Wuchtbrummi

Juli 2013, es war heiß. Bei Emden hatte Mika wie immer am Autohof angehalten, um sich mit Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Zigaretten zu versorgen. Der Lastzug musste heute noch bis Koblenz runter. Reiseverkehr war in diese Richtung nicht zu erwarten, nur um Düsseldorf und Köln herum würde er in die Rushhour geraten. Aber egal, Zuhause wartete niemand auf ihn und dem Kunden war es ohnehin lieber, wenn er die Ware nach Feierabend lieferte.

Die Straße war wie das Leben, dachte Mika, als er die Tür zum Fahrerhaus öffnete. Überall konnte man links und rechts rausfahren, aber meistens folgte man der vorgegebenen Route. Man war ständig von anderen Autos und Lastwagen umgeben, doch letztendlich saß man allein im Führerhaus, die Zeit und den Chef im Nacken.

Mika stieg ein, setzte sich und steckte den Kaffeebecher in die Halterung. Alles andere legte er auf den Mittelsitz. Er startete die Maschine und die Klimaautomatik sprang an. Dann schloss er die Tür. Für einen Augenblick war es fast unerträglich heiß auf dem Sitz. Er ließ die Fenster ein Stück herunter. Der Fahrtwind würde die schlimmste Hitze vertreiben, bevor die Klimaautomatik ihre Aufgabe erfüllte. Als er sich anschnallte, schlug etwas gegen die Fahrertür.

»Hallo! Entschuldigung!«

Mika blickte aus dem Fenster und sah eine Frau in seinem Alter, etwa Mitte zwanzig. »Was gibt’s?«, fragte er und taxierte sie mit einigen schnellen Blicken, die sie hoffentlich nicht bemerkte. Hübsch war sie. Es sah nett aus, wie sie ihre dunklen Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hatte.

»Fahren Sie zufällig in Richtung Köln?«

Sie hatte eine angenehme Stimme und trug eine kurze Hose mit einer lockeren Bluse, die ziemlich weit aufgeknöpft war. Schnell sah er ihr in die Augen. »Ich muss nach Koblenz. Da komme ich an Köln vorbei.« Warum sagte er das? Es war doch klar, was jetzt kam.

»Würden Sie mich bis Köln mitnehmen?« Sie sah ihn mit kindlichen Augen an. Offenbar machte sie sich keine Gedanken darüber, was sie ausstrahlte. 

Wollte er sie mitnehmen? Oder doch lieber in Ruhe seine Strecke abjuckeln? Er warf einen kurzen Blick aus der Frontscheibe. Vor ihm lagen die übliche Route und die üblichen ungenutzten Möglichkeiten, links oder rechts abzufahren und andere Wege einzuschlagen. »Steig ein«, sagte Mika. Irgendwie konnte er der bezaubernden Kleinen dann doch nicht widerstehen.

»Danke!«, rief sie erfreut, hüpfte einmal und lief um den Lastzug herum.

Die Beifahrertür öffnete sich und die junge Frau stieg so behände ein, als würde sie tagtäglich in großen Trucks sitzen.


»Danke«, wiederholte sie und strahlte ihn an. »Ich heiße Anika.«


»Mika.« Im selben Augenblick ärgerte er sich, dass er nicht abgelehnt hatte. Sie war so ein hübsches Ding und hatte ganz sicher nichts anderes im Kopf, als möglichst schnell und unbehelligt nach Köln zu kommen. Es war völlig abwegig, dass sie mehr wollte als eine kostenlose Beförderung. Erst recht nicht von irgendeinem Lastwagenfahrer.


»Wohin?«, fragte sie und zeigte auf ihren Rucksack.


»Leg ihn nach hinten.«


Sie wuchtete ihr Gepäck über die Rücklehne, und Mika konnte eindeutig erkennen, dass sie keinen BH trug.


»Ist das heiß heute«, meinte sie, als sie sich anschnallte.


»Wird gleich besser.« Mika wies auf die Klimaautomatik und drückte die Fensterheber. 


Sie schwiegen, als der Lastzug vom Parkplatz rollte und sich in den Verkehr einfädelte. 


Anika rutschte ungeniert auf ihrem Sitz hin und her, bis sie es bequem fand. »Das ist ja ein richtiger Wuchtbrummi. Da habe ich schon deutlich schlechter gesessen!«


»Ja, die Zugmaschine ist noch ziemlich neu.« Irgendwie war Mika stolz, dass sie seine Maschine gut fand. Verstohlen betrachtete er ihre Beine, die sie lässig gegen die Ablagefläche stützte. Eine Traumfrau. »Trampst du öfters?«, fragte er unbeholfen, um das Gespräch in Gang zu halten.


