Der Jeschua-Schrein

Auszug
 

Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt. Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.

Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff. 

»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.

»Die Petraea zieht steuerbord vorbei«, schrie Rí Vlothus zu dem anderen hibernischen Segler hinüber. »Die Rathlín hält sich backbord«, ergänzte er mit Blick auf seinen Steuermann. Das zurückgefallene römische Schiff brachte seine Kanonen sicher schon in Stellung. »Haltet Abstand!«, brüllte Rí Vlothus, so dass es auch noch auf der abschwenkenden Petraea zu hören war.

Die Römer sandten den ersten Gruß. Ein Schwall von Pfeilen schwirrte durch die Luft. Doch gegen den Wind kamen sie nicht an, und die meisten landeten in den Wogen. Rí Vlothus spürte die Gischt auf seinem wettergegerbten Gesicht. Er lächelte, als die Rathlín einen weiten Bogen um den schweren Römer zog. Auch die Petraea kam zügig voran. Die Legionäre an Deck des gegnerischen Schiffes tauschten Pfeil und Bogen gegen klobige Hakenbüchsen. Meter um Meter zogen die hibernischen Segler an dem Schlachtschiff vorbei. Da kam Bewegung in die Legionäre. Befehle wurden erteilt. Der erste kritische Augenblick war gekommen. Kurz darauf erzitterte die Luft unter den Breitseiten des römischen Schiffes. Todbringend zog ein metallisches Geräusch durch die Luft. Eine Kanonenkugel erreichte die Rathlín, zerfetzte die Reling und riss zwei Krieger in den Tod. Rí Vlothus schickte ein Stoßgebet zum Himmel und reckte den Hals, konnte über das römische Schiff hinweg aber nur die Segel der Petraea erkennen. Der Rauch des Mündungsfeuers lag noch in der Luft. 

Auch das Schwesterschiff war beschossen worden. Weiter und weiter glitt die Rathlín am Feind vorbei, bis sie ihn endlich überholt hatte. Als auch die Petraea unbeschädigt aus dem Schatten des gegnerischen Schiffes auftauchte, stieß Rí Vlothus triumphierend den Arm in die Luft. Sogleich richtete sich sein Blick auf das Schiff, das nur eine kurze Strecke voraus auf der Flucht war. Es konnte nicht entkommen. Er stieß einen ermunternden Schrei aus und zeigte in die Rahen. Seine Mannschaft verstand. Einige kletterten in die Masten und ließen lange Taue nach unten fallen. Andere befestigten Enterhaken an Bord des Schiffes. Mit pochendem Herzen sah Rí Vlothus, wie sich die Männer bewaffneten. Säbel, ein leichter Schild, der eiserne Helm mit seiner Furcht erregenden Maske.

Der Steuermann bewegte den Segler direkt auf den Römer zu. Immer näher kamen sich die Gegner. Kanonenrohre ragten aus dem Rumpf des römischen Schlachtschiffes und glänzten in der Sonne. Plötzlich stand eine Traube von Legionären am Heck und feuerte eine Salve ab. Hastig duckten sich die hibernischen Krieger hinter die Holzaufbauten.

Die Erschütterung riss Rí Vlothus beinahe von den Beinen, als die Schiffe zusammenstießen und der hibernische Segler knirschend am Rumpf des Feindes entlang schleifte. Die Krängung erfasste beide Schiffe und trieb sie wieder ein Stückweit auseinander.

»Enterhaken!«, schrie er und zog sein Schwert.

Die metallenen Krallen schwirrten durch die Luft und verbissen sich im römischen Holz. Aus den Masten und vom Deck schwangen sich die Hibernier auf das gegnerische Schiff. Andere ergriffen die Seile der Enterhaken und hangelten sich hinüber. Salve um Salve schossen die Römer aus ihren Büchsen. Dann krachte eine Breitseite mit voller Wucht in die Rathlín. Holz splitterte, Schreie hallten, Blut und zerfetztes Fleisch mischten sich mit dem Meerwasser.

Rí Vlothus ahnte, dass dies das Ende seines Schiffes war. Er griff nach einem Tau und schwang sich mit wütendem Geschrei hinüber zum Feind. Mit beiden Füßen landete er auf dem gegnerischen Deck und verstummte.

Kaum eine Planke, auf der nicht ein hibernischer Fuß stand. Aber seine Leute kämpften nicht länger. Die Legionäre rotteten sich eilends zusammen und bildeten eine kleine Schildkrötenformation. Zu seinen Füßen entdeckte Rí Vlothus einen römischen Centurio. In seinem Hals klaffte eine tiefe Wunde. Er war tot. 

Es dauerte einen Augenblick, bis Rí Vlothus verstand, warum die Römer nicht kämpfen wollten. »Eterniten«, murmelte er und atmete erleichtert auf. 

Jeschua hatte Friedfertigkeit gepredigt, und Rí Vlothus war seit Tagen bedrückt, weil um des Schreines willen Menschen sterben mussten. Doch nun war der Kampf vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie auf römische Eterniten stoßen konnten, die den Kampf ebenso scheuten wie er. Nun sah er mit eigenen Augen, was er bislang nur als Gerücht gehört hatte. Dass die römische Armee durch die Sekte unterwandert und stark geschwächt war.

Tief in seinem Innern regte sich Misstrauen. »Durchsucht das Schiff!«, befahl er. Es konnte nicht sein, dass die Römer den Schrein diesem laschen Haufen anvertraut hatten. Ruckartig wandte er sich um und hielt Ausschau nach dem zweiten römischen Schlachtschiff. Er stampfte mit dem Fuß, als er sah, dass es abgedreht hatte und gegen den Wind nach Nordwesten kreuzte.

Das Warten zog sich hin, während seine Krieger das Schiff durchsuchten. Die Römer kämpften nicht und hielten ihre Reihen dicht geschlossen. Die Rathlín sank, und die Taue, die sie mit dem Kriegsschiff verbanden, knirschten am Holz. Das römische Schiff hatte bereits leichte Schlagseite, als die hibernischen Krieger schließlich meldeten, dass es keine Spur vom Schrein gab.

Rí Vlothus blickte stumm zum Himmel und sagte dann: »Alle Mann auf die Petraea und zurück nach Hibernia. Man hat uns reingelegt.«