das umso mehr, weil der König das großspurige Benehmen der kleinen Person völlig zu akzeptieren schien – wohingegen er sich den Gene­ralstab immer schön unterwürfig hielt. 

Etwas spöttelnd tuschelten die Generäle, der König nähme den kleinen Ritter nur deshalb so ernst, weil Seine Majestät ebenfalls recht geringer Körpergröße war und in dem Winzling seine eigene Größe bestätigt sah: Größe nicht an Größe sondern an Geist, Wichtigkeit und Bewunderungs­würdigkeit.

Als daher der König mit seiner Neueinstellung und dem Generalstab und allen anderen Gästen zum üppigen Bankett schreiten wollte, lehnten seine Offiziere dankend ab – sie hätten beschlossen, in sich zu gehen und in einer nahebei liegenden Einsiedelei fromme Einkehrtage zu halten. Der König konnte diese ungewöhnliche Entscheidung nun gar nicht verstehen, bemerkte dann aber die zurückgeworfenen Köpfe und geschürzten Lippen seiner Offiziere, sah die beleidigten Blicke und bekam eine Ahnung davon, dass er sie womöglich vor den Kopf gestoßen hatte, als er den unbekannten Helden so strahlend aufnahm.

Sogleich sah er diesen mit viel nüchterneren Augen und verfiel, angesichts seiner abziehenden Generäle, ins andere Extrem: Er wollte den Siebenschläger lieber gleich wieder loswerden, damit er seine Offiziere nicht auf immer verlöre. Ja, eines solch wetterwendischen Geistes war dieser König! Wie aber nun einem Berserker wie diesem elegant den Laufpass geben? Es brauchte Zeit nachzudenken, also schritt man erst zum Mahle. Während alle schmausten und der tapfere Schneider es sich, trotz des Zwischenfalls, gut gehen ließ und die bewundernden, ehrfürchtigen Blicke des Hofstaates genoss, bedachte der gehetzte König alle möglichen Wege, den Schneider loszuwerden, die aber allesamt daran scheiterten, dass sich der König vor der Wut und den Anschlägen des Recken fürchtete.

Plötzlich aber sah er seine hübsche Tochter die Freitreppe herabwandeln und ihm kam der rettende Gedanke. Aller Augen wandten sich ihr zu und der Schneider rief überrascht: »Hei, du sumsiges Bienchen!«

Der König eilte seinem Kinde ent­gegen und verkündete sogleich lauthals, er wolle sie dem neuen Helden zur Frau geben, was der Schneider für angemessen hielt, das einfältige Volk klatschend be­grüßte, der König als hinterlistig empfand und die Tochter zum alsbaldigen Rückzug bewog, was jedermann als jungfräulich-verschämte Reaktion ansah. 

8. Zwei dumme Riesen

Dirk Röse Der Aufschneider

Doch der König war noch nicht zu Ende mit seiner Rede. Er fuhr fort, dass die Hochzeit schon bald gefeiert werden könne, doch sei er der Meinung, der Reiz eines solchen Festes würde sehr erhöht, wenn der Gatte, der ja ein gewaltiger Recke sei, eine entsprechende Hochzeitsheldentat vollbringe. Er habe dabei an die zwei lästigen Riesen gedacht, die des Öfteren in der Umgegend ein Unwesen trieben, und der Held solle sie doch umbringen. Entsetzensrufe wurden laut und der Schneider wurde gewahr, dass da etwas im Busche sei, winkte aber lässig ab und stellte sich dem Manneswerk.

Gleich am folgenden Morgen ritt der Streitbare los, begleitet von hundert widerwilligen Soldaten, die um ihr Leben bangten.

Währenddessen eilte der König zu seiner Tochter, um sie zu trösten, denn – wie sie schniefend eingestand – wolle sie zwar gerne einen Helden zum Manne, aber lieber keinen kleinen, was der König stillschweigend schluckte. Auf­munternd entgegnete er, dieser Held würde niemals ihr Mann, weil er den zwei Riesen sicher unterlegen sei und von dieser Reise nicht zurückkehren würde. Er selbst wolle den Helden ja loswerden. Und so ward die Tochter beruhigt.

