Hamster

 

Das Telefon klingelte und Bergmann sah auf das Display. Der Vorstand. Mit dem zweiten Klingeln kam schlagartig das mulmige Gefühl. »Bergmann?« Seine Stimme blieb fest.

»Ins Konferenzzimmer.« Keine unnötigen Floskeln. In sieben Jahren kaum ein persönliches Wort, aber im Jahresgespräch die wiederkehrende Aner­kennung, wie zufrieden der Vorstand mit Bergmanns Arbeit sei.

»Gleich«, sagte Bergmann.

»Nicht gleich. Sofort!« Reine Funktionalität, hochdosierter Druck.

»Das meine ich ja.« Bergmann legte auf, schnappte sich das Notizbuch und eilte aus dem Büro. Während er dem Vorstandszimmer näher kam, fragte er sich, was schief gegangen war. Er hatte die Sitzung akribisch vorbereitet und mit dem Vorstandsvorsitzenden abgestimmt. Mit ein bisschen Glück kam er glimpflich davon. Im Innersten wusste er aber, dass es nicht so laufen würde.

Er klopfte an die Tür und trat ein.

»Der Bremen-3-Vorgang fehlt in der Sitzungsvorlage.« Der Vorsitzende sah ihn mit starrem Gesichtsausdruck an. Auch die Blicke der anderen Vorstände und Bereichsleiter waren auf ihn geheftet.

Bergmann spürte, dass seine Augen flackerten und ihn dieses völlig hilflose Gefühl übermannte. Ein ertapptes Kind. »Bremen 3 stand nicht auf der Tagesordnung«, entschuldigte er sich.

»So was muss man immer in der Hinterhand haben«, entgegnete der Vorsitzende.

»Geben Sie mir eine Minute, ich organisiere ein Handout.«

»Ich habe die Unterlage zufällig auf dem Stick.« Eine Hand erhob sich über die Köpfe der Männerriege, ein kleines Stück Plastik zwischen Daumen und Zeigefinger.

Czerkowicz, natürlich. Bergmann fing einen blitzschnellen Seitenblick seines Kollegen auf. Sein kleiner Triumph. Wahrscheinlich hatte der verdammte Kerl das Gespräch absichtlich auf Bremen 3 gelenkt, um punkten zu können.

»Gut«, meinte der Vorsitzende. »Bergmann, Sie sind raus. Danke.«

Bergmann schloss die schwere Tür hinter sich und schlich zurück über den Flur. Am Automaten zog er sich einen Kaffee, holte seinen Mantel aus dem Büro und begab sich auf eine Zigarette nach draußen. Der Anspruch auf Perfektion und die Erfahrung, sie nie zu erreichen, waren erdrückend.

Unter dem Abdach stand bereits ein Kollege. Mist, ausgerechnet der Lücke. Bergmann spürte, wie sich seine Lust auf Koffein und Nikotin eintrübte. Lücke war keiner mehr, mit dem man sich unterhalten musste. Er war vor zwei Jahren hart ausgebremst worden, hatte sich in eine psychosomatische Klinik verdrückt und arbeitete seit seiner Rückkehr deutlich weniger, spielte im Aufstiegskampf aber auch keine Rolle mehr.

»Hallo Bergmann.« Lücke nippte am Kaffee und sog an seiner Zigarette.

»Hallo Lücke.« Bergmann zündete sich auch eine an und testete seinen Kaffee. Schon trinkbar, nicht zu heiß.

»Wer hat Ihnen diesmal das Bein gestellt?«

»Woher …« Wieso wusste der Kerl Bescheid? Nach nur fünf Minuten? Der Flurfunk funktionierte beängstigend gut. Immerhin: In Lückes Gesicht war keine Gehässigkeit auszumachen, eher Interesse.

»Czerkowicz oder Westerhoff?«, hakte Lücke nach.

»Czerkowicz.« Bergmann blies den Dampf über seinem Becher sachte weg und nahm den nächsten Schluck.

»Der ist scharf zurzeit«, bestätigte Lücke.

»Und wie läuft’s bei Ihnen?«, fragte Bergmann.

»Ich habe einen autoritären Chef und eine tyrannische Frau.« Lücke zuckte die Schultern. »Wie soll’s mir da gehen?«

Bergmann sah seinen Kollegen befremdet an. Auf keinen Fall wollte er sich mit Lücke auf persönlicher Ebene austauschen.

