Night-Flight To The Stars

 

Der Wind zog eisig durch die nächtlichen Gassen und wirbelte die Schneeflocken bis in die letzten Straßenwinkel. Ich hatte mein dick gepolstertes Leather-Case bis oben hin zugezogen und hoffte, dass es wenigstens die Feuchtigkeit abhielt. Durchfroren war ich bereits und musste befürchten, dass sich mein Hals verzog. Es war das erste Mal seit Jahren, dass der Schnee liegen blieb und Dublin unter einem zarten, weißen Tuch begrub. Bei dieser Witterung unterwegs zu sein, war ein riskantes Spiel mit meinem historischen Restwert. Ging etwas schief, waren Ahorn und Palisander allenfalls noch Brennholz. Niemand nahm mich zur Kenntnis. Die wenigen Gestalten, die unterwegs waren, wollten auch nur ins Warme, und stapften mit gesenkten Köpfen an mir vorüber. Nach den vielen einsamen Jahren hätte ich auch blind zu der alten Bar gefunden, die jeden Samstagabend mein Ziel war. Well, it’s Saturday night and I wanna be played. Unwillkürlich entfuhr mir ein Akkord, der zum Glück durch die Polsterung vollständig verschluckt wurde. Well … Niemand hatte es so cool und selbstironisch gesungen wie der King. Rip me up.

Ich bog in eine der Kneipengassen abseits der Touristenmeilen und suchte vergeblich das ausgeblichene Blechschild des ›Old Bartender‹. Es war so verdammt düster hier. Kaum eine Laterne. Und der viele Schnee. Fast wäre ich dran vorbei gelaufen, doch die schiere Gewohnheit stoppte meine Schritte genau vor dem Eingang. Ich klopfte mir den Schnee vom Leder und drückte die schwere Holztür auf. Die Scharniere quietschten. Feuchte, warme Luft schlug mir entgegen. Ich ging hinein, blieb aber erst einmal unweit der Tür stehen und sog den schweren Dunst von Alkohol und Zigaretten ein. Ein Gewirr aus Stimmen und Musik umfing mich. Dazu der Geruch von altem Holz. Das ›Old Bartender‹ hatte mich wieder.


Während ich aus dem Leder stieg, schweifte mein Blick durch den Raum und taxierte die Bar. Es gab noch leere Plätze. 

Ganz rechts war ein Hocker frei, aber aus jener Ecke ertönten schon wieder die Klänge von Old Shep-pie – einem schmachtenden Kinderlied, stümperhaft geklimpert von dieser Möchtegerngitarre. Sicher, für die Musikgeschichte war sie von Bedeutung, hatte es aber zu keiner einzigen Aufnahme gebracht. Der King bekam sie an jenem Tag zum Geburtstag, als David Bowie das Licht der Welt erblickte. Und das war einfach zu früh. Als Elvis endlich begann, sich seine Erektion aus der Hüfte zu schütteln, lag sie längst im Kamin. Klar, ich liebte diese Legenden. War ja selbst eine. Trotzdem konnte ich das selbstmitleidige Getue dieser No-Name-Klampfe aus nassem Mississippi-Treibholz keine fünf Minuten ertragen.

An der gegenüberliegenden Seite der Theke war es nicht besser, wenngleich sich auch dort noch ein Platz gefunden hätte. Die Pianos hatten sich da breit gemacht, und es dauerte nur Sekunden, bis ich aus der Geräuschkulisse der Bar das unsägliche Arrangement von Imagine all the people heraushören konnte. Der typische Sound versuchte erneut darüber hinwegzutäuschen, wie einfallslos die Tastenfolge war. 

Ich hängte mein Case an den Nagel und suchte mir einen Platz in der Mitte der Theke. Die stickig warme Luft kroch mir über die Saiten und ich spürte, wie verstimmt ich war. Right now the blues want to surround me. Der Old Bartender zwinkerte freundlich und schob mir einen Doppelten hin. Wortlos schwenkte ich das Glas, setzte es an, witterte das heilbringende Karma und nippte bedächtig. Ganz langsam brannte sich das Feuer durch meine Kehle bis ins Svādhisthāna. Den Rest stürzte ich hinunter. 

Endlich wurde mir warm und ich entspannte mich, betrachtete die Typen, die links und rechts von mir standen und von den guten alten Zeiten quatschten. Kaum jemand, den ich kannte oder jetzt kennen wollte.

Der Barkeeper tauschte das leere Glas gegen ein volles. »Howdy Cradle, wie geht’s dir?«

Ich zuckte die Schultern und fragte: »Wie sieht’s denn für dich aus?«

»Als bekäme deine Leber heute noch schwer zu tun.«

Ich nickte. »Also?«

Kommentarlos stellte er die volle Flasche vor mich hin. »Sieh zu, dass du rechtzeitig wieder landest. It’s a long lonely highway und der Absturz gefährlich.«

Ich hob beschwichtigend die Hand. Alle waren längst abgestürzt, aber wir hatten überlebt und würden auch den nächsten Crash überstehen. Mit ruhiger Hand goss ich mir einen Dreifachen ein. Der Old Bartender spendierte das Eis. Ich spürte, dass ich schon bald bereit sein würde für den nächsten Flug.

Es war tragisch, dass sich die meisten einen Weltraumbahnhof nur im All vorstellen konnten. Denn er war nicht da draußen. Science Fiction begann in dir. Für den Night-Flight to the Stars, für den Flug zum ewigen Acker der Verblichenen musste das Spaceship in dich hinein, musste es durch den engen Hals kriechen und sich in dir breit machen. Bis der Flug von selbst begann.