Derweil war der Schneider mit seinen Soldaten vor dem gefürchteten Riesenwald angelangt. Zur Erleichterung seiner Begleiter wollte der Schneider alleine in den Wald gehen, hieß seine Soldaten warten und verschwand alsbald.

Unter den Soldaten wurde die Meinung laut, man könne ja unter diesen Umständen besser gleich wieder abziehen, was aber ihr Unteroffizier etwas pietätlos fand. Stattdessen solle man ihm, dem Recken, wenigstens eine gewisse Gnadenfrist gewähren. Und so warteten sie – zwar nicht mehr auf den Helden, aber auf den Abzug.

Der Schneider kam unterdessen zügig im Wald voran. Sehr bald hörte er ein ungewöhnliches Wehen, das durch den Wald zog, und erkannte dies als das Schnarchen schlafender Riesen. So hatte er sie im Nu gefunden, und siehe da! Es waren seine beiden alten Bekannten, die er vor kurzem noch so hastig hatte weglaufen sehen. Sie lagen auf einer Waldeslichtung und schliefen in der Mittagssonne.

Der Plan des Schneiders war schnell gefasst: Er sammelte einen Schwung kleiner und größerer Steine und krabbelte alsdann einen Baum hinauf, zu dessen Füßen die zwei Riesen gerade ihre Köpfe gebettet hatten. Tja, der Schneider frönte nun der diebischen Freude, dem ersten Riesen nach und nach die kleinsten Steine auf den Bauch zu werfen.

Erst merkte dieser gar nichts, dann kratzte er sich, ruckelte etwas auf dem Boden hin und her und wurde schließlich wach: »He, du dummer Geselle«, muffte er seinen Nachbarn an, »was zwickst du mich?«

»Du träumst!«, erwiderte dieser ohne zu erwachen.

Der erste Riese hielt das nicht für ausgeschlossen und schlief beruhigt wieder ein. 

Der Schneider lachte sich ins Fäust­chen und warf nun etwas größere Steine auf den zweiten Riesen, der schnell er­wachte, als einer seinen Dickkopf traf: 

»Mensch, was schlägst du mich, Stier­nacken?«, rief er.

Aber der andere murmelte nur: »Ich träume.«

»Ach so«, dachte der zweite Riese und fühlte nach einer Beule, er träumt schlecht und schlägt um sich. Er drehte sich seufzend um und war baldigst eingeschlummert.

Jetzt aber legte das Schneiderlein richtig los und das Herzelein pochte ihm vor Freude. Zack, zack, zack, warf es die größten Steine gut verteilt auf beide Riesen, die wie von einer Wespe gestochen auffuhren, sich kurz und grimmig ansahen und einander dann ohne weitere Erklärung schlugen, boxten und traten, immer noch der Ansicht, der andere wolle ihn böswillig ärgern. Beide steigerten sich in ihrer Wut und wälzten sich am Boden, eng umschlungen einander würgend. Schließlich trennten sie sich, aber nur um in Windeseile Bäume auszureißen und sich gegenseitig an die Schädel zu werfen. Mit einer großen Kraftanstrengung warfen sie sich zuletzt zwei alte deutsche Eichen an die Bumsbirnen und verschieden.

Erleichtert atmete der Schneider auf, denn sein Baum war glücklicherweise stehen geblieben. Immerhin hatte er sehr pfiffig seinen Auftrag erledigt und konnte nun in Gemütsruhe seine Soldaten holen und sich auf das sumsige Töchterlein freuen.

Die Soldaten hatten den Tumult im Wald gehört und dachten, es sei nun zu Ende mit dem Helden und an der Zeit heimzukehren. Da kann man sich ausmalen, wie sie erschraken, als der Totgeglaubte fröhlich vor ihnen erschien und sie Bewunderung heischend ansah.

