That's All Right


»Und welche Schule besuchst du?« DJ Dewey Phillips, dessen Radio­programme wegen der unkonventionellen Musikauswahl große Popularität genießen, fixiert den nervösen jungen Mann, der nicht weiß, dass er auf Sendung ist und Tausende seine Stimme hören können. Im Juli 1954 lastet brütende Hitze auf den Straßen der Heimatstadt des Blues, Memphis, Tennessee. Der Ventilator weht eine kühle Brise über die schweißnasse Stirn des 19-jährigen Teenagers, der an Akne leidet und gerade seine erste Schallplatte aufgenommen hat. Sein Produzent Sam Phillips, Besitzer des kleinen Labels »Sun Records« und nicht verwandt mit Dewey Phillips, hat seinem Namensvetter eine Probepressung zugespielt; über eventuelle Reak­tionen auf ihre Sendung im Radio will er Rückschlüsse auf den Erfolg einer Veröffentlichung als Single ziehen. Beide, Sam und Dewey sind angetan von der Coverversion des Rhythm ’n’ Blues-Klassikers »That’s All Right«, und die Hörerschaft auch. Seit der Titel über den Äther ging, laufen im Studio die Telefone heiß, und der DJ muss ihn wieder und wieder spielen. Brennend interessiert auch, wer der unbekannte Sänger ist, und Dewey Phillips drängt dessen Eltern, ihren Sprössling möglichst schnell aus dem Kino zu holen, in das er vor lauter Aufregung geflüchtet ist, und ihn ins Studio zu bringen. Der schlaksige Kerl soll ein Interview geben. Doch als Phillips das Nervenbündel neben sich sitzen sieht, zweifelt er daran, ob der Junge dazu in der Lage ist. Phillips entscheidet sich dafür, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das ohne sein Wissen gesendet wird.

 

»Ich war auf der Humes High School, Sir«, antwortet der junge Mann höflich. Dewey Phillips reibt sich innerlich die Hände. Wie jedermann weiß, gehen ausschließlich Weiße auf die »Humes«, so dass diese Stimme, die deutlich nach einem Schwarzen klingt, dennoch einem Weißen gehören muss. Das ist neu. Es ist unverkennbar schwarze Musik, von einem Weißen gesungen und überhaupt irgendwie anders. Prickelnd. Der DJ weiß, Sam Phillips hat ein Gespür für das Besondere, und er kitzelt seine Musiker und Sänger so lange, bis es aus ihnen heraus­bricht. Sein Traum vom großen Geld ist ein weißer Sänger, der wie ein Schwarzer singt. Hier, der könnte es sein.

 

»Mr. Phillips, wann machen wir denn nun das Interview?«, kommt die Nachfrage. »Du hast es gerade gegeben«, lautet die Antwort. Es ist alles schon gelaufen; der noch minderjährige Elvis Presley muss nicht mehr beginnen, er ist bereits mittendrin. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Wenige Tage nach diesem Interview erscheint »That’s All Right« als Single und avanciert zum regionalen Hit. Knapp fünfzig Jahre später wird die Aufnahme vom Magazin »Rolling Stone« zur einflussreichsten Veröffentlichung der Popmusik gekürt; nicht weil sie ein Welthit wurde – der wurde sie niemals –, sondern weil mit ihr ein Stein ins Rollen kam, der eine Lawine auslöste.

 