»Nun gucken Sie nicht so, als würde ich Ihnen etwas völlig Abwegiges kundtun.« Lücke lächelte milde. »Ihnen geht’s doch ähnlich.«

Bergmann spürte, wie das Nikotin ihn übermannte. Eine bleierne Schwere legte sich auf seine Schultern. Er war hart am Limit. Lücke konnte sich sein deprimierendes Resümee sparen.

»Wissen Sie, warum so viele Menschen einen Burnout erleiden?« Gelassen schlürfte Lücke seinen Kaffee.

Bergmann reagierte nicht.

»Weil es nicht aufwärts geht.« Lücke nahm einen tiefen Lungenzug. »Nur für wenige geht es aufwärts. Den meisten aber wird schnell klar, dass sie nicht zu den Auserwählten zählen. Sie wissen, dass es für den Rest ihres Lebens nur darum gehen wird, nicht abzusteigen.«

Bergmann nippte am Kaffee und schwieg.

Lücke hustete. »Bis zur Rente werden wir uns tagtäglich mörderisch ab­strampeln, nur um den Status Quo zu erhalten. Wir zahlen die Raten für unser Haus, fahren zweimal im Jahr in Urlaub, bringen unsere Kinder auf dieselbe miese Spur und verrecken eines Tages in irgendeinem personell unterbesetzten Seniorenheim. Oder kippen tot vom Bürostuhl und jeder sagt, dass es am Rauchen lag. Das ist nicht gerade eine lebensfreundliche Perspektive. Wir sind wie die Hamster im Rad.«

Bergmann zog an der Zigarette.

»Gilt auch für gescheiterte Ehen«, ergänzte Lücke. »Burnout der Partnerschaft. Keine Liebe, kein Sex, keine emotionale Perspektive.«

Bergmann war jetzt genervt und sah ihm direkt in die Augen. »Warum tun Sie es sich dann an? Diesen ganzen beschissenen Dreck?«

Lücke drückte seine Zigarette aus und zündete sich noch eine an.

Es klingelte. Bergmann fingerte nach seinem Smartphone und sah auf das Display. Der Vorstand. Plötzlich sackte sein Kreislauf weg. Stehen bleiben, ganz ruhig, einfach nur stehen bleiben. Er nahm das Gespräch an. »Bergmann?« Seine Stimme zitterte.

»Wo stecken Sie denn, Bergmann? Ins Konferenzzimmer.«

Bergmann schob das Telefon ins Jackett, schnipste die Kippe weg und lief zurück ins Gebäude.

»Warum tun Sie sich das an?«, rief Lücke ihm nach.

Bergmann nahm den Aufzug, schmiss den Mantel in sein Büro und den halbleeren Kaffeebecher in einen Papierkorb am Kopierer. Warum tun Sie sich das an? Die Frage hallte in seinem Kopf, während er zum Vorstandszimmer hetzte. Warum tun Sie sich das an? Ja, warum? Vor der Tür blieb Bergmann stehen und atmete durch.

Bietet denn irgendwer eine Alternative? Eine wirkliche Alternative und nicht nur so ein ökogesülztes Aussteigerblabla mit veganen Werkverträgen aus freiberuflicher Magerkost? Gibt es irgendwo einen garantiert heilbringenden Masterplan für ein wohlstandsgetriebenes Leben?

Bergmann öffnete die Tür zum Vorstandszimmer und fand die hohen Herren in muntere Konversation vertieft.

»Kommen Sie rein, Bergmann, nehmen Sie Platz.« Der Vorsitzende war sichtlich guter Laune. »Kaffee?«

»Danke, gerne.« Bergmann setzte sich.

»Wir sind ein gutes Stück voran gekommen«, meinte der Vorsitzende. »Ihre Ausarbeitung zu Bremen 3 war eine geeignete Entscheidungshilfe. Zum Glück hatte Czerkowicz sie griffbereit.«

Bergmann fing ein säuerliches Lächeln seitens des Kollegen auf.

»Gute Arbeit, Bergmann.« Der Vorsitzende zeigte sein wohlwollendes Lächeln und schob ihm einen prall gefüllten Ordner zu. »Morgen früh um acht brauche ich dann eine Vertragsvorlage für unsere Juristen.«

Bergmann nickte. Er klemmte sich den Ordner unter den Arm, ließ den Kaffee stehen und machte sich auf den Weg ins Büro. Das drohende Gewitter war einem vereinzelten Sonnenstrahl gewichen. Motivation genug für einen langen, innigen Abend mit Bremen 3.

Warum tue ich mir das an?

Das Hamsterrad dreht sich weiter. Wer bei dem Tempo aussteigt, landet auf der Nase. Ich habe keine Wahl.