Der Aufschneider

1. Warum die Marktfrau nicht reich wurde

Dirk Röse Der Aufschneider

Weißt du noch … Damals … Da lebte in der Geest ein nicht übermäßig groß geratener Mensch, der hieß Schneider mit Namen, weil er eben diesen Beruf sehr fleißig ausübte. Sein Handwerk geriet ihm wohl; er stichelte seine Nähte nahezu unsichtbar und war bekannt für seine feine Nadel. Allerdings hatte man ihn selbst dem Anschein nach im Übermut mit ungeübter Lehrlingshand gefertigt: Der kurze Schneider war ein Großmaul, was in seltsamem Gegensatz zu seiner ziselierten Nadelei stand. Und dann entdeckte er den Helden in sich.

Es war an einem Mittwoch. Unter dem im ersten Stock gelegenen Arbeitszimmer des Schneiders fand der Wochenmarkt statt. Gerade führte er Nadel und Zwirn mit ruhiger Hand durch edle Schnitte, als ihm der Duft von Marmelade und Gelee, von Eingekochtem und Gestampftem durch das Fenster in das leckere Näschen kroch. Entzückt lauschte er dem Ruf der Marktfrau, die ihre Ware anpries, und ihn überkam Appetit.

Also lehnte er sich aus dem Fenster und rief: »Hierher, gute Frau, bringt mir das süße Zeug herauf, damit ich die Arbeit nicht unterbrechen muss.«

Die Marktfrau zeigte ihm einen Vogel. »Schieb dich runter, Kerl, wenn du hungrig bist!«

Unbeeindruckt fasste sich der Schneider in die Hosentasche, klimperte laut mit dem edlen Gedöns und trällerte: »Da ist was Goldiges im Sack.«

Da witterte die feiste Frau ein einträg­liches Geschäft, raffte gleichwohl genervt eine Auswahl zusammen und stieg schwit­zend zu ihm empor, ihren Stand alleine lassend. Der Schneider aber ließ sich alle Gefäße öffnen und roch sich satt an all den herrlichen Sorten, die sie mühselig angeschleppt hatte. Käuflich erwerben tat er nur ein kleines Tiegelchen Pflaumenmus und wies ihr dann die Tür. Zeternd kletterte die Marktfrau die Treppe wieder hinab und führte in blumigen Worten aus, welches seiner Körperteile sie am liebsten durch das Nadelöhr ziehen wollte.

2. Sieben Fliegen im Mus

Dirk Röse Der Aufschneider

Der Schneider blieb pfeifend zurück. In der vermessenen Annahme, er habe einen nennenswerten Einkauf getätigt, nahm er einen ganzen Laib knuspriges Brot und zerteilte es in eine obere und eine untere Hälfte, denn – Obacht! – für einen prall gefüllten Tiegel Pflaumenmus bedurfte es großer Brotscheiben, die wiederum dem riesigen Hunger entsprachen, den sich der Schneider einbildete und der sehr gut zu den anderen großen Flausen in seinem Kopf passte.

Tatsächlich aber langte das Pflaumenmus gerade eben, um die eine Hälfte zur Hälfte zu bestreichen, und selbst hier stand zu befürchten, dass die deftige Teigware dem angenehmen Aroma des knapp bemessenen Muses den Garaus machen würde. Der Schneider schien etwas zu ahnen, denn er legte das Musbrot beiseite und nahm die Arbeit wieder auf, wollte sie nun doch lieber erst beenden. Mit scheelen Seitenblicken seine Mahlzeit beäugend, verließ ihn die Lust auf diese und er wurde brummig.

Zu seinem Glück teilte eine Reihe von Fliegen seine Meinung zu dem Musbrote nicht, sondern kam zügig dahergeflogen, um sich diese unverhoffte Mahlzeit aus nächster Nähe zu betrachten. Glück war es insofern, als dass der Schneider seinen Unmut nun an dem Geschmeiß auslassen konnte, was er auch tat. Doch war er darin etwas voreilig, denn ohne die Folgen be­dacht zu haben, schlug er mit seiner noch nicht vollendeten Handarbeit kräftig und schnell nach dem Brote, traf aber zuoberst das gute Mus und, darin gemächlich schmausend, sieben Fliegen.

Verdutzt seinen klebrigen, schon nach einem Jäckchen aussehenden Stoff betrachtend, gewahrte er in dem ihm anhaftenden Mus ebenso anhaftende tote Fliegen – sieben an der Zahl, wie schon erwähnt.

Man sollte meinen, dem Schneider bliebe hier nichts anderes übrig, als über den Unfug den Kopf zu schütteln. Aber da kannte man ihn schlecht – so viel Selbsterkenntnis lag nicht in seiner Natur. Er sah nur sieben Fliegen regungslos im Musjäckchen kleben und begann sich zu plustern.