»Wie seid Ihr auf diesen Sound gekommen?«, fragt Moderator Frank Page. Bereits im Herbst desselben Jahres steht Elvis auf der Bühne einer der bekanntesten Country-And-Western-Shows, der Louisiana Hayride, die jeden Samstagabend in die Radios der Südstaaten übertragen wird. Wie ein Fremdkörper unter all den Cowboyhüten und -stiefeln, Steel Guitars und Fiedeln wirkt der junge Sänger mit seiner glänzenden Haartolle und den knalligen Klamotten. Wieder »That’s All Right« – das Live-Repertoire ist noch ein wenig dünn – und wieder die Frage nach dem neuen Sound. »Wir sind darüber gestolpert«, spricht Elvis Presley. »Da habt ihr aber Glück gehabt! In der Country-And-Western-Musik ist man schon lange auf der Suche nach etwas Neuem, und ich glaube, Ihr habt es.« Freundliche Worte eines alten Hasen an einen New­comer, der tatsächlich schon einige Monate später Star der Show ist und ekstatische Ausbrüche im Publikum verursacht. Darüber gestolpert war er. Elvis hatte Stunden im Sun Records-Studio damit zugebracht, eine Schnulze nach der anderen zu singen, weil »ich die am besten kann«, doch ohne dass Sam Phillips oder einer der beiden Begleit­musiker sonderlich beeindruckt waren. In einer Kaffeepause dann griff Elvis nach seiner Gitarre und fing an »That’s All Right« zu singen und Faxen zu machen. Gitarrist Scotty Moore und Bassist Bill Black stimm­ten ein, und Produzent Sam Phillips, drauf und dran den jungen Mann aufzugeben, traute seinen Ohren nicht. Da war er! Der Sound seiner Träume. Nach Jahren vergeblichen Suchens kam er unerwartet und nebenbei und von drei grünen Jungs. Die bange Frage, ob sich sein Traum vom großen Geld bewahrheiten würde, beantwortete sich nahezu über Nacht. Zwei Jahre später lag seiner Entdeckung die gesamte Jugend der Vereinigten Staaten zu Füßen und sie wurde mit Gagen gehandelt, die alles bislang Dagewesene in den Schatten stellten. Doch gilt es an dieser Stelle präzise zu sein: Sam Phillips hatte einen neuen Sound gesucht und er fand Elvis Presley. Elvis aber war der Sound – und umgekehrt. Seine Begleitmusiker Moore und Black, die die Musik dieser Jahre maßgeblich mitprägten, blieben stets im Schatten dieser aufsteigenden Iko­ne. Unwissentlich war Sam Phillips auf der Suche nach dem neuen Lebensgefühl, der Identität und einem Leitbild des jungen Amerikas gewesen, und seine Entdeckung Elvis Presley war die Inkarnation alles dessen.

 

»Ich klinge wie niemand anderes«, gibt Elvis zu Protokoll, als Marion Keisker, Sam Phillips’ Sekretärin, nach seinem Musikstil fragt. Wie Elvis Presleys Karriere begann, ist Le­gende – eine der aufregendsten Legenden der Popmusik. Der blauäugige Junge vom Land, 1935 in Tupelo, Mississippi, geboren, unter ärmlichen Verhältnissen in der Stadt lebend, wird zufällig entdeckt und revolutioniert die Kultur der westlichen Welt. Doch »That’s All Right« war nicht der Anfang, und zufällig wurde Elvis auch nicht entdeckt. Begonnen hatte die Geschichte schon ein Jahr zuvor, 1953. »Ich klinge wie niemand anderes« – was im Sommer 1953 ein bisschen eingebildet klang, erwies sich bald als nichts als die reine Wahrheit. Allerdings konnten weder Elvis noch irgendjemand anderes ahnen, inwieweit er sich von allen anderen unterschied. Der schüchterne Jun­ge verstand sich als Sänger von Balladen, er mochte Dean Martin und Mario Lanza – und er wurde zum King of Rock ’n’ Roll.

 

»Ich war nicht besonders beliebt in der Schule. Ich ging mit keinem Mädchen aus«, erinnert sich Elvis in späteren Jahren. Dann am 9. April 1953 tritt der Schüler zum ersten Mal öffentlich auf. Bei einer Veranstaltung der Humes High School wird er an sechzehnter Stelle als »Elvis Prestly – Guitarist« angekündigt. »Sie ließen mich in dieser Talentshow singen, und ich trat auf und sang meine erste Nummer: ‚Till I Waltz Again With You’ von Teresa Brewer. Es war schon erstaunlich, wie beliebt ich danach war.« Elvis’ Klassen­kameraden werteten diesen Auftritt im Nachhinein als Startschuss für seinen Weg zum Ruhm, der sich demzufolge genau datieren lässt. Im Sommer jenes Jahres liest er einen ausführ­lichen Bericht über Sam Phillips’ Sun Records in der lokalen Presse, in dem erwähnt wird, dass dort jedermann für $ 4,- eine eigene Schallplatte aufnehmen und pressen lassen kann. Ermuntert durch den Erfolg seines ersten Auftritts, setzt er kurz darauf seinen Fuß in das Studio, wo er von Sam Phillips’ Sekre­tärin Marion Keisker empfangen wird. Er wolle eine Platte für seine Mutter aufnehmen, sagt er, sie habe bald Geburtstag. Doch dieser legendäre Ausspruch ist nichts anderes als ein Vorwand, denn Mutter Gladys feiert erst im April 1954 wieder Geburtstag. Der junge Elvis hat die Schule hinter sich und verdingt sich als LKW-Fahrer; auf einen Ausbildungsplatz zum Elektriker wartend, will er nun wissen, ob mehr dran ist an seiner Stimme als nur willkommene Begleitmusik für schwüle Parties. Er selbst macht auf sich aufmerksam und bringt sich immer wieder ins Gespräch und sorgt damit für seine Entdeckung im Jahr danach.