»Nur gelegentlich. Ich war auf Norderney und wollte eigentlich mit der Bahn zurückfahren. Aber in den Zügen soll es ja zurzeit unerträglich heiß sein.«


Mika lag die Frage auf der Zunge, ob sie keine Angst habe, mit einem fremden Mann zu fahren. Aber er befürchtete zugleich, dass er genau damit bei ihr Befürchtungen schüren würde. Wenn sie sich wohl fühlte, umso besser. Er würde nicht daran rühren.


»Und du?«, fragte sie. »Fährst du diese Strecke oft?«


»Ja, ziemlich oft.« Mika wollte es bei schon bei dieser Antwort belassen, doch ein Gespräch würde er so nicht führen können. »Es gibt einige Kunden, die Wert darauf legen, dass ich für sie fahre.«


»Und das können die bestimmen?«


»Kommt darauf an, ob es gute Kunden sind. Die Konkurrenz ist hart in der Branche. Und solch ein Entgegenkommen kostet nichts.«


Darauf sagte sie nichts, als ob sie über seine Worte nachdachte. Dann fragte sie: »Wird es nicht langweilig, immer dieselbe Strecke zu fahren?«


»Es geht.« Wieder musste er sich zwingen, mehr zu sagen: »Eine gewisse Routine ist nicht schlecht. Man kann einfach drauf los fahren und seinen Gedanken nachhängen.«


»Ja, du hast sicher viel Zeit zum Nachdenken.« In den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie ihn ansah. »Worüber denkst du denn nach?«


Mika war unangenehm überrascht. Was sollte er jetzt antworten? Dass er davon träumte, die eingefahrenen Wege zu verlassen und was ganz anderes zu tun? Aber er konnte ihr nicht einmal sagen, was ihm da vorschwebte. Und dass er sich ziemlich häufig fragte, wie es wohl wäre, mal eine Frau wie sie neben sich zu haben, behielt er auch besser für sich. »Na ja, irgendwie ist die Straße wie das Leben. Irgendwer schickt einen los und damit steht alles andere fest.« Er blickte kurz zu ihr hinüber. Sie sah ihn immer noch an. Hielt sie ihn jetzt für dumm?


»Ich glaube, du bist ein richtig netter Kerl«, sagte sie.


Mika spürte ein Kribbeln im Nacken. Er fand Anika auch klasse, aber das musste er für sich behalten. Sonst wäre sie vielleicht doch noch auf die Idee gekommen, er könnte sich Freiheiten herausnehmen. Und sie selbst klang so aufrichtig und arglos, dass sich hinter ihrer Aussage ganz sicher nichts verbarg, das diese Freiheiten zuließ. 


»Aber wenn das Leben wie die Straße ist, warum nimmst du nicht mal einen anderen Weg?«, schlug sie vor.


»Welchen denn?« Sie hatte tatsächlich die Frage gestellt, die ihn auch bewegte. Was würde sie sagen?


»Ich weiß nicht so recht«, sagte sie. »Aber für mein Leben ist der Weg nicht klar vorgegeben.«


Sie hatte also auch keine Antwort. Mika blickte versonnen auf die Straße. Dann fiel ihm ein, auf welche Frage sie nun sicher wartete: »Was machst du denn so?«


»Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Germanistik.«


Sie hat studiert. Das sah schlecht aus für einen Lastwagenfahrer.


Anika strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Und da war ich ein paar Tage auf der Insel, um mich zu erholen.«


»Allein?« Mika hätte sich auf die Zunge beißen können. Hoffentlich dachte sie jetzt nicht, dass er sie nach ihrem Freund befragen wollte.


»Nein, nicht allein«, sagte sie, ohne dass sich ihre Tonlage änderte.

Klar. Natürlich war sie nicht allein gewesen. Wie hatte er das auch nur annehmen können.


»Meine Freundin muss nach Hamburg. Sie hat schon vor einer Stunde eine Mitfahrgelegenheit gefunden.«


Mika war irritiert. Hatte sie nun einen Freund oder nicht?


Anika beugte sich vor und zog ihre Schuhe aus. »Es ist immer noch ziemlich warm hier. Kannst du die Klimaanlage nicht noch weiter aufdrehen?«


»Doch, schon. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht erkältet.« Dennoch stellte er die Automatik zwei Grad tiefer ein. Die Achterbahnfahrt seiner heimlichen Gefühle, Wünsche und Selbstbeschränkungen machte ihm zu schaffen. »Stört es dich, wenn ich rauche?«


»Ich bin hier nur Gast«, antwortete sie unverbindlich.