Er sprach: »Sie haben sich heftigst gewehrt und wir haben den halben Wald im Kampfe gerodet, aber zuletzt waren sie mir doch unterlegen.«


Ungläubig eilten die Soldaten zum Ort des Geschehens, sahen dort aber, dass sich alles so verhielt, wie der Schneider gesagt hatte. Voller Verehrung jubelten sie dem Helden zu und zogen triumphierend zum Schloss zurück.

9. Das gehörnte Einhorn

Dirk Röse Der Aufschneider

Der König der Marsch hörte seine Untertanen jubeln und sah seine Tochter erbleichen und wusste es ungesehen: Der Siebenschläger war zurückgekehrt ...

Not macht erfinderisch, und so eilte er, höflich lachend, seinem lästigen, aber erfolgreichen Schwiegersohn in spe entgegen und jauchzte: »Welch eine Tat! Welch eine Heldentat!« Er umarmte den Helden und sprach dann für alle Welt hörbar: »So können wir nun Hochzeit feiern! Das Brautgeschenk sei ein halbes Königreich! Du aber, edler Ritter, vernimm den sehnlichen Wunsch meiner Tochter, dass du ihr zur Hochzeit ein lebendiges Einhorn fingest!«

»Ein Einhorn, ein Einhorn!« jubelte das Volk ob der neuen gefährlichen Heldentat und die Tochter lehnte erleichtert das Riechsalz ab.

»Wohlan!«, sprach der Schneider, machte auf dem Absatz kehrt und ver­schwand. Diesmal dauerte es ein paar Tage, doch schließlich fand der »Sieben mit einem Schlag« die Spur des sagenhaften Tieres und stellte ihm nach.

Das Einhorn aber war gewitzter als der Schneider und stellte bald diesem nach …

Plötzlich, mitten im Sagenwald, sah er das Fabeltier auf sich zu stürzen, den Kopf gesenkt, auf dass das Horn den gejagten Jagenden aufspieße. Der arme Schneider stand starr da und wich erst im allerletzten Augenblick zur Seite; das Ein­horn galoppierte an ihm vorbei, verstieß das mächtige Horn in einem Baum und blieb darin stecken. Aufatmend fesselte der Schneider das Tier, hieb den Baum ab, so dass das Horn freikam und brachte das wundersame Geschöpf vor den König.

10. Der Festbraten im Gotteshaus

Dirk Röse Der Aufschneider

Dem Paderborner König glitschte mittlerweile die schwitzige Krone vom Kopf. Sollte er seine Tochter und ein halbes Königreich wirklich an einen solchen Gewaltmenschen verlieren? Während seine Tochter die Riechflasche zückte, fasste sich der König, der unter dergestaltigem Druck zu wahrer geistiger Größe erwuchs. Der Erhabene sprach also: »Wie du siehst, Helden­mutiger, haben wir mit den Festvorbereitungen längst begonnen«, wonach sich der Schneider sogleich vergeblich umsah, »und benötigen deine starke Hilfe, denn uns fehlt ein gescheiter Festbraten. Da ist nun seit geraumer Zeit ein mächtiger Keiler, der unsere Felder verwüstet. Der wäre uns gerade recht.«

Der Schneider hatte schon verstanden und verließ einmal mehr die Burgumfriedungen.

Erleichtert sah ihm der einfallsreiche König nach und sein Glück war, dass ihn niemand fragte, weshalb er auf das Scheitern des Gewaltmenschen hoffe, der doch schon Riesen und Einhorn nachweislich besiegt hatte. Die Antwort hätte den König betrübt.

Der Schneider ließ sich von einem Bauern die zerwühlten Felder zeigen und fragte bei der Gelegenheit nach einem seltsamen Hause, das in der Nähe stand. Es sei, so der Bauer, die Einsiedelei, in der die königlichen Generäle zurzeit besinnliche Tage unter Aufsicht Seiner Hochwürden hielten. »Da schau her«, sagte der Schneider, schickte den Bauern weg, schüttete einen Sack Kartoffeln aus und wartete.