3. Gürtel, Käse und Vogel

Dirk Röse Der Aufschneider

Ein jeder, der dies liest, hat längst erkannt, dass der Schneider sich ungeheuer belügen musste, wollte er das Eingeständnis umgehen, dass er ein Windei war, sei’s auch ein begabtes Windei.

Die Frechheit, eine unschuldige Markt­frau zu piesacken, überdeckte er mit der Einbildung, sehr zu ihren Gunsten viel vom Eingestampften erworben zu haben, eine Dummheit, die wiederum nach einer üppigen Mahlzeit verlangte – viel Mus, viel Brot –, zu der er sich einen ent­sprechenden Hunger einbildete, aber nicht wirklich verspürte – zumal die Stulle schlecht belegt war, wovor er, sich in Arbeit flüchtend, die Augen verschloss – vor allem die inneren, weshalb es an jenem Tage schließlich dazu kam, dass er mit dem teuren Jäckchen, das so kurz vor der Vollendung stand, dem Brot eins auswischte.

Genau zu diesem Zeitpunkt rumorte sein geistiger Wurmfortsatz und er musste eine gewaltige Anstrengung unternehmen, um der intellektuellen Perforation in letzter Sekunde von der Schippe zu springen. Nur darum sah er die sieben Fliegen, mit einem Streich erlegt, als Heldentat an – was blieb ihm anderes übrig? Allerdings war ihm unterschwellig klar, dass er von daheim baldigst fliehen musste, denn hier in seinem Hause würde er diese maßlose Übertreibung und Verdrehung der Tatsachen nicht lange durchhalten können.

Umso sinniger der Beschluss, wenn man bedenkt, dass sich auf der musigen Brothälfte exakt dreiundfünfzig Fliegen niedergelassen hatten. Von diesen hatte der Schneider sieben erwischt, während die übrigen sechsundvierzig nach allen Seiten flohen.

Sieben von dreiundfünfzig mit einem Schlag – wahrlich eine Heldentat!

»Sieben mit einem Schlag« war denn auch der Schlachtruf, den er sich flugs und in großen Stichen, was gar nicht zu ihm passen wollte, in seinen Gürtel stickte. Dann machte er, dass er verschwand, packte auf die Schnelle einen müffeligen Käse und die saubere Hälfte Brot in seinen Säckel und nahm die Beine unter den Arm. Wie er so nach draußen über die Schwelle sprang, schiss ihm ein Vögelchen auf den linken Schuh. Er bekam es zu packen, als es sich flüchtend im Gestrüpp verfing, und steckte es zu dem Käse, um später in Ruhe mit ihm abzurechnen.

4. Das Säckel

Dirk Röse Der Aufschneider

Was Erdenbürgern wie dem Schneider im Weiteren half, war, dass es Menschen gab, die noch blöder waren als er. Ein geistverminderter Menschen­schlag waren die Riesen, weshalb sie auch bald ausstarben; und wir kommen nun an die Reihe zu berichten, wie der Schneider dazu beitrug.

Zunächst begegnete er nur einem von beiden und zwar auf dem Wege in die Marsch, deren Herrscher ein gewaltiger Kriegsherr sein sollte. Der Riese sonnte sich in der strahlenden Mittagshitze, wie es auch die Eidechsen tun. Der Schneider, den Koloss erblickend, stieg gleich den Hang, an dessen Gefälle jener lag, hinan, schlug den Mantel provozierend zurück, um freien Blick auf den Prahlgürtel zu gewähren, und rief: »Kuckuck!«

Der Kuckuck schrak auf Normalgröße zusammen, blinzelte und drehte den Kopf aus der stechenden Sonne, wobei sein Blick auf den Schneider fiel. Dieser blähte das Bäuchlein, um welches sich der Heldengürtel wand, hielt es dem Riesen vor die Nase und hatte Glück: Dieser konnte lesen.

Übermut tut bekanntlich selten gut. Dies war einer der seltenen Fälle. Der Riese zeigte sich beeindruckt, weil »Sieben mit einem Schlag« annähernd seiner eigenen Durchschnittsleistung entsprach, konnte es aber nur schwer glauben: »Du hast sieben auf einmal erlegt?«

»Wohl wahr!«, näselte der Schneider und stellte sich auf die Zehenspitzen, während er die Daumen hinter die Hosenträger klemmte.

»Wohlan«, sprach der Riese, erhob sich schwerfällig, dabei einen hand­großen Stein erfassend und diesen eine ordentliche Flugbahn in die Gegen