Goldgelb sickerte der Shuttle gemächlich in jede Pore und löste mich von der Erdschwere. Weiß der Geier, warum ausgerechnet Dublin. Aber wir kamen alle her, um der Vergangenheit zu huldigen. Auch wenn viele unserer Wurzeln in den sumpfigsten Südstaaten lagen, nur in Dublin konnte die hölzerne Seele ihren Halt verlieren und sich auf eine melancholische Reise begeben.

Als sich hinter mir die Tür öffnete und der kalte Luftzug über meinen Corpus schwappte, ahnte ich sogleich, wer da kam. Mit leicht getrübtem Blick sah ich über die Schulter und erwartete das Schicksal. Ohne Case und schutzlos dem Unbill des Winters ausgeliefert, waren sie hergekommen. Sie traten ein und lächelten mir traurig zu. Little Wing war frisch flambiert, und der Schnee dampfte auf seinem erhitzten Lack. Dezent kokelnd lehnte er sich an den langen Statesboro, der gut betankt und abflugbereit war.

»Hallo Jungs«, sagte ich und winkte sie zu mir.

Sie antworteten nicht, schleppten sich aber rüber zu mir. Träge drängten sie ihre ausladenden Hüften zwischen meine Nachbarn und mich. Little Wing suchte Halt an der Theke. Als er ihn gefunden hatte, klopfte er mir auf die Schulter und ließ ein kehliges Vibrato hören. Statesboro atmete tief ein und gab einen jaulenden Ton von sich. Ich sah, wie der Bartender die Augen zusammenkniff, doch ein hohes ›e‹ meinerseits war unvermeidlich.

»Leute«, brummte der Wirt, »macht bitte langsam. Ich kann hier keinen Rock ‘n‘ Roll Suicide gebrauchen. Nicht schon wieder, nicht heute.«

»Mann ey«, nuschelte Little Wing, »nur keinen Stress.«

Statesboro kam jetzt in hörbar gute Stimmung. Er kicherte leise und jaulte noch höher. »Wir wollen doch nur spielen.«

Little Wing goss ein paar Akkorde aus, die sich über unsere Kehlen legten wie Sirup auf ein Südstaatenfrühstück. Ich setzte mit einem zähen Rhythmus ein, der kaugummigleich unter den Sohlen klebte. Statesboro zerrte an seiner E-Saite und trieb mir die Tränen zwischen die Tonabnehmer. I woke up this evening and had them Statesboro Blues. In irgendeiner gottverlassenen Ecke setzte sich ein völlig zerstörtes Schlagzeug mühsam zusammen. Neben ihm stand stocksteif Boris the Spider und schnarrte einen Basslauf.

Im selben Moment spürte ich die Ekstase, die wie eine Welle durch den Raum zog. Die Luft knisterte. Sekunden später hob der Mystery Spacetrain ab, und wir waren auf dem Weg. Zeit und Raum ließen wir hinter uns und stießen vor in das Paralleluniversum unserer Sehnsüchte. 

Da warst du wieder. Jahrelang hattest du mich am Hals und beklagtest dich nie. Ich war die Last auf deiner Schulter und du hast mich gewiegt. Als wäre ich glühendes Eisen auf einem Amboss, hast du einen wahren Funkenflug auf mir veranstaltet. Und ich wusste, auch heute Abend würdest du gut zu mir sein. Wie sehr hatte ich dich vermisst. Ich spürte deinen festen Griff um meinen Hals, als du mich mit dir zerrtest. Endlich wieder auf der Bühne, glitten deine Finger zärtlich über mich und Tausende sahen begeistert, wie du mich liebtest. Dann schlugst du zu und nahmst mich hart. Deine Hand war so schnell und geschickt, dass ich raste vor Begehren. Und dann, kurz vor dem Höhepunkt, nahmst du das Tempo raus und drehtest mir die Wirbel um. Ich verlor jeden Halt und war ein Teil von dir, verschmolz mit deiner Seele. Langsam, unerträglich langsam wurdest du wieder schneller – und triebst mich zur Klimax.

Irgendetwas stieß hart gegen meinen Kopf und ich fiel zu Boden. Um mich herum johlten und sprangen sie auf ihrem Flug in die Vergangenheit. Doch ich war schon zurück und blinzelte. Mir war nicht übel, der Kopf tat nicht weh. Ich war nur müde. Unendlich müde und traurig.

Mühsam kam ich wieder auf die Beine. Dem Old Bartender legte ich ein paar Scheine auf den Tresen, dann stieg ich in mein Leder und trat hinaus in die Nacht.

Die Kälte ernüchterte mich nicht. Sie verstärkte nur meine Einsamkeit. Ich schlich durch die Straßen, ließ die Saiten hängen und hielt mich im Schatten. 

Mein Weg führte mich direkt zum Hafen. Reglos stand ich da, spürte die Kälte nicht mehr, vergaß die Welt um mich herum. Letzten Endes war auch ich nichts anderes mehr als ein Stück nasses Treibholz, hin und her gestoßen vom Wind auf den Wellen des Schicksals. Lange starrte ich in die dunkle Bucht. Das Schneetreiben verhinderte jeden Blick auf die Sterne. Und ich wusste, dass ich Millionen Meilen von dir entfernt war.