Tatsächlich: Bald kam das männliche Wildschwein angetrottet und gedachte sich die Kartoffeln einzuverleiben. Der Schneider jedoch, witzig, streckte dem Prachtkeiler die Zunge heraus und floh zur Kapelle. Das Schwein, wütend, hinter­her. Der Schneider platzte in die Abend­messe der besinnlichen Generäle, grüßte eilig und sprang aus einem Fenster wieder heraus, just in dem Augenblick, als der erboste Keiler ebenfalls das Gotteshaus der Einsiedelei erreichte und sich darin umsah. Da schon war der Schneider drau­ßen zum Portal gerannt und schlug dieses wie auch die wenigen Fenster feste zu. 

So waren Keiler, Hochwürden und die neidischen Generäle gefangen. Hei! Das war ein Tanz um die Bänke und den Altar, solange sie noch ganz waren und die Frommen laufen konnten!


Der witzige Schneider ging zum verzweifelnden König und ließ den Jäger kommen, der den Keiler in der Kirche durch eines der Fenster erschoss, womit der Festbraten vorlag und die Hochzeit eingeläutet wurde.

Die Generäle und Hochwürden verlängerten nach dieser Anfechtung die Einkehrtage und aßen nie wieder Fleisch. Der Schneider stiftete später eine neue Kapelle.

11. Ehe

Dirk Röse Der Aufschneider

So war aus dem Großmaul Schneider ein Held und König über ein ganzes halbes Königreich geworden. Zudem hatte er die sumsige Königstochter zur Frau bekommen und schlief allnächtlich selig neben ihr und so weiter, während sie unbeweglich auf dem Rücken lag und ihrer verlorenen Jugend nachtrauerte. 

Eines Nachts aber geschah folgendes: Als die Tochter so vor sich hin wimmerte, begann der Schneiderkönig im Schlafe zu reden.

Er sagte: »Madame, nur zu gern häkel ich Euch ein Wams und flick Euch das Mieder, oder haut mir die Elle um die Ohren.«

Die Königstochter verstand die Worte allzu gut und erkannte zu ihrem ge­steigerten Leidwesen, dass der heutige König und ehemalige Held einstmalen ein Schneider gewesen war, was ihr Weinfass zum Überlaufen brachte, so dass die Tränen nur so kullerten.

Sie berichtete dies am folgenden Tage dem König, der jetzt auch einsah, mit diesem Menschen müsse kurzer Prozess gemacht werden. Er befahl der Tochter, in der Nacht die Tür zur Ehekammer offen zu lassen – er würde Soldaten zum Meuchelmord schicken. Da waren beide zufrieden.

Ein herzensguter Knecht aus dem gemeinen Volk aber hatte alles mit angehört und verstand nichts von den dramatischen Hintergründen, sondern entsetzte sich über die Mordpläne gegen seinen Herrn. Diesem erzählte der Knecht von dem nächtlichen Anschlag. Der Schneider dankte großmütig und in klingender Münze.

Als nun Schneider und Weib im Bette lagen, hörte er die Soldaten nahen. Er tat so, als würde er wieder im Schlafe reden und sprach: »Madame, rutscht mir vom Wams und reicht mir die Hosen, oder ich will Euch ganz schnelle über das Rohre tragen. Ich habe Siebene mit einem Schlag geplättet, zwei Riesen zermatscht, das Einhorn entführt und ein Wildschwein geheiligt und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer spannen!«

Als das die Königstochter und die Soldaten hörten, erschraken sie fürchter­lich und dachten, der Schneider müsse sogar hellsehen können. Die Soldaten flohen – und der Schneider war von Stund an sicher. Der Königvater starb an dem Schrecken und der Schneider übernahm die Alleinherrschaft in der Marsch. An ihm wurde das Wort geprägt: »Obacht, Zwerg am Werk!«

Die Königstochter lebte weiterhin an des Schneiders Seite und wenn sie nicht gestorben ist, so leidet sie noch heute.