 

»Und welche Musik singst du?«, fragt Keisker, während sie die Aufnahmegeräte für Elvis’ erste Aufnahme vorbereitet. »Ich singe jede Musik«, orakelt er. Er ist mit der Country-Musik der Radiosender, den Gospels seiner kleinen Kirche, dem Blues der Straßenmusiker und den Schlagern seiner Idole groß geworden. Alle Lieder kennt er in- und auswendig und kann sie an­stimmen. Das Phänomen Presley jedoch besteht darin, dass er die Essenz all dieser Stile auf sich vereint; er ist das Konglomerat nordamerikanischer schwarzer und weißer Musik. An diesem Tag im Juli 1953 – vermutlich in der Mittagspause am Freitag, dem 17. – nimmt Elvis Presley zur Gitarre die Standards »My Happiness« und »That’s When Your Heartaches Begin« auf und lässt sie mit der Auflage von einem Exemplar als Schallplatte pressen – das ist weniger als ein Milliardenstel der seither von ihm verkauften Tonträger. Rein rechnerisch über ein halbes Jahr­hundert hinweg 20 Millionen Schallplatten bzw. CDs jährlich zu verkaufen ist kein übler Schnitt. In die unüberschaubare Fülle an Superlativen und Kuriositäten seiner Karriere reiht sich das Wunder ein, dass diese erste Schallplatte überlebt hat, ebenso wie seine zweite Privataufnahme vom Januar 1954 und Mitschnitte seiner ersten Auftritte bei der Louisiana Hayride. Elvis’ musikalischer Werdegang ist auf Hunderten von Bändern bis zum letzten Konzert im Juni 1977 lückenlos dokumentiert. Systematisch aufbereitet wurde dieser gewaltige Nachlass allerdings bis heute nicht.

 

»Nur für den Fall, das Mr. Phillips mal jemanden sucht.« Marion Keisker ist beeindruckt von Elvis und notiert sich seine Adresse. Der junge Mann hat etwas Fesselndes an sich. Seine Schluckaufstimme ist innig, wehmütig, und er ist glaubwürdig in dem, was er singt. In seinen Liedern kehrt er sein Innerstes nach außen und es ist von Belang. Sein schrilles Äußeres hat etwas Aufreizendes. Aufreizend genug, dass ihm manch ein Mitschüler gerne mal eine runter­haut. Keisker spielt ihrem Chef die Aufnahme vor, und auch er ist vorübergehend interessiert. Doch bleibt es dabei. Anfang 1954 ruft sich Elvis selbst in Erinnerung und nimmt ein zweites Acetat zum privaten Gebrauch auf. Erneut ist Phillips’ Interesse geweckt, erneut bleibt es dabei. Elvis lässt nicht locker und schaut immer wieder mal im Studio vorbei. 

 

»Wie wäre es mit dem Jungen mit den Koteletten?«, schlägt Keisker vor. Im Juni 1954 bekommt Phillips die Rechte auf ein neues Lied, für das er einen Interpreten braucht. Phillips wagt einen Versuch. Seine Sekretärin ruft den Jungen zu Hause an und lädt ihn ins Studio ein. Es heißt, Elvis sei schneller im Studio gewesen, als Keisker den Hörer auflegen konnte. Seine erste Session ist eine Enttäuschung, weder das neue Stück noch andere Lieder führen zu brauchbaren Ergebnissen. Phillips gibt nicht auf und ruft zwei Studiomusiker zu einem weiteren Ver­such dazu, Scotty Moore und Bill Black. Gemeinsam wird das gesamte Repertoire an Liedern pro­biert, das ihnen geläufig ist. Überbleibsel dieser Session sind Aufnahmen von »Harbor Lights« und »I Love You Because«, die durchaus hörenswert vorgetragen werden. Doch ist nichts darunter, was Phillips überzeugt. Bis in einer Kaffeepause schließlich der Grundstein für eine umwälzende Veränderung der amerikanischen Kulturlandschaft gelegt wird …

 

»Hey, jetzt ist es ein Popsong!«, ruft Sam Phillips begeistert, als das Trio einige Tage später nach einer Rückseite für die Single »That’s All Right« sucht. Elvis hatte den bekannten Popwalzer »Blue Moon Of Kentucky« spontan in den 4/4-Takt übertragen und die beiden Musiker waren darauf eingestiegen. Elvis war niemals ein Songwriter wie John Lennon, Paul McCartney oder Bob Dylan, aber er war der Meister der Adaption. Was er sang, wurde sein Eigentum und fügte sich seinem Willen – eine Gabe, gleichbedeutend mit Erfolg, ein Konzept, das Gold wert war und immer noch ist. Ein Walzer im 4/4-Takt war Zeichen der Zeit: Der stampfende Rhythmus des Rock ’n’ Roll begann den harmonischen Reigen der gängigen Schla­ger zu verdrängen.