Mika steckte sich eine Zigarette an und ließ das Fenster herunter. Sofort schlug ihm der heiße Fahrtwind ins Gesicht.


»Gibst du mir auch eine?«, fragte Anika.


»Du rauchst?«


»Manchmal. Und jetzt habe ich Lust.«


Er reichte ihr die Schachtel hinüber und dachte an seine Lust.


Als sie den Rauch ausblies, ließ sie ihr Fenster ebenfalls herunter. »So heiß war es seit Jahren nicht mehr. Ich schwitze.« Mit der freien Hand fasste sie ihre Bluse und wedelte sich Luft darunter.


Da! Jetzt hatte er ihren Busen gesehen. Unwillkürlich machte Mika den Rücken krumm und stützte sich auf das Lenkrad. Reiß dich am Riemen. Eine von der Uni will nichts von dir. Er sah die nächste Ausfahrt vor sich und fuhr vorbei. Immer schön gerade aus.


Kurz darauf warfen sie beide ihre Kippen aus dem Fenster.


Mika schwieg und auch Anika sagte eine Weile nichts. Er spürte aber, dass sie immer wieder zu ihm herüber sah.


Dann fragte sie unvermittelt: »Hast du Familie?«


»Nein.«


»Hast du eine Freundin?«


»Zurzeit nicht.« Sie durfte sich diese Fragen erlauben, weil sie eine Frau war und von ihr keine Gefahr ausging. Er sah den Autos nach, die ihn überholten.


»Mich fragst du aber nicht viel?«


Mika räusperte sich. »Ich will nicht, dass du dich bedrängt fühlst. Es ist ja nicht ungefährlich für eine junge Frau, bei einem fremden Mann mitzufahren.«


Sie lachte. »Keine Sorge. Ich habe keine Angst vor dir. Du bist okay.«


Mika konnte darin kein Kompliment erkennen. »Okay sein« klang wie »harmlos« oder »nichtssagend«. Je länger desto mehr war er frustriert.


Wieder schwiegen sie und Mika ließ sich und den Lastzug vom Verkehr treiben. 


Irgendwann fiel ihm auf, dass seit der Zigarette die Fenster offen standen. Gerade wollte er fragen, ob er sie nicht schließen sollte, da sah er, dass sie die Augen zu hatte. Ihr Kopf war zur Seite gerutscht und wackelte leicht im Rhythmus der Straße. Ihr Gesicht war wunderschön, wenn sie schlief. Doch dann wurde sein Blick magisch von ihrer Bluse angezogen. Der Fahrtwind zerrte am Stoff und gab immer wieder den Blick auf ihren Busen frei. Ihm schien, dass ein Knopf mehr offen stand als vorher. Der Wind musste ihn gelöst haben. Es war undenkbar, dass sie ihn geöffnet hatte. Er sah sich ihre Beine und ihre Füße an und spürte, dass sie ihn erregte. Immer wieder kehrte sein Blick zurück und heftete sich in den Ausschnitt ihres Hemdes.


Plötzlich schlug Anika die Augen auf. Mika zuckte zusammen. Sie lächelte ihn an. Er lächelte verkrampft zurück und sah eilends auf die Fahrbahn.


»Und?«, fragte sie mit verschlafener Stimme. »Gefallen sie dir?«


Mika lief rot an. »Was meinst du?« Es war ihm unendlich peinlich.


»Meine Brüste. Weil du sie angesehen hast.«


»Entschuldige. Tut mir leid.« Hatte sie etwa gar nicht geschlafen?


»Kein Problem.«


Mika wunderte sich, dass ihre Stimme immer noch freundlich klang.


»Was ist nun? Gefallen sie dir?«


Mika nickte und starrte geradeaus. »Ja.«


Sie zog ein Bein auf die Sitzfläche und wandte sich ihm zu. Er schaute kurz hinüber. Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn unentwegt an.


»Du machst mich nervös«, sagte er.


»Schön!«


Einmal mehr wurde es still.


Dann sagte sie: »Vielleicht war es ja Absicht?«


»Ganz bestimmt.« Mikas Stimmung war plötzlich mies.


»Warum nicht? Vielleicht wollte ich ja, dass du sie siehst?«


»Frauen machen so etwas nicht.« Mika glaubte an das, was er sagte. 

Wieder zog eine Ausfahrt an ihm vorbei, wieder eine verpasste Gelegenheit auf neue Wege.


»Wenn du meinst.« Anika holte ihren Rucksack hervor und kramte darin herum, bis sie eine Flasche Wasser fand. Sie trank etwas, legte den Rucksack zurück und behielt die Flasche in den Händen. Ihre Bluse schloss sie nicht.


Erneut stockte das Gespräch. 


Als sie sich dem Ruhrgebiet näherten, meinte Anika. »Irgendwie bist du ein bisschen seltsam.«


»Ja, kann sein.« Mika dachte, dass der Tag eine ziemlich unangenehme Wendung nahm und fühlte sich noch elender.


»Vielleicht ist es gar nicht gut, dass du so viel nachdenkst«, mutmaßte sie.


Mika zuckte die Schultern. »Es ist, wie es ist.«


»Du musst nicht ärgerlich sein. Es ist wirklich nicht schlimm, dass du mir in die Bluse geguckt hast. Männer interessiert das nun mal. Ich fände es schrecklich, wenn Männer nicht neugierig auf mich wären.«


»Es kommt immer darauf an, wer es ist.«


»Genau. Und bei dir fand ich es nicht schlimm. Im Gegenteil.«


Mika wagte es nicht, sie anzusehen. Der Lastzug rauschte an einem Autobahnkreuz vorbei und er dachte, dass Anika viel zu selbstbewusst für ihn war. Anstatt zu verlangen, dass er an der nächsten Raststätte hielt und sie aussteigen ließ, weil er sich Freiheiten genommen hatte, ließ sie sich einfach weiter von ihm fahren. Sie wusste, dass sie anziehend war, und sie wusste ebenso, dass er sie niemals berühren würde.


Am späten Nachmittag fuhren sie an Düsseldorf vorbei und näherten sich ohne nennenswerte Staus ihrem Ziel.


»Gleich kommt Köln«, sagte Mika. »Wo soll ich dich raus lassen?« Er war furchtbar enttäuscht darüber, wie belanglos die Fahrt mit ihr letztendlich geblieben war.


»Am besten gleich die nächste Raststätte. Ich lass mich abholen.«


»Von deinem Freund?« Er musste es einfach wissen.


»Ich habe keinen Freund.«


Nun wusste er es. Aber machte es einen Unterschied?


Als Mika auf die Abbiegerspur ausscherte, knöpfte sie ihr Hemd zu und schnappte sich den Rucksack. Er suchte einen Parkplatz und hielt an, ohne den Motor auszuschalten.


»Vielen Dank, dass du mich mitgenommen hast.« Sie öffnete die Tür.


»Alles klar«, erwiderte er. »Mach’s gut.«


Sie stieg aus und zog das Gepäck aus der Kabine. Noch einmal sah er ihren dunklen Schopf, als sie sich den Rucksack aufsetzte, und wurde wehmütig. 


Die Tür war schon fast zu, als sie plötzlich wieder aufschwang. Anikas Gesicht tauchte auf und sie fixierte ihn mit den Augen. »Ich sage so etwas ja normalerweise nicht, aber du bist wie dein Auto: ein echter Wuchtbrummi.«


Mika war überrascht.


»Und es war doch Absicht!« Ihre Stimme klang trotzig. »Du solltest sie sehen!« Diesmal war sie es, die errötete. »Ich finde dich nett und ich hätte es schön gefunden, wenn du mich auf irgendeinen verschlafenen Parkplatz entführt hättest.« Sie holte tief Luft. »Und damit du es ganz genau weißt: Ich hätte mich sogar von dir verführen lassen. So richtig schön in deiner großen Kabine. Und wer weiß, was sonst noch alles hätte werden können. Heute, oder vielleicht sogar auf Dauer. Schade.« Schnell schlug sie die Tür zu.


Für Sekunden saß Mika regungslos hinter dem Steuer. Dann hatte er es plötzlich eilig. Er schaltete den Motor aus und sprang aus dem Führerhaus. Sie war weg. Er lief um den Wagen herum und suchte sie, doch vergeblich. Voller Verzweiflung stampfte er mit dem Fuß auf. Er hatte eindeutig eine Ausfahrt zu viel verpasst.


Fluchend stieg er wieder ein und fuhr los. Im Rückspiegel sah er sie. Sie telefonierte. Hinter ihm fuhr der nächste LKW an. Mika konnte nicht mehr anhalten.


Er lenkte den Wagen zurück auf die Autobahn. Das Leben ist wie die Straße, dachte er, du kehrst immer wieder auf die Spur